Strategischer Essentialismus

Wikipedia:

Strategic essentialism, a major concept in postcolonial theory, was introduced in the 1980s by the Indian literary critic and theorist Gayatri Chakravorty Spivak.[1] It refers to a political tactic in which minority groups, nationalities, or ethnic groups mobilize on the basis of shared gendered, cultural, or political identity to represent themselves. While strong differences may exist between members of these groups, and amongst themselves they engage in continuous debates, it is sometimes advantageous for them to temporarily „essentialize“ themselves, despite it being based on erroneous logic,[2] and to bring forward their group identity in a simplified way to achieve certain goals, such as equal rights or antiglobalization.[3]

Spivak’s understanding of the term was first introduced in the context of cultural negotiations, never as an anthropological category.[4] In her 2008 book Other Asias,[5] Spivak disavowed the term, indicating her dissatisfaction with how the term has been deployed in nationalist enterprises to promote (non-strategic) essentialism.[6]

The concept also comes up regularly in queer theory, feminist theory, deaf studies,[7] and specifically in the work of Luce Irigaray, who refers to it as mimesis.[8]

Zeitschrift Luxemburg:

Mit dem Begriff »strategischer Essenzialismus« prägte die Literaturwissenschaftlerin Gayatri Chakravorty Spivak ein Konzept, mit dessen Hilfe die Widerstands- und Handlungsfähigkeit von marginalisierten Gruppen in vermachteten politischen Feldern in den Blick genommen werden kann. Es adressiert eine immer wiederkehrende Problematik sozialer Bewegungen: ihre unmögliche und gleichzeitig notwendige Selbstrepräsentation.

Viele soziale Bewegungen haben sich als homogene soziale Akteure dargestellt, um politisch handlungsfähig zu sein: etwa die deutsche Arbeiterbewegung an der Wende zum 20. Jahrhundert, die Bürgerrechtsbewegung von Afroamerikaner*innen in den 1960er Jahren oder die zweite Frauenbewegung in den 1970er Jahren. So forderte die zweite Frauenbewegung die Anerkennung von Haus- und Fürsorgetätigkeiten, die mehrheitlich von Frauen erbracht wurden und werden, als unentgeltlich geleistete und unterbewertete Arbeit. Durch die Repräsentation dieser ›Fraueninteressen‹ konnte die Bewegung eine Politisierung der vergeschlechtlichten Arbeitsteilung erreichen, die heute in zahlreichen Debatten um Sorgearbeit, Familienarbeitszeit oder auch Betreuungsschlüssel in Krankenhäusern lebendig bleibt. Die Forderung der Frauenbewegung fußte auf einem vermeintlich kleinsten Nenner, sozusagen auf der ›Essenz‹ des Frau-Seins: Emotionalität und Fürsorglichkeit wurden als biologisch-natürliche Eigenschaften von Frauen angesehen und sollten gesellschaftlich aufgewertet werden. Diese Vereigenschaftung des Weiblichen – oder auch: diese Essenzialisierung – hatte jedoch zur Folge, dass die Heterogenität der weiblichen Lebensrealitäten aus dem Blick geriet. So kritisierten damals US-amerikanische schwarze Frauen ebenso wie Frauen aus der Arbeiterklasse, dass sie immer schon Lohnarbeit leisten mussten – die Forderung nach der Anerkennung von unbezahlter Haus- und Fürsorgearbeit betreffe daher nur einen Teil ihres Alltags. Es handle sich also um eine dezidiert weiße und die Mittelschicht betreffende Forderung.

Der Repräsentationsanspruch, für eine soziale Gruppe (hier: ›die Frauen‹) sprechen zu können, ist exemplarisch für die Analyse der unmöglichen Selbstrepräsentation: Die heterogenen Lebensrealitäten und Identifikationen, die aus sich überschneidenden Machtverhältnissen mit je spezifischen Erfahrungen entstehen, können nicht in einer Kategorie zusammengefasst werden, ohne Ausschlüsse zu produzieren.

Doch wie können Unterdrückungsverhältnisse kritisiert und überwunden werden, ohne zu benennen, ›wer‹ unterdrückt wird? Denn durch die Zuschreibung von sozialen Kategorien wie erwerbstätig, arbeitslos, Mann oder Frau werden Hierarchien zwischen Menschen konstruiert, die als vermeintlich natürlich und objektiv gelten – mit der Folge, dass der Zugang zu Ressourcen und politischer Teilhabe beschränkt oder ermöglicht wird.

Als feministische, marxistische und dekonstruktivistische Theoretikerin beschrieb Spivak ab Mitte der 1980er Jahre dieses Dilemma der unmöglichen und gleichzeitig notwendigen Selbstrepräsentation. Sie entwickelte, ausgehend von der kritischen Auseinandersetzung mit den Arbeiten der Subaltern Studies Group, das Konzept des »strategischen Essenzialismus«. Die Subaltern Studies Group wurde in den 1980er Jahren von linken südasiatischen Akademiker*innen gegründet und versuchte, anhand von historischen Dokumenten ein neues ›revolutionäres Subjekt‹ im indischen, antikolonialen Kampf nachzuzeichnen. Dadurch sollten die Leerstellen und die »Essenzialisierungen« in der vorherrschenden, von der indischen Elite geprägten Geschichtsschreibung deutlich gemacht und infrage gestellt werden. Denn diese hatte die Widerstände der Subalternen weithin ignoriert – des Bevölkerungsteils, der nicht »Elite« sowie innerhalb kolonisierter Territorien sozial immobil war (Spivak/Landry/MacLean 1996, 288). Spivak zeigt, dass die Subaltern Studies Group in ihren Veröffentlichungen auch ein essenzialisiertes, sich selbst bewusstes subalternes Subjekt beschreibt. Diese Beschreibung fuße jedoch – anders als in der vorherrschenden Geschichtsschreibung – auf solidarisch-politischen Beweggründen mit dem Ziel, die hegemoniale Erzählung zu dekonstruieren. Die essenzialisierende Zuschreibung, die unter anderem die weiblichen Subalternen vernachlässige, werde nur strategisch verwendet (ebd., 204 f).

Einerseits tritt Spivak also dafür ein, essenzialisierende Zuschreibungen immer wieder als nicht natürlich zu entlarven – da sonst die genannten Ausschlüsse reproduziert werden. Andererseits gehe es in der politischen Praxis nicht ohne »Universalisierungen« und »Essenzialisierungen« – sonst gerieten Realitäten aus dem Blick. In ihren Worten: »Ich sollte schauen, was im universalisierenden Diskurs nützlich wäre, um dann weitergehen und schauen zu können, wo dieser Diskurs seine Grenzen und Herausforderungen findet« (Spivak/Harasym 1990, 11, Übers. d. A.). Man müsse sich in den strategisch richtigen Momenten essenzialistischer Adressierungen bedienen – die Verwendung wäre dann an ein Ziel gebunden und die (transformatorische) Wirkung würde im Mittelpunkt des Interesses stehen. Spivak spricht sich gegen eine »Theorie der Essenzialisierungen« aus. Denn als Strategie, die nur aus politischen Gründen verwendet wird und sonst nicht haltbar ist, bedürfe »Essentialisierung« an sich keines theoretischen Fundaments (Spivak 1993, 15).

Spivak kritisiert, dass die Analyse von Ausschlüssen und Privilegien oft nur zugunsten von theoretischer Reinheit vernachlässigt würde (Spivak/Harasym 1990, 12) – sie bezweifelt ihre Relevanz vor dem Hintergrund realer Ungleichheiten, die aus der kapitalistischen Arbeitsteilung sowie kulturellen Hierarchien entstehen. Dass das Materiell-Konkrete gerade für marginalisierte Menschen und Subalterne als politische Forderung relevant wird, ist eindeutig – dies sind genau die Fälle, in denen nach Spivak die Notwendigkeit von essenzialisierenden Beschreibungen besteht. Wie Spivak in ihrem bekannten Essay »Can the Subaltern speak?« aufzeigt, werden Subalterne jenseits von stereotyp-konformen Handlungen missachtet und finden kein Gehör – auch wenn sie Zeichen setzen, sprechen und fordern. Die bestehenden Systeme politischer Repräsentation beruhen auf essenzialisierenden Zuschreibungen und lassen die politischen Forderungen subalternen Widerstands somit nur durch die (kritisch angeeignete) Verwendung desselben verständlich machen.

(…)

Der »strategische Essenzialismus« ist ein alternatives Konzept zur hegemonialen, identifikatorischen Repräsentationspolitik, das auch vor dem Hintergrund der heutigen Vereinzelung und Zersplitterung der Linken als strategische Orientierung dienen kann. Angesichts der Unvermeidbarkeit essenzialisierender Aussagen geht es darum, diese strategisch und nichtidentitär für Marginalisierte nutzbar zu machen – immer mit dem wachsam-kritischen Bewusstsein, dass dies Homogenisierungen und Ausschlüsse beinhaltet. Mit Spivak muss eine Aufgabe emanzipatorischer Politik darin bestehen, die von ihr genannten »Diskontinuitäten« (Spivak/Harasym 1990, 15) – hier verstanden als Widersprüche – zwischen feministischen, marxistischen und dekonstruktivistischen Perspektiven zu wahren, anstatt sie zu einer Seite hin aufzulösen.

Also letztendlich ein hochtrabender Begriff dafür, dass eine Gruppe sich als In-Group über Gemeinsamkeiten definieren muss und ein „Zusammenhaltsgefühl“ braucht, auch wenn sie – wie jede menschliche Gruppe – natürlich nicht homogen ist, sondern ganz verschiedene Interessen, Lebenserfahrungen und Ansichten der Individuen zusammenkommen.

Klingt etwas nach der ideologischen Rechtfertigung dafür, dass man als Teil der Gruppe dann für alle sprechen darf bzw das Vertreter intersektionaler Theorien selbst dann, wenn sie vollkommen extreme Theorien vertreten behaupten können für alle Frauen/Schwarzen/Lesben oder was auch immer zu sprechen.

Ich vermute mal, wer aus der Gruppe, die vertreten wird, die intersektionalen Theorien nicht anerkennt, der macht sich auch gleich noch eines Verstoßes gegen die Einigkeit der Gruppe schuldig und verhindert damit eine Befreiung aus der Unterdrückung.