Der Land-Stadt Unterschied

Bei vielen Wahlen, auch gerade wieder im Osten, zeigt sich der Stadt-Land Unterschied. Der Landbewohner ist eher konservativ, der Stadtbewohner eher weniger konservativ.

Was sind aus eurer Sicht die Gründe?

Eine Vermutung wäre, dass die Stadt schlicht anonymer ist und man damit auch mehr Freiheiten hat, die man leben kann, das Land hingegen eher eine Lage schafft, wo man eher noch einer „Sippenüberwachung“ unterliegt, was andere Werte fördert.

Eine andere wäre eine Selbstselektion von Leuten: Weniger konservative haben in großen Städten schlicht mehr Möglichkeiten und bleiben auch seltener bei Familie etc.

42 Gedanken zu “Der Land-Stadt Unterschied

  1. Die Stadt ermöglicht es einem, fernab von Realität und Natur zu leben. Städter sind, was grundlegendes Basiswissen über die Grundlagen einer Gesellschaft angeht, unglaublich naiv. Man wird zum Beispiel kaum einen Grünen finden der weiß, wie Nahrungsmittel hergestellt werden.

    • Aufm Land kann man mit Kreißsaal-Hoersaal-Plenarsaal-Kanditaten, die bei einem Schwein nicht mal das Vorne vom Hinten unterscheiden können, aber mehr Tierschutz fordern (Cem Özdemir) einfach nichts anfangen.
      Die ganzen Bio und Vegan- Forderungen sind ja auch selbstmoerderisch, das ist nicht nur Taktik, die glauben da selbst dran.

  2. Das ist eine sehr binäre Betrachtung. Zwischen einer Millionenmetropole und einem kleinen Weiler liegen ungezählte Abstufungen.
    Ein wesentlicher Unterschied ist, dass in einer (hinreichend großen) Stadt alles in Reichweite verfügbar ist, was man braucht, während auf dem Dorf Einkäufe, Neuanschaffungen, Arztbesuche, Behördengänge, .. zur logistischen Herausforderung werden können (auch heute ist breitbandiges Internet noch nicht überall verfügbar).
    Im Gegensatz zur Stadt ist man dort auf Individualverkehr angewiesen. Kein Vergleich mit der Stadt, wo alle zehn Minuten ein Bus, eine U- oder Straßenbahn fährt. Auf dem flachen Land fahren vielleicht zwei oder drei Busse pro Tag, am Wochenende gar nicht. Also keine Chance, irgendwelche Veranstaltungen (if any) zu besuchen.
    Insgesamt glaube ich, dass Leute, die in großen Städten aufgewachsen sind und immer dort gewohnt haben, meist gar nicht zu schätzen wissen, welche Infrastruktur und kulturelle Möglichkeiten die Stadt bietet.

    • Adrians Betrachtungsweise ist etwas sehr platt, seine Einzeiler sind ja oft recht treffend, aber die Realität hier ist komplizierter.

      „Insgesamt glaube ich, dass Leute, die in großen Städten aufgewachsen sind und immer dort gewohnt haben, meist gar nicht zu schätzen wissen, welche Infrastruktur und kulturelle Möglichkeiten die Stadt bietet.“
      ein häufig zu hörendendes Argument

      Interessanterweise wird fast nie thematisiert, das die Dörfler sehr wohl wissen, das sie das bessere Leben haben, weniger Dreck, Lärm, Dichtestress, Kriminalität, Lichtverschmutzung. Mehr materielle Sicherheit durch Eigentum an Wohnung und Land, Selbstversorgung etc. Es ist ein Stück weit unehrlich immer wieder rumzujammern, wie beschwerlich das ländliche Leben doch sei, ständig besondere Förderung des ländlichen Raumes zu fordern, alle Vorteile der modernen Industriegesellschaft haben zu wollen, aber bloß ja nicht mit den Nachteilen belästigt zu werden. Gleich die Krise zu bekommen, wenn mal mehr als 3 Autos die Stunde am Haus vorbeifahren, aber selbst in der Stadt am besten bis an die Ladentheke fahren zu wollen.
      Nicht umsonst konstatiert die Immobilienmakler-Innung in ihrem Jahresbericht besonders stark steigende Preise im ländlichen Raum, gerade in weit abgelegenen Regionen. Ein Kumpel von mir ist selber Makler und hat mir das auch persönlich bestätigt.
      Ich sage das weder als Städter noch als Dörfler, wohne in einer der unzähligen Abstufungen, einer sehr kleinen Kleinstadt. Würde selbst nicht gerne in einer größeren Stadt leben. Auch wenn das schon eher ländliche Leben in der Kleinstadt die von Christian angerissenen sozialen Nachteile hat. Die Sippenüberwachung ist dabei in unserer Sippe das geringere Problem, aber man hat wegen der geringeren Anonymität und der geringeren Ausweichmöglichkeiten (Landeigentum) mehr Probleme mögliche Spannungen oder Probleme mit Nachbarn auszutarieren, zu managen.
      Das gehört zur Ehrlichkeit der Diskussion hinzu.
      Was das Wahlverhalten betrifft, da hat der Bewohner des ländlichen Raumes aus den genannten Gründen einfach mehr zu verlieren, und wählt daher eher konservativ, weil diese Parteien mehr den Schutz dieser Privilegien garantieren.

      • „man hat wegen der geringeren Anonymität und der geringeren Ausweichmöglichkeiten (Landeigentum) mehr Probleme mögliche Spannungen oder Probleme mit Nachbarn auszutarieren“

        Ja, sehe ich auch so.

        Da man sich nicht so leicht aus dem Weg gehen kann, muss man sich arrangieren. Dafür braucht es ein breit akzeptiertes und beständiges Normengerüst, welches sich über einen langen Zeitraum entwickelt hat und das naheliegenderweise auch nicht modisch-kurzlebig verändert werden kann.

        Daher das „Konservativ“.

      • Stadt ist nicht gleich Stadt, und Land nicht gleich Land.
        Ich bin in einer Kleinstadt (wenige Tausend Einwohner) in einer ländlichen, extrem strukturschwachen Region (hat damals noch Zonenrandförderung bekommen) aufgewachsen. Wunderschöne Landschaft, aber überhaupt nichts los (zumindest wenn einen weder Kirche noch der lokale Sportverein interessieren).
        Jetzt wohne ich in einer kleinen Großstadt (kaum über 1E5 Einwohner) innerhalb einer Metropolregion. Da sind alle wichtigen Ziele innerhalb fußläufiger Entfernung. Alle paar Minuten fahren Busse, falls man doch mal in ein anderes Stadtviertel will.
        Diese Stadtgröße ist noch gut überschaubar. Kriminalität ist auf sehr niedrigem Niveau. Es sind auch einige Parks und öffentliche Gärten in der Nähe. Hier lebt es sich angenehm. In einer wesentlich größeren Stadt würde ich gar nicht wohnen wollen.
        Die Wochenenden verbringen wir auf dem Lande. Aber diese Gegend ist trotzdem noch gut an die Metropolregion angebunden, und überhaupt nicht vergleichbar mit meiner Heimatgegend. Wir wohnen da aber zurückgezogen und praktisch ohne Kontakt zur Dorfbevölkerung (stehen aber vermutlich immer noch unter Beobachtung).

      • Was das Thema Förderung angeht… zum. in Bayern fließen die Gelder hin in die Ballungsräume und nicht hinaus. Wenn dann bei nicht vorhandene ÖPNV Netz auf dem Land die Abschaffung des Autos gefordert wird, denkt man hier halt die haben sei nicht mehr alle.

  3. Was die Gründe sind? Da kann man nur spekulieren. Aber ich denke, dass so ein ländliches Leben eher dem evolutionären Urtyp des Menschen nahe kommt. Soziale Kleingruppe, auf sich selbst bedacht. Hilfsbereit. Gastfreundlich ggü einem Fremden, argwöhnisch ggü. Fünf Fremden. Das ist ja schon grundsätzlich sinnvoll und positiv. Aufeinander aufzupassen. Das Leben um die Familie, die Arbeit, die Kirche, die Vereine und die immer gleichen Feiertage kreisen zu lassen.

    Gleichzeitig wehe Dir, wenn Du Dich mit dem Babo anlegst. Oder wenn Du etwas bewegen willst, was den „hamma scho immer so gmacht“ Leuten nicht passt. Da hast dann keine Chance, bzw. musst dicke Bretter bohren. Und je nachdem, wie schlimm das wird, kriegst von allen Seiten Druck.

    Wem das alles zu wenig ist, oder wer einfach mehr will, oder wer anders ist, oder wer der Meinung ist, da muss mehr auf der Welt sein, oder wer auf eine Universität geht, der geht weg. In die Stadt. Da gibt’s dann Menschen, Kulturen und Ideen aus aller Herren Länder. Bibliotheken, Restaurants, Veranstaltungen, Konzerte, Museen, internationale Grosskonzerne etc. Dinge, die anders sind. Nicht nur den Neuwirt und den Tag der offenen Tür bei der Feuerwehr.

    • Ja genau, das ist so die Ambivalenz des ländlichen Lebens. Nicht wenige kehren aber, wenn sie es dann mit der Karriere geschafft haben wieder zurück, machen irgendeinen Hofladen, eine Töpferwerkstatt auf, oder schaffen sich hier ihren Rückzugsraum zwischen ihren Jobs.

    • Ich schätze, viele die aufs Land ziehen, suchen das Optimum aus beiden Welten. Die Stadt nicht allzu weit entfernt, vielleicht arbeiten sie sogar dort, das Leben aber im Grünen.

      Ich kenne die Statistik nicht genau, aber ich meine, das spiegelt sich in den Zuzugszahlen wieder. Stadtnahes Landleben unterliegt weniger der Landflucht, als stadtfernes, vermutlich schon allein wegen der Jobsituation.

      • Das wird ja heute etwas weniger drastisch. Homeoffice und Internet bringen die Welt und vor allem Kultur und Bildung näher aufs Land, wenn man das will. Und es genug Bandbreite gibt.

        Aber auf dem Dorf eine Karriere machen? Heute sicher verbreiteter als früher, aber die Zeit, dass die einzigen Menschen mit Uni-Abschluss auf dem Dorf der Pfarrer, der Lehrer und der Arzt waren, sind nicht so lang her.

        • Karriere ist natürlich schwieriger, auch weil man weniger flexibel ist. Ich wohne z.B. auf dem Dorf und pendele nach Karlsruhe, 30 Minuten Fahrzeit mit Auto, wahrscheinlich schneller als jemand, der am anderen Ende der Stadt wohnt… sowas gibt es schon und bei uns nicht so selten. Entfernung so 30 km, schätze ich.

          HomeOffice ist erst mit Corona so richtig in Fahrt gekommen, das wird sicher auch noch einiges verändern. Allerdings ist die Anbindung i.d.R. umso schlechter, je stadtferner, so wie auch der Rest der Infrastruktur. Weit weg von der Stadt muss man sich leisten können und mögen.

          „dass die einzigen Menschen mit Uni-Abschluss auf dem Dorf der Pfarrer, der Lehrer und der Arzt waren, sind nicht so lang her“

          Viele von denen, die heutzutage Uni-Abschlüsse machen, will man ja gar nicht auf dem Dorf haben 🙂

  4. Wer auf dem Land wohnt, weiß wie Windräder aussehen, ist wahrscheinlich auf ein Auto angewiesen, hat mitunter Ahnung von Landwirtschaft – und wählt deshalb nicht grün.

  5. Überwachung sehe ich auch in der Stadt, da allerdings zu links-grün. Ich würde fast behaupten, was Politik angeht, ist man auf dem Land toleranter. Wer in der Stadt falsch wählt bekommt eben von Antifa oder dwr Jugendorganisation einer Partei den Schädel eingeschlagen.

  6. In der Stadt gibt es U-Bahnen. U-Bahnen müssen sich nachts vor Corona verstecken, deswegen hatten wir ja auch Ausgangsverbote. Die U-Bahnen schlafen dann nachts bei den Kobolden, die den Strom im Netz speichern, sodass wir am nächsten Tag wieder Strom haben.

    Auf dem Land gibt es Walderdbeeren. Die kann man nicht essen, man isst nichts vom Boden.

    (Quellen: eine Bundeskanzlerin, eine, die sich das Kanzleramt zutraut, eine Vierjährige)

  7. Wann ist Stadt eine echte Stadt wann ist Dorf ein echtes Dorf?

    Klar gibt es Dörfer da fährt 3x mal am Tag der Bus durch und man benötigt 1h bis zur nächsten Stadt . Es gibt aber auch Dörfer da fährt der Bus alle 30 min und man ist in 20 min in der nächsten größeren Stadt.
    Beides Dorf aber unterschiedliche Lebensrealitäten.
    Und bei Städten ist es doch auch nicht anders, Kleinstadt oder Großstadt kommt auch 2 komplett unterschiedliche Lebensrealitäten.

    Konservativ oder nicht hat mit mehr Dingen zu tun als nur mit Stadt oder Land,
    ich kenne genug ultra Linke die auf dem Land großgeworden sind und Konservative aus der Stadt.

    • Ja, es geht halt um den Durchschnitt. Es ist überall auf der Welt z.B. am Wahlverhalten festzustellen, dass Landbevölkerung tendentiell z.B. anders wählt, als Stadtbevölkerung. Nicht jeder, nicht immer und es gibt Dörfer und Städte, die Ausreißer bilden, aber halt im Durchschnitt.

      „ich kenne genug ultra Linke die auf dem Land großgeworden sind“

      Das ist gar kein Widerspruch, da Verrückte ja oft in der Stadt landen, wo sie mehr ihresgleichen finden 😉

      Man wird nicht zwangsläufig konservativ, wenn man auf dem Dorf auswächst. Rebellierende Jugendliche gibt es überall.

      und Konservative aus der Stadt.“

      Warum auch nicht. Sie bilden dort halt eine der vielen Subkulturen und können damit auch zufrieden sein, sofern die Stadt einigermaßen funktioniert. Oft leben sie in gut geordneten Vorstädten, die eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Dorf haben, hinsichtlich Sicherheit usw. haben aber halt all die Vorteile die eine Stadt mit sich bringen kann.

      • Es ging mir um die links=Stadt / rechts=Land gegenüberstellung die so zu einfach gehalten ist,
        dafür ja die Beispiele.

        Die „Linken“ in der Stadt sind ja auch nicht weniger intollerant als „Rechten“ auf dem Land,
        Die in der Stadt tun nur so als seien sie weltoffener, weil sie ja in der Stadt leben und im „ausländischen Restaurant“ essen gehen und im „ausländischen Supermarkt“ einkaufen. Aber ansonsten sinds die gleichen Spießbürger, statt der Kehrwoche ist bei ihnen dann irgendwas mit Klima/Umwelt.

        • „Die „Linken“ in der Stadt sind ja auch nicht weniger intollerant als „Rechten“ auf dem Land“

          Hat ja auch niemand behauptet, aber die politische Grundausrichtung ist halt eine andere. Statt „rechts“ gegen „links“ ist die Bezeichnung „Somewheres“ gegen „Anywheres“ wahrscheinlich treffender.

          „Aber ansonsten sinds die gleichen Spießbürger“

          Ähm, ja…? Auf was willst du mit deiner Argumentation hinaus? Dass am Ende doch alle gleich sind?

  8. Der Landbewohner ist eher konservativ, der Stadtbewohner eher weniger konservativ.

    Das liegt auch am Altersgefälle zwischen Stadt und Land. Städte bieten jungen Menschen nun mal aufregendere Dinge als das Land und dort gibt es auch Universitäten und somit viele junge Menschen, die zum größten Teil grün wählen. Nicht umsonst sind typische Studentenstädte wie Erlangen, Würzburg, Münster oder Freiburg grüne Hochburgen. Wenn die jungen Menschen dann älter werden und anfangen zu arbeiten, merken sie, dass das Geld irgendwoher kommen muss (und zwar gemeinerweise nun von ihnen) und sie ziehen aufs Land und werden konservativ 🙂

      • Wie kommst du darauf, dass Erlangen eine „grüne Hochburg“ sei?

        Ich habe mir die Ergebnisse der letzten Europawahl angeschaut. Und da sind alle Studentenstädte grün. Auch solche wie Tübingen, Trier, Jena. Diese Ergebnisse müssen natürlich nicht zwingend so bei der BTW rauskommen, da die Wahlbeteiligung der Altersgruppen sicherlich anders sein wird (ich könnte mir vorstellen, dass bei der Europawahl weniger Alte gewählt haben), aber ich finde, dass man den hohen Anteil junger Menschen schon sehr gut an den Ergebnissen erkennen kann.

        Würzburg meinetwegen, aber das ist auch keine typische Studentenstadt.

        Würzburg hat 28.000 Studenten bei 127.000 Einwohnern, Erlangen 26.000 bei 112.000 Einwohnern. Ich finde mehr Studentenstadt geht nicht.

        • Bei den Bundestagswahlen 2017 waren die Anteile der Grünen nicht auffallend hoch.
          Bei den Stadtratswahlen 2020 waren die Grünen in WÜ führend, das stimmt. In ER auch höher als bei der BTW, aber nicht hoch genug, um als „Hochburg“ durchzugehen.

          Dass in WÜ in den letzten Jahren die Studentenzahlen so stark gestiegen sind (bei stagnierender bis sogar leicht rückläufiger Bevölkerungszahl) ist mir offenbar entgangen.

  9. Eventuell ist das das Ergebnis eines Auslese-Prozesses. Wer ganz spezielle Vorlieben hat wird in einem Dorf oder einer Kleinstadt wenige Gleichgesinnte finden. In einer Großstadt gibt es rein statistisch betrachtet mehr Gleichgesinnte.
    Darum ziehen Menschen mit solchen Vorlieben eher in die Großstadt. Darum erhöht sich der relative Anteil dieser Gruppe in der Großstadt-Bevölkerung. Und wer solche Vorlieben hat wird tendentiell auch traditionellen (=konservativen) Lebensmodellen abgeneigt sein.

      • Du wirst als studierter Soziologe auf dem Land eher keinen Job finden, da brauchst du z.B. eine Uni oder Medienhäuser oder sowas in der Nähe (außer du lebst vom Bücher schreiben). Einer der öffentlich auf Punk oder Transtucke macht, wird alles unterhalb der Großstadt meiden, weil er sich selbst überall sonst zum Außenseiter macht, in der Stadt aber Gleichgesinnte findet. Ebenso jemand der auf Hochkultur steht, studieren möchte, in die Politik will usw. vieles geht eben nur in der Stadt (oder wenigstens in Stadtnähe).

      • Schnuppern an gebrauchten Damen-Schlüpfern? Was es ist ist irrelevant. Solange es nur eine kleine Minderheit ausübt ist man in einer kleinen Gruppe (Dorf) alleine.

  10. Als jemand der von der Stadt aufs Land gezogen ist, fällt mir als erstes mein eigener Wandel ein.

    Man wird hinsichtlich Naturromantik(und -panik) sehr viel geerdeter, weil man Natur überall hat, weil sie zum Teil sogar lästig bis bedrohlich werden kann. Als Jugendlicher fand ich es z.B. mal sinnvoll, dass man nicht ohne Antrag einen Baum im eigenen Garten fällen darf (m.W. Kommunalrecht), heute finde ich solche Einschränkungen extrem übergriffig. Der Grund: in der Stadt hat man kaum grün und im Zweifel wird gegen das Risiko (Ast bricht ab) und die Arbeit („Laubvermüllung“) entschieden, was die naturarme Stadt aber noch karger macht und daher die Leute auf die Barrikaden treibt. Auf dem Dorf ist das hingegen kein Problem, zweihundert Meter gehen und man ist im Wald oder zumindest im Grünen, viele haben einen großen Garten am Haus usw.

    Die anderen Unterschiede sind weniger offensichtlich und ich grübele öfter darauf herum. Einer der markantesten Punkte düfte sein, dass die Leute sich zugewandter sind, weil das soziale Umfeld überschaubarer ist, viele kennen sich seit dem Kindergarten und können über jeden aus dem näheren Umfeld irgendeine Geschichte erzählen. Das führt in der Praxis dann dazu, dass man sich immer grüßt, wenn man sich auf der Straße begegnet (auch wenn man den anderen noch nicht kennt), was ich anfangs verstörend fand.

    Das hat weitreichende Implikationen. Sich zu kennen, zu wissen, dass auch über einen selbst Geschichten kursieren, sorgt natürlich für einen gewissen Anpassungsdruck (wobei ich das auch nicht überbewerten würde, ich verhalte mich nicht wesentlich anders als früher) es sorgt aber auch dafür, dass man sich nicht so allein fühlt, es führt dazu, dass man verschiedene Lebensgeschichten kennenlernt und nicht nur abgesondert in seinem Milieu/safe space lebt. Man hilft sich auch lieber, man ist eher in den Vereinen aktiv, weil sie ja dem eigenen Umfeld nutzen und die Kumpels auch dort sind usw. es ist einfach mehr eine lockere Gemeinschaft. Eine lebensnahe Gemeinschaft, während in der Stadt eher „virtuelle“ (wohnortunabhängige) Interessengemeinschaften bestehen.

    Oder anders:
    Der Dörfler bei uns, geht z.B. zur „Hocketse“ des Reitvereins, sitzt einige Stunden beim Bier zusammen und schwatzt währendessen mit allen die er so kennt: dem früheren Kumpel aus der Schule, dem Bürgermeister der zwei Straßen weiter wohnt, der Tochter vom Bauern, weil die gerade Semesterferien hat etc. Der Städter verabredet sich hingegen mit seiner „peer group“ im neuen hippen Biergarten, dort hockt er dann, i.d.R. umgeben von seinem Freundeskreis, bis alle abgefüllt sind und wieder verschwinden. Wen man nicht dabeihaben möchte, den informiert man einfach nicht, Kontakte zu Fremden sind (falls sie stattfinden) normalerweise sporadisch und vorübergehend.

    Im Ggs. zu früher, dringen natürlich trotzdem immer mehr Städter (wie ich) in den ländlichen Raum vor und bringen ihre eigenen Vorstellungen mit. In eine Dorfgemeinschaft reinzuwachsen dauert m.E. Jahrzehnte, d.h. viele bleiben ein Stück weit Fremdkörper.

    Allerdings (und das ist wichtig!) zieht nicht jeder aufs Dorf. Es ist eine bestimmte Clientel, die es dahin treibt. Leute mit Kindern z.B. die denen eine naturnahe Umgebung und ein einigermaßen intaktes soziales Umfeld bieten wollen. Leute denen Karriere nicht so wichtig ist, denn die kann man normalerweise auf dem Dorf schlechter realisieren. Leute die gern Eigentum wollen, sich das in der Stadt aber nicht leisten können. Leute mit bodenständigen Berufen, die auch auf dem Dorf überleben können. Oft Leute, die einen Hang zum Altmodischen und Handwerklichen haben und sich z.B. ein altes Haus sanieren. Leute die keine Angst davor haben, ungünstig von ihren Mitmenschen beurteilt zu werden, weil sie aufrecht und irgendwie durchschnittlich sind. Es sind, sagen wir mal, eher konservative Charaktäre. Konservativ im positiven Sinne, nicht unbedingt die obrigkeitshörige, denkfaule Version, denn zumindest bis vor wenigen Jahren musste man sich noch dafür verteidigen, die tolle, angeblich so hochkulturelle und moderne, Stadt zu verlassen (das ändert sich gerade, wegen der Immo-Preise und den Corona-Einschränkungen).

    All das führt dann halt zu einer ständigen Separierung. Wer zu verrückt fürs Dorf ist, zieht in die Stadt. Wer zu bodenständig für die Stadt ist, zieht aufs Dorf. Und dazwischen viele, die mehr oder weniger unbewusst da leben, wo sie halt gelandet sind. Die einen auf dem Lande, die anderen vielleicht einfach in der Stadt, in der sie halt studiert oder das günstigste Jobangebot gefunden haben.

    • Danke. Dazu noch die Neigung der meisten Menschen, sich einer Mehrheitsmeinung anzuschließen was zu einer Selbstverstärkung des Effektes führt und schon werden die Unterschiede augenfällig.

    • Ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen – und wenn ich mich so zurück erinnere, war’s so, dass ich mehr oder weniger zwangsläufig mit viel unterschiedlicheren Leuten zu tun hatte (Altersgruppe, Ansichten, Bildung, Musikgeschmack etc.) als es nach meinem Umzug zwecks Studium der Fall gewesen ist. Ich denke, dass „Dorfbevölkerung“ deshalb weniger dazu neigt, sich in „Filterblasen“ zu verlieren. An der Uni war’s Ende der 90er geradezu langweilig …

    • „Konservativ im positiven Sinne, nicht unbedingt die obrigkeitshörige.“

      Ich finde es immer interessant das Konservativ schnell mit Obrigkeitshörig in Verbindung gebracht wird und man bei Links immer irgendwie meint die wären Liberal.
      Dabei sind die meisten totalitären Regime und Diktaturen auf diesem Planeten politisch Links.

      Liberal/Totalitär hat nichts mit Links oder Rechts zu tun. das gibts auf beiden Seiten.

      • Vollkommen richtig, den obrigkeitshörigen, von Standesdünkel durchsetzten, eher denkfaulen Konservativen gibt es aber ganz zweifelsohne auch.

        Totalitär ist m.E. auch etwas anderes als obrigkeitshörig. Totalitär heißt eine Ideologie, die alles durchdringt und bei der die Beteiligten sich und ihr Umfeld im Sinne der Ideologie gegenseitig terrorisieren. Da sind Linke definitiv ganz vorne mit dabei, die Grünen holen aber stark auf, die könnten die totalitäre Bewegung dieses Jahrhunderts werden…

  11. In der Stadt sind die wirtschaftlichen Moeglichkeiten einfach viel mehr und viel diverser. Das zieht viele Leute an, die auf dem Land zu nichts zu gebrauchen waeren. Und es zieht auch viele Schmarotzer an, da sie dort nicht so auffallen, wie auf dem Land. Alle groesseren Behoerden sind in den Staedten. Deshalb ist die Systemkonformitaet in der Stadt viel hoeher. Die einen wollen sich was verdienen, die anderen weiterhin gut versorgt werden. Inzwischen ueberwiegt halt die Schmarotzerklasse, auch weil der Weg zum Futtertrog (Aldi, Lidl) kuerzer ist, sowie der Weg zum ‚Amt‘.

    Auf dem Land weiss jeder, wie man sich mit einem Garten und Huehnerstall ueber Wasser halten kann. Die Toleranz fuer die Faulen ist sehr viel geringer.

    • Ich bin auf dem Dorf groß geworden aber da gabs weit und breit keinen Hühnerstall, die Leute hatten Gärten aber mit dem was man da maxima hättel ernten können, wäre keine Familie über den Winter gekommen.

      Manchmal hat man das Gefühl wenn ein Städter Dorf hört denkt er an ein Dorf vor 100 Jahren ohne fließend Wasser und Strom oder an so ne Ansamlung von 3 Bauernhöfen irgendwo im Nirgendwo.

  12. Weil es gerade so schön passt:
    https://www.srf.ch/news/abstimmungen-13-juni-2021/co2-gesetz/abstimmungen-13-juni-co2-gesetz-erleidet-schiffbruch

    „Klar ist: Die Stimmbeteiligung war mit 58.9 Prozent ungewöhnlich hoch. Der Blick auf die Abstimmungskarte bestätigt den Stadt-Land-Graben. In ländlich geprägten Kantonen wurde das CO2-Gesetz geschlossen abgelehnt – und das teilweise deutlich. In urbanen Kantonen sagte die Stimmbevölkerung hingegen Ja, konnte das Resultat aber nicht mehr entscheidend beeinflussen.“

    Der Vorteil direkter Demokratie.

    Bestimmt wird das die antidemokratische Einstellung im urbanen Deutschland weiter bestärken. Geht ja nicht, dass jemand „falsch“ (=nicht in unserem Sinne) abstimmt, man beruft sich da ja auch gerne auf den Brexit… die müssen alle schlecht informiert auf rechte Propaganda reingefallen sein 🙂

    • Wie weiter oben schon vermutet – auf dem Land will kaum einer die Grünen. Weil die eben wissen, wo die Milch herkommt (sieht anders aus als in der „Bärenmarke“-Werbung). Und weil die wissen, was unterdüngte Böden bedeuten. Und weil die wissen, wie es ist, wenn drei Mal am Tag ein Bus fährt.

  13. Die Anonymität in der Stadt würde ich so nicht generell unterschreiben. Natürlich kennt man sich nicht wirklich gegenseitig, aber man ist laufend mit Massen an Leuten konfrontiert, denen man kaum entweichen kann. Untertauchen geht auch nicht, wenn man nicht auffällt. Ist es anonymer von 100 Leuten beobachtet zu werden, die wenig über einen wissen, oder ist es anonymer, niemandem zu begegnen?

    Und Akzeptanz von Anderssein ist ja in Städten auch stark vom Viertel abhängig….

    In kleinen Gemeinden muss man nur wenige überzeugen, um akzeptiert zu werden, in Städten gibt es zu viele, um überhaupt die Chance zu haben.

    Ich will damit nicht sagen, dass Land toleranter und besser ist, sicher nicht, aber dass das ganze komplex ist.

  14. Ich vermute, die geringere soziale Kontrolle in der Großstadt ist die primäre Ursache, weil sich bestimmte Phänomene quer durch die Bildungsschichten ziehen.
    Letztlich beobachtet man das ja sogar auch bei kurzfristigeren Dingen wie beim Urlaub: Wo man nicht von seinem sozialen Stamm-Umfeld beobachtet wird, werden auch die Sitten lockerer.

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