Ist der Umstand, welches Geschlecht eher den Scheidungsantrag stellt, sehr aussagekräftig?

In verschiedensten Diskussionen wurde schon angeführt, dass Frauen eher, teilweise in 70% der Fälle, den Scheidungsantrag stellen sollen. Meist ohne Quellenangabe, wer die Quelle hat mag sie bitte in den Kommentaren ergänzen.

Daraus wird dann auch mitunter abgeleitet, dass die Frauen eher von der Scheidung profitieren oder jedenfalls auch die Trennung eher veranlasst haben oder weniger an der Beziehung hangen.

Das ist aber aus meiner Sicht gar nicht so leicht daraus herzuleiten, jedenfalls für das deutsche System.

Denn in Deutschland kann die Scheidung erst beantragt werden, wenn das Trennungsjahr abgelaufen ist oder jedenfalls kurz vor dem Ablaufen ist. Demnach spielt sich das ganze etwa ein Jahr nach der eigentlichen Trennung ab und natürlich kann bis dahin auch derjenige, der die Scheidung nicht wollte die Trennung akzeptiert haben oder sie inzwischen sogar dringender wollen als der andere.

Von den rechtlichen Vorteilen her sollte theoretisch derjenige, der mehr Geld verdient oder weiterhin Vermögen aufbaut so schnell wie möglich die Scheidung beantragen. Denn der Versorgungsausgleich wird bis und einschließlich zu dem Monat durchgeführt, in dem die Scheidung der anderen Seite zugestellt wird. Auch der Zugewinn wird bis zu diesem Zeitpunkt berechnet. Zudem ist der nacheheliche Unterhalt üblicherweise auch leichter anzugreifen und zu begrenzen als der Trennungsuntershalt, so dass auch dort Vorteile eines frühen Antrags bestehen.

Derjenige, der weniger verdient, häufiger die Frau, kann also sofern nicht ein Vermögensverfall droht ruhig abwarten und die Versorgungsbezüge des anderen mitnehmen und eine längere Ehedauer haben, die sich dann auf die Länge des nachehelichen Unterhalts auswirkt.

Es kann aber dennoch auch Gründe dafür geben, dass man auch wenn man die Trennung bedauert und nicht initiiert oder „verschuldet“ hat und auch wenn es bei wirtschaftlicher Betrachtung so gesehen besser wäre zu warten die Scheidung beantragt. Ich liste einfach mal ein paar ohne Anspruch auf Vollständigkeit auf:

  • Beide Eheleute wollen sich scheiden lassen, und zwar ganz einvernehmlich. Sie gehen zu einem Anwalt, der ihnen mitteilt, dass er nur einen von ihnen beiden vertreten kann, man aber die Scheidung unproblematisch einvernehmlich abwickeln kann. Über die Folgesachen sind sich die Eheleute auch einig, sie wollen nur geschieden werden´, und zwar so billig wie möglich. Der Rechtsanwalt schlägt vor, dass er die Scheidung im Namen der Frau einreicht, weil diese aufgrund ihres Gehalts Verfahrenskostenhilfe ohne Ratenzahlung erhalten wird (und auch die nächsten 4 Jahre keinen großen Gehaltszuwachs erfahren wird, wegen der Betreuung der Kinder), der Mann aber nicht. So wird es gemacht
  • Der Mann hat die Frau trotz eigentlich guter Ehe betrogen, belogen und die Ehe ruiniert. Er hat eine neue, die auch schon von ihm schwanger ist. Sie will so schnell wie möglich raus aus der Ehe um mit diesem Schwein abzuschließen. Die paar Monate Versorgungsausgleich sind ihr egal. Sie will auch so schnell wie möglich das Scheidungsurteil um dann mit diesem ihren alten Namen anzunehmen (nur als abstraktes, auch umkehrbares Beispiel, bei dem sie „unschuldig“ ist an der Trennung und raus will)
  • Sie trennen sich. Sie braucht einen Anwalt um den Unterhalt berechnen zu lassen. Ihr Rechtsanwalt notiert sich pflichtgemäß sogleich die Frist ab dem die Scheidung eingereicht werden kann und reicht dann auch die Scheidung ein. Er hat einen Rechtsanwalt beauftragt, der nur die Berechnung überprüft hat, aber sonst nicht groß aufgetreten ist, spart sich aber das Geld für den Rechtsanwalt im Scheidungsverfahren, weil sie ja schon einen hat und nur der Antragssteller einen braucht.
  • Sie hat das Gefühl, dass sie in der Ehe immer mehr gefangen ist, versucht es ihm mitzuteilen, merkt aber, dass er sich nicht ändern kann oder will. Sie arbeitet aus ihrer Sicht an der Ehe, bis sie merkt, dass es keinen Sinn mehr hat, weil die Vorstellungen zu verschieden sind und er ihr nebeneinander auch gar nicht ändern will. Dann resigniert sie, geht Streitigkeiten aus dem Weg, gibt eher nach, weil es sich aus ihrer Sicht einfach nicht mehr lohnt sich mit ihm zu streiten. Er findet das ganz gut, glaubt, dass sich alles beruhigt hat. Sie bereitet den Auszug vor, weil sie weiß, dass die Trennung, wenn sie sie ausspricht von ihm gar nicht verstanden wird, es sei doch alles super. Die Trennung kommt für ihn aus heiteren Himmel. Sie nimmt die Sachen in die Hand und bringt es voran. Er hatte sich ganz gut im Nebeneinander eingerichtet. Für sie war es wie ein Gefängnis

13 Gedanken zu “Ist der Umstand, welches Geschlecht eher den Scheidungsantrag stellt, sehr aussagekräftig?

  1. Zum letzten Beispiel: Ob sie und nicht er in der Ehe gefangen ist, ist die große Frage:
    Wenn sich Männer emanzipieren…

    Ansonsten gilt, dass das Schuldprinzip nicht abgeschafft, sondern die Schuld auf den Mann festgeschrieben wurde. Heutzutage wird der Mann immer so geschieden, als ob er früher gerichtlich anerkannt für das Scheitern der Ehe verantwortlich wäre; sie kann nicht mehr schuldig sein, egal ob sie fremdgeht, Kinder und Mann misshandelt, sich wie ein Familienterroristin aufführt. Von daher sehe ich den Punkt, dass die Scheidung eher von der Frau ausgeht, da sie alle Vorteile auf ihrer Seite hat, als nicht widerlegt an. Wenn die Regelung z.B. so wäre, dass die Kinder grundsätzlich bei dem bleiben, der die Scheidung nicht einreicht (von triftigen Gründen wie Gewalt abgesehen), würde so manche Frau an ihrer Ehe arbeiten anstatt sie aufzukündigen.

  2. Ich finde die Fragestellung irrelevant, weil das ein rechtlicher Akt ist. Entscheidend ist, von wem die Trennung ausgeht. Bei mir: Sie trennte sich und ich habe natürlich, sobald ich konnte die Scheidung eingereicht. Schließlich muss ich die Folgen tragen und nicht sie.

  3. Das Frauen öfter die Scheidung einreichen, auch wenn es einvernehmlich ist, könnte auch daran liegen das sie öfter Teilzeit arbeiten und daher mehr Zeit haben das alles vorzubereiten und ggf. zu Anwalt zu fahren.

    Ich denke aber trotzdem das es eher Frauen sind, die sich scheiden lassen wollen. Männer erwarten i.d.R. das sie viel verlieren von dem was sie aufgebaut haben, dann noch Unterhalt zahlen sollen und wenn Kinder da sind, womöglich um den Kontakt kämpfen müssen. Die Geschichten habe wohl die meisten Männer schon gehört.
    Wenn die Frau beschließt keinen Sex mehr zu haben und damit auch sein Sexleben zu beenden oder ihn oft nur noch kritisiert oder vor anderen lächerlich macht alá ‚ohne mich würde er ohne Hose zur Arbeit fahren‘, dann scheint das oft kein Trennungsgrund für Männer zu sein.

    Ich denke auch das die meisten Männer bei einer Scheidung erwarten ein Spielfeld zu betreten das ihnen ggü. feindlich eingestellt ist.

  4. Ich versuche es mal als Gleichung

    Mann+Frau=Ehe=Frau unfrei, häuslicher Gewalt ausgesetzt=mehr mehr Rechte für Frau, weil unterdrückt=Scheidungsrecht=Freiheitsrecht für Frau=Vollversorgung für Frau=Mann ist Zahlhansel=Täter, weil kann nicht zahlen=Feminismus schafft Täter und Opfer

    Vollkommen unzureichend, ich weiß, aber besser als gar keine Meinung.

  5. Ja, dass Frauen die Scheidung eher einreichen ist bekannt. Aber warum? Kann auch sein, das Männer bequemer sind und mit der Situation besser zurecht kommen. Meisten sind es ja die Frauen, die ihre Männer verwöhnen und die glauben etwas zu verpassen. Soll aber nicht heißen, dass es auch umgekehrt geht!

    • „Meistens sind es ja die Frauen, die ihre Männer verwöhnen und die glauben etwas zu verpassen.“

      So mag man es sehen als Frau. Aber wie leicht übersieht Frau den männlichen Anteil am Gelingen einer Beziehung:

      „Die Geschlechterrollen sind aber auch außerhalb der Sexualität unterschiedlich. Der Mann hält die Frau nicht nur dann auf den Armen, wenn er sie über die Türschwelle trägt oder auf Rosen bettet, er trägt die ganze Beziehung. Emotionalität ist dem Klischee nach typisch weiblich und wie viele andere hat es einen wahren Kern – Die Frau kann ihren Gefühlen mehr nachgeben als der Mann, was ich für anerzogen halte: Der Mann hat zu funktionieren, und das kann er nicht, wenn er sich die ganze Zeit mit seinen Emotionen beschäftigen würde. Diese Selbstbeherrschung ist auch für die Beziehung relevant. Die Frau kann (hin und wieder) mal ihre Gefühle ausleben, zickig sein, ihre Tage haben, die Dramaqueen markieren, und der Mann hat das zu managen. Er ist wie der Fels in der Brandung, der trotz des Sturms der Gefühle felsenfest steht, der die Beziehung beschützt und nicht zulässt, dass sie beschädigt wird, auch nicht durch ihre Emotionalität.“

      aus https://uepsilonniks.wordpress.com/2020/09/05/was-nicht-funktioniert-i-wanna-lay-you-down-on-a-bed-of-roses/
      (Man beachte die schöne Bebilderung 🙂 )

  6. Das ist eine Sache, bei der die Einführung von Homo-Ehe bzw. zivilen Partnerschaften einen Vergleich gewährte: In Großbritannien war die Scheidungsrate bei lesbischen Paaren im Vergleich zu homosexuellen Paaren doppelt so hoch. http://www.independent.co.uk/news/uk/home-news/lesbian-couples-twice-as-likely-as-gay-men-to-end-civil-partnership-as-divorces-up-by-20-8866454.html (Da gibt’s auch neuere Artikel, das war jetzt nur der, den ich in meiner Quellensammlung hatte.)

    In der Wikipedia findet man auch Hinweise auf weitere Zahlen aus anderen Ländern, in denen sich derselbe Trend abzeichnet. https://en.wikipedia.org/wiki/Divorce_of_same-sex_couples
    Heterosexuelle Ehen scheinen sich irgendwo zwischen den Scheidungsraten von lesbischen und schwulen Ehen zu bewegen.

    Fazit: Je mehr Frauen in der Ehe vertreten sind, desto höher das Scheidungsrisiko. 😁

    • Das ist hochinteressant, danke!

      Ich hätte noch 2 Thesen anzubieten:
      – Frauen hinterfragen eher bzw. stärker Beziehungen (was nicht positiv sein muss)
      – für Männer ist die Partnersuche aufwendiger, daher tendieren sie eher dazu an einer dauerhaften (!) Beziehung festzuhalten

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