Kritik an den intersektionalen Theorien

Bei den Recherchen zu diversen intersektionalen Theorien bin ich im Wikipedia-Artikel auch auf etwas Kritik gestoßen:

Kritik wird häufig an der beinahe ontologischen „Essenzialisierung“ der Gruppen durch feststehende, allgemeingültige und hierarchisch geordnete Kategorien der Unterdrückung geübt. Die Publizistin Bari Weiss, die die Handhabung des Inklusionsbegriffs in den USA kritisiert, der in seiner Wirkung oft auf soziale Exklusion hinauslaufe, meint, dass das Konzept der Intersektionalität „in der Praxis“ meist auf eine Art von Kastensystem hinauslaufe, in dem Menschen danach beurteilt werden, wie viel Leid ihre Kaste in der Geschichte erfahren habe. Das Konzept tendiere zu einer manichäischen Weltsicht: Es zwinge dazu, dichotomisch zwischen Opfern und Tätern zu unterscheiden. Eine mehrfache Opferrolle käme einer Heiligsprechung (sainthood) gleich, aber Unterdrücker und Unterdrückte in einer Person dürfe es in diesem Konzept nicht geben; es zwinge Menschen oft dazu, einen Teil ihrer Identität zu verbergen, wenn sie in der Diskriminierungshierarchie in einer widersprüchlichen Rolle gesehen werden.[27]

Bari Weiss in dem Artikel auf den verwiesen wird (der leider hinter einer Bezahlschranke ist):

Has there ever been a crisper expression of the consequences of “intersectionality” than a ban on Jewish lesbians from a Dyke March?

Intersectionality is the big idea of today’s progressive left. In theory, it’s the benign notion that every form of social oppression is linked to every other social oppression. This observation — coined in 1989 by Kimberlé Williams Crenshaw — sounds like just another way of rephrasing a slogan from a poster I had in college: My liberation is bound up with yours. That is, the fight for women’s rights is tied up with the fight for gay rights and civil rights and so forth. Who would dissent from the seductive notion of a global sisterhood?

Well, in practice, intersectionality functions as kind of caste system, in which people are judged according to how much their particular caste has suffered throughout history. Victimhood, in the intersectional way of seeing the world, is akin to sainthood; power and privilege are profane.

By that hierarchy, you might imagine that the Jewish people — enduring yet another wave of anti-Semitism here and abroad — should be registered as victims. Not quite.

Why? Largely because of Israel, the Jewish state, which today’s progressives see only as a vehicle for oppression of the Palestinians — no matter that Israel has repeatedly sought to meet Palestinian claims with peaceful compromise, and no matter that progressives hold no other country to the same standard. China may brutalize Buddhists in Tibet and Muslims in Xinjiang, while denying basic rights to the rest of its 1.3 billion citizens, but “woke” activists pushing intersectionality keep mum on all that.

Könnte im ganzen ein interessanter Text sein. Wenn ihn jemand im Volltext im Netz findet, dann gerne Bescheid sagen

Der Erziehungswissenschaftler Jürgen Budde kritisiert, dass die Unterdrückungskategorien oft zu einem Wettbewerb um die größtmögliche Benachteiligung aufaddiert werden. Bei Sozialstrukturanalysen könne man sich auf wenige Kategorien und auf die Aspekte struktureller oder institutioneller Gewalt konzentrieren. Bei der Analyse von subjektiven Differenzkonstruktionen im Verlauf biographischer Prozesse hingegen könne man die Kategorien im Vorfeld nicht fest definieren. Budde konstatiert, dass es dem Konzept der Intersektionalität an einem geschärften Machtbegriff auf der Mikroebene mangelt. Um analysieren zu können, wie sich Machtverhältnisse auf die Bildung von Identitäten auswirken, müsse Macht nicht als an einen handlungsmächtigen Agenten gebunden vorgestellt werden; sie könne vielmehr aus jeder Richtung her kommen. Sowohl durch Herrschaftspraktiken als auch durch Diskurse werden soziale Positionierungen auf allen Ebenen der Intersektionalität hergestellt, doch ob sich Identitäten gerade an den Schnittstellen bilden, sei fraglich.[28]

Den Text findet man hier. Ein Auszug:

Weiter ist zu diskutieren, wie das Zusammenspiel der unterschiedlichen sozialen Kategorien zu denken ist. Ist Zusammenspiel überhaupt der angemessene Begriff, oder geht es um Überkreuzungen, Fluchtpunkte oder Verknüpfungen? Bei der Vorstellung von sich über- schneidenden „Achsen der Differenz“ (Knapp/Wetterer 2003) ist das verbindende Kennzeichen der Machtanalyse die gleichzeitige Herstellung von Differenz und Hierarchie in binärer Form (vgl. z.B. Budde 2010). Binär bedeutet, dass durch das so genannte Othering eine Gruppe als abweichend und zugleich homogen markiert wird. Dies kann auf der Ebene der Praktiken, genauso aber beispielsweise durch Gesetze geschehen. Grundlegend ist die Annahme, dass das Abweichende als Abweichendes in seiner Differenz thematisiert und herausgestellt wird, während die im gleichen Prozess als Norm gesetzte Gruppe de-thematisiert wird. Dies gilt zwar in besonderer Weise für Gender, kann aber auch als grundlegendes Muster sozialer Ungleichheit für andere Kategorien angenommen werden. Bei Gender waren Frauen das Benannte und Männer die implizite Norm, bei Ethnizität ist es die Konstruktion der Migrant_innen versus die der Mehrheits-Deutschen.
Diese gleichsame Addition binärer Hierarchisierungen allerdings unterschlägt m.E., dass bereits eine Kreuzung – um vorläufig in diesem Bild zu verbleiben – mehr ist als die Addition zweier Straßen, sie hat ihre eigenen Logiken, eigenen Optionen und ihre eigenen Ordnungen. Je nachdem, was sich dort kreuzt, sehen diese Ordnungen höchst unterschiedlich aus. Metaphorisch gesprochen sehen die Kreuzungen von Feldwegen anders aus als die von Wasserstraßen oder Autobahnen. Eine intersektionale Analyse müsste diese Ungleichheiten nicht einfach zusammenzählen und so neue Binaritäten produzieren, sondern deren Zusammenspiel und so die je spezifische Machtkonstellation in den Blick nehmen. Entsprechend kann eine intersektionale Analyse auch nicht funktionieren wie beim vielzitierten katholischen Arbeitermädchen vom Lande oder dem Migrantensohn aus der Großstadt. Bei beiden Figuren erscheint Ungleichheit als Rechenspiel, indem Gender, Religion, Region, Ethnizität oder Klasse zur größtmöglichen Benachteiligung zusammengezählt wird. Vielmehr gilt es ja, sich für die Verwobenheiten der unterschiedlichen Machtverhältnisse zu interessieren und eine eigenständige, intersektionale Machtanalyse, die der Vielschichtigkeit gerecht wird, weiter auszuarbeiten.

Insbesondere der Weiterentwicklung des Konzepts der Intersektionalität zu einem prozessorientierten Interdependenzansatz[29] stehen bereits im Forschungsprozess erhebliche Probleme im Wege. Das beginnt bei der Gestaltung standardisierter Erhebungsinstrumente, z. B. bei Fragen wie „männlich/weiblich?“. Auch bleibt fraglich, wie die Ergebnisse dieses Ansatzes außerhalb der Biographiearbeit praktische Anwendung finden können, da alle politisch gesetzten Kategorien, die im AGG aufgezählt werden, modifiziert werden müssten, um der Komplexität der Lebensrealitäten und den daraus resultierenden Diskriminierungsmechanismen juristisch gerecht zu werden.

Männlich/weiblich erscheint mir ja noch einfach. Bei „Race“ wird es hingegen schon schwieriger, gerade außerhalb der USA

Die Psychologen Martin Seager und John A. Barry kritisieren, dass die Intersektionalität auch dazu verwendet werde, um ein besseres Verständnis der Probleme von Männern zu verhindern. Männer würden (fälschlicherweise) als generell privilegiert angesehen und deren Probleme würden daher vorwiegend nur als Schnittmenge mit anderen Diskriminierungskategorien wie Ethnizität oder sexueller Orientierung betrachtet. So würden aber Zusammenhänge nicht ausreichend sichtbar werden, die Männer als Ganzes betreffen und nicht nur einzelne Untergruppen, wie beispielsweise die höhere Suizidrate oder das Zurückfallen bei der Bildung. Es herrsche eine „männerbezogene Geschlechtsblindheit“ vor, die Bedürfnisse von Männern unsichtbar mache

„Männerbezogene Geschlechtsblindheit“ ist eine hübsche Formulierung.

Ausführungen der Autoren hatte ich hier schon einmal besprochen: Gamma Bias