Buchbesprechung: Meike Stoverock: „Female Choice. Vom Anfang und Ende der männlichen Zivilisation“

Ein neues Buch zum Thema Evolutionsbiologie ist erschienen und es klingt so wenig durchdacht, dass ich es natürlich besprechen muss. Leider allerdings nicht nach dem Lesen des gesamten Buches sondern nur anhand eines Berichtes beim Deutschlandfunk:

Die männliche Zivilisation widerspricht der Natur: Das ist die These der Biologin Meike Stoverock. Sie hat ein Buch über das evolutionäre Prinzip der „female Choice“ geschrieben, wonach die Weibchen den Zugang zu Sex kontrollieren. Was heißt das für das künftige Verhältnis von Männern und Frauen?

„Female Choice“ ist in der Biologie erst einmal kein Problem, der Untertitel lässt einen aber bereits vermuten, dass das Buch wenig durchdacht sein könnte.  Da weiß man natürlich immer nicht, ob da der Verlag einen provokanteren Text wollte oder ob das wirklich die These des Buches ist.

Im Tierreich gilt Damenwahl. Ob Kranich, Riesenkänguru oder Paradiesvogel: Die Männchen fast aller Arten strengen sich an, um die Weibchen zur Paarung zu bewegen. Die promovierte Biologin Meike Stoverock beschreibt das so:

„Attraktive Männchen mit Hörnern, Geweihen, Schmuckfedern oder leuchtenden Farben machen ein Riesentamtam: Sie singen, schenken, bauen, drohen, sammeln, tanzen und imitieren Stimmen, dass den armen Weibchen ganz schwindelig wird vor Erotik.“Üblicherweise verfügen die Männchen über massenweise Samenzellen, mit denen sie die Weibchen begatten wollen. Für die Weibchen aber ist die Fortpflanzung viel aufwändiger, ihre Eizellen sind kostbar, die Brutpflege ist anstrengend. Deshalb sind sie wählerisch – sie bestimmen, welche Männchen sich paaren können.

Nicht alle Männchen kommen zum Zug, viele bleiben ohne Weibchen und ohne Sex. Das ist die Female Choice, ein Gesetz der Evolution.

Das ist in der Tat ein häufig zu findendes Element in der Natur – Eggs are expensive, sperm is cheap. Ein Mann kann sein Sperma theoretisch an jede Frau „verschwenden“, weil er direkt die nächste auch noch schwängern kann. Eine Frau hingegen kann – von sehr seltenen Ausnahmefällen abgesehen – nur von einem Mann schwanger werden und hat über die Schwangerschaft und die Stillzeit erheblich höhere „Mindestkosten“ als der Mann.

Soweit besteht Einigkeit. Und natürlich klingt „Female Choice“ für eine Feministin oder jemanden der – im Rahmen eines naturalistischen Fehlschlusses – daraus eine Art „richtige und besser Form des Zusammenlebens machen will erst einmal gut.

Aber die Diskussion dazu ist ja längst viel Weiter. Die Diskussion wird teilweise unter dem Begriff des  „Bateman Prinzip“ geführt und die ursprüngliche Regel, dass Frauen die Wahl haben, ist längst daraufhin erweitert worden, dass jeder, der für die Partnerwahl gewisse Kosten zu tragen hat, die zu einer Begrenzung seiner Fortpflanzung führen, ein Interesse an einer Auswahl der Sexualpartner hat.

Glücklicherweise habe ich dazu schon einiges geschrieben, beispielsweise hier:

Wer etwas mehr dazu lesen will, den verweise ich auf Geary, Male Female, der in Kapitel drei ausführlich darstellt, unter welchen Bedingungen Spezien dazu neigen einen Selektionsdruck zu erfahren oder in eine intrasexuelle Konkurrenz um das andere Geschlecht zu treten. Ich zitiere einmal den Passus zu male Choice:

Although male choice has not been found in all species in which it has been studied, discriminating males have been found in dozens of species of insect (Bonduriansky, 2001; LeBas, Hockham, & Ritchie, 2003), many species offish (Amundsen 6k Forsgren, 2001; Berglund 6k Rosenqvist, 2001; Widemo, 2006) and bird (Amundsen 6k Parn, 2006; Pizzari, Cornwallis, 1.0vlie, Jakobsson, 6k Birkhead, 2003; Roulin, Jungi, Pfister, 6k Dijkstra, 2000), and in some mammals ( M . N . Muller, Thompson, 6k Wrangham, 2006; Szykman et al., 2001). Across these species, the traits males use to make their mate choices include indicators of female sexual receptivity, the risk of sperm competition, social dominance as determined by female-female competition, female quality, and the quality of parental care the female is likely to provide. An intriguing possibility is that some of these traits may be honest signals of the quantity or quality of eggs the females carry. The female barn owl (Tyto alba) provides one example. Females display a Varying number of black spots on their breast plumage, and male mate choice indicates the more the better (Roulin, 1999). Although males do not have as many plumage spots as females, they do have some and, again, the more the better. Sexy females lend to pair with sexy males and males with sexy mates work harder to provision their offspring. An immune challenge experiment demonstrated that the robustness of the immunsystem is predicted by the number of black breast spots for females but not for males. These spots are indeed an honest indicator of female but not male health and an apparent indicator of the general health and immunocompetence of her offspring (Roulin, Ducrest, Balloux, Dijkstra, 6k Riols, 2003; Roulin, Riols, Dijkstra, 6k Ducrest, 2001). Pizzari et al. (2003) also found evidence for condition-dependent female ornaments in red jungle fowl as well as for direct and cryptic male choice. Female jungle fowl sport red combs, although smaller and less colorful than those described earlier among males; when females have ornaments, they are typically less conspicuous than those of conspecific males (Amundsen 6k Parn, 2006). Females with relatively large combs produce larger eggs with more yolk than their peers, and male mate choices indicate they prefer these females to females with smaller combs. Cryptic male choice was demonstrated by the finding that males transfer more sperm when copulating with females with larger combs; this effect is particularly pronounced for high-status males. Another interesting twist on male choice is found for the paternal pipefish (Syngnathus typhle); in this species males copy the mate choices of other males (Widemo, 2006). Copying presumably reduces the costs of finding a mate, but scientists do not know how often this happens in other species. As I describe i n the Paternal Investment section of chapter 4, the conditions associated with male parenting and male choice differ in important ways from female parenting and female choice. My point for now is that when males shift reproductive effort from mating to parenting, they compete less intensely with one another and become choosier when it comes to mates. This is not to say that male choice is always associated with male parenting. Male choosiness can evolve when females vary greatly in the quantity and quality of eggs they carry or when there are limitations—other than parenting— on males‘ reproductive potential (e.g., as a result of sperm depletion; Saether, Fiske, 6k Kalas, 2001).

Danach folgt ein ebenfalls interessantes Kapitel zu female-female competition, also den Wettbewerb von Frauen um Männer. Ich empfehle insofern das Buch nochmals.

Bei Fischen findet man Male Choice übrigens häufiger, weil dort die Weibchen im Vorteil sind: Sie legen die Eier ab und die Männchen müssen sie dann besamen, was den Weibchen die Gelegenheit gibt sich davon zu machen. Deswegen kann es dazu kommen, dass die Männchen dann in Zugzwang sind die besamten Eier zu bewachen.  Aus dem gleichen Grund gibt es auch „Schwangere Seepferdchenmännchen“

Andere Möglichkeiten sich in die „Female Choice“ einzumischen findet man beispielsweise bei den Gorillas:

Ein Beispiel intrasexueller Konkurrenz ist der Gorilla: Ein Männchen lebt mit einem Harem von Weibchen und dem Nachwuchs, um den er sich durchaus liebevoll kümmert. Er kann sich ziemlich sicher sein, dass es sein Nachwuchs ist, weil er als dominanter Silberrücken des Harems jeden anderen Gorilla vertreibt, der sich seinem Harem nährt. Die Folge sind sehr kräftige und kampfstarke Männchen. Diese Kraft hat sich entwickelt, weil sich jeweils die Gorillamännchen, die die Kämpfe mit anderen Gorillamännchen gewonnen haben, fortgepflanzt haben, gehalten haben.

Hier können die Gorilla-Weibchen zwar einen Favoriten haben und diesen unterstützen, aber der wesentliche Kampf findet schon aufgrund des gewaltigen Stärkeunterschiedes zwischen den Männchen statt. Gorillas sind aus diesem Grund, genau wie Löwen Kampfmaschinen.

Und ein Beispiel intrasexueller Konkurrenz unter Weibchen um Männer:

Ein Beispiel intrasexueller Konkurrenz der Weibchen findet sich beispielsweise bei den Odinshühnchen. Bei diesen übernehmen die Männchen die Brutpflege, die etwa 3 Wochen dauert, während das Weibchen etwa 1 Woche braucht um ein neues Gelege produzieren zu können. Dadurch wird es für die Weibchen interessant um die Männchen zu werben, da für jedes Weibchen, dass zwei Gelege mit 2 Männchen produziert ein anderes Weibchen leer ausgeht.

Dieses Beispiel ist besonders interessant, weil es näher am Menschen ist: Auch hier kann die Unterstützung des Mannes bei der Brutpflege enorm wichtig sein. Die Frauen wählen also nicht nur aus, sie müssen sich um die Männer bemühen, weil diese ihrerseits eine Wahl treffen, welches der Weibchen sie auswählen.

Aber weiter in der Buchbesprechung:

„Sex ist für Männchen eine begrenzte Ressource, die die Weibchen kontrollieren. Dass Männchen oft und hartnäckig versuchen, sexuelle Kontakte zu Weibchen herzustellen, und Weibchen diese Versuche fast immer ablehnen, ist kein Fehler des Systems – es ist das System.“

Und natürlich kommt uns auch als Menschen das Werben um Frauen, die eine Wahl treffen, bekannt vor. Die Tinder-Ökonomie (Männer bekommen kaum oder nur schwer Dates etc während Frauen in Anfragen untergehen) ist ein gutes Beispiel dafür.

Aber gleichzeitig ist es naiv zu glauben, dass es dort allein eine weibliche Wahl gibt. Frauen wissen, dass sie sich in einer intrasexuellen Konkurrenz um Männer befinden, was nicht der Fall wäre, wenn es allein um die weibliche Wahl gehen würde und Frauen sich nicht beweisen müssten.

Dazu muss man von der Betrachtung der Kurzzeitstrategie auf die Langzeitstrategie wechseln:

Wenn es nur um female Choice gehen würde, dann könnten Menschenfrauen sich gleich dem Schimpanzen zu einem überwiegenden Teil von den Statushohen Männern begatten lassen und es wäre ihnen egal, ob die nächste Frau auch von ihm besamt wird. Denn sie hätte ja alles, was sie will, den Samen eines starken Mannes. Es gäbe keinen Grund für Liebe, Eifersucht und Paarbindung, für weitergehende Einbindung in der Vaterschaft oder etwas in der Art. Dies entspricht aber eben gerade nicht der menschlichen weiblichen Sexualität. Sie sind im Gegenteil sehr an Paarbindung interessiert, sie sind Eifersüchtig, wenn jemand mit ihrem Partner Sex haben will, sie verlieben sich und betreiben Paarbindung – und verlangen das auch noch von den Männern.

Warum sollten sie das bei allein weiblicher Wahl tun? Damit alleine ist die Idee, dass „Female Choice“ das einzig natürliche Element beim Menschen ist schon wiederlegt:
Frauen konkurrieren um „Gute Männer“ und die Forschung hat immer wieder herausgearbeitet, dass dabei neben körperlicher Schönheit und Stärke auch Ressourcen und Status eine wichtige Rolle spielen, ebenso wie der Wunsch sich zu Binden, Anzeichen für Liebe und ein „es ernst meinen“ etc.

Meike Stoverock breitet das Panorama evolutionsbiologischer Zusammenhänge genüsslich aus – und die Schlussfolgerung drängt sich bei der Lektüre zwingend auf: Menschen sind auch nur Säugetiere. Aus naturwissenschaftlicher Sicht muss für sie ebenfalls das Prinzip der Female Choice gelten. So war es wohl auch mal, legt die Autorin überzeugend dar.

Das ist eben immer das Problem, wenn man ein Buch liest ohne im Thema zu sein. Dann kann vieles schlau klingen, was eigentlich dumm ist.

„Die heutige Weltbevölkerung hat ungefähr doppelt so viele weibliche wie männliche Vorfahren, in präkulturellen Zeiten haben sich also ungefähr 70% der Frauen mit 35% der Männer gepaart.“

Und das soll dann wohl als Beleg dafür gelten, dass die Frauen dies entschieden haben. denn der, der entscheidet, pflanzt sich fort.

Das ist natürlich ein Trugschluss. Zum einen stammen die Berechnungen häufig aus Betrachtungen der Y-Chromosome und das bestimmte Y-Chromosome sich durchgesetzt haben bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Paarung nur mit Trägern dieser bestimmten Y-Chromosome erfolgte und die anderen keinen Nachwuchs hatten. Wenn die Y-Chromosome einenen bestimmten Vorteil geboten haben, dann kann es schlicht sein, dass sie sich ähnlich angereichert haben wie etwa die Fähigkeit Milch auch als Erwachsener zu trinken. Auch hier haben sich Leute ohne dieses Gen fortgepflanzt, aber über die entsprechende Anreicherung blieben letztendlich in bestimmten Regionen nur noch Leute übrig, die Milch trinken konnten.

Aber auch die „Gorillatheorie“ ist möglich: Die Träger bestimmter Y-Chromosomen haben, etwa weil sie überlegene Waffen oder Gene hatten als Stamm andere unterworfen, die Männer getötet und die Frauen in ihren Stamm, etwa als Zweit- Dritt oder Viertfrauen besonders wichtiger Männer überführt. Dies führt auch dazu, dass nur die Y-Chromosomen dieser Männer übrig bleiben, aber bei den Frauen eine größere Vielfalt vorhanden ist, ohne das man das wirklich als Female Choice bezeichnen würde. (Siehe zu der Kriegsvariante auch die Besprechung dieser Studie)

Ehe verhindert männliche Sexualkonkurrenz
Was also ist passiert, dass wir heute in einer männlichen Zivilisation leben? Sehr kurz zusammengefasst erklärt es Meike Stoverock so: Mit der Landwirtschaft wurden die Menschen vor rund 10.000 Jahren sesshaft und die Frauen verschwanden im privaten Heim, wo sie sich um die Kinder kümmerten. Männer entschieden fortan über die Verteilung der Frauen. Sie erfanden die Ehe, um die männliche Sexual-Konkurrenz einzuhegen und den Zugang zu Sex zu sichern.

Die Paarbindung des Menschen ist weitaus älter als die Sesshaftwerdung des Menschen. Das sieht man schon daran, dass 10.000 Jahre einmal sehr kurz sind und wir Völker kennen, die immer noch als Jäger und Sammler leben und doch die Konzepte der Paarbindung, der Liebe und der Heirat in irgendeiner Form kennen.

Die Ehe nur als Erfindung des Mannes darzustellen ist schon deswegen wenig überlegt, weil sie ja biologisch gesehen für beide Geschlechter evolutionäre Risiken abfängt: Sie stellt für den Mann Vatersicherheit her, so dass es sich überhaupt erst lohnt in den Nachwuchs zu investieren, sie stellt für die Frau Versorgungssicherheit und Schutz her.  Die Frau profitiert ebenfalls davon, dass sie auf diesem Wege nicht der intrasexuellen Konkurrenz der Männer um sie aus gesetzt ist, denn zum einen erlaubt es Frieden innerhalb einer Gruppe, zum anderen gibt es ihr eine gewisse Sicherheit, dass sie ein anderer Mann nicht nur „benutzt“ um dann nicht bei der Aufzucht der Kinder zu unterstützen.

Das ist eine radikale These – und Meike Stoverock plädiert für nichts weniger als eine neue Weltordnung. Allerdings denkt sie als Kennerin der Evolutionsgeschichte nicht in Jahren und Jahrzehnten, sondern eher in Generationen und Jahrhunderten. Und sie will auch keine Rückkehr zur Female Choice in Reinform, denn, so schreibt sie: „friedliches Zusammenleben und hohe Sexualkonkurrenz“ schließen sich aus.

Das immerhin klingt schon mal vernünftiger. Aber sie müsste für eine (biologische) Änderung auch wohl eher in Jahrtausenden rechnen, denn gerade Produkte sexueller Selektion sind relativ stabil.

Allerdings wäre die Frage ob eine reine „Female Choice“ im biologischen Sinne für Frauen so interessant ist. Denn sie bedeutet zwangsläufig das Ende der Vaterschaft und einer Versorgung der Frau. Wie sehr sich Frauen für eine „Bonobo-Welt“ umgewöhnen müssten hatte ich hier schon einmal diskutiert

Das Phänomen der Incels
Doch sei die Zeit reif, das Zusammenleben von Frauen und Männern zu überdenken – zumal die Geschlechterverhältnisse ohnehin in Bewegung sind; Frauen zumindest in westlichen Gesellschaften werden freier und unabhängiger.

„Die Kultur, nicht die Evolution, hat bisher Frauen den Männern zur Verfügung gestellt – und damit brechen die Frauen jetzt.“

Das ist eine merkwürdige Sicht und eine gewagte These. Die Evolution hat immerhin auch über intrasexuelle Konkurrenz stärkere Männchen produziert, die die „Female Choice“ durchaus gerade dann überwinden können, wenn sie nicht durch die Kultur gebremst werden. Und natürlich verfügen die Männer auch gar nicht um die Frauen, sie müssen in vielen Fällen stark um sie werben.

Männer müssen bei der Lektüre dieses Buches tapfer sein – denn die Biologin geht davon aus, dass viele von ihnen keine Partnerin mehr finden werden.

Dazu müsste sie ja dann fast zwangläufig entweder in die Vielehe  – ein Mann viele Frauen – oder  auch die Frauen müssten keine Partner mehr finden. Alternativ finden alle keine Partner mehr weil eben Paarbindung keinen Sinn mehr macht, wenn nur ein Geschlecht wählt.

Was in dieser biologischen Sichtweise allerdings ausgeblendet wird: Männer und Frauen sind wohl mehr als die Summe ihrer Triebe. Sie binden sich nicht nur aneinander, um ein evolutionäres Fortpflanzungsprogramm zu absolvieren.

Tatsächlich binden sie sich nur darum aneinander. Das drum herum dient der „effektiven Fortpflanzung“ unter Berücksichtung evolutionär relevanter Zeiten.

Die Biologin dürfte aber mit ihrer Beobachtung Recht haben, dass die sogenannten Incels, die unfreiwillig zölibatär lebenden Männer, gefährlich werden können. Incels gebe es auch im Tierreich.

„Sie sind der ‚Rest‘, die Nicht-Premiummännchen, der nach dem evolutionären Aussiebungsprozess übrigbleibt und keine Chance auf Fortpflanzung hat. Nur durch die männliche Zivilisation, die Frauen kontrolliert und entrechtet hat, wurde dieses Phänomen bis heute unterdrückt.“

Etwas was für die Frauen gefährlich wird, wird unterdrückt. Ist es dann nur von Männern eingerichtet worden?

Sie scheint wirklich gewisse Sorgen vor einer „Verknappung“ für die anderen Männer zu haben, insofern wäre es schon interessant, was sie für ein Lebensmodell haben will.

Aber natürlich ist das Problem der „Männer ohne Chancen“ zu diskutieren. Es führt, wenn zuviele Frauen von anderen Männern monopolisiert werden (was sie vielleicht als Female Choice versteht) schnell zu Gewalt.

Nun macht Meike Stoverock Vorschläge, wie das Zusammenleben von Männern und Frauen in einer post-männlichen Zivilisation aussehen könnte, einer Weltordnung, in der Frauen im Lauf ihres Lebens tendenziell mehrere Alphamänner auswählen, in der aber nicht jeder Topf einen Deckel findet.

Ah, da sind wir in der Welt des bedeutungslosen Sexes oder doch noch der Paarbindung in der es dann zwangsläufig intrasexuelle Konkurrenz unter den Frauen gibt und Male Choice? Das wird hier nicht ganz klar. Wenn sie meint, dass die Alphamänner nicht wählen, zumindest nicht eine Hierarchie innerhalb „ihrer“ Frauen bilden, wäre das recht naiv. Wenn sie nur Casual Sex vor Augen hat, dann muss sie wesentlich mehr Evolutionszeit einplanen. Und Frauen werden sich davon verabschieden müssen, dass um sie geworben und für sie gearbeitet wird. Sie müssten sich dann in der Tat auch überlegen, warum man sie beschützen sollte und warum die Alphas sie nicht unterwerfen und an die „Incels“ geben um sich eine Gefolgschaft aufzubauen (wenn wir schon mal über radikale neue Welten reden).

Sie rechnet ab mit der Institution der Ehe, in der sie ein Instrument der Unterdrückung von Frauen sieht, fordert eine Abkehr von der romantischen Vorstellung, dass Männer und Frauen in lebenslanger Monogamie glücklich werden können.

Hehehe, ich glaube sie denkt, dass die Frauen dann dennoch die Macht behalten und einfach wählen können und die Männer das so hinnehmen. Ich glaube eine Welt ohne Paarbindung würde für Frauen keine schöne Welt sein.

Männer, die in dieser neuen Weltordnung keine Frauen mehr finden, sollen auf andere Weise versorgt werden – Stoverock denkt über Sexualassistentinnen nach und über die Rolle von Prostitution, sie bezeichnet Pornografie als mögliche „gesellschaftsverträgliche Stütze“ für Männer.

Sie denkt aber anscheinend nicht darüber nach, warum die Männer diese Welt lebenswert finden sollen bzw inwieweit sie Frauen darin den gleichen Platz geben sollen wie heute. Sie hat anscheinend eine friedliche Welt vor Augen, in der Männer weiterhin daran interessiert sind Status aufzubauen, der ihnen aber weitaus weniger bringt. Eine Frau und den eigenen Nachwuchs zu unterstützen macht Sinn. Frauen, mit denen man nur Sex hat, zu unterstützen macht weniger Sinn. Und wenn einen eh alle Frauen wollen, dann ist man der Preis und nicht sie.

„Männer, die nie oder nur sehr selten Sexpartnerinnen finden, müssen ethische und gesellschaftlich akzeptierte Möglichkeiten bekommen, ihre sexuellen Bedürfnisse zu erfüllen.“

Frauen könnten in einer solchen Welt weitaus mehr auf Prostitution angewiesen sein als die Autorin glaubt. Oder eben weitaus mehr arbeiten müssen.

Meike Stoverock hat ein aufwühlendes Buch geschrieben. Es ist radikal und provoziert manchen Widerstand. Damit geht sie klug und vorausschauend um und entkräftet Gegenargumente, die beim Lesen aufsteigen können. Man muss das nicht alles mögen, was sie schreibt, man kann sich empören über ihr Bild von Männern und Frauen, ihre Ablehnung der Ehe, die Art ihrer Religionskritik. Aber gerade deshalb ist ihr Buch so lesenswert – weil es dazu auffordert, völlig neu über das Verhältnis von Männern und Frauen nachzudenken und auch: zu streiten.

Wenn es einer gelesen hat wäre ich interessiert ob sie meine Argumente aufgreift und Gegenargumente präsentiert. Ich würde mich um eine Mitteilung freuen.

Meike Stoverock: „Female Choice. Vom Anfang und Ende der männlichen Zivilisation“,
Tropen Verlag, 351 Seiten, 22 Euro.

Mir ist es jedenfalls nach dem, was ich hier gelesen habe, keine 22 € wert. Ich lasse mich aber gerne eines besseren belehren

 

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