Arbeiten um zu leben vs. Arbeit als Berufung und Erfüllung

Zwei Sichtweisen neulich in den Kommentaren.

Auf der einen Seite _Flin_:

Bei mir im Job nehme ich jemanden, der Teilzeit arbeitet, gar nicht Ernst. Man wird nur besser durch Erfahrung, außerdem bin ich in einer wissensorientierten Dienstleistungsbranche, in der sich die Welt in 3-5 Jahren einmal komplett dreht. Wie will denn ein Teilzeit-Mensch da mithalten?

In meiner Firma arbeitet man 40 Stunden fürs Gehalt, und danach für die Gehaltserhöhung und die Karriere.

Du kannst IT nur schwer halbtags machen. Alles verändert sich andauernd. Das Ausmaß an Lernen und Erfahrung, das nötig ist, ist konstant hoch. Und was muss die Dinge einsetzen können, also lernen, was auf den Markt kommt, bevor es auf den Markt kommt.
Das ist der 40 Stunden Teil.

Wenn man das auf 20 Stunden reduzieren möchte… Dann lügt man sich entweder in die Tasche und beschäftigt sich außerhalb der Arbeitszeit mit seiner Arbeit. Lernt, informiert sich, probiert Dinge aus und wird dafür nicht bezahlt. Oder man fällt zurück.

Die Arbeit ist nicht dafür da um Geld zu verdienen. Die Arbeit ist Dein Weg um der Welt Deinen Stempel aufzudrücken und ein glücklicher Mensch zu sein.

Wenn man ein ernst zu nehmende Softwareentwickler sein will, muss man Software entwickeln. Wenn man ein ernst zu nehmender Autor sein will, muss man schreiben. Wenn man ein ernst zu nehmender Investor sein möchte, muss man investieren. Wenn man ein ernst zu nehmender Vater sein möchte, muss man sich mit seinen Kindern beschäftigen. Wer ein ernst zu nehmender Anwalt oder Steuerberater sein möchte, muss die sich verändernde Gesetzeslage lernen.

Die Hingabe und der Wille, gut zu sein in dem, was man tut, lässt sich nur mit Zeitaufwand bewältigen. Und bei vielen Dingen lässt sich die Zeit nur schwer ersetzen.

Da geht es darum, dass man gut in seinem Beruf sein möchte, voran kommen möchte, es als eine Herausforderung sieht gut zu sein und ganz vorne mit zu machen.

Und darunter in den Kommentaren:

Und mit 50 gibt’s dann wahlweise den Burnout oder den Herzinfarkt, oder? Gut, dass man da vorher soviel Geld verdient hat, um sich hinterher eine gute Behandlung leisten zu können.

bzw.

Ich nehme Leute, deren wichtigster Lebensinhalt ihre Arbeit ist, nicht ernst. OK vielleicht bei freischaffenden Künstlern, aber nicht in einem Angestelltenjob wo man nur Anweisungen ausführt.

Die Arbeit ist dafür da die materielle Voraussetzung zu erwirtschaften, um damit dann das eigentliche Leben zu finanzieren. Aber wenn gar keine Zeit übrig bleibt um zu leben, wofür dann all das Geld verdienen?

„In meiner Firma arbeitet man 40 Stunden fürs Gehalt, und danach für die Gehaltserhöhung und die Karriere.“

Du armer Tropf. Und wann lebst du?

„Die Arbeit ist nicht dafür da um Geld zu verdienen.“

Doch. Wenn ich kein Geld zum Leben bräuchte, würde ich nicht arbeiten, sondern meinen Hobbys nachgehen.

„Die Arbeit ist Dein Weg um der Welt Deinen Stempel aufzudrücken und ein glücklicher Mensch zu sein.“

Welche Möglichkeiten, der Welt seinen Stempel aufzudrücken und ein glücklicher Mensch zu sein, haben Wareneinräumer bei Aldi?

Diese Möglichkeit haben vielleicht 5% aller Erwerbstätigen. Angestellte haben sie per Definition nicht – auch nicht in „kreativen“ Berufen -, denn sie arbeiten für die Ziele und den Profit anderer, sie führen Anweisungen aus statt selbstständig zu entscheiden, und tun das in einem Umfeld und unter Bedingungen die sie nicht selbst bestimmen.

Also die andere Perspektive: Arbeiten als notwendiges Übel.

46 Gedanken zu “Arbeiten um zu leben vs. Arbeit als Berufung und Erfüllung

  1. Ich sehe mich eher als Typ 2, gearbeitet wird, um sich ein möglichst angenehmes Leben zu finanzieren. Auch in dem Bürojob ändern sich mittlerweile ständig Dinge und permanentes Lernen gehört dazu. Aber da ist auch eine Stechuhr und Überstunden werden nicht bezahlt.
    Den Spaß und den Sinn des Lebens erfüllen dann meine künstlerischen Hobbys. Ich bin in einem Kulturverein aktiv, Bandbooking, Pressearbeit und stehe auch hinter dem Tresen. Schön schreiben kann ich auch noch und mache das für mich selbst, gebe Kurse, mache Ausstellungen, Auftragsarbeiten usw.
    Für Haus und Garten ist auch noch etwas Zeit.

  2. Ich bin auf jeden Fall Typ 1. Als Info-Student arbeite ich Halbzeit und in der anderen Hälfte lerne ich. In der dritten Hälfte meines Lebens, wenn ich nicht schlafen muss, setze ich eigene Informatik-Projekte um. Letzteres habe ich schon während der Schulzeit gemacht und damit mein Hobby zum Beruf gemacht.

    Meine Motivation dahinter ist genau dieses „der Welt den Stempel aufdrücken“, also etwas zu entwickeln, was Veränderung und Fortschritt bewirkt. Und dazu benötige ich genau diese drei Teile
    – Die Uni, um neues zu lernen
    – Die Arbeit, um große Projekte erfolgreich, professionell und mit anderen zusammen umzusetzen
    – Meine Freizeit, für eigene Zielvorgaben.

    Ich könnte beispielsweise mit nur Freizeitentwicklung nichts anfangen, weil das Team zu klein, die Professionalität zu niedrig, usw. wäre. Es ist gut, dass es in der Arbeit einen Chef gibt, der die Arbeitspakete schnürt und somit große Projekte handhabbar macht, zudem gibt es gutes Equipment und eine absolut großartige Philosophie.

    Ehrlich gesagt kann ich mit dem, was andere Leute „Leben“ nennen nicht so viel anfangen. Für mich sind Gefühle eher Fremdwörter und inaktive Situationen zu wenig stimulierend, und somit ergeben sich Probleme wie:

    • Ich stehe mit anderen vor einer „wunderschönen“ Aussicht und denke nur „hm, was ist jetzt das tolle daran“.
    • Soziale Situationen sind ein absolutes Mienenfeld. Im Beruf bin ich auf professioneller Distanz und habe Schwierigkeiten, diese zu brechen.
    • Ich rede nur von Arbeitsthemen, weil ich nichts anderes mache.
    • Sich irgendwo zu entspannen führt sehr schnell zu Langeweile.
    • Filme, Serien und ähnliches enthält mir zu wenig Informationen und werden auch schnell langweilig wenn nicht fast-paced.
    • Für mich ist sehr vieles quatsch, weil ich schaffen möchte, statt zu verbrauchen oder zu zerstören.

    Wenn ich ehrlich bin, bin ich aber doch manchmal an der Kante zum Burnout, aber das liegt dann immer an meinen eigenen Erwartungen an mich, also dass ich nicht mehr in der Lage bin, die Qualität abzuliefern, wie ich sie möchte, oder am organisatorischen, also dass ich mit meinen Terminen nicht mehr rumkomme.

    Dass dabei noch Geld rauskommt, ist mir eher egal, das ist ein Nebeneffekt, der dafür sorgt, dass ich weiter existieren kann und dass ich mir manchmal neues Equipment leisten kann. Gibt halt doch so ein paar Ausgaben, die man sich trotz Spaß an der Sache noch leisten können muss.

    Frage an alle von euch aus der „IchWillLeben“ Fraktion: Wie würdet ihr Leben definieren, was ist das wichtige daran (im Vergleich zu Arbeit z.B.)?

    • @Sepp:

      Ok, als Informatik-Student bist Du (mutmaßlich) noch jung, und da finden die Weichenstellungen für Dein späteres Berufsleben statt. Würde sagen: für diesen Kontext die absolut richtige Einstellung.

      Später lernt man dann die Unzulänglichkeiten, die Ineffizienz und den Leerlauf von Firmen und Projektstrukturen kennen oder wird von narzisstischen Projektleitern herumgescheucht, das kann dann auch demotivierend wirken.

      Manche machen sich dann selbständig, weil sie das Versumpfen in Routine und Betriebsblindheit nicht ertragen, andere geben sich genau damit zufrieden und verlagern die Befriedigung aufs Hobby oder anderes Privatleben.

      Ich selbst bin in der zweiten Hälfte der 90er Jahre als Quereinsteiger in der IT gelandet, damals gab es einen solchen Nachfrageüberschuss, dass man auch als autodidaktischer Noob mit Training-on-the-Job erfolgreich sein konnte, rückblickend war mein wichtigstes Kapital, dass Soziologie und Softwareentwicklung ein abstraktes Modelldenken gemeinsam haben.

    • Interessantes Setting.
      Ich hatte eine ähnliche Phase im Leben, da auch ich das Glück hatte, meine Interessen zum Beruf machen zu können.

      Das hat sich aber mit meinem Kind schlagartig geändert, obwohl ich Reproduktion nie angestrebt hatte. Seither sind meine Prioritäten komplett neu gewürfelt und die ehemals superwichtigen Lebensinhalte verblasst. So krass hätte ich das vorher nie für möglich gehalten, da ich solche Wesenveränderungen bei anderen immer als unverständlich archaisch empfunden hatte.

      Bei der Frage nach Leben muss ich immer an den Umstand denken, was bei Menschen in den letzten Momenten ihres Lebens passiert. Wenn schlagartig der komprimierte Lebensfilm in ihrem Kopf abläuft. Interessanterweise, so übereinstimmend die Schilderungen, kommen dort fast ausschließlich soziale Beziehungen, die Liebsten, die Menschen vor. Da ist kein dickes Auto, keine Vorstandsposten, keine einflussreiche Machtposition zu finden. Selbst kreative Schöpfungen spielen keine wichtige Rolle.

      Ich glaube zwischenmenschliche Beziehungen machen das Leben aus – alles andere ist nur mehr oder minder genüssliches Beiwerk.

      • @beweis
        Wenn der Beruf Hobby ist und Spaß macht, ises doch super so.
        Was ich sehe ist, wenn du das aks junger Mensch so machst, weil du ja Weichen stellst, ist dann die Frage, ob du dann die sozialen Beziehungen als „alter Sack“ nachholen kannst. Da denke ich oft nach drüber. Habe immer Vollzeit gearbeitet. Zusätzlich studieren und das auch sehr zügig. Im Beruf auch oft über40h die Woche. Da tritt alles andere kürzer. Bin jetzt 29 und nächstes Jahr mit dem Master durch. Danach will ich promovieren. Und oft denke ich, dass uch da schon viel verpasst habe, was jetzt nicht mehr geht.

        • @Truth
          Da ich ja kurz vor „alter Sack“ stehe, kann ich dir sagen, dass deine Befürchtung nicht berechtigt ist. Du kannst jederzeit die Weichen in deinem Leben neu stellen. Dazu musst du aber wissen, in welche Richtung du sie stellst.
          Und genau da habe ich eigentlich richtig abgekackt. Habe mich immer treiben lassen und Gelegenheiten am Wegesrand aufgesammelt. Ich hatte nie wirklich einen Plan. Damit wurde ich zur Zielscheibe für Frauen, die mir ihren Plan überhelfen wollten. Der fühlte sich aber nie wirklich gut und richtig für mich an. Der brachte Hamsterrad, hohen Blutdruck, Erwartungsdruck – und sich davon zu befreien, ist wirklich nicht leicht.

          Schau dir einfach in deinem Leben an, welche Menschen du magst und welche dir wichtig sind. Pflege zu denen eine schöne und anspruchslose Beziehung ohne zu viele Erwartungen an sie und dich.

          Mein Leben fühlt sich dabei gut an. Die meiste Zeit bin ich alleine, und das ist schön. Ich schaue den Vögeln beim Baden zu, fege mein Dach oder kritzel hier im Blog irgendwas in die Kommentare. Es muss nicht immer spektakulär sein…

          • Aber würdest du sagen, die Sachen, die man mit 20 gemacht hätte, kann man mit 50 noch tun. Also ein Beispiel ( wäre eh nicht meines) kannst du mit 50 klassische Dinge wie Party und unverbindlichen Sex nachholen.

            Bei mir war eben für wenig Zeit neben Beruf, Studium…

          • @Truth

            Im Leben hast Du sowieso nur begrenzt Zeit. Du kannst nicht alles machen. Stell Dir doch mal die umgekehrte Frage: Hättest Du statt Beruf und Studium das gemacht, was Dir so vorschwebt, wenn Du darüber sinnierst, etwas verpasst zu haben, würdest Du dann im Gegenzug bereuen, nicht genug in Deinen Beruf und Dein Studium investiert zu haben? Ja? Dann hast Du alles richtig gemacht. Nein? Dann überdenke Deine Entscheidungen, die Du jetzt für die Zukunft triffst, besser noch einmal. (Die Vergangenheit kannst Du eh nicht mehr ändern.)

            Anders ausgedrückt: Was ist Dir am wichtigsten? First things first. Falls Dir nicht klar ist, was für Dich das Wichtigste ist, habe ich auch noch einen Spruch aus dem alten Rom für Dich: Wer den Hafen nicht kennt, in den er segeln will, für den ist kein Wind der richtige.

            29 ist noch kein Alter. Selbst mit 50 kannst Du noch was Neues anfangen. (Nur nicht alles, versteht sich.)

      • @beweis
        Wenn der Beruf Hobby ist und Spaß macht, ises doch super so.
        Was ich sehe ist, wenn du das aks junger Mensch so machst, weil du ja Weichen stellst, ist dann die Frage, ob du dann die sozialen Beziehungen als „alter Sack“ nachholen kannst. Da denke ich oft nach drüber. Habe immer Vollzeit gearbeitet. Zusätzlich studieren und das auch sehr zügig. Im Beruf auch oft über40h die Woche. Da tritt alles andere kürzer. Bin jetzt 29 und nächstes Jahr mit dem Master durch. Danach will ich promovieren. Und oft denke ich, dass uch da schon viel verpasst habe, was jetzt nicht mehr geht.

    • Du klingst irgendwie wie ein ironisches False Flag Argument, das effektiv die Faulenzerseite stärkt. Nichts für ungut.

      Ich muss aber auch zugeben dass vieles davon auch auf mich zutrifft. Ich kann zB nur über die Arbeit reden(ich bin auch Informatiker). Ganz zufrieden bin ich damit nicht. Mir fehlt nach der Arbeit die Energie, um eigene Projekte zu verfolgen, was traurig ist, weil ich seit Arbeitsbeginn mehr Motivation habe, solche Projekte zu verfolgen. Und was das Stempel aufdrücken betrifft: Ich bestimme ja nicht die Projekte. Ich habe lediglich die Möglichkeit dieses Projekt gut oder schlecht durchzuführen und bei letzterem dann gefeuert zu werden.

      Wie ich langfristig damit umgehe muss ich noch sehen, ich bin erst seit ein paar Monaten in Vollzeitarbeitsleben.

      Im übrigen würde ich empfehlen, dass wenn dir eine schöne Aussicht nichts sagt, du vielleicht besser genau hinhorchst, ob du da nicht was unterdrückst. Klar, was bringt sie, aber das Argument kann man auf alles anwenden.

      Was ist für mich „Leben“? Hmm, ich würde sagen: Wenn ich meiner Laune folgen kann. Mit einer sehr, sehr weiten Definition von Laune. Ich selbst habe meist die Laune, dem Gesetz zu folgen oder früh aufzustehen, damit man die frische Morgenluft mitkriegt. Arbeiten selbst ist aber meist nicht gemäß meiner Laune. Es kann sehr befriedigend sein, dann bin ich froh in einem erfolgreichen Projekt mit fähigen Kollegen zu sein. Aber ich hätte den Job nicht wenn ich keine Rechnungen zahlen müsste.

  3. Ich bin Typ 1, und genau deshalb will ich eine Teilzeitstelle und Remote Work.

    Als Techie habe ich auf einer Vollzeitstelle weniger Chancen fachlich am Ball zu bleiben, weil dann die meiste Zeit mit Business Bullshit und Geschwätz irgendwelcher Krawattenwichtigtuer und Quotenfrauen verschwendet wird.

    Ich habe das massiv während der Corona Homeofficezeit gemerkt. Selten eine Periode in meinem Berufsleben gehabt wo ich fachlich einen derartigen Sprung nach vorne gemacht habe.

  4. Theoretischer Ansatz:

    Mit einem Lottogewinn von 3 Mio. könnte ich aufhören zu arbeiten. Vernünftig angelegt lässt sich ein gutes, vielleicht bescheidenes Leben führen.

    Ich würde trotzdem arbeiten. Aber mir wäre egal wie viel und was. Vielleicht Taxifahrer oder Stromzähler ablesen oder Nachhilfelehrkraft oder als Bedienung oder Bäderhilfskraft (Saunaufguss machen und so). Hauptsache Spaß. Aber niemals Vollzeit.

    • Woah, das ist ja die (mir persönlich!) am allerunheimlichste Kombination.
      Ab einem Gewinn von 0,5 Mio wäre ich weg. Ebenfalls vernünftig anlegen zu meinem bisherigen Vermögen und super bescheiden leben.

  5. Gerade in der Softwareentwicklung ist es pure Illusion zu glauben, man könne regelmäßig mehr als acht Stunden wirklich gute Arbeit leisten. In Wahrheit sind es irgendwas zwischen einer und fünf Stunden, der Rest wird mit „Mist“ aufgefüllt.

    Und dem kann man sich, wenn man wirklich was drauf hat, relativ einfach verweigern.

    • @Stormking:

      »Gerade in der Softwareentwicklung ist es pure Illusion zu glauben, man könne regelmäßig mehr als acht Stunden wirklich gute Arbeit leisten.«

      Das entspricht auch meiner Erfahrung. Ich würde sagen, fünf Stunden hochkonzentriertes Arbeiten und drei Stunden Defokussieren und Distanz gewinnen. Und ersteres ist ohne letzeres nicht zu haben, weil man die Distanz braucht, um Betriebsblindheiten zu vermeiden. »Echte« Softwareentwicklung (jenseits reiner Codiersklavenarbeit nach Kochbuch) ist hoch abstraktes Modelldenken, vom Objektmodell über die Entwurfsmuster bis hoch zur Architektur.

      Als Selbständiger hat man nach acht Stunden Arbeit fürs Projekt allerdings oft noch andere Baustellen: neue Programmierschnittstellen, Bibliotheken, Tools kennenlernen, am Freizeit-Spaß-Projekt rumschrauben, Fachartikel lesen.

      »Der Welt seinen Stempel aufdrücken« halte ich aber für Entwicklerkoks. Man kann sich in vielen Firmen sicherlich mit dem komplexen Produkt identifizieren und stolz drauf sein, daran teilzuhaben, aber von den seltenen Momenten abgesehen, in dem ich gerade den Schlüsselabschnitt eines bahnbrechenden Betriebssystems oder eines Multimedia-Codecs programmiert habe, drücke ich der Welt als Individuum keinen Stempel auf. Das macht das Produkt der Firma, sofern die Firma Pionier ist oder zur Weltmarktspitze gehört.

      Aber als individueller Entwickler rolle ich bloß Kalksteinblöcke zur Baustelle der Cheopspyramide – das kann mich befriedigen, denn die Mitarbeit am Grab des Gottkönigs ist heilige Arbeit.

      • „Als Selbständiger hat man nach acht Stunden Arbeit fürs Projekt allerdings oft noch andere Baustellen: neue Programmierschnittstellen, Bibliotheken, Tools kennenlernen, am Freizeit-Spaß-Projekt rumschrauben, Fachartikel lesen.“

        Das baue ich nach Möglichkeit in meine Projekte mit ein. Jedes neue Produkt enthält – wenn es denn paßt – genau eine neue Technologie. Gerade bei firmeninternen Sachen geht das als „Testballon“ ganz gut und die gewonnene Erfahrung hilft einem im nächsten Kundenprojekt.

    • SW-Entwicklung (aber auch andere kreative Berufe) lässt sich in der Tat nicht wirklich in ein starres Nine-to-Five-Konzept pressen.
      Wenn man richtig im Flow ist, entkäfert man auch mal stundenlang ohne Pause durch. Ein andermal kommt man irgendwie nicht weiter, oder ist schon nach kurzer Zeit unkonzentriert. Dann ist es ratsam, zu unterbrechen und etwas völlig anderes zu machen.
      Andererseits überlegt man sich manches Vorgehen, Architekturen, Algorithmen und deren Umsetzung auch in der Freizeit.
      Eine flexible Einteilung der Arbeitszeit ist also außerordentlich wichtig.

  6. Bei Selbständigen, die mit Leidenschaft tun, was sie tun, verschwimmen die Grenzen bisweilen völlig. Man arbeitet auch mal am Sonntag und hat unter der Woche mal ein, zwei freie Tage. Das bewegt sich zwischen Workaholic und Leidenschaft.

  7. Erlebnis einer in der Firma engagierten Freundin; sie wird zufällig Zeuge, wie sich zwei Teilzeitkräfte in ihrem Unternehmen unterhalten:
    „Das kann ich nicht und das will ich auch nicht lernen!“
    „Das müssen wir auch gar nicht, wir sind nur Teilzeit.“
    Aber den gleichen Stundenlohn wollten sie dann doch …

    • Das hat nichts mit Teilzeit oder Vollzeit zu tun. Die deprimierensten zwei Wochen meiner Karriere war ein Proof-of-Conzept bei einem Telekommunikationskonzern. Während man sich in meiner Firma über neue Technologien, Fachartikel und Vorträge bei Meetups unterhalten hat, waren dort die vorherrschenden Gesprächsthemen:

      – Wie lange habe ich noch bis zur Rente?
      – Bin ich von der nächsten Kündigungswelle betroffen?
      – Hilfe, ich kann etwas, das kein anderer kann, wie werde ich diese unerträgliche Verantwortung wieder los?

      Und das waren alles Vollzeitkräfte.

  8. Also was ich interessanter finde, ist gar nicht der Punkt, wo huer der Fokus gelegt wird, Arbeit um was tolles zu leisten vs Arbeit als notwendiges Übel.
    Interessanter finde ich, dass ier gesehen wird, dass sowas für viele Angestellte etc nicht geht.
    Extrembeispiel wäre hier irgendeinen Kassierer. Das Maß an Selbstverwirklichung ist einfach begrenzt, was dererreichen kann. Da helfen auch job enlargement, job enrichment, empowerment und job enlightment nicht. Der ist immer nur Kassierer. Selbst wenn der Teamleiter wird, bleibt er Kassierer.

    Als weiteres Problem der ersten Perspektive sehe ich, dass selbst wenn ich was cooles mache, habe ich die Zeit weniger fpr andere Dinge. Erstens sind damit soziale Kontakte inbegriffen beispielsweise Familie. Wer so arbeitet, muss sich überlegen, ob er nkch Familie oder Partnerschaft will. Zweitens auch wenn mir die Arbeit Spaß macht, habe ich vielleicht Hobbys. Die lassen sich auch nucht immer zum Beruf machen. Entweder ist man nicht gut genug ( Sportler) oder das Hobby gibt finanziell nichts her. Letztlich braucheb wir aber noch auchdiese Leute, da die Gesellschaft nicht bestehen kann, wenn es nur Fußballer, Rockstars und It-Girls gibt.

    Fraglich ist, wie sich das mit mehr Technik entwickelt, ich kenneviele Leute, die auf der Arbeit keine acjt Stunden Auslastung haben unf nur rumsitzen, wenn die Entwicklungen so weiter gehen, gibt es eher weniger Arbeit. Dann könnte sich das drehen und es gibt nur noch Arbeit fpr Typ 1, da nur diese Leute überhaupt genug skill haben, um einen Job zu finden und alle anderen Jobs weg sind. Ich hoffe, dass es dann denen, die sowieso nur aus Zwang arbeiten, möglicj ist, anderen Dingen nachzugehen.

  9. Wie wäre es, wenn man die tägliche Arbeitszeit standardmäßig einfach auf sechs Stunden reduziert?

    Dann bliebe mehr Zeit für Kinder, für’s Leben, man wäre glücklicher, robuster und würde in der verringerten Arbeitszeit trotzdem mehr schaffen, als es die proportionale Zeitverringerung vermuten ließe.

    Alle wären glücklicher.

    Mit konservativen und liberalen Parteien ist dieser Fortschritt nicht zu machen. Hätte es keine linken Bewegungen gegeben, würden wir heute immer noch im Manchester-Kapitalismus leben und hätten eine 80-Stunden-Woche.

    Warum tun wir das also nicht einfach?

    Richtig, weil wir „konkurrenzfähig“ sein müssen.

    Warum müssen wir konkurrenzfähig sein?

    Richtig, weil man in Frankreich und anderswo ebenfalls glaubt, konkurrenzfähg sein zu müssen.

    Angesichts all des Reichtums in der Welt und des Standes der Automatisierung ist es völlig absurd, daß die Menschen derartig viel arbeiten müssen. Das verdanken wir dem Konkurrenzwahn der Konzerne und der Schwäche der Regierungen und Wähler, die sich immer wieder für die Wirtschaft prostituieren.

    Das läuft seit 150 Jahren so. Und seit 150 Jahren verkürzt sich die Arbeitszeit. Seit 150 Jahren emanzipieren wir uns von dieser Schwachsinnsökonomie mit ihren Mangelinszenierungen.

    Es ist traurig, wie wenig Leute auch unter Linken diese hier dargestellten psychologischen Zusammenhänge durchschauen. Wir könnten von heute auf morgen unser Wirtschafts- und Arbeitsleben ändern.

    Wenn man denn bereit wäre zu sehen, daß in anderen Ländern keine Zombies wohnen, und wenn man die Idee einer humanen, ethischen Konkurrenz international voranbringen würde.

    Wie man sieht, bewegen wir uns in die richtige Richtung (z.B. Lieferkettengesetz, welches wiederum mit dem „Argument“ der geringeren Konkurrenzfähigkeit kritisiert wird).

    Wichtig ist aber, daß man die ganze Kaputtheit unserer Ökonomie durchschaut und begreift, was alles möglich wäre, wenn die Menschen ihre Paranoia hinterfragen würden.

    Immerhin kann man bereits durch seinen Konsum ein Zeichen setzen.

    Das Phantasma der sogenannten „Konkurrenzfähigkeit“ ist eine der absurdesten Denkfiguren unserer Zeit.

    PS: In diesem Sinne sollte unsere Gesellschaft auch weiblicher werden. Denn das Phantasma der Konkurrenzfähigkeit wird eher von Männern protégiert. In diesem Zusammenhang könnte man von pathologischer Männlichkeit reden.

      • Den Franzmann habe ich nur aus symbolischen Gründen erwähnt. Hätte auch ein Pole oder Schwede sein können. Es geht darum, daß sich alle zu Tode konkurrieren, statt gemeinsam und international für eine ethischere, humanere Marktwirtschaft zu sorgen.

    • Sorry Nachtrag:
      Die Konkurrenzfähigkeit wird eher von Frauen verlangt. Die wollen nur, dass ihre Arbeitssklaven die austragen. Sie selbst sehen sich über der Konkurrenz. Ist ein wenig wie ein Adeliger, der sein Volk hungern lässt, und sich selbst lieber den schönen Künsten widmet.

    • Jetzt kommt mal was total Krasses: Wie wäre es, wenn wir die Arbeitszeit einfach an die zu verrichtende Arbeit anpassen würden. Wenn Arbeit nicht einfach nur die Anwesenheit an einem Arbeitsplatz wäre, sondern inhaltliche und produktorientierte Tätigkeit.
      Wenn wir das Gehalt an der individuellen Leistung orientieren würden und nicht am bloßen Dasein. Wenn ein Grundgehalt trotzdem garantiert wäre, die Mehrarbeit bei Auftragsschüben aber exorbitant üppig vergütet würde.

      Ok, ok – ungerecht, antifeministisch, raubtierkapitalistisch, unsozialistisch und böse.

      War ja nur so ne Idee.

    • Wow, @Gendern…, zum ersten Mal erfährst Du prinzipiell meine Zustimmung. Das Bewusstsein dafür, wie wenig wir Menschen in Anbetracht des technischen Fortschritts im Prinzip noch arbeiten müssten, bedarf dringend einer Auffrischung.

      • Renton, die bessere Hälfte der Menschheit hat dieses Bewusstsein doch längst. Die sehen durchaus dass es für sie irgendwie gar nicht so viel zu tun gibt. Und haben ein schlechtes Gewissen deswegen. Was glaubst, du warum die alle möglichen privat- und freizeitvergnügen als Arbeit verkaufen wollen?

        Die Frage lautet also eher: woher kommt dieses schlechte Gewissen? (Die Antwort „Patriarchat“ ist falsch)

        • Du könntest recht haben. Im Prinzip bist Du damit ja auf einer Linie mit Gendern…, der das als ein eher männliches Problem sieht.

          • GbdAk ist halt leider nicht wirklich daran interessiert herauszufinden was es mit dieser pathologischen Männlichkeit auf sich hat. Für ihn ist mit „traumatische Kindheitserfahrungen“ alles gesagt was es zu sagen gibt. Das bringt uns leider nicht weiter 😉

  10. Da muss ich an diese Stand-up-Nummer von Jimmy Yang denken: https://9gag.com/gag/apNV9Vn
    „Everyone does what they hate for money, and use the money to do what they love.“

    Als Angestellter hat man kaum Möglichkeiten, sich wirklich selbst zu entfalten. Man redet sich selbst was schön, wenn man sich mit dieser Begründung für den Arbeitgeber den Arsch aufreißt. Weiterbilden muss man sich in den meisten Berufen so oder so, und gerade in der IT ist wird bei der Weiterbildung die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben vermischt, insofern sehe ich keinen Grund, bei einem Teilzeitangestellten davon auszugehen, dass der sich weniger weiterbildet. Wenn man selber seinen Job gerne macht und sich da heftig reinkniet, bitte, aber das muss man nicht unbedingt auf andere projizieren.
    Auf dem Sterbebett wird niemand sagen: „Ich wünschte, ich hätte mehr Arbeitsstunden in meinem Job abgeleistet.“

  11. Hab neulich längere Zeit überlegt, obs für mein jugendliches Ego „damals“ nicht besser gewesen wäre, zur Fremdenlegion zu gehn, Disziplin, Pflicht, Abenteuer, durch den Dschungel von Französisch- Guyana turnen… Nu is zu spät. Wär mir vermutlich auch zu sehr „was mit Menschen “ gewesen.

  12. Ich glaube der Punkt wurde hier teilweise nicht verstanden. Es geht nicht drum welcher „Typ“ man ist. Natürlich finde ich auch Selbstverwirklichung schön, und wenn man sie mit der Erwerbsarbeit verbinden kann ist das wunderbar.

    WENN. Der Punkt ist: Als abhängig Beschäftigter ist diese Verbindung nur in sehr engen Grenzen möglich, und in vielen Jobs ist sie es gar nicht. Wer sich selbst einredet er könne da ja soviel gestalten, sitzt einer Illusion auf. Dafür soviel Zeit aufzuwenden ist am Ende selbstzerstörerisch. Das dankt einem am Ende des Tages keiner. Es ist daher rein pragmatisch klüger, die Zeit die man anderen für deren Zwecke schenkt, stark zu limitieren, und nur soviel zu arbeiten wie nötig.

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