Mal wieder: feministischer Anzugneid und warum der Anzug Patriarchat ist

In der Jetzt wettert Magdalena Pulz gegen den Anzug:

Es gibt aber eine Art von Anzug, die jede*r kennt, und von der jeder Mann mindestens einen im Schrank hat – und das ist der Feind-Anzug: dunkelblau, wahlweise schwarz, weißes Hemd, gute Schuhe. Das Grundmodell, mit dem der Mann eben erst einmal nichts falsch machen kann. Dieser Anzug steht mit einem Wort für Allmacht. Es gibt keine Position der Power, die nicht schon von der Maske dieses Anzuges besetzt worden ist: Sämtliche Präsidenten, Kanzler und Könige, CEOs, Astronauten, Sportler, Moderatoren, Wirtschafts-Heinis und sogar James fucking Bond tragen etwas in dieser Art.

Und wir Frauen haben kein solches Kleidungsstück. Ja sicher, es gibt Kostüme für Frauen, beziehungsweise Hosenanzüge. Während ersteres ganz klar „Hostess“ schreit, sagt zweiteres: knapp daneben ist auch vorbei. Klar gibt es auch Frauen, die den Hosenanzug rocken und einfach cool darin aussehen. Aber sie stecken in dem Kleidungsstück nicht mit derselben Selbstverständlichkeit wie Männer, für die der Grundschnitt konzipiert wurde. Angela Merkel scheint das zu wissen, und entscheidet sich in ihren roten, gelben und blauen Varianten lieber direkt dafür, zwischen den dunkelblauen Männer-Uniformen hervorzustechen.

Ich hatte in einem Artikel zu kurzen Anzughosen (!) schon einmal ein paar Bilder gegenüber gestellt:

Mann Anzug

Mann Anzug

Barney Stinson Anzug

Barney Stinson Anzug

Hosenanzug schwarz

Hosenanzug schwarz

Businesskleid

Businesskleid

 

Vorteil der Frauen ist, dass ihre Kleidung leichter und luftiger ist und insofern angenehmer zu tragen ist. Die Business Frau hat wesentlich mehr Auswahl als der Mann, der eben sehr schnell auf den Anzug festgelegt ist. Es kann bei ihr ein Kleid sein, eine Bluse mit Rock und Blazer oder mit langer Hose, das Hemd kann auch durch ein Top ersetzt werden etc.

Während wir Frauen uns und unsere Kleidung von Jahr zu Jahr neu erfunden haben und erfinden, Hosen für uns entdeckten, Rüschen-Kleider, Miniröcke ausprobierten und Bustiers verbrannten, chillten Männer über Jahrzehnte an, beziehungsweise in einem sicheren Rückzugsort. Männer trugen Anzüge, als Frauen noch ihre Erlaubnis brauchten, arbeiten zu gehen. Sie trugen Anzüge, als wir noch nicht unsere eigenen Konten haben durften. Anzüge vor und nach dem Mauerfall, vor und nach 9/11. Vergewaltigung in der Ehe wird ein Verbrechen, Digitalisierung wird selbstverständlich – und der Anzug bleibt wie eine atomar verseuchte Kakerlake an der Chefetage kleben. Mann in Machtposition sieht heute ziemlich aus wie Mann in Machtposition vor hundert Jahren. Der Anzug ist die Uniform des aus dem Westen in die Welt exportierten, globalisierten Kapitalismus, und zugleich  Maske, Accessoire und Symbol des Patriarchats.

Immer wieder erstaunlich, wie man so etwas aufbauen kann: Die Frauen haben sich „Immer wieder neu erfunden“. Und die bösen Männer sind einfach bei einer Sache geblieben.

Natürlich könnten die Frauen auch einfach damit starten und einen sehr strengen Businesslook entwickeln, der verpflichtend einzuhalten ist. Aber das wollen sie eben nicht. Männer tendieren dazu Hierarchien auszubilden und die Position nach Möglichkeit deutlich zu machen, was üblicherweise intrasexuelle Konkurrenz vermindert. Der Anzug ist dabei sowohl Abgrenzung als auch Angleichung. Denn er verdeutlicht üblicherweise eine gewisse Position, Anzüge sind aber nicht so verschieden, dass dadurch innerhalb dieser Kategorie starke Ungleichheiten geschaffen werden. Klar gibt es den Polyester Anzug und den Maßanzug aus Wolle. Aber wenn man es mit etwa der Kleidung früherer Adeliger vergleicht ist der Unterschied untereinander oft nicht so hoch. Der Vorstandsvorsitzende muß rein dem Anzug nach nicht unbedingt von dem normalen Mitglied des Aufsichtsrats unterscheidbar sein (aber vielleicht an der Uhr und dem Auto etc). Die Hierarchien sind hier insoweit geklärt.

Frauen bilden ihre Hierachien anders aus und können ohnehin weniger allein auf ihren beruflichen Status abstellen. Das alle gleich aussehen ist auch eher der Albtraum vieler Frauen. Ein Businesskleid kann da gegenüber dem Anzug die wesentlich bessere Wahl sein.

Selbst wenn man den Anzug abschafft (was ja auch in einigen „Neuen Unternehmen“ ggfs schon der Fall ist, man erinnere sich an Steve Jobs und seinen Rollkragenpullover) wird Männerkleidung schlicht einen neuen Code entwickeln um bestimmte Sachen auszudrucken. Frauenkleidung wird hingegen eher bestrebungen haben nicht zu stark zu verallgemeinern und sich Möglichkeiten offen zu halten.

Ich sehe sie mit ihren glänzenden Schuhen durch die Münchner Innenstadt schreiten, die jungen, die karrierehungrigen Männer. Ich sehe die 30-, 40-, 50-Jährigen mit gebügelten Kragen selbstsicher auf ihren Linked-In-Profilbildern lächeln, ich seh die Generation 60-Plus lässig mit offenem Jackett in den Talkshow-Stühlen hängen. Und ich finde es so daneben.

Versteht mich nicht falsch, ich will nicht, dass die Legislative ein Anzugsverbot in das deutsche Grundgesetz einschreibt, ich will nicht, dass alte Herren, die sich für den Kirchgang schick gemacht haben, auf der Straße angespuckt werden oder Bräutigame nackt heiraten müssen. Aber ich will, dass Männer in Chefetagen sich der Assoziationen, die ihr Lieblings-Kleidungsstück hervorruft, bewusst werden, und sich im besten Fall dagegen entscheiden, es zu tragen.

Der Anzug ist keineswegs das Lieblingskleidungsstück vieler Männer, mit dem sie Frauen einen auswischen wollen, es ist eben schlicht ein genormtes Kleidungsstück, eine Uniform. Das macht es praktisch und Männer werden wenig Anlass sehen das zu ändern.

Frauen können sich aber ja durchaus einfügen. Hier ein Bild des früheren Vorstandsmitglieds von VW, Frau Christine Hohmann-Dennhardt.

Wie man sieht unterscheidet sich ihre Kleidungssprache nicht so deutlich von den Männern, abgesehen von dem Schlips.