Selbermach Mittwoch 315 (14.04.2021)

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Many Shades of Gender (13): Was sollen diese ganzen Schreib- und Sprechverbote und -gebote, wie z.B. Sternchen, Unterstrich usw.?

Paula-Irene Villa Braslavsky, Genderprofessorin, hat ein FAQ zu Mythen über die Gender Studies erstellt. Ich wollte sie nach und nach hier besprechen:

Heute:

Was sollen diese ganzen Schreib- und Sprechverbote und -gebote, wie z.B. Sternchen, Unterstrich usw.? Das nervt, verhunzt die Sprache, bringt nichts und ändert auch gar nichts an bestehenden Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern.

Das ist zumindest etwas, was auch schon bei der letzten Frage eine Rolle gespielt hat.

Niemand in den Gender Studies würde behaupten, dass Sternchen oder Unterstriche alle Geschlechterungleichheiten beseitigen. Auch sagt niemand, dass dies das einzige oder gar wichtigste Problem sei. Allerdings weisen viele Studien schon lange und immer wieder neu durchaus darauf hin, dass Sprache unsere Wirklichkeit mit-bestimmt. Sprache, Worte, Begriffe, auch Grammatik rahmen unsere Wahrnehmung und machen die Welt in einer bestimmten Weise erfahrbar. In Bezug auf Geschlecht gibt es Studien die zeigen, dass die männlichen Allgemeinformen (Arzt, Lehrer, Professor, Schüler …) das, worum es jeweils geht, als tendenziell männlich prägen. Das ist nicht alles-entscheidend, schließlich gibt es ja trotzdem Lehrerinnen, Ärztinnen, Professorinnen und Schülerinnen. Aber die gewissermaßen idealtypische Person eines solchen Konzepts wird eher männlich gedacht, die männliche Form ist also die Norm. Daher gibt es seit vielen Jahrzehnten Versuche, andere Geschlechter auch sprachlich abzubilden – was der empirischen Wirklichkeit auch eher entspräche. Dazu gibt es in den Gender Studies viel Forschung, und auch unterschiedliche Ansätze sowie Praxen im eigenen Schreiben, Lehren und Forschen. 

Da nennt sie leider die Studien, auf die sie Bezug nimmt, nicht. Mal sehen was noch unten kommt. „Die männliche Person als Norm“ halte ich auch für kein sehr starkes Argument, wenn man bedenkt, dass Länder mit neutraleren Sprachen auch nicht emanzipierter sein müssen. 

so ist auch die angemessene Adressierung als Person, z.B. für Menschen, die sich nicht in der binären weiblich/männlich-Form verorten, selbstverständlich wichtig und ein simpler Akt der Anerkennung und der Höflichkeit.

Nur das es davon eben sehr wenige gibt was die Entwicklung eines entsprechenden Sprachgebrauchs stark erschwert. 

Im Übrigen ist ein bewusster Umgang mit den Vergeschlechtlichungen in der Sprache im Allgemeinen und in der Grammatikalisierung im Besonderen weder besonders kompliziert noch verhunzt es zwingend die Sprache bzw. das Sprechen. Es fordert aber die Phantasie heraus. Es gibt Schlimmeres. 😉

Es einfach zu Behaupten ist kein Argument. Es ist auch keine Entkräftung. Man könnte weit eher behaupten, dass alles, wozu man seine Phantasie benötigt komplizierter als etwas, bei dem man keine Phantasie braucht. „Es gibt Schlimmeres“ ist auch kein Argumen, es ist vielmehr indirekt eine Bestätigung, dass es zumindest eine gewisse Erschwernis ist. Es wird um so schwieriger, wenn immer wieder bisherige Vorschläge als nicht inklusiv genug angesehen werden und deswegen nachgebessert werden müssen. 

Sprech- und Sprachverbote zum Beispiel. Damit haben die Gender Studies nicht viel im Sinn. Wo sie einem, pardon einer, doch begegnen: ansprechen und klären.

„Mit Sprech- und Sprachverboten haben Gender Studies nichts im Sinn“ ist eine irgendwie kontextlose Aussage. Meint sie damit, dass keiner in den Gender Studies das Gendern vorschreiben will? Da unterschätzt sie wohl eher den Fanatismus vieler dort, die das sehr wohl gerne machen würden, wenn sie könnten. 

Ganz wichtig noch: Vorschläge zur Sichtbarmachung von Geschlechtervielfalt verstehen sich als inklusive Praxis und sind im Einklang mit dem Urteil des BVerG zum Schutz des allgemeinen Persönlichkeitsrechts, welches bestehende zweigeschlechtliche Sprachnormen als diskriminierend verurteilt: https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2017/bvg17-095.html 

Tatsächlich enthält der Text dort nichts zu zweigeschlechtlichen Sprachnormen, schon gar nicht für Privatpersonen. Auch hier eher ein Scheinargument. 

Zum Zusammenhang von Sprache und Geschlecht:

Der Abstract:

Zusammenfassung
Wer die auf Geistes- und Sozialwissenschaften basierende Literatur aus dem Kanon der Geschlechtertheorie betrachtet, erhält den Eindruck, dass die Psychologie innerhalb dieses Forschungsbereichs keine tragende Rolle spielt. Ein möglicher Grund für die fehlende Integration psychologischer Forschung scheint ihr Zugriff auf quantitative empirische Methoden zu sein, ein Ansatz, der für die naturwissenschaftlich orientierte psychologische Forschung zentral ist. In diesem Artikel wollen wir eine Lanze brechen für eine geschlechter theoretisch informierte quantitative Experimentalpsychologie. Anhand unseres Forschungsgebietes Psychologie der Sprache illustrieren wir, an welchen Punkten die neueren behavioralen und neurowissenschaftlichen Methoden einen Beitrag leisten können und wie sie Erkenntnisse aus der qualitativen Genderforschung komplementieren. Der erste Teil befasst sich mit aktuellen Studien, die unter anderem mit Reaktionszeitmessungen und evozierten Potenzialen zeigen, wie stark Genderstereotypien in der Semantik verankert sind. Der zweite Teil
thematisiert neuere Befunde aus der Neurobildgebung, die Geschlechtsunterschiede in der Lateralisierung von Sprachverarbeitung
infrage stellen. Abschließend skizzieren wir neuere Forschungsansätze und plädieren für eine transdiziplinäre Kombination von qualitativen und quantitativen Methoden.

Aus dem Text:

Lust auf einen kleinen Selbsttest? Hier die Geschichte: Vater und Sohn sind im Auto unterwegs und werden in einen schweren Autounfall verwickelt. Der Vater stirbt noch auf dem Weg ins Krankenhaus. Der Sohn wird, kaum im Krankenhaus angekommen, in den Notfall-Operationssaal gefahren, wo schon die Dienst habenden Chirurgen warten. Als sie sich jedoch über den Jungen beugen, sagt jemand vom Chirurgenteam mit erschrockener Stimme: »Ich kann nicht operieren – das ist mein Sohn.«

Legt man diesen Text Studierenden vor, wenden die häufig spontan ein: »Moment mal – der Vater ist doch tot. Wieso steht der jetzt plötzlich als Chirurg im OP? Ist der andere gar nicht sein leiblicher Vater?« Erst im zweiten Denkschritt ist die Lösung klar: Es gibt mindestens eine Chirurgin im Team, die Mutter des Jungen.

Das ist ja in der Tat ein Klassiker. Aber gerade bei Ärzten sieht man auch gut: Es hat Frauen in keiner Weise abgehalten Medizin zu studieren. Inzwischen studieren mehr Frauen Medizin als Männer. Sie werden zwar seltener Chirurgen, aber dafür lieber Kinderärzte. Dabei werden beide Bereiche gleich gegendert. 

Auch daraus einfach mal ein Zitat vom Anfang der zweiten Seite, auf die hier verlinkt ist:

Nun gibt es hiervon berühmte Ausnahmen: das Mädchen, das Fräulein, das Weib, die Schwuchtel, die Memme, der Vamp. Sie werden oft bemüht, um diesen Genus-Sexus-Zusammenhang zu widerlegen. Schaut man jedoch genauer hin, dann bestätigen sie diesen Zusammenhang sogar auf geradezu frappierende Weise: Sie markieren nicht das Geschlecht, sondern Geschlechterrollen, also die sozialen Erwartungen daran, wie sich die Geschlechter zu verhalten haben. Bei all diesen „Ausnahmen“ handelt es sich nämlich um gesellschaftlich missbilligte Verstöße gegen Geschlechtsrollen. Die betreffenden Personen werden aus ihrer „richtigen“ Genusklasse verbannt, weil sie sich „falsch“ verhalten, der soziale Verstoß wird durch einen grammatischen geahndet. Das betrifft zum einen homosexuelle Männer, die aus Sicht einer solchen Gesellschaft dasjenige Geschlecht begehren, das „normalerweise“ Frauen begehren. Deswegen stehen ihre Bezeichnungen häufig im Femininum (die Schwuchtel, die Tunte, die Tucke). Der feige Mann wird durch die Memme ausgestellt. Umgekehrt geriert sich der Vamp im Maskulinum durch die Macht über Männer „wie ein Mann“.

Im Neutrum werden hingegen verachtete, abstoßende Frauen (das Weib, das Luder) bezeichnet, zum anderen noch nicht „voll entwickelte“, also in der alten Geschlechterordnung solche, die noch unverheiratet sind: das Dirndl, das Wicht, das Fräulein, das Girl. Jungen erscheinen von Anfang an, auch in den Dialekten, im maskulinen Genus: der Kerl, der Bub, der Junge. Mehr noch: Verkleinerte Männernamen wie Peterle scheuen in vielen Dialekten das Neutrum, indem sie trotz ihrer Diminutivendung im Maskulinum verbleiben (der Peterle). Umgekehrt bekommen Mädchen und Frauen sehr viel häufiger und oft auch lebenslang diminuierte Namen, die immer im Neutrum stehen (’s Annele).

Das ist eben auch eher eine Herleitung als der Nachweis, dass deswegen „Das Mädchen“ für den Verwender weniger Wert ist als „der Junge“. Grammatik mag einen geschichtlichen Hintergrund haben, aber das Bedeutet nicht das die dahinterstehende Bedeutung erhalten bleibt. Ein grammatisches Geschlecht ist für uns häufig zufällig ohne das wir damit wirklich etwas geschlechtliches Verbinden. Im französischen ist die Sonne beispielsweise männlich, im deutschen weiblich. Sieht man deswegen die Sonne in einem anderen Geschlecht? 

Stefanowitsch ist hier vielleicht dem ein oder anderen bekannt. Er bespricht diese Studie:

Many countries face the problem of skill shortage in traditionally male occupations. Individuals’development of vocational interests and employment goals starts as early as in middle childhood and is strongly influenced by perceptions of job accessibility (status and difficulty) and self-efficacy beliefs. In this study, we tested a linguistic intervention to strengthen children’s self-efficacy toward stereotypically male occupations. Two classroom experiments with 591 primary school students from two different linguistic backgrounds (Dutch or German) showed that the presentation of occupational titles in pair forms (e.g., Ingenieurinnen und Ingenieure, female and male engineers), rather than in generic masculine forms (Ingenieure, plural for engineers), boosted children’s self-efficacy with regard to traditionally male occupations, with the effect fully being mediated by perceptions that the jobs are not as difficult as gender stereotypes suggest. The discussion focuses on linguistic interventions as a means to increase children’s self-efficacy toward traditionally male occupations.

Yes I Can! Effects of Gender Fair Job Descriptions on Children’s Perceptions of Job Status, Job Difficulty, and Vocational Self-Efficacy

Da findet sich diese Grafik:

Von 3,85 auf 3,71 und von 3,76 auf 3,69 ist jetzt kein sehr großer Unterschied, der in der Grafik auch gleich mal stark verfälscht dargestellt wird. Würde man eine saubere Y-achse haben würde auffallen, dass der Unterschied nicht sehr groß ist. 

Das scheint sich mir auch hier zu bestätigen:

Dieser Link bespricht genau die gleiche Studie.