Sexlosigkeit nimmt zu: Was sind die Gründe

Eine Grafik macht gegenwärtig die Runde, die beispielsweise auch in diesem Tweet enthalten war:

Zu berücksichtigen ist zunächst, dass es um Zahlen aus den USA geht. Zahlen aus Deutschland sind mir nicht bekannt.

Da sieht man einmal eine Grafik nur für Männer und dann die Grafik für Männer und Frauen. Es geht jeweils darum, wie viele Männer und Frauen zwischen 18 und 30 angegeben haben, dass sie keinen Sex im dem letzten Jahr hatten bzw in der Grafik nur für Männer darum, welche in dem Zeitraum zwischen 18 und 30 gar keinen Sex hatten.

Insofern ist die Angabe „Männliche Jungfräulichkeit steigt“ nicht ganz abgesichert, denn die Jungs könnten natürlich zum einen vorher Sex gehabt haben bzw wurden auch 19 und 20 jährige gefragt, die dann ja nur ein oder zwei Jahre keinen Sex gehabt haben müssten

Im Ganzen allerdings zeigt es gerade bei Männern einen deutlichen Anstieg der Sexlosigkeit. Das könnte man bei einem Anstieg über einen sehr langen Zeitraum damit begründen, dass früher eben früher geheiratet wurde und damit eine Sexlosigkeit seltener war. Aber das erklärt nicht den rasanten Anstieg ab 2008.

Ein Artikel greift das auf:

Wächst eine Generation von Sexmuffeln heran? Zumindest in den USA scheint das der Fall zu sein. Junge Amerikaner im Alter zwischen 20 und 30 Jahren haben einer aktuellen Erhebung zufolge weniger Sex als Gleichaltrige in früheren Jahrzehnten. Das belegen Zahlen des General Social Survey, die kürzlich in der „Washington Post“ veröffentlicht wurden.

2018 hat demnach die Zahl der Menschen, die keinen Sex haben, einen Höhepunkt erreicht. Das überraschende daran: Es sind vor allem junge Männer in ihren 20ern, die enthaltsam leben

Sexstudie: Große Unterschiede zwischen jungen Männern und Frauen

Die Langzeitstudie kommt zu dem Ergebnis, dass fast jeder Vierte (23 Prozent) der 18 bis 29-Jährigen im vergangenen Jahr überhaupt keinen Sex hatte. Vor zehn Jahren lag der Durchschnittswert noch bei 19 Prozent, 1989 waren es sogar nur 14 Prozent.

Noch größer werden die Unterschiede zwischen jungen Männern und Frauen: Besonders junge Männer, rund 28 Prozent der 18- bis 30-Jährigen, gaben an, das vergangene Jahr sexlos verbracht zu haben. Dasselbe berichteten aber nur 18 Prozent der gleichaltrigen Frauen. In der Gruppe der 30 bis 39-Jährigen beiden Geschlechts wiederum gaben nur sieben Prozent der Befragten an, ein Jahr lang keinen Sex habt zu haben.

Die Steigerung bei den Älteren, also 30-39, ist interessant, es ist eben ein Alter in dem man eher verheiratet ist.

Es ist kompliziert: Das sind die Gründe für die Enthaltsamkeit

Psychologin Jean Twenge deutet die Zahlen so: Junge Amerikaner würden sich immer später fest an einen Partner binden. Außerdem würden immer mehr junge Amerikaner zu Hause bei Ihren Eltern leben, was ihre Möglichkeiten, sexuell aktiv zu sein, erheblich einschränke, so die Psychologieprofessorin der San Diego State University zu den Ergebnissen. Auch Arbeitslosigkeit spiele eine Rolle. Wer keine Arbeit habe, lebe auch seltener in einer festen Beziehung.

Also die Faktoren in den USA:

  • Spätere Bindung
  • bei den Eltern leben
  • Arbeitslosigkeit

Wäre interessant ob das in Deutschland auch entsprechende Faktoren sind, die in diesem Zeitraum vorliegen

Sexualtherapeut Friedhelm Schwiderski aus Hamburg hat eine andere Sicht auf die Studie: „Sexlosigkeit muss man differenzieren. In dieser Erhebung wird beispielsweise nur der sexuelle Kontakt mit anderen Menschen erhoben.“ Selbstbefriedigung und Pornografie – besonders verbreitet und zugänglich durch das Internet – würden hier ausgeklammert, kritisiert der Sexualtherapeut. Und ist sich sicher, dass gerade junge Männer sehr viel im Internet unterwegs sind und sich dort intensiv mit Pornos, Cyber Sex und anderen Angeboten beschäftigen. „Das Angebot ist riesig. Sex verlagert sich in die virtuelle Welt“, meint Schwiderski.

Also Ausweichbefriedigung. Wer Pornos hat der hat eine Ausflucht und macht weniger um an tatsächlichen Sex zu kommen?

Junge Frauen haben Ansprüche – Männer flüchten sich ins Internet

Dazu komme, dass junge Frauen heute viel selbstbewusster und klarer signalisieren, was sie sich im Bett wünschen – und das auch einfordern. Das verunsichert junge, unerfahrenere Männer und sie flüchten in das sehr platte und einfache Sex-Angebot im Internet. „Wenn man sich Pornos im Internet anschaut, steckt keine emotionale Anforderung dahinter“, erklärt der Experte und ergänzt: „Frauen werden in den meisten Pornofilmen als sehr willige Wesen dargestellt, die den Mann in seiner Dominanz bestätigen und den Zuschauer nicht mit ihren eigenen Bedürfnissen konfrontieren.“

ich glaube nicht, dass es Männer abschreckt, was sich Frauen im Bett wünschen. So ausgefallen sind die Wünsche der Frauen da nicht. Das eine Flucht ins Internet Probleme mit sich bringen kann könnte eher daran liegen, dass jemand, der den ganzen Tag zB Computerspiele spielt eben kaum eine Frau treffen wird, was die Chance auf Sex stark reduziert. Insofern könnte die Flucht in die virtuelle Welt dazu führen, dass man einfach weniger Gelegenheiten hat.
Ein anderer Punkt könnte sein, dass die Gesellschaft auch anonymer geworden ist. Wer in eine große Stadt zieht, der hat vielleicht schlicht ein geringeres Umfeld und weniger Leute die er kennenlernt als jemand der in seinem ursprünglichen Bereich verbleibt.

Gerne angeführt wird auch, dass eben die Frauen über die höhere Anonymität des Internets eher die Auswahl haben und damit ein Großteil des Sexes eher bei bestimmten Männern landet und sich nicht mehr so stark verteilt.

Lassen sich diese Ergebnisse auf Deutschland übertragen?

Hierzulande gibt es keine vergleichbare Erhebung. Die Ergebnisse einer repräsentativen Befragung mit dem Titel „Sexualverhalten in Deutschland“, die 2017 im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht wurde, scheint der US-Studie eher zu widersprechen. Dort ist gerade die Gruppe der 25- bis 29-jährigen sexuell am aktivsten.

Dort gaben Männer an, im Schnitt 60 Mal Vaginalverkehr pro Jahr zu haben – im Schnitt also 1,2 Mal pro Woche. Frauen hatten im Durchschnitt 47 Mal Vaginalverkehr – also 0,9 Mal pro Woche. Mit dem Alter sinkt die Häufigkeit: Männer im Alter von 50 bis 59 Jahren haben laut der Untersuchung 34 Mal pro Jahr Sex mit einer Partnerin, Frauen im selben Alter 22 Mal. Auch diese Studie lässt einige Faktoren unbeleuchtet, so Schwiderski. Andere Praktiken des Sexualverkehrs, Selbstbefriedigung und Pornokonsum werden auch hier ausgeklammert. Er wisse aus seinem Arbeitsalltag als Sexualtherapeut, dass es in vielen Partnerschaften ein Thema ist, wie der Mann sexuell auf die Frau eingeht, ob er viel im Internet unterwegs ist und sich die Frau davon bedroht fühlt.

Die Zahlen scheinen also so auf Deutschland gar nicht unbedingt zuzutreffen. Allerdings finden sich dort auch keine direkten Angaben dazu, wie viel Prozent in welchen Alter keinen Sex hatten oder wie lange sie zwischen 18 und 30 keinen Sex hatten

Sexlosigkeit ist kein Problem allein von Singles

Sexlosigkeit ist deshalb nicht nur bei Singles ein Problem. Auch in einer festen Partnerschaft ist es ein verbreitetes Phänomen, weiß der Therapeut aus seiner Praxis: „Mein Eindruck ist, dass es bei sexuellen Problemen in der Beziehung fast nie um Sex geht, sondern mehr um das Miteinander in der Partnerschaft.“ Alle erdenklichen Spannungen oder Schwierigkeiten könnten eine Auswirkung auf die Erotik haben.

Zu wenig Sex kann es natürlich auch innerhalb von Partnerschaften geben, wobei Null Sex im Jahr in den wenigsten vorkommen dürfte.

Es klingt damit etwas so als wäre es eher ein amerikanisches Problem als ein deutsches. Was ja auch interessant für eine Diskussion über die Unterschiede wäre. Ansätze wären die höhere Religiösität der USA, die strengeren Ansätze bei sexueller Belästigung, die ein Flirten stark erschweren etc