Angst als Tugend

Im Netz kam ich auf dieses Meme:

Unabhängig vom Thema Corona finde ich den dort verkörperten Gedanken ganz interessant:

  • Angst als Tugend (bzw Glaubensbekenntnis)
  • Wer aus den richtigen Gründen mehr Angst hat ist der bessere Mensch
  • Daraus entsteht der Wunsch die Angst als so groß wie möglich darstellen zu können

Das wiederum führt dann zu

Wir hatten das schon unter anderen Gesichtspunkten, etwa als Geschäftsmodell, aber „Angst“ verdeutlicht, dass man das Problem ernst nimmt und für schwer kontrollierbar. Es sind zudem Emotionen, was einen weg von Fakten bringt und zu einem Bekenntnis zu dem Problem.

100 Gedanken zu “Angst als Tugend

  1. „Wer aus den richtigen Gründen mehr Angst hat ist der bessere Mensch“

    Da ist der Knackpunkt.

    Wer aus den falschen Gründen, wie z.B. wahllos rausgegriffen: #me2, Angst hat, ist lediglich ein Feigling.

    Man müsste also,rausschälen, was die „richtigen“ Gründe sind.

    Vermutung: Angst, welche Unschuldige schützt, ist tugendhaft.
    Zum Glück ist „Unschuld“ klar definiert und muss nicht im Einzelfall untersucht werden. Unschuldig sind Frauen, Migranten, Kinder. (Nicht immer in dieser Reihenfolge.)

    Angst von und um Menschen, in deren Macht es steht, die Situation selbst zu bessern, ist verfehlt, peinlich und feige.

  2. Gibt’s im evangelischen Gesangbuch
    Fürchte dich nicht, gefangen in deiner Angst, mit der du lebst. Fürchte dich nicht, gefangen in deiner Angst. Mit ihr lebst du.

    Angst haben: ja
    Fürchten: nein

      • Hat mich auch überrascht. Und auch, dass sich auf Wikipedia bislang als Herleitungen für den „schwarzen Mann“ nur Interpretationen finden, die ihn unter anderem als Synonym für den Tod sehen, verwundert mich. Ich habe beim Runterscrollen fest mit einer Zwischenüberschrift und einem anschließenden ellenlagen Sermon gerechnet, der der Figur unterstellt, die weißen Menschen hätten sich den „schwarzen Mann“ als Schreckgestalt nur ausgedacht, um Kindern von klein auf eine pauschale Angst vor dunkelhäutigen Menschen ins Hirn zu trichtern. Scheint also bislang noch keiner der berüchtigten Wikipediamoderatoren aus dem SJW-Lager über diesen Eintrag gestolpert zu sein; ist wohl nur ne Frage der Zeit. Gibt ja nicht gerade wenige Wikipediaseiten, die der ideologischen Bereinigung bedürfen.

      • MW bezieht sich der „Schwarze Mann“ auf Räuber und Diebe, die sich wg der besseren Tarnung früher mit Russ schwarz gefärbt hatten. Nix Rassismus.

  3. Jede Epoche hat ihre Tugenden. Und die aktuelle ist passiv-emotional zu agieren. Lippenbekenntnisse abzugeben obwohl es einem in Wirklichkeit am Allerwertesten vorbeigeht. Und im Zweifel lieber nichts tun als das Falsche…

  4. Hier hilft der absolute Klassiker von Aristoteles, seine Ethik, weiter! Der definierte „Tugend“ als die gemässigte Haltung, die einem das grösste Ansehen unter den Menschen einbringt. Und da ist die „Angst“ nur die Übertreibung in die Richtung Feigheit, wohingegen die andere Übertreibung der Übermut wäre. Die wahre Tugend hier, die goldene Mitte der Sittsamkeit (welch ein altertümliches Wort btw), wäre also der Mut! (oder Zuversicht, ginge auch)

    Ich denke nicht, dass sich das einfach so umdefinieren lässt, so dass man einfach die Angst als Tugend setzen kann. Das heisst nicht, dass Angst nicht auch positiv sein könnte, das ist durchaus der Fall! Machen wir also eine wahre Tugend draus: das wäre die Umsichtigkeit oder Vorsicht! Also wie in caveat emptor.

  5. Kann ich nur unterschreiben diesen Beitrag.

    Bei der Homo-Ideologie haben wir ein ähnliches Problem. Da wird auch Angst hysterisiert. Nach dem Motto: Jedes Fragen nach pathologischen Ursachen ist bereits „homophob“, man wolle Schwule kastrieren oder Homosexualität verbieten etc.

    Ich sage hiermit: Fürchtet Euch nicht! Homosexualität zu pathologisieren ist wissenschaftliche Pflicht. Es gibt mehr als genug Indizien.

    Wir haben jedenfalls bei allen Themen der politischen Korrektheit gravierende Angstneurosen.

    Deshalb finde ich es auch immer wieder komisch, wenn man eine politische Korrektheit kritisiert (Feminismus, Gender), aber bei anderen Korrektheiten das Muttersöhnchen gibt (Islam, Asyl, Homo-, Transideologie etc.)

      • Ich spreche lieber von atheistischem Fundamentalismus. Es gibt ja auch so etwas wie einen unschuldigen, nicht ideologischen Atheismus. Diese Leute bezeichnen sich selbst meist auch gar nicht als Atheisten, sondern gehen halt nur ihrer Wege.

        Mit „pathologisieren“ meine ich auch eher potentielles Pathologisieren. Man muß in diesem Sinne natürlich auch naturalisieren und gucken, was dafür spricht.

        Ich persönlich habe mich jetzt schon derartig intensiv mit dieser Homo-Sache auseinandergesetzt, daß für mich keine Zweifel mehr an einer Pathologie bestehen.

        Unsere Gesellschaft muß schon ziemlich bekloppt sein, wenn eine Lesbenforscherin feststellt, daß zwei Drittel ihrer untersuchten Lesben Mißbrauchserfahrungen in Kindheit und Jugend hatten, und dann so weitermacht, als wäre nichts gewesen.

        Unsere Gesellschaft hat sich fast schon darauf verschworen, die Semantik psychischer Krankheiten (bzw. der menschlichen Destruktivität) nicht verstehen zu wollen.

      • Atheismus ist die Geisteshaltung, die man einnimmt, wenn man die Belege für religiöse Behauptungen und der Existenz Gottes geprüft hat.

        • …und festgestellt hat, dass diese einer wissenschaftlichen Betrachtung nicht zugänglich sind und deswegen daran glaubt, das müsse alles quatsch sein.

          • „Das glaubst du.

            Denn (wissenschaftlich) beweisen kannst du es nicht.“

            Trotzdem ist es irrational daran zu glauben, denn sonst müsste man an alles mögliche, sich gegenseitig ausschließende, glauben, da keine der betreffenden Möglichkeiten wahrscheinlicher ist. Und an sich ausschließende Möglichkeiten zu glauben und Vernunft schließen sich auch gegenseitig aus.

          • Es gibt keinen Beweis,dass Gottheiten existieren, aber auch keinen dass Beweis dass keine existieren.

            Es ist aber einfach zu beweisen, dass von den geschätzt 4.000 Religionen der Erde mindestens 3.999 falsch sein müssen, und höchstens 1 wahr sein kann, und vielleicht sind alle unwahr. Denn sie schließen sich alle gegenseitig aus, und jede Religion bezeichnet alle anderen als Irrlehren. Und selbst wenn es eine Religion geben sollte, die Recht hat, weiß immer noch niemand welche von den 4.000 das ist.

            Das heißt nicht dass es nicht irgendein Mega-Wesen gibt, das die Welt erschaffen hat, oder sowas. Aber wenn ja ist es unwahrscheinlich, dass irgendeine irdische Religion dieses Wesen anbetet, sondern die meisten beten irgendwas von Menschen Erfundenes an.

          • Klar, niemand kann beweisen, dass Gott nicht existiert. Bertrand Russell hat dazu gesagt: Wenn ich behaupte, dass sich eine Teekanne im Umlauf um den Planeten Jupiter befindet, kann auch niemand das Gegenteil beweisen.

          • Ach, ihr Wissenschaftler, die ihr aus eurem Denken nicht raus kommt…

            Die Überzeugung, dass es keinen Gott gibt und dass Religiösität falsch ist, ist ein Glaube.
            „Religion ist doof“ ist selbst ein religiöser Satz.

            „Wovon man nicht reden kann, davon muss man schweigen“ müsste euer Wahlspruch sein.

          • Wann immer die Frage der Existenz Gottes aufkommt, weiß man dass man getrost weiterscrollen kann. Da kommt dann i.d.R. außer Kindergarten nichts mehr.

            Ob tatsächlich irgend jemand ernsthaft glaubt ( 😉 ), die Fragen rund um Religion ließen ausgerechnet an diesem Punkt klären?

          • @anorak2:

            »Es ist aber einfach zu beweisen, dass von den geschätzt 4.000 Religionen der Erde mindestens 3.999 falsch sein müssen, und höchstens 1 wahr sein kann, und vielleicht sind alle unwahr. Denn sie schließen sich alle gegenseitig aus, und jede Religion bezeichnet alle anderen als Irrlehren.«

            Stimmt nur leider nicht. Bestes Gegenbeispiel ist die interpretatio romana, die im antiken Mittelmeerraum übliche Identifikation von Gottheiten anderer Kulturen mit den eigenen. Auf diese Weise konnten viele Religionen friedlich miteinander koexistieren, weil sie einander an ihren Ähnlichkeiten gemessen haben anstatt an ihren Unterschieden. Erst die vorderasiatischen Erlösungsreligionen (Judentum, Christentum, Gnosis, Islam) haben die mosaische Unterscheidung von »wahrer« und »falscher« Religion in Richtung auf gegenseitige Ausschließung hin zugespitzt. Das Christentum wurde im Römischen Reich nicht verfolgt, weil die römische Religion intolerant gewesen wäre, sondern weil das Christentum intolerant genug war, um die römische Minimalforderung nach Teilnahme am Kaiserkult zu verweigern, der so eine Art Verpflichtung auf die römische Zivilgesellschaft gewesen ist.

          • @Adrian:

            Der Uranus wurde erst am 13. März 1781 durch Wilhelm Herschel einer wissenschaftlichen Betrachtung zugänglich. Hat er vorher nicht existiert?

          • @djadomoros Ist das nicht Trickserei? EInfach alles nur als „andere Intepretationen“ zu definieren? Das scheitert in der Praxis, wenn man nicht alle Augen fest zudrückt. Hinduismus und Christentum dürften schwerlich nur als verschiedene Versionen der gleichen Grundidee interpretierbar sein, und wenn du dann noch irgendwelche Amazonas-Urwald-Religionen dazunimmst ist es ganz aus.

          • @anorak2:

            Was ist daran »Trickserei«, wenn es in der damaligen Realität leidlich gut funktioniert hat? Es ist ja nicht meine Interpretation, sondern es war die der damaligen Menschen. Tendenziell sind alle Religionen in dieser Weise vergleichbar, die ihren Gottheiten Zuständigkeiten für menschliche Lebensbereiche zuweisen, von daher wäre die antike Welt sicher auch mit hinduistischen Gottheiten zurechtgekommen.

            Gleichsetzungen zwischen polytheistischen und monotheistischen Religionen funktionieren natürlich nicht mehr, eben darum stellte das Auftreten Letzterer auch einen Bruch und eine Innovation in der Religionsgeschichte dar.

            Der Althistoriker Peter Brown hat dazu mal das instruktive Beispiel einer antiken Ehescheidung gebracht:

            »Aurelius Theodor, ein Bäcker, und Aurelia Amasia, Kaufmannstochter, beide aus Antinopolis, geben zu Protokoll: ›Wir waren einander bis dato in ehelicher Lebensgemeinschaft verbunden, mit schönen Hoffnungen und in der Erwartung legitimer Kinder; und wir gedachten, miteinander ein friedliches und geziemendes Eheleben zu führen, solange unser gemeinsames Leben währen würde; doch im Gegenteil hat uns ein böser und verruchter Dämon zugesetzt, der uns unverhofft von wer weiß wo überfiel, mit der Absicht, und voneinander zu trennen.‹ Wonach sie auf vertragliche Einzelheiten zu sprechen kommen, auf alle etwaigen Ansprüche gegeneinander verzichten und insbesondere festlegen, daß jede Seite eine neue Vermählung eingehen darf.« (Brown, Die letzten Heiden, S. 40 f.)

            Die antike Auffassung ist pragmatisch und tolerant, die zum Scheitern der Ehe führenden Kräfte werden als schlechte externe Einflüsse betrachtet, für die die Eheleute nichts können – die Welt ist nun mal ein Ort, an dem magische und dämonische Kräfte wirken, die hat man nicht immer im Griff.

            Demgegenüber betrachtet das Christentum die Ehe als unauflöslich und weist den Eheleuten die moralische Verantwortung für das Gelingen einer guten Ehe zu, weil es den Mensch ganz anders als die antike Welt als einheitliches moralisches Subjekt betrachtet, das sich in allen Aspekten seines Denkens und Handelns vor Gott verantworten muss (aus demselben Grund ist die christliche Ehe im Prinzip aber auch eine Konsensehe, die der Einwilligung beider Partner, auch der Frau, bedarf).

          • @djadomoros
            „Was ist daran »Trickserei«, wenn es in der damaligen Realität leidlich gut funktioniert hat?“

            Das war ein kulturelles Arrangement, aber keine Prüfung auf inhaltliche Widersprüche. Das Arrangement dürfte u.a. darauf beruht haben, dass man diese Prüfung gerade vermied, und das ist dann schon ein Trick. Daraus dass es so ein Arrangement gab, kann man also nicht schließen, dass alle Religionen miteinander inhaltlich kompatibel seien.

            Für mein Argument war aber rein die inhaltliche Widersprüchlichkeit relevant.

            „Tendenziell sind alle Religionen in dieser Weise vergleichbar, die ihren Gottheiten Zuständigkeiten für menschliche Lebensbereiche zuweisen“

            Nur wenn man sehr sehr unscharf guckt.

            „Gleichsetzungen zwischen polytheistischen und monotheistischen Religionen funktionieren natürlich nicht mehr“

            Religionen ohne jegliche Gottheiten nicht zu vergessen.

          • anorak2:
            „Es ist aber einfach zu beweisen, dass von den geschätzt 4.000 Religionen der Erde mindestens 3.999 falsch sein müssen, und höchstens 1 wahr sein kann, und vielleicht sind alle unwahr. Denn sie schließen sich alle gegenseitig aus, und jede Religion bezeichnet alle anderen als Irrlehren.“

            Der christliche Gott, Allah, Odin, Jupiter, Zeus, irgendwelche Naturgeister sind wunderbar vereinbar mit dem Buddhismus, sie alle gab und gibt es tatsächlich. Und auch du Anorak2, kannst zum Gott werden, genügend gutes Karma vorausgesetzt.

          • „Und auch du Anorak2, kannst zum Gott werden, genügend gutes Karma vorausgesetzt.“

            Wozu, an mich würde sowieso keiner glauben. Jahwe und Allah sahnen den ganzen Ruhm ab, und mir wird vielleicht mal ein alter Teddybär geopfert oder so.

          • @djadmoros
            „Der Uranus wurde erst am 13. März 1781 durch Wilhelm Herschel einer wissenschaftlichen Betrachtung zugänglich. Hat er vorher nicht existiert?“

            Doch. Aber der Uranus war eben auch vor seiner Entdeckung der wissenschaftlichen Betrachtung zugänglich.

            Das Postulat war, dass sich Religion und Gott per defintion außerhalb der wissenschaftlichn wissenschaftlichen Betrachtungsweise befinden. Das ist die übliche Scharlatanerie der Religiösen, die angewandt wird, wenn man sie darauf aufmerksam macht, dass es keinerlei Belege für ihren Gott gibt.

          • Ich könnte nämlich genau so gut behaupten, es existiere ein weltumspannendes Patriarchat, dass es sich zur Aufgabe gemacht habe, Frauen zu unterdrücken. Und alle Männer machen da mit – explizit oder implizit. Und wenn ihr mich nach beweisen fragt, sage ich, „Ha, seid Ihr doof, dieses Postulat ist einer wissenschaftlichen Betrachtunsgweise nicht zugänglich!“ Schachmatt!

          • @Adrian:

            »Das Postulat war, dass sich Religion und Gott per defintion außerhalb der wissenschaftlichen Betrachtungsweise befinden. Das ist die übliche Scharlatanerie der Religiösen, die angewandt wird, wenn man sie darauf aufmerksam macht, dass es keinerlei Belege für ihren Gott gibt.«

            Der Denkfehler besteht darin, dass Religion überhaupt nicht die Aufgabe hat, wahr zu sein. Und die Ironie besteht darin, dass dieser Umstand gleich zwei Gruppen auf die Füße fällt: den fanatischen Gläubigen ebenso wie den überzeugten Religionsverächtern.

            Religion ist eine kulturelle Erfindung für den Umgang mit Kontingenz, dem Einbruch des Unerwarteten in etablierte Lebensroutinen, dazu gehört die unvermeidliche Tatsache des schließlichen Todes. Religion soll das Individuum gegen die Erfahrung von Unsicherheit absichern, um auch in Situationen, die vieles oder alles in Frage stellen, was man zu wissen glaubt, einen Kern von subjektiver Handlungsfähigkeit zu erhalten. Ohne Religion wären die Puritaner nach dem ersten Winter in Massachusetts wieder nach England zurückgekehrt (das wäre für die Indianer vielleicht besser gewesen).

            Das heißt: religiöse Sturheit und Ignoranz den Tatsachen gegenüber kann zum Scheitern an der Realität führen, aber auch dazu verhelfen, von widrigen und bedrohlichen Umständen in ein lokales Optimum (Plymouth Colony) oder von einem lokalen in ein globales Optimum (von den den Fleischtöpfen Ägyptens ins gelobte Land) zu kommen.

            »Religion« ist so gesehen alles, was es mir ermöglicht, eine innere Gelassenheit und Resilienz gegenüber Schicksalsschlägen und »Bedrückungen« zu bewahren. Manche Menschen benötigen dazu eine Gottesvorstellung, andere Menschen nicht.

            Wiederum andere benötigen den Glauben an die Heilige Alice, ob nun Schwarzer oder Miller mit Nachnamen.

          • @djadmoros:

            Das klingt doch wesentlich vernünftiger als „Angst ist ein sehr wirkmächtiger Faktor von Religion“ (und historisch sogar bestimmend)! Man könnte sogar meinen es wäre fast das Gegenteil davon.
            Oder seit wann sind Angst-regime dafür bekannt den Menschen innere Gelassenheit, resilienz ggü. widrigen Umständen, handlungsfähigkeit in unwägbaren Situationen usw. zu ermöglichen? 😉

          • „Der Denkfehler besteht darin, dass Religion überhaupt nicht die Aufgabe hat, wahr zu sein.“

            Sehr schön. Dann sollen Religiöse aber bitte aufhören, damit Politik zu machen.

          • @ djadmorios:
            »Religion« ist so gesehen alles, was es mir ermöglicht, eine innere Gelassenheit und Resilienz gegenüber Schicksalsschlägen und »Bedrückungen« zu bewahren. Manche Menschen benötigen dazu eine Gottesvorstellung, andere Menschen nicht.
            ..Wiederum andere benötigen den Glauben an die Heilige Alice, ob nun Schwarzer oder Miller mit Nachnamen.“

            ..schön „auf den Punkt gebracht – und köstlich ausgedrückt!

          • @djadomoros [Reihenfolge umeditiert]

            „Religion ist eine kulturelle Erfindung für den Umgang mit Kontingenz, dem Einbruch des Unerwarteten in etablierte Lebensroutinen, dazu gehört die unvermeidliche Tatsache des schließlichen Todes. Religion soll das Individuum gegen die Erfahrung von Unsicherheit absichern, um auch in Situationen, die vieles oder alles in Frage stellen, was man zu wissen glaubt, einen Kern von subjektiver Handlungsfähigkeit zu erhalten.“

            Ich stimme der Definition nicht zu, weil sie unvollständig ist.

            Ja, Religion ist der Versuch einer Sinnstiftung und Hilfestellung, sie erklärt den Sinn des Lebens, gibt Trost und stellt Aufgaben, und/oder erklärt den Ursprung der Welt.

            Dazu kommt aber als zweite konstituierende Komponente der Glaube an übernatürliche Phänomene (typischwereise Gottheiten, Engel, Fabelwesen, Leben nach dem Tod, Wiedergeburt uam).

            Eine der beiden Komponenten für sich genommen ist nicht Religion:

            – Ein Gedankengebäude, das den Sinn des Lebens oder des Universums erklärt, oder Handlungsmaximen gibt, ohne dabei auf Übernatürliches zurückzugreifen, ist keine Religion. ZB sind Utilitarismus oder Existenzialismus keine Religionen. Das nennt man Philosophie.

            – Der Glaube an Übernatürliches, der nicht Bestandteil eines sinnstiftenden Überbaus ist, ist auch nicht Religion. ZB der Glaube an Poltergeister oder an den Osterhasen sind nicht Religion. Sowas nennt man Aberglauben.

            „Der Denkfehler besteht darin, dass Religion überhaupt nicht die Aufgabe hat, wahr zu sein.“

            Sie hat den Anspruch, wahr zu sein. Das ist vielleicht nicht ihre „Aufgabe“, aber eine Vorbedingung und ein Werbeclaim. Das ist halt das Problem. Das mit dem Sinngeben und so ist ja ganz schön, aber wenn die moralische Autorität auf einer fragwürdigen Prämisse aufbaut ist sie genauso fragwürdig.

            „Wiederum andere benötigen den Glauben an die Heilige Alice, ob nun Schwarzer oder Miller mit Nachnamen.“

            Diese sind (ebenso wie unser Lieblingskind der Klimawandelismus) nach der strikten Bedeutung des Wortes keine Religionen. Sie erfüllen nur für manche die gleiche psychologische und gesellschaftliche Funktion, wie es sonst Religionen tun, und enthalten irrationale Elemente, wie es weltliche Philosophien nicht tun. Deswegen werden sie polemisch als Ersatzreligionen bezeichnet.

          • „Deswegen werden sie polemisch als Ersatzreligionen bezeichnet.“

            Was übrigens nie positiv gemeint ist.

          • @anorak2:

            Irgendjemand hat mal gesagt: »Über Definitionen soll man nicht streiten, man soll sie kennen.« Wir sind uns einerseits einig, dass es eine allgemeine Funktion der Religion gibt, die auch von Weltanschauungen erfüllt wird, die keinen transzendenten Bezug aufweisen, andererseits uneinig, ob der transzendente Bezug für einen strikten Begriff der Religion konstitutiv ist.

            Wir haben also (nach meiner Definition) transzendente und immanente Religionen beziehungsweise (nach Deiner Definition) durch transzendenten Bezug gekennzeichnete Religionen und durch immanenten Bezug charakterisierte Philosophien. Für Deine Position kann man durchaus anführen, dass der Schritt von der magischen zur ethischen Religion/Weltanschauung in der Antike parallel einerseits vom Christentum, andererseits von der griechisch-römischen Philosophie (Stoa, Epikureismus, Neuplatonismus etc.) vollzogen wurde.

            Ich möchte nur zu bedenken geben, dass die Idee der Seelenwanderung auch in der antiken Philosophie eine Rolle spielt, so bei Platon selbst, bei den Pythagoräern und im Neuplatonismus, Richtungen, die üblicherweise nicht unter »Religion« verbucht werden. Hier enthält also auch Philosophie transzendente Elemente.

          • @pingpong:

            »Oder seit wann sind Angst-regime dafür bekannt den Menschen innere Gelassenheit, resilienz ggü. widrigen Umständen, handlungsfähigkeit in unwägbaren Situationen usw. zu ermöglichen?«

            Es gibt eine Affinität von Religion und Psychotherapie, die darin begründet ist, dass beide auf die inneren seelischen Kräfte des Menschen Bezug nehmen, insbesondere auf das Unterbewusste. Je nach den historischen Umständen, in denen sich bestimmte Religionen entwickeln und entfalten, kann der Umgang mit diesen Kräften einen geringeren oder höheren Grad an Neurotizität aufweisen, und nicht alle sind im Sinne einer seelischen Balance »produktiv«. Ich glaube, dass der strenggläubige Protestantismus ein solches neurotisches Potential mit sich führt, muss ich nicht gesondert begründen.

            Ganz offensichtlich wird das aber in Extremfällen wie der aztekischen Menschenopfer-Religion, die ganz massiv auf Ängsten und unproduktiven psychischen Verarbeitungsprozessen beruhte. Während am anderen Ende der Skala Religionen wie das (ursprüngliche) Yoga und der Buddhismus stehen dürften.

          • @djadmoros
            In deiner Begriffswelt sind dann Philosophie und Religion das Gleiche. Da geh ich nicht mit 🙂 Der entscheidende Punkt, warum Religion kritischer gesehen wird, ist das irrationale Element und der damit begründete Anspruch auf moralische Autorität, der nicht zur DIskussion steht.

          • @anorak2:

            Ist Seelenwanderung im Platonismus für Dich ein rationales oder ein irrationales Element?

            Dass Philosophie auf dem Argument beruht, Offenbarungsreligion dagegen auf dem sacrificium intellectus, finde ich als Kriterium schon eher einleuchtend.

          • @dja „Ist Seelenwanderung im Platonismus für Dich ein rationales oder ein irrationales Element?“

            Irrational, aber mein Kriterium war nicht das sondern Glaube an Übernatürliches. Das trifft auch zu, vielleicht sollte man es dann eher Religion nennen und die Einordnung als Philosophie ist falsch.

            Ein anderer Grenzfall ist der Buddhismus. Mit westlichen Maßstäben ist das fast eine Philosophie, aber man ordnet ihn als Religion ein weil der Glaube an Wiedergeburt wichtiger Bestandteil ist. Vielleicht ist dein Platonismus damit vergleichbar, ich weiß darüber nichts und kann es daher nicht beurteilen.

            „Dass Philosophie auf dem Argument beruht, Offenbarungsreligion dagegen auf dem sacrificium intellectus, finde ich als Kriterium schon eher einleuchtend.“

            Wie gesagt ist das Kriterium Übernatürliches, nicht Irrationalität.

          • „Grenzfall ist der Buddhismus“

            Statt von Religionen kann man bei sog. „fernöstlichen“ Glaubenspraktiken eher von Psychotechniken reden, die allerhand Erstaunliches produzieren, wie Fakire, Gurus und Religionsstifter. Suggestion und die Nutzbarmachung aller „Schwächen der menschlichen Natur“ lassen die Religion als manipulativen Bevormundungssystem erscheinen, wie zB und nicht nur Marx aufgestossen ist. Und hierin sind sich alle irrationalen Systeme einig: man ist sich unbedingt selbst der Nächste.

            & so ganz generell: Hab den Strang gern gelesen, interessante Disskussion. Schwarzer — Miller — lol

      • @Gender… kommt
        die daß für mich keine Zweifel mehr an einer Pathologie bestehen

        Hast du das eigentlich mal irgendwo näher ausgeführt. Hab nicht hier nicht immer konsequent mitgelesen.

        1. Der Begriff Pathologie schließt nach meinem Verständnis eine genetische Veranlagung nicht aus

        2. bedeutet eine Korrelation noch keinen Kausalzusammenhang. Wenn man Missbrauchsgeschichten findet, müssen sie nicht ursächlich sein. Vielleicht gibt es eine gemeinsame Ursache, z.B. eine genetische.

        3. Ein einziger Fall eines Schwulen (oder einer Lesbe?) könnte deine These widerlegen – wenn nämlich eine Missbrauchsgeschichte nicht vorliegt.

  6. Und nun die Preisfrage: welche kulturelle Erfindung der Menschheit bedient sich obzwar nicht jederzeit, aber doch häufig, der menschlichen Ängste? Die Religion. Das bekannteste Beispiel dürfte die Prädestinationslehre der früher so genannten »protestantischen Sekten« sein (heute spricht man neutraler von Freikirchen), die auf Grundlage der Johannes-Apokalypse gelehrt hatte, dass beim endzeitlichen Gottesgericht nur 144.000 Auserwählte in den Himmel kommen (die Zeugen Jehovas glauben das in einem strikten Sinne immer noch).

    Eine der bekanntesten soziologischen Studien überhaupt, Max Webers »Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus«, hat darin einen kulturellen Ursprung der bürgerlich-kapitalistischen Arbeitsethik gesehen, denn wenn man (einigen frühneuzeitlichen Predigern zufolge) auch nicht wissen könne, ob man zu den Auserwählten gehört, so gebe Gott ihnen doch ein Zeichen in Gestalt ihres gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Erfolgs.

    »Angst als Tugend« im Sinne des vom Blogpost gemeinten Gegenwartsbezugs ist somit ein Indikator dafür, dass wir erneut in ein Zeitalter der politischen Religion eingetreten sind, welche das Produkt einer Kultur ist, die an ihrer eigenen Unfähigkeit zu einer konstruktiven Gesellschaftskritik verzweifelt. »Corona« ist davon nur der jüngste und bislang konsequenteste Ausdruck.

    • …äh… Hast du grad geschrieben, dass die Grundlage/Voraussetzung der protestantischen (Arbeits-)Ethik die Überzeugung ist, dass nur 144.000 in den Himmel kommen?

      Und ist nicht der Umstand, dass Angst ein wirksamer Motivator ist (neben der Existenz eines Ziels), etwas ganz anderes als die Behauptung, dass Angst allein bereits den Menschen moralisch Gut macht?

      • @zehnter_ochse:

        »Hast du grad geschrieben, dass die Grundlage/Voraussetzung der protestantischen (Arbeits-)Ethik die Überzeugung ist, dass nur 144.000 in den Himmel kommen?«

        Das ist natürlich eine sehr verkürzte Darstellung, in einem Blogkommentar kaum anders zu machen. Weber fragt nach den »religiösen Grundlagen der innerweltlichen Askese«, die er wiederum als Grundlage der Arbeitsethik betrachtet. Innerweltliche Askese meint: Entsagung innerhalb der Welt, und nicht mit einem Bein außerhalb der Welt wie bei den Mönchen oder mit beiden Beinen wie bei den Einsiedlern, und das heißt: innerhalb des Berufslebens. Genuss ist Sünde, nur Arbeit ist gottgefällig, und auch die Früchte der eigenen Arbeit dürfen nicht genossen werden, sie werden möglichst reinvestiert, zunächst ins Seelenheil, sodann aber in ertragreiche Unternehmungen.

        Dazu zwei Zitate, die das Argument leider auch nur anreißen:

        »Der Calvinismus fügte aber im Verlauf seiner Entwicklung etwas Positives: den Gedanken der Notwendigkeit der Bewährung des Glaubens im weltlichen Berufsleben hinzu. Er gab damit breiteren Schichten der religiös orientierten Naturen den positiven Antrieb zur Askese, und mit der Verankerung seiner Ethik an der Prädestinationslehre trat so an die Stelle der geistlichen Aristokratie der Mönche außer und über der Welt die geistliche Aristokratie der durch Gott von Ewigkeit her prädestinierten Heiligen in der Welt, eine Aristokratie, die mit ihrem character indelebilis von der übrigen von Ewigkeit her verworfenen Menschheit durch eine prinzipiell unüberbrückbare und in ihrer Unsichtbarkeit unheimlichere Kluft getrennt war, als der äußerlich von der Welt abgeschnittene Mönch des Mittelalters, – eine Kluft, die in harter Schärfe in alle sozialen Empfindungen einschnitt. Denn diesem Gottesgnadentum der Erwählten und deshalb Heiligen war angesichts der Sünde des Nächsten nicht nachsichtige Hilfsbereitschaft im Bewußtsein der eigenen Schwäche, sondern Haß und die Verachtung gegen ihn als einen Feind Gottes, der das Zeichen ewiger Verwerfung an sich trägt, adäquat.«

        »Das sittlich wirklich Verwerfliche ist nämlich das Ausruhen auf dem Besitz, der Genuß seines Reichtums mit seiner Konsequenz von Müßiggang und Fleischeslust, vor allem von Ablenkung von dem Streben nach ›heiligem‹ Leben. Und nur weil der Besitz die Gefahr dieses Ausruhens mit sich bringt, ist er bedenklich. Denn die ›ewige Ruhe der Heiligen‹ liegt im Jenseits, auf Erden aber muß auch der Mensch, um seines Gnadenstands sicher zu werden, ›wirken die Werke dessen, der ihn gesandt hat, solange es Tag ist‹. Nicht Muße und Genuß, sondern nur Handeln dient nach dem unzweideutig geoffenbarten Willen Gottes zur Mehrung seines Ruhms. Zeitvergeudung ist also die erste und prinzipiell schwerste aller Sünden. Die Zeitspanne des Lebens ist unendlich kurz und kostbar, um die eigene Berufung ›festzumachen‹. Zeitvergeudung durch Geselligkeit, ›faules Gerede‹, Luxus, selbst durch mehr als der Gesundheit nötigen Schlaf – 6 bis höchstens 8 Stunden – ist sittlich absolut verwerflich.«

        (Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I, Mohr(Siebeck)/UTB 1988, S. 120 und 166 f.)

        »Und ist nicht der Umstand, dass Angst ein wirksamer Motivator ist (neben der Existenz eines Ziels), etwas ganz anderes als die Behauptung, dass Angst allein bereits den Menschen moralisch Gut macht?«

        Angst, als Gottesfurcht verstanden, ist geradezu ein Synonym für moralische Güte. Und der Motivationscharakter der Angst wirkt hier nicht auf der Ebene des Bewußtseins, sondern im Unterbewußten, und wird als »Haß und die Verachtung gegen [den Sünder] als einen Feind Gottes« rationalisiert.

    • @djad
      „welche kulturelle Erfindung der Menschheit bedient sich obzwar nicht jederzeit, aber doch häufig, der menschlichen Ängste? Die Religion.“

      Wenn man fair ist, dann muss man schon anerkennen, dass Religion eigentlich die Überwindung dieser Ängste erreichen wollte. Man wollte für alles mögliche die letztliche Erklärung liefern, vor allem wenn es um den Tod ging, was die Ägypter ja am eindringlichsten und nachhaltigsten unter Beweis gestellt haben!

      Natürlich lässt sich das auch immer missbrauchen, Stichwort „Opion fürs Volk“, aber das ist wohl nicht die einzige Perspektive, die alles nur als eine Frage der Macht sieht oder sehen kann (wie dies Kommunisten, Links-progressive und natürlich Faschisten regelmässig tun).

      • „Man wollte für alles mögliche die letztliche Erklärung liefern, vor allem wenn es um den Tod ging, was die Ägypter ja am eindringlichsten und nachhaltigsten unter Beweis gestellt haben!“

        Also ich werfe hier mal die Wikinger als meine persönlichen Sieger in dieser Disziplin in den Raum. Deren Erweiterungen germanischen Götterglaubens führten dazu, dass man den Tod nicht mehr nur nicht fürchtete, sondern sogar einen frühen, gewaltsamen Tod im Kampf als segensreich erachtete, weil nur dieser einem das Privileg einbrachte, von den Walküren direkt vom Schlachtfeld nach Walhalla gebracht zu werden. Zu welcher Todessehnsucht und Bereitschaft, sich umbringen zu lassen, das führen kann, das zeigen islamistische Selbstmordattentäter, die sogar bereit sind, sich selbst umzubringen (was zumindest bei den Wikingern noch ein Ausschluss aus allen Kriegerwürden gewesen wäre) um als Märtyrer ins Paradies aufzufahren und dort mit Dutzenden Jungfrauen versorgt zu werden.

        Man muss sich daran immer vergegenwärtigen, zu was für vollkommen durchgeschallertem Fanatismus man Menschen verleiten kann, wenn man sie nur ausreichend ideologisiert; und das klappt nicht nur mit klassischen theistischen Religionen, wie einem die Gegenwart aufzeigt.

        • „Also ich werfe hier mal die Wikinger als meine persönlichen Sieger in dieser Disziplin in den Raum.“

          Okay, aber was sind schon die Pyramiden gegen das Unvermögen der Wikinger nicht mal Grönland halten zu können und sich ein wenig anzupassen?! (vgl Jared Diamonds phänomenales Buch über den Untergang verschiedener Kulturen, „Kollaps“)

          Da nehm ich lieber das Original und nicht die groteske Kopie Walhalla …. 😉

          Jetzt ernsthaft: das ist eine absolut folgenreiche und extrem wichtige Erfindung der Ägypter, die Idee mit dem Jenseits, die unsere christliche ist einfach nur davon abgekupfert….

          • Ich weiß nicht, ob man jenseitiges Leben als Erfindung der Ägypter sehen kann. In der Frühgeschichte gab es auf der ganzen Welt unzählige kulturelle Vorstellungen von einem Leben nach dem Tod. Völlig unabhängig voneinander entstanden. Die Ägypter waren dabei wohl nur die ersten, die dieses jenseitige Leben derart klar ausstaffierten und ihm schon im Leben gezielt entgegenarbeiteten.

            Die Griechen als die früheste Hochkultur Europas glaubten auch an ein Leben nach dem Tod, ihre Vorstellungen blieben hingegen eher nebulös und wankelmütig. Es gab den Hades und das Elysium, aber es ist meines Wissens schwer, herauszubasteln, wie ihre konkrete Vorstellung davon und die jeweilige Funktion aussahen. Es hatte sich wohl über die Generationen ständig auch gewandelt.

            Die Germanen und anschließend die Wikinger glaubten – wie aus ihren Vorstellungen mit den Hallen Walhallas abzuleiten – ebenfalls an ein jenseitiges Leben. Für sie gab es dann noch als Totenreich die Welt Hel (oder Helheim), welche aber, trotz der offensichtlichen Namensnähe zu Hell und Hölle, nicht mit deren Konzepten gleichzusetzen sein sollte. Hel war halt der Ort, an den jeder kam, der „unehrenhaft“ gestorben war, was konkret hieß: jeder der nicht im Kampf sein Leben verlor. Später manifestierte sich aus diesem Ort dann noch die gleichnamige Göttin Hel, die oft beschrieben wurde als auf einer Körperhälfte normal, auf der anderen verrottet. Diese Darstellung soll wohl auch eine Art Visualisierung dessen gewesen sein, wie sie den zu ihr kommenden Seelen begegnete, je nachdem, wieviel Gewicht diese mit sich trugen. Entweder gnädig oder strafend. Hier kam also scheinbar auch bei den Wikingern das auch schon bei älteren Kulturen zu findende Konzept von postmortaler Strafe für ein sündiges Leben ins Spiel, welches auch die Ägypter kannten, nach deren Ansicht die Herzen der Verstorbenen gewogen und bei zu großer Sündenlast an die „große Fresserin“ verfüttert wurden.

            Was ich sagen will: man kann hier glaube ich nicht sagen, dass da irgendeine Kultur als Erfinder von irgendwas herbeigezogen werden kann. Die Vorstellungen von jenseitigem Leben gab es rund um den Globus bei nahezu allen Kulturen in unterschiedlicher Form, völlig unabhängig voneinander. Das einzige was sie verbinden könnte, wäre vielleicht ihre Abstammung und Fortführung eines möglichen „Urtotenkultes“ früher Urmenschen, die diesen im Zuge der Expansion des Menschen über den ganzen Planeten verbreiteten, wobei er dann kulturell unterschiedlichste Ausgestaltungen bekam.

          • Supergute Ausführung deinerseits, @Billy. Aber es ist Fakt: die Ägypter waren es! Die haben das mit dem Jenseits erfunden, mit dem Gründungsmythos Isis und Osiris, der natürlich auch eine Handelsanleitung (für die Einbalsamierung) war. Alle anderen Vorstellungen weltweit leiten sich davon ab, die der Griechen und unser „montheistischen“ Religionen.

            Oder hast du Infos zur Situation bei den ältesten Kulturen Mesopotamiens oder besser noch des Industals? Ich denke, da ist nichts …. wie auch bei den „Steinzeitmenschen“ nichts von alledem wahrzunehmen ist. War denen die Betrachtung über den Tod keine Höhlenmalerei wert?!

            Die indische Idee von dem Nirwana durch Aufstieg durch beständige Läuterung, wobei die Sünder in der Sansara bleiben müssen, scheint mir auch nur eine Kopie der Ägypter zu sein, entweder man geht in die Unsterblichkeit ein und wird in den Sternenhimmel versetzt oder man landet im (weltlichen) Nichts des nimmersatten Krokodils.

          • @Alex:

            Die Ägypter hatten im Vergleich zu anderen Zivilisationen drei relativ ungestörte Jahrtausende Zeit, um ihre Religion zu elaborieren, und der »monumentale Stil« der ägyptischen Architektur (»Stein und Zeit«) wurde ganz wesentlich für die Errichtung von Sakralbauten gepflegt. Deswegen haben sie aber Jenseitsvorstellungen noch lange nicht als erste erfunden.

          • @Alex:

            »Oder hast du Infos zur Situation bei den ältesten Kulturen Mesopotamiens oder besser noch des Industals? Ich denke, da ist nichts …«

            Du willst uns jetzt im Ernst erzählen, dass Du nicht in der Lage bist, nach der sumerischen Religion zu googlen? Bei der Induskultur ist es aufgrund Mangels an schriftlichen Quellen schwieriger, aber das mesopotamische Pantheon ist so alt wie das ägyptische.

          • @Djad
            Bei den Mesopotamiern ist keine elaborierte Jenseitsverstellung vorhanden. Nur ein Pantheon von Göttheiten, die eine Geschichte erzählen, die allerdings viel reichhaltiger und hintersinniger ist als der griechische Götterkosmos ….

            DIe Jenseitsvorstellungen sind ja immer (und notwendigerweise) engstens mit der Bestattung der Toten verbunden, hiervon gibt es überhaupt Berichtenwertes von den Mesopotamiern? Müssen ja nicht Pyramiden sein, die bei denen ohnehin wohl nur sakralen Charakter, als Anbetungsplatz der Götterwelt hatten ….

            Die Wiederauferstehung ist hier ein Wiedergeburt eines Gottes, nicht eines Individuums! Das ist eigentlich auch beim Christentum so. Unübersehbar ist ja, dass der zentrale Protagonist eine göttliche Dreifaltigkeit ist, also kein unmittelbares Beispiel abgibt für die praktische Auferstehung — wie Osiris das in der ägyptischen Tradition exemplarisch vormacht.

            Erst die Moderne mit ihrer Ägyptomanie hat die Jenseitsvorstellungen des Himmels und die Idee des Jüngsten Gerichts so richtig miteinander verknüpft. Zur Zeit als die Obelisken in Rom stolz aufgestellt wurden (btw was für eine kulturelle Aneignung war das eigentlich!), da baute man dann gleich von den Särgen an der Kircheninnenwand eine Treppe zur Predigtkanzel. Alles inspiriert von den Ägyptern!

            Interessant ist auch, was die Juden zum Jenseits denken, denn mit den Ägyptern sollten sie es ja nicht so haben! Der Islam ist da dem Christentum ähnlich, man stellt sich vage einen „Himmel“ vor. Als eine Art Wartesaal für das letzte Gericht. Ja – und das – ist keine Erfindung der Ägypter, sondern eine aller monotheistischen Religionen. Insoweit kann man sagen, dass ägyptische Vorlagen in den Jenseitsvorstellungen fortentwickelt wurden. Am lebhaftesten natürlich vor noch nicht allzulanger Zeit, als Schüler wie James Joyce noch mit der Aussicht auf ewige Verdammnis terrorisiert wurden.

          • @Alex:

            »Bei den Mesopotamiern ist keine elaborierte Jenseitsverstellung vorhanden.«

            Ich will Dir ja nicht zu nahe treten, aber mach bitte Deine Hausaufgaben.

            »Alles inspiriert von den Ägyptern!«

            Ägypten war anders als Mesopotamien Teil der mediterranen Oikumene und später auch für mehrere Jahrhunderte römische Provinz (Mesopotamien nur ein Jahr lang, Trajan hatte es 116 n. Chr. erobert, nach seinem Tod ein Jahr später gab sein Nachfolger Hadrian die Eroberung wieder auf). Ägypten lag somit, anders als Mesopotamien, auch schon vor seiner Eroberung im Einzugsbereich der klassischen Antike. Dass sich diese Zivilisation bevorzugt aus ägyptischen anstatt aus mesopotamischen Quellen bedient, ist somit naheliegend. Daraus ein Urteil über die mesopotamische(n) Religion(en) abzuleiten, ist nicht statthaft.

          • @djad
            Das wirst du kaum glauben, mir war das absolut nicht bewusst, dass eben doch diese detaillierten Vorstellungen gab bei den Mesopotamiern. Damit lieferst du aber genau das, um was es mir geht bei allem Umherdiskutieren.
            Also haben die monotheistischen Religionen ihr letztes Gericht von den Mesopotamiern und nicht neu erfunden und diese Ideen sind auf gleicher Augenhöhe wie die ägyptischen. Wenn sie auch rein negativ ausfallen:

            „Es gibt im Gegensatz zu ägyptischen Vorstellungen aber kaum Belohnung oder Bestrafung im Jenseits, also auch keine persönliche Verantwortlichkeit und kein Vergeltungsprinzip.“

            Im Prinzip die Hölle als Normalzustand. Sagt das unter dem Strich nicht aus, dass man von Jenseits besser gar nichts wissen will? Und deshalb gab es auch keinen Totenkult wie bei den Ägyptern. Wer so fatalistisch denkt, dem ist vermutlich auch das Jenseits egal.

            Viel interessanter ist allerdings, dass der Glaube Zarathustras viel eher das Original ist, auf dem die modernen drei monotheistischen Jenseitsvorstellungen beruhen, vielleicht als Zwischenglied zwischen Ägypten und Mesopotamien und womöglich noch anderen.

        • „dass man den Tod nicht mehr nur nicht fürchtete, sondern sogar einen frühen, gewaltsamen Tod im Kampf als segensreich erachtete, weil nur dieser einem das Privileg einbrachte, von den Walküren direkt vom Schlachtfeld nach Walhalla gebracht zu werden.“

          Falls jemand „The Saga Of Bjorn“ noch nicht kennt, sehr tragikomisch:

      • “ Wenn man fair ist, dann muss man schon anerkennen, dass Religion eigentlich die Überwindung dieser Ängste erreichen wollte. “

        Da bin ich eher skeptisch. Die Angst vor den Höllenqualen hatte und hat doch disziplinierende Wirkung, sofern man denn daran glaubt.

        • Niemand hat das imho besser beschrieben als James Joyce in „Portrait of the Artist a young Man“, wie er damit in der Schule (in Irland) traktiert wurde ….

      • @Alex

        »Wenn man fair ist, dann muss man schon anerkennen, dass Religion eigentlich die Überwindung dieser Ängste erreichen wollte.«

        Da hast Du schon recht, das Webersche Argument, das ich hier aufbiete, ist auf die spezielle Bedeutung der strenggläubigen Protestantismus für die neuzeitliche Geschichte des Okzidents zugeschnitten.

        • absolut d´accord! Das Schüren von Ängsten, insbesondere das Jenseits betreffend, ist immer und noch viel schlimmer das Charakteristikum von christlichen Kulten gewesen und kehrt auch in säkularen flashbacks zurück wie man mit dem „Klimawandel“-Weltuntergangsszenario unschwer erkennen würde, wäre man nicht so unreflektiert, kulturell ….

    • Und nun die Preisfrage: welche kulturelle Erfindung der Menschheit bedient sich obzwar nicht jederzeit, aber doch häufig, der menschlichen Ängste? Die Religion.

      Das ist – mit Verlaub – saudumm. Denn diese Angstdemagogie findest du überall – in jeder Gesellschaft, in allen möglichen, auch nichtreligiösen Kontexten.

      Religionen haben sich nachhaltig verändert, sodaß z.B. im heutigen Christentum viel weniger mit Angstbildern gearbeitet wird. Warum ist der christliche Gott heute viel liebevoller und gnädiger?

      Weil sich die Erziehung in den letzten 100 Jahren stark gewandelt hat und die Leute weniger autoritäre, lebensfeindliche Elternimagines (?, also Elternimagos 🙂 ) haben und diese auf Gott projizieren müssen.

      Dein allgemeines Geschwafel ist übrigens ein typisches Beispiel für Pseudointellektualität. Zwanghafte, paranoide Bezüge zum Corona-Thema.

      Wie findest du überhaupt diesen wunderbaren Vergleich von Bhakdi, daß freiwilliges Impfen in Isreal schlimmer als der Holocaust sei? Das fand ich absolut geil – und ab sofort halte ich diese Corona-Skeptiker für total seriös.

      Lies mal noch ein paar mehr Alice-Miller-Bücher, damit du die tieferen Ursachen von Paranoia und neurotischen Ängsten verstehst. 🙂

      • @GbdAk:

        Du bist halt Angehöriger einer Therapiereligion, der seine eigenen Neurosen als Missionar ausagiert und von nichts Verständnis hat, was jenseits der eigenen Sektendoktrin liegt.

    • Interessante Perspektive. Genaugenommen von jemandem, der Angst bei anderen erzeugt, ggf. um Propaganda zu betreiben und Macht über die Verängstigten zu gewinnen (aber selber keine Angst hat und das Spiel durchschaut).

      Bei safe spaces usw. sind es nach meinem Eindruck eher die Angsthasen, die ihre Angst selber erzeugen bzw. damit hausieren gehen, auch wenn ihnen das teilweise von oben eingeredet wird und sie eher Marionetten sind. Das ganze ist verbunden mit einem Opferstatus und einem Appell an eine autoritäre Macht, die Wünsche des Angsthasen zu erfüllen. Aus der Perspektive instrumentalisiert der Angsthase die autoritäre Macht.

    • »Angst als Tugend« im Sinne des vom Blogpost gemeinten Gegenwartsbezugs ist somit ein Indikator dafür, dass wir erneut in ein Zeitalter der politischen Religion eingetreten sind, welche das Produkt einer Kultur ist, die an ihrer eigenen Unfähigkeit zu einer konstruktiven Gesellschaftskritik verzweifelt.

      Anders herum: Die Unfähigkeit zu einer konstruktiven Gesellschaftskritik führt zur vorschnellen Kategorisierung von Verhalten als „Angst-Tugend“. Die Beliebigkeit kann man u.a. daran erkennen, dass heutzutage fast jedes kontroverse Verhalten sowie sein Gegenteil von den jeweiligen Diskutanten als „Angst-Tugend“ gebrandmarkt werden kann.

      In den Wirtschaftswissenschaften stand die These des rationalen homo oeconomicus seit jeher auf wackeligen Beinen, und je größer die Anzeichen dafür wurden dass die Menschen sich einfach nicht so benehmen wie von den entsprechenden Theorien vorhergesagt, desto verbissener weigerte man sich diese Grundlage aufzugeben. Das Ergebnis ist u.a. die Verhaltensökonomie, welche die strukturellen Unzulänglichkeiten der ursprünglichen Theorie (nämlich dass der homo oeconomicus in der postulierten Form schlicht nicht existiert) kurzerhand mit dem Umstand erklärt, „dass die Menschen eben irrational sind“. Siehe Kahnemann, Tversky und Konsorten.

      Denselben Vorgang, nämlich die strukturellen Fehler im Theoriegebäude einer Wissenschaft als individuelle psychologische Fehlleistung zu pathologisieren, sieht man momentan anhand von Corona, wobei es diesmal die (Verhaltens)Psychologie und ähnliche Disziplinen trifft.

      Die simple Erkenntnis, dass Menschen i.d.R. ihre Entscheidungen danach treffen was ihnen langfristig am meisten nützt, kann viele scheinbar „irrationale“ Handlungen sowohl in der Ökonomie als auch im Zusammenhang mit Corona erklären, ohne dass man dafür auf Psychopathologisierungen zurückgreifen muss. Die Ignoranz von Zeit und insbesondere von langsamen und langfristigen Entwicklungen oder Folgen passt auch ansonsten ziemlich gut zu den oberflächlichen Glaubenssätzen einer möglichst schnelllebigen Wirtschafts-, Politik- und Gesellschaftswelt, in der alles was über das nächste Quartal, die nächste Wahl oder den nächsten Shitstorm hinaus geht nicht so wichtig ist.

      Die Diskrepanz zwischen dem oberflächlichen veröffentlichten Weltbild und dem tatsächlichen öffentlichen Verhalten eines Großteils der Menschen – die lange nicht so dumm sind wie manche meinen – tritt mit jedem unerwarteten Ereignis stärker zutage.

      welche kulturelle Erfindung der Menschheit bedient sich obzwar nicht jederzeit, aber doch häufig, der menschlichen Ängste? Die Religion.

      Früher war Religion eine Möglichkeit, die Menschen angesichts einer Welt voller unerklärlicher Ereignisse zu ermutigen und die großen weißen Flecken im Innen und Außen mit Sinn zu füllen. Heute wird Religion mitunter pervertiert als Ausrede für jegliches „irrational“ erscheinende Verhalten, also gerade das Gegenteil von dem was Religion über Jahrtausende für den Großteil der Menschen bewirkt hat. Die Verkürzung von Religion auf den vorrangigen Aspekt „Angst“ ist doch arg weit hergeholt und konstruiert.

      • @pingpong:

        »Die Beliebigkeit kann man u.a. daran erkennen, dass heutzutage fast jedes kontroverse Verhalten sowie sein Gegenteil von den jeweiligen Diskutanten als „Angst-Tugend“ gebrandmarkt werden kann.«

        Was selbst eine beliebige Behauptung ist.

        »Die Verkürzung von Religion auf den vorrangigen Aspekt „Angst“ ist doch arg weit hergeholt und konstruiert.«

        Ich sage nicht, das Angst das Wesen der Religion schlechthin ist, der Verweis auf Weber impliziert durchaus den Bezug auf eine historisch spezifische Ausprägung von Religion. Aber diese ist auch in der Gegenwart der westlichen Kultur immer noch sehr wirkmächtig.

        • Diese ganzen Corona-Spasten arbeiten doch auch mit Angst-Demagogie. Also diese ganzen Spinner, Querdenker und Impfneurotiker.

          Hilfeeeeeeeeeeeeeeee!!!!!!!!!!!!!!!!!! Wir werden geimpft!!!!!!!!!!!!!!!!!!!1111 Zwaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaangsüüüüüüüüüüüüümpfungkkkkkkkkkk!

          Kehr mal vor der eigenen Hütte, Admoros. Professor Bhakdi bezeichnete freiwilliges Impfen in Israel als schlimmer als den Holocaust. Der Jud‘ habe das Böse von den Nazis gelernt und so weiter.

          Bist du sicher, daß du über Angstdemagogie von Religionen schreiben willst?

          Du hast sicher schon selber kapiert, daß Ihr Coronaspinner nicht anders auftretet als jede x-beliebige Sekte.

          Und das Miller-Buch liest du am besten nicht weiter. Denn verstanden scheinst du es nicht zu haben.

          • @GbdAK:

            »Und das Miller-Buch liest du am besten nicht weiter. Denn verstanden scheinst du es nicht zu haben.«

            Du kriegst wohl Schiss! 😀

  7. Die meisten und am besten zu instrumentalisierenden öffentlichen (d.h. nicht privaten) Ängste basieren auf Extrapolationen einer aktuellen Entwicklung. Sie lassen sich auch am leichtesten manipulieren, weil nicht selten mit allerlei Statistiken argumentiert wird und man diese leicht für seine Zwecke erstellen lassen und interpretieren kann.

    Eigentlich und ursprünglich ist Angst ja überlebenswichtig. Es überlebte halt nur, wer Angst vor Hunger im Winter hatte. Es überlebte nur, wer seine Stadt gegen Überfälle sichern konnte etc. Angst mobilisiert und setzt Kräfte frei.

    Leider ist die moderne Welt aber so komplex geworden, dass man auch beliebig Ängste herbeireden kann, die jeder Grundlage entbehren, einfach weil die normalen Menschen keine echte Chance haben, zur Wahrheit vorzustoßen. Sie sind darauf angewiesen, irgendwelchen Experten zu vertrauen (die man aber beliebig einkaufen kann). Noch schlimmer: eine Mediation, die Linderung bringen könnte, wird durch Zensur und political correctness verhindert, da die mächtigere Seite ihre Interessen (und ihren Glauben) natürlich nicht durch eine Gegendarstellung verwässern lassen möchte.

    An dem Punkt sind wir. Eine weitere fatale menschliche Schwäche macht das Ganze dann zu Glaubenskriegen: der Dunning-Kruger-Effekt. Die wenigsten Menschen sind offen genug, Gegenargumente wirklich anzuhören, zu erörtern oder gar anzuerkennen, wenn sie sich einmal ein Urteil gebildet haben (welches selten auf Basis der Aussagen beider Lager beruht, sondern oft durch geschickte Propaganda und Emotionalisierung/Angst herbeigeführt wird).

    Vor was man wie stark Angst hat, ist also eigentlich ein Glaubensbekenntnis. Es muss nichtmal echte Angst sein, es reicht, andere zu bestätigen, sich zu vergewissern, dass man zum selben Stamm gehört. Im Prinzip das, was Danisch immer schreibt, wenn er über Herdentrieb und Amygdala spekuliert.

    Ich habe keine Ahnung, wie wir da wieder raus kommen sollen. Es wäre eine der wichtigsten Fähigkeiten, die man in der Schule intensiv trainieren sollte: das Erkennen eigener Fehlbarkeit, die Tatsache, dass man i.d.R. nicht alle Fakten im Blick hat und auch nicht alle ermitteln kann, das faire Argumentieren, die Kontrolle eigener Emotionen bei einem Thema, Logik- und Plausibilitätschecks und vor allem und immer: das Anhören der Gegenseite (statt sie zu canceln und zu diffamieren)!

    Ich frage mich ernsthaft, ob eine Mehrheit der Leute in der Lage ist, das sozusagen „learning by doing“ noch hinzubekommen. Wahrscheinlich nicht. Und da die Medien und demokratischen Prozesse weitgehend gleichgeschalten wurden, werden wir höchstwahrscheinlich nur einseitige Lösungen bekommen, hoffen wir, dass die nicht allzu weit von den realen Problemen entfernt sind…

    • @Androsch

      Reingefallen: „Eine weitere fatale menschliche Schwäche macht das Ganze dann zu Glaubenskriegen: der Dunning-Kruger-Effekt.“

      Der „Sinn“ war, dir das als „menschlichen“ Effekt zu verkaufen.
      Während sich aus dem Aufbau der Studie, den Teilnehmern und besonders Teilnehmerinnen sowie dem Studienfach und der Universität aus dem diese stammten etwas ganz anderes ergibt.

      Der „Dunning-Kruger-Effekt“ trifft zu für:
      a. junge Frauen aus
      b. der oberen Mittel- und Oberschicht, die
      c. insbesondere Studentinnen der Psychologie (!!!) waren.
      Ist das nicht lustig? 🙂

      Sie haben sich in der Studie und medial erhebliche Mühe gegeben, die Resultate zu „vermenscheln“.
      In der Studie hatten sie übrigens übrigens wirksame Abhilfe parat, u.a. Grundkurs in Logik. Ist es nicht „merkwürdig“, dass weder über die echten Befunde, noch über den Ausweg berichtet worden ist? Oder existiert da etwa ein Zusammenhang??? 😉

      • Danke für den Hinweis, wußte ich nicht 🙂

        Es mag bei Männern vielleicht nicht ganz so verbreitet sein, aber erlebt habe ich das trotzdem schon oft, ich schätze, man würde es auch im Rest der Bevölkerung finden, würde man die Studie mit dem wiederholen.

        Die Schulung und Prüfung einfacher Logikaufgaben hatte ich auch schonmal vorgeschlagen, um wenigstens die größten Vollpfosten aus Politik und Medien rauszuhalten. Es ist halt die einzige geschlechtsneutrale und ideologiefreie Methode, Schaden abzuwenden und sollte m.E. deswegen vorgezogen werden, auch weil sie weniger angreifbar ist.

        Betroffen ist aber die ganze Gesellschaft, insbesondere in Staaten, die demokratisch sein wollen. Dass die Massenmedien überhaupt so einen bestimmenden Einfluß haben, ist schon eine Tragödie, dass dort auch noch massenweise Zensurbefürworter sitzen, nach zig Jahren „Reeducation“ spricht für ein vollumfängliches Scheitern der Umerziehungsbemühungen, offenbar wurden nicht die richtigen Schritte gewählt. Ob ein intensives Training in der Schule helfen kann, weiß ich nicht, zumindest das Bewusstsein für die Probleme könnte geschärft werden. Ich könnte mir auch z.B. gemeinsame (Computer)Spiele vorstellen, die historische Situationen nachspielen und je nach Entscheidung der Spieler anders ausgehen. Wer am Ende in einer Autokratie landet, hat verloren. Oder irgendwie sowas…

        • „Die Schulung und Prüfung einfacher Logikaufgaben hatte ich auch schonmal vorgeschlagen, um wenigstens die größten Vollpfosten aus Politik und Medien rauszuhalten.“

          Ja, gute Idee.

          „Ob ein intensives Training in der Schule helfen kann, weiß ich nicht, zumindest das Bewusstsein für die Probleme könnte geschärft werden.“

          Es würde helfen, schneller Blödsinn als Blödsinn und Propaganda als Propaganda zu identifizieren und das kann nicht früh genug erfolgen.

        • Was außerdem fehlt ist Medienkompetenz, und zwar nicht nur bei Politikern sondern in der gesamten Gesellschaft. Wir hatten im Deutschunterricht das Thema Manipulation, u.a. an Textbeispielen der Blödzeitung und DDR-Medien. Aber ich hab den Eindruck, die sind auf sowas nie hingewiesen worden.

  8. Angst ist für Regierende immer sehr nützlich. Man kann damit alles durchsetzen was man möchte. Und Regierungen haben Angst schon immer genutzt, um Menschen aufzustacheln, egal ob in einer Monarchie, in einer Theokratie, in einer Diktatur oder in einer Demokratie. Es ist auch egal, ob es gegen den inneren Feind oder gegen den äußeren geht, Angst beeinflusst das Niederste in uns, es ist ein Urinstinkt, der alles Rationale überschreibt. Nicht ohne Grund wird in vielen Denkschulen die Überwindung der Angst ganz oben angesetzt.
    Meditation hilft gegen Angst, genau wie die generelle Fähigkeit das eigene Denken zu kontrollieren, deswegen sollte jeder Mensch versuchen dies zu üben, wenn er nicht durch Angst manipuliert werden will.

      • Roosevelt. Aber konkret heißt es „…is fear itself“. Dein Teilzitat ist zwar grammatikalisch korrekt und auch nicht grundsätzlich sinnentstellend, aber durch das „itself“ wir die „fear“ am Satzende deutlicher betont als der eigentlich einzige Aspekt, den es zu fürchten gilt.

        Naja, Klugschiss beendet… versprochen!!! 😉

  9. Verlautbarte Angst ist ein Joker. Mit ihm lassen sich weitgehend beliebige Maßnahmen durchsetzen.
    Mein Lieblingsbeispiel dafür: Frauenparkplätze. Es gibt keine Anhaltspunkte, dass Frauen in Parkhäusern stärker gefährdet sind als Kinder oder Männer. Aber durch die Artikulation entsprechender Angst werden ihnen aber Parkplätze direkt am Lift reserviert.
    Es erweist sich als sehr dienlich und angenehm, wenn Frauen Angst vor einer patriarchalen Femizid-Rape-Culture äußern. Sie bekommen dann sofort gemütliche Safe-Rooms oder eigene Schwimmbadöffnungszeiten, während derer sie mal so richtig Platz haben.

    Auch das ist Teil der hysterischen Epoche, in der wir gerade leben.

    • @beweis

      „Verlautbarte Angst ist ein Joker. Mit ihm lassen sich weitgehend beliebige Maßnahmen durchsetzen.“

      Ja, aber du hast die symbolische, dennoch materielle Ebene der tautologischen Beweisführung vergessen. Dass Frauenparkplätze existieren ist der Beweis dafür, Frauen sind in Parkhäusern stärker gefährdet. Denn sonst gäbe es keine Frauenparkplätze.
      Während die Nicht-Existenz von Männerhäusern der Beweis dafür ist, dass von Frauen keine Gewalt in Beziehungen ausgeht – denn sonst gäbe es Männerhäuser.
      Es ist, als würde eine Ideologie zur eigenen Rechtfertigung Denkmäler bauen und dafür den öffentlichen Raum nutzen, ohne dass die Denkmäler auf den ersten Blick als solche zu erkennen sind.

      • Die Sache hatte ich als nächste Stufe ideologisch motivierter Fehlschlüsse auch sofort im Hinterkopf bei beweis‘ Text: die bloße Existenz einer nur zur „Bekämpfung“ diffuser, nicht real begründbarer Bedrohungsgefühle beigebrachten Maßnahme führt dann zur Bestätigung der Bedrohungsgefühle. Und diese Bestätigung dient dann gerne mal als Grund, weitergehende Maßnahmen zu fordern, die wiederum das vermeintliche Bedrohungsszenario noch epischer erscheinen lassen – siehe Frauentaxis.

        Das alles ist nichts anderes als ein durch beständiges Hinzufügen weiterer Schutzwände aus zirkulären Argumentationen herbeigeführtes hermetisches Versiegeln der eigenen völlig weltfremden Ansichten gegen jegliche Berührungsgefahr mit der Realität.

        • Dafür gibt es einen alten Begriff: Verfolgungswahn.

          Verschwörungstheorien wie das vom „Patriarchat“ und den unterdrückerischen und gewalttätigen Männern tragen ihre Früchte. So einfach.

        • @Billy @Alex

          „Dafür gibt es einen alten Begriff: Verfolgungswahn.“
          Das ist richtig, aber diese Form von Paranoia wird bewusst implementiert.
          Siehe aktuell „Femizid“, der als Begriff inhaltlich nahe an den Genozid angelehnt worden ist und per Sprachmanipulation eine allgemeine Bedrohungslage beschwört, die nicht existiert.

          Das hier: „hermetisches Versiegeln der eigenen völlig weltfremden Ansichten gegen jegliche Berührungsgefahr mit der Realität“ trifft den Nagel auf den Kopf.
          Schlimm ist die Wirkung auf die Psyche der Opfer dieser Propaganda.

  10. Pingback: Kurz verlinkt | Schwerdtfegr (beta)

  11. „Angst als Tugend“ zeigt, wo wir weltgesellschaftlich inzwischen angekommen sind: ganz weit unten!

    Angst als (situativ) erforderliche Reaktion auf reale Gefahren muß nachhaltig unterschieden werden von einer auf dispositionalem Neurotizismus beruhender psychischer Labilität (vs. psych. Stabilität), und damit einhergehender Angstanfälligkeit.
    Basierend auf dieser zentralen Persönlichkeits-Dimension sensu Eysenck ist Neurotizismus – psychisch Stabilität einer der fünf Faktoren im Persönlichkeitsmodell der „big five“.
    https://lexikon.stangl.eu/1869/neurotizismus

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