Many Shades of Gender (14): Frauen und Männer sind doch selber schuld, wenn sie Nachteile erleben: Frauen setzen sich nicht genug durch, sie sind nicht so ehrgeizig wie Männer; Frauen verhandeln in Jobs schlechter oder wollen lieber weniger Verantwortung.

Paula-Irene Villa Braslavsky, Genderprofessorin, hat ein FAQ zu Mythen über die Gender Studies erstellt. Ich wollte sie nach und nach hier besprechen:

Heute:

Frauen und Männer sind doch selber schuld, wenn sie Nachteile erleben: Frauen setzen sich nicht genug durch, sie sind nicht so ehrgeizig wie Männer; Frauen verhandeln in Jobs schlechter oder wollen lieber weniger Verantwortung.

Es geht eigentlich weniger um Schuld, sie setzen eher andere Lebensprioritäten. Anders gefasst wäre es: Frauen sind selbst in der Verantwortung das notwendige zu tun, um ein höheres Einkommen zu erzielen. Das umfasst auch, dass sie andere Jobs wählen, eine höhere Priorität auf Status und Gehalt legen und dazu bereit sind Einschnitte in ihrem sonstigen, nicht berufsbezogenen Leben hinzunehmen. Sie müssen dazu lernen bzw bereit sein, sich eher durchzusetzen, sie müssen mit einem höheren Gewicht auf bessere Bezahlung verhandeln und im gleichen Maße bereit sein, Verantwortung mit dem daraus folgenden höheren Zeiteinsatz zu übernehmen. Dann würde es allerdings nicht mehr so sehr wie eine Anschuldigung klingen.

Von den Gesellschaftswissenschaften des 20. Jahrhunderts können wir lernen, dass die Zuweisung von Schuld oder Selbstverantwortung an das einzelne Individuum ein häufig genutztes Argument ist. Zur modernen Individualisierung gehört eben auch, dass Menschen – aus guten Gründen – persönliche Verantwortung für Geschehnisse zugerechnet wird, die jedoch nicht oder nur sehr bedingt in ihrer Kontrolle liegen.

Wie etwa Männern das Patriarchat. Aber wenn der Feminismus anführt, dass die Gruppe der Frauen benachteiligt wird, dann kann man auch anführen, dass die Gruppe der Frauen im Schnitt auch bestimmte Sachen ändern müsste, wenn sie ein höheres Gehalt haben will. Das ist an sich noch keine Zuweisung von eigener Verantwortung, wobei das grundsätzlich auch nichts verkehrtes sein muss. Letztendlich ist eine Gruppe immer ein Kollektiv von Einzelwesen und wenn besonders viele Einzelwesen bestimmte Entscheidungen treffen, dann steht die Gruppe eben schlechter oder besser (in einem Bereich) dar.

Arbeitslosen, zu Dicken, zu Dünnen, Alleinerziehenden, zu viel arbeitenden Menschen mit zu wenig Work-Life-Balance, armen Menschen und vielen anderen Gruppen wird gesellschaftlich ein “Selbst schuld!” zugerufen. Oft aber sind es wesentlich äußere Umstände – soziale Strukturen oder biologische Konstitution -, die Menschen in eine soziale Position oder ein ‘So-Sein’ bringen. So zeigt die Forschung, dass das Körpergewicht nur bedingt, wenn überhaupt, allein durch eigenes Tun kontrollierbar ist. Auch die ‘Vereinbarkeit’ von Job und Familie kann nicht von einer Mutter oder einem Vater allein, autonom gestaltet werden: Öffnungszeiten, Arbeitgeber, räumliche Umstände, Bedürfnisse des Kindes usw. spielen alle (auch) eine Rolle.

Interessante Abwehr, die etwas verschleiert, dass die gegenwärtigen Gender Studies ja nur gesellschaftliche Einflüsse annehmen und dahinter jeden individuellen Unterschied, der sich im Schnitt der Gruppe auswirkt, leugnen. Und auch bei der Überprüfung verschiedenster Faktoren oft nicht einsteigen, sondern schlicht „Sexismus und Diskriminierung“ als Grund genügen lassen.

Aus Perspektive der Soziologie ist die Individualisierung von Verantwortung nicht sehr überzeugend, da diese zeigen kann, dass und wie wir alle unser Leben zwar eigenverantwortlich aber geprägt durch einen gesellschaftlich vorgegebenen Rahmen leben.

Aus Perspektive der Soziologie ist auch das Herunterbrechen auf nur ein einziges Merkmal ohne nähere Aufschlüsselung weiterer Faktoren nicht überzeugend, aber die Gender Studies machen es trotzdem. Aber es geht hier ja auch gar nicht um die Individualisierung von Verantwortung, dass ist ein Strohmann. Denn das Argument ist ja, dass Frauen an sich, als Gruppe, etwas ändern müssen bei dem Tun ihrer Mitglieder, wenn sie einen bestimmten Erfolg für die Gruppe haben wollen. Sie können natürlich auch alles so lassen, aber dann ist es, wenn die Gruppe, mit er sie sich vergleichen, mehr in einem Bereich macht, eben nicht zu erwarten, dass sie mit dieser gleichziehen.

Es ist aber schon interessant, dass hier anscheinend Verantwortung für etwas, was man erreichen will, alles etwas negatives, unseriöses, dargestellt wird.

Ob und wie wir Karriere machen, ob und wie wir uns Familie vorstellen und verwirklichen können, ob und wie wir wohnen, das ist nicht einfach Ergebnis einer individuellen Entscheidung sondern einer viel komplizierteren Rechnung mit vielen Variablen.

Ach schau an. Werden irgendwelche dieser Variablen nach ihrer Betrachtung andere sein als „das Patriarchat“?

Tatsächlich also sind individuelle Entscheidungen und Aspekte der Lebensgestaltung eine Mischung von sozialen Strukturen und individuellen Handlungsmöglichkeiten innerhalb dieser Strukturen.

Und warum sollte man dann nicht darauf verweisen können, dass derjenige sich zum einen aus den Strukturen befreien kann bzw die Gruppe darauf hinarbeiten muss dies zu tun und seine individuellen Handlungsmöglichkeiten nutzen muss?

Genauso verhält es sich ja auch aus der Perspektive der Biologie: Lebensführung ist nicht unabhängig von bestimmten materiellen, etwa körperlicher, Grundlagen und Möglichkeiten gestaltbar. Welche das genau sind, und wie sie wirken, das ist eine Forschungsfrage, die mitnichten eindeutig beantwortet ist.

Lustigerweise ist sie ja für die Gender Studies vollkommen eindeutig beantwortet. Insoweit eine recht verlogene Antwort.

Fragen wie die Folgenden sind überindividuell und in der Zeit verändern sich die gesellschaftlich gegebenen Antworten:
Ist ein Studium für einen Menschen aus meiner sozialen Schicht bezahlbar?

Die Antwort ist in Deutschland: Ja, dank Bafög. Aber tatsächlich spielt das in einer Geschlechterdebatte keine Rolle, denn Frauen studieren ja sogar häufiger als Männer und ein Physikstudium ist nicht teurer als ein Lehramtsstudium.

Gibt es Betreuungsmöglichkeiten für mein Kind bzw. können wir es uns als Familie leisten, von einem Gehalt zu leben?

Oder: Suche ich mir einen Partner, der mein Kind betreut damit ich Karriere machen kann? Welchen Beruf kann ich einschlagen, damit mein Partner dann aussetzen kann und mir den Rücken freihält für eine Beziehung? Wenn ich einen Beruf im öffentlichen Dienst habe mit höher Sicherheit und guten Möglichkeiten auszusetzen und suche mir einen Partner, der Selbständig ist und es sich nicht erlauben kann länger auszusetzen, weil dann sein Betrieb leidet, wer wird dann wohl eher aussetzen?

Soll ich mich auf diese Stelle bewerben, die in einer anderen Stadt liegt?

Bin ich bereit mein Kind und meinen Partner weitaus weniger zu sehen, innerhalb der Woche vielleicht sogar nur in einem kleinen Appartment zu schlafen, und dafür meine Karrierechancen zu erhöhen und damit mehr Geld für meine Familie zu verdienen?

Eine von vielen Variablen in den Rechnungen ist das Geschlecht.

Richtig ist, dass die Antworten auf diese Fragen nach Geschlecht nach Geschlecht variieren. Das wiederum bedeutet aber nicht, dass Frauen ihr Verhalten nicht umstellen können und diese Fragen nicht auch, wenn sie ihr Leben anders ausrichten, anders entscheiden können.
Ob jemand mit einem bestimmten Merkmal eher für einen bestimmten Weg entscheidet ist etwas ganz anderes als die Frage, ob er sich nicht auch anders entscheiden kann. Und natürlich kann es dann auch Bequemlichkeit oder die Setzung anderer Prioritäten sein, die ihm die andere Entscheidung logischer erscheinen lassen. Das bedeutet nicht, dass man ihm dann nicht vorhalten kann, dass er dann auch mit den Konsequenzen dieser Abwägung leben muss.

So war es für Frauen bis vor wenigen Jahrzehnten nur möglich, außer Haus zu arbeiten, wenn sie Single waren oder der Ehemann der Erwerbsbarbeit zustimmte.

Das ist nicht zutreffend, dazu hatte ich hier bereits einen Artikel

Historisch etwas früher stritten sich Wissenschaftler, ob ein Studium die Fortpflanzungsfähigkeit von Frauen gefährde.

Historisch. Heute studieren mehr Frauen als Männer.

Und bis heute zeigen Forschungen, dass bei Paaren, die sich den Haushalt teilen wollen, nach Geburt eines Kindes oft eine Verschiebung in Richtung der Frau eintritt – obwohl die Partner das beide nicht so geplant haben.

Auch das ist nicht per se erzwungen. Es ist sicherlich so, dass beide das Problem unterschätzen können, aber auch dann könnten Frauen ihr Leben natürlich eher darauf ausrichten, dass sie diejenigen sind, die dann weiterarbeiten.

Selbst wenn man aber annimmt, dass Frauen da in gesellschaftlichen Zwängen sind müsste das ebenso für Männer gelten. Da sieht man dann aber in den Gender Studies eine Pflicht nicht nur sein Verhalten zu ändern, sondern das Verhalten der gesamten Männer. Plötzlich ist nicht nur individuelle Verantwortung dar, sondern Verantwortung des Einzelnen für die Gruppe. Allein das macht deutlich, dass man hier mit einem Strohmann arbeitet.

Viele Studien zu Berufen und Karrieren zeigen auch, wie gleiches Verhalten, gleiche Kompetenzen, gleiche Erfahrung usw. bei Männern und Frauen bei Stellenbesetzungen durchaus unterschiedliche wahrgenommen werden. Es gibt – nicht immer und nicht zwingend, aber eben doch vielfach und in relevanter Weise – einen ‘implicit gender bias’ (auf Geschlecht basierende implizite Vorurteile) in Organisationen, auf Arbeitsmärkten usw.

Die „Bias“ Studien“ haben selbst einen ganz erheblichen Bias zugunsten von Frauen. 

Andere Studien zeigen sogar eher, dass Frauen eher genommen werden. 

Wenn also Frauen im statistischen Vergleich “weniger Verantwortung wollen” oder weniger Wert auf ihre Entlohnung legen als Männer, dann ist es aus Sicht einer Genderperspektive wahrscheinlich, dass geschlechtsspezifische gesellschaftliche Erwartungen hier hineinspielen.

Und das kann ebenso daran liegen, dass es biologische Unterschiede vorliegen, aus denen heraus Frauen weitaus weniger an Geld und Status interessiert sind.
Das wäre aufgrund sexueller Selektion sogar bei einer Spezies mit einer stärkeren Hierarchie bei den Männchen zu erwarten. Ebenso bei einer Spezies mit enorm hohen Trage- und Aufziehungskosten und einer Tendenz zur Paarbindung und einer aktiven Vaterschaft.

Das gilt selbstverständlich auch für Väter, die das Ernährermodell auch dann noch im Hinterkopf haben können, wenn eigentlich beide Partner arbeiten und sie dadurch entlastet wären. Tatsächlich vollzieht sich Lebensgestaltung vielfach hinter dem Rücken der betroffenen Personen; nicht aus Dummheit, nicht aus Verantwortungslosigkeit und auch nicht aus Bösartigkeit. Sondern, weil das Ineinandergreifen von Geschichte und Traditionen, Recht und Institutionen, Identität und biographische Wünsche, Arbeitsmärkte und private Familienarrangements das bedingen. Dass es auch anders geht, ist damit ja überhaupt nicht ausgeschlossen.

Eben. Das es anders geht wäre damit nicht ausgeschlossen, wenn man es rein gesellschaftlich begründet sieht. Aber dann müssten eben Frauen ihr Verhalten ändern. Sie wären dafür verantwortlich, dass sie ihre Lage in dem Sektor Karriere und Gehalt verändern, auf Kosten anderer Bereiche.

Zum Weiterlesen: 

Die Studie ist eine Research Note. Die Darstellung der Studienlage bei dieser Studie einer Peer-reviewten Fachzeitschrift war aus meiner Sicht wesentlich umfangreicher und nicht nur in eine Richtung gehend