„Trojanische Pferde der Wokeness“

Sebastian Wessels hat ein Buch mit dem Titel „Im Schatten guter Absichten“ geschrieben

Daraus hat er in einem neueren Beitrag eine interessante Passage in seinen Blog gestellt:

Ein zentraler Mechanismus der Wokeness-Ideologie beruht auf dem strategischen Einsatz von Begriffen mit doppelten Bedeutungen. Alle ihre tragenden Begriffe treten in mehreren Bedeutungsvarianten auf, die von unterschiedlicher theoretischer (bzw. theologischer) Tiefe und in unterschiedlichen Phasen der Indoktrinierung anschlussfähig sind. Die mehr oberflächlichen, naiven Bedeutungen sind ansprechend für Neulinge und anschlussfähig an den Liberalismus; die tieferen bilden die Gedankenwelt der fortgeschrittenen Ideologen, die sich von derjenigen normaler Menschen im Liberalismus drastisch unterscheidet. Die Doppelbegriffe tarnen diese Realitätsferne der Theorie und Forderungen und verkleiden sie zunächst als etwas Harmloses. Je tiefer man dann in die Theorie und zugehörigen Kreise eintaucht, desto mehr wird man mit den weniger harmlosen Gehalten vertraut. Dieser Mechanismus ist für das Verständnis der »Social Justice«-Ideologien und der Mechanismen ihrer Verbreitung wesentlich.

Mit gefällt die Metapher des trojanischen Pferdes in diesem Zusammenhang ganz gut. Ein anderer Name wäre wohl „Motte and Bailey“ oder im deutschen eher „Feld und Festung“. Ich hatte ein paar Artikel dazu:

Da wird eher betont, dass sie sich auf die harmlosere Definition oder Bedeutung zurückziehen, wenn sie angegriffen werden, man kann es aber auch andersrum sehen, dass sie nämlich in den Außenbereichen als harmlos auftreten und tatsächlich aber sehr gefährliche und radikale Theorien vertreten. Da passt das Bild des trojanischen Pferds besser, weil in der Tat der „Kampf für das Gute“ als Bild steht und es aber in Wahrheit ein „Vergiftetes Geschenk“ ist, weil sie hauptsächlich Gruppen gegeneinander stellen und damit neue Feindseligkeiten eröffnen.

Nehmen wir den Begriff »Antirassismus« als naheliegendes Beispiel. »Antirassismus« hat eine Bedeutung, die für den Neuling verständlich und ansprechend ist, und eine andere, deutlich davon unterschiedene, weit tiefere Bedeutung für den arrivierten Gläubigen. Der Neuling denkt sich: »Antirassismus? Na, klar bin ich gegen Rassismus. Bin dabei!«

Auch gern in der Form „wer gegen uns ist ist gegen Antirassismus, ist Rassist, ist ein Nazi“ verwendet. Aber in der Tat ist es den intersektionalen Theorien vollkommen gelungen diesen Raum für sich zu monopolisieren: Wer heute Interesse an der Arbeit für Antirassismus oder Frauenrechte oder „Minderheitenrechte“ bzw „Opferrechte“ hat, der kommt nicht an ihnen vorbei. Das ist bei Feminismus und Antirassismus offensichtlich, aber selbst Männerrechte sind auf diese Weise besetzt, nur das dort eben die Büßerpeitsche geschwungen werden muss und es den Männern dadurch besser gehen soll, dass sie endlich von ihrer toxischen Männlichkeit lassen.

In diesem Moment weiß er noch nicht, dass »Antirassismus« für fortgeschrittene Theorievertreter bedeutet, alle Weißen für Rassisten und Diskriminierung für die beste Form der Antidiskriminierung zu halten, eine authentische Kommunikation auf Augenhöhe zwischen Vertretern verschiedener »Rassen« für unmöglich zu halten, sich zu einem lebenslangen Bemühen zu verpflichten, immer und überall Rassismus zu sehen, und sein liberales und humanistisches Welt- und Menschenbild zugunsten eines kollektivistischen, dystopischen und revolutionären aufzugeben. Den Worten der Theorievertreter ist dies zwar relativ leicht zu entnehmen – James Lindsay wies einmal darauf hin, dass sie sich manchmal selbst ein Bein stellen, indem sie zu früh zu viel verlangen. Doch die meisten Neulinge übersehen die Warnzeichen zunächst oder nehmen sie nicht ernst. Sie nehmen anfangs einfach das auf, was sich in ihr noch liberales Weltbild und Leben einfügen lässt, halten dies für das Wesentliche und ignorieren den Rest.

Ich vermute mal man kann viele Warnzeichen am Anfang auch ganz gut ignorieren, wenn man sich zb auf Antirassismus konzentriert und noch keinen Kontakt mit radikaleren Vertretern hat, die sich darüber profilieren wollen, dass sie andere, die noch keine Ahnung haben, als Rassistinnen etc bezeichnen. Aber um so tiefer man in das Thema hineingeht um so eher merkt man eben, dass es Spielregeln gibt, was man sagen darf und was nicht und wie man akzeptiert wird und wie nicht. Die intersektionalen Theorien sind in der Hinsicht ein interessantes Abbild klassisch weiblicher Hierarchien, die weniger als männliche schlicht statusorientiert sind sondern über das Befolgen sozial vorgegebener Regeln und die eigene Anpassung aber auch die Möglichkeit sie vorzugeben und ihre Einhaltung einzufordern definiert sind. Wo sonst die Queen Bee den richten Kleidungsstil und was sonst cool ist vorgibt muss man sich nun in dem Labyrinth der möglichen Diskriminierungen bewegen und aufpassen, dass einen niemand bei einem Fehltritt erwischt.

Das ist kaum überraschend, da selbst Gegner der Wokeness diese in neun von zehn Fällen so kritisieren, als hätte sie einfach die Prinzipien des Liberalismus nicht verstanden. Man wirft etwa Aktivisten vor, Männer und Frauen oder auch Weiße und Nichtweiße nicht mit gleichen Maßstäben zu messen, als wäre das eine Inkonsistenz oder Heuchelei. Es ist keine Inkonsistenz oder Heuchelei, sondern im Rahmen des woken Weltbildes völlig richtig und gewollt. Dies ist kein liberales Weltbild, sondern ein kollektivistisches, das davon ausgeht, dass sich die hierarchisch angeordneten Identitätsgruppen im Krieg befänden und sozialer Fortschritt danach verlange, die jeweils unteren zum Sieg zu führen. Die liberale Forderung nach gleichen Maßstäben ist in diesem Kontext die absurde Forderung, Alliierte und Feinde gleich zu behandeln.

Ja, man muss verstehen, dass ein ganz anderes Spiel gespielt wird, in dem es gar nicht darum geht, dass man fair gegenüber der anderen Gruppe ist. Es ist in der Tat eher wie ein Kampf, bei dem der Feind eh schon böse und unfair ist und alle Trumpfe in der Hand hat und die eigene Seite (also die Seite der durch die woken Theorien geschützten Minderheiten) quasi am Boden liegt. Was für ein Beispiel kann man da bringen? Es wäre wahrscheinlich so wie wenn man den Star Wars Rebellen sagen würde, dass sie doch bitte Fair gegen das Imperium spielen sollen und sich gefälligst auf eine normale Raumschlacht einlassen sollen, wenn auf der einen Seite eine unglaubliche Flotte von Sternenzerstörern steht und auf der anderen Seite ein paar X-Wings und ein paar Mon Calamari Cruiser. Es wäre so als würde man sagen, dass man in diesem Universum wohl kaum etwas gegen die Zerstörung von Alderaan sagen könnte, wenn man selbst terroristische Akte unterstützt, bei denen eine mondgroße Raumstation mit tausenden von Menschen an Bord zerstört wird.

Man kann sich andere Szenarien überlegen, die vielleicht besser passen, aber es wäre der kleine Underdog, der um sein Überleben kämpft gegen den bösen Unterdrücker, der alle Trümpfe in der Hand hat und verlangt, dass die andere Seite fair spielt.

Dies ist ein fundamentales Missverständnis, das sich aber aus zwei Gründen aufdrängt. Erstens weil das tatsächliche Weltbild der Wokeness recht weit von alltäglichen Denkweisen entfernt ist, so dass man sich in gewissem Umfang damit beschäftigen muss, um zu verstehen, von welchen Prämissen die Theorievertreter ausgehen. Zweitens weil die Wokeness insofern an den Liberalismus anschlussfähig ist, als sie seine Prinzipien und Mechanismen zu nutzen weiß, um sich auszubreiten und ihre eigenen Regeln durchzusetzen.

Eine Doppelmoral aufzuzeigen kann natürlich dennoch etwas bringen. Das Argument fruchtet zwar nicht bei den Vertretern dieser Theorien, aber dennoch bei anderen, die damit eher deren Natur entdecken. Natürlich kann man damit íntersektionale Fanatiker nicht überzeugen, aber man kann sie zwingen quasi aus dem trojanischen Pferd zu steigen und deutlich zu machen, dass sie Troja niederbrennen wollen (um im Bild zu bleiben).

Die erwähnten Begriffe mit unterschiedlichen Tiefenebenen sind ein wichtiger Teil dieser auf Transformation zielenden Anschlussfähigkeit. Immer bildet ein naives Verständnis, das für Neulinge plausibel und moralisch ansprechend ist, nur die Spitze des Eisbergs des tieferen, breiteren und revolutionären Begriffsverständnisses der Fortgeschrittenen.

Es ist eben eine Besetzung der klassischen „guten“ Themen und die Umdeutung der bisherigen Ansätze in die Ansätze von Leuten, die nicht verstanden haben, was sie damit eigentlich anrichten. Der Tonfall der woken Theorien ist ja gerne belehrend. Es wird nicht diskutiert, es wird erklärt, wie es ist. Die woken Theorien sind richtig, sie sind der einzige Weg und man bringt Leute auf den richtigen Pfad. Das kann man freundlich machen („ich weiß du bist ein guter Mensch, der nicht rassistisch sein will, aber wir alle haben leider über unsere Gesellschaft ganz ohne unser Verschulden Rassismus verinnerlicht und/oder unterstützen unbewußt rassistische Gedanken. Wir müssen diesen verborgenen Anteil, den wir aufgrund unserer Privilegien nicht erkennen können, akzeptieren und bekämpfen, indem wir PoCs zuhören, was sie stört“) oder weniger freundlich („wenn du das so weitermachst, dann bist du ein widerlicher Rassist, in dem Verhalten liegt eine Microaggression gegen Pocs und du stützt damit den allgegenwärtigen Rassismus und ich bin dafür, dass dich alle Mitglieder unserer Gruppe blocken und von dir abwenden, wenn du deinen Fehler nicht einsiehst. Jeder, der weiterhin etwas mit dir zu tun haben will, obwohl du ein Rassist bist, ist selber ein Rassist und muss auch ausgeschlossen werden, willst du das?“) In der freundlichen Variante kann man ja durchaus einsteigen und es ist ja auch verständlich, dass man auch an sich selbst arbeiten muss. Es erlaubt einem auch, sich besser zu fühlen und davon auszugehen, dass man die eigene Schuld beseitigt hat und damit – im Idealfall – Macht über andere Sünder erlangt.

Ein weiteres Beispiel wäre »Diversity«. Naiv versteht man darunter einfach Vielfalt; eine bunte Gruppe von Leuten mit verschiedenen Hintergründen. Die tiefere Bedeutung dagegen ist: Eine Gruppe von Leuten aus verschiedenen klar definierten Identitätsgruppen, welche »kritisches Bewusstsein« haben, also die Gesellschaft durch die Brille der Theorie als großes Unterdrückungssystem betrachten und das Ziel verfolgen, dieses zu Fall zu bringen. Ein paar konservative Frauen, Schwarze und Schwule zählen nicht als »Diversity«. Was ist »Inklusion«? Offenheit und Beteiligungsmöglichkeiten für alle, würde man meinen. Die tiefere Bedeutung ist: Einführung eines engen theoriekonformen Systems von Sprach- und Verhaltensregeln in einem sozialen Raum und Ausschluss aller, die sich dem nicht fügen. Ganz in diesem Sinn rechtfertigen etwa öffentlich-rechtliche Medien die Einführung von Gendersprache damit, dass sie »alle ansprechen« wollten. Eine knappe Mehrheit der Bevölkerung, Männer und Frauen zu etwa gleichen Teilen, lehnt Gendersprache jedoch ab und fühlt sich von ihr somit nicht »angesprochen«, sondern abgestoßen. Das beunruhigt Theorievertreter nicht, denn aus ihrer Sicht ist »Diversity«, »Inklusion« und alles andere Gute nur unter dem Regime der Theorie möglich. Wo die Theorie nicht ist, ist Unterdrückung. Dem Regime der Theorie widersetzen würden sich nur die, die die Unterdrückung aufrechterhalten wollen, und auf die muss man natürlich keine Rücksicht nehmen. Das Denken ist so total auf diese binäre Antithese von Unterdrückung und »Social Justice« verengt, dass von seiner Warte aus nicht vorstellbar ist, die Theorievertreter könnten selbst unterdrückerisch wirken.

In der Tat heißt „Inklusion“ und „Diversity“ schlicht nur „möglichst viele Vertreter der in unserem System als Opfer betrachteten Gruppen, allerdings nur, wenn diese unsere Theorien teilen“.
Wo weniger in den Theorien erfahrene denken würden, dass eine Gruppe mit weißen, schwarzen, hetereosexuellen und Schwulen Männern und Frauen doch sehr divers wäre würde ein erfahrener Theoretiker erkennen, dass eine Gruppe mit nur schwarzen Frauen deutlich diverser sein kann, weil jedes Mitglied der Gruppe einen „Diversity Element“ bei gleichzeitiger Abwesenheit von Merkmalen „privilegierter Gruppen“. Die weitere Regel wäre allenfalls, dass man nach „Schweregrad“ der Diversity Elemente Veränderungen fordern darf: In einer Gruppe schwarzer Frauen dürfte man etwa fordern, dass darunter auch (schwarze) Lesben und Transsexuelle sind, aber nicht, dass auch ein (schwarzer) Mann dazu kommt. Beachten muss man noch, dass Hierarchien sich etwas verändern, wenn es um bestimmte Themen geht: bei dem Thema Rasse müssen die Diversity Elemente aus diesem Bereich sein, bei dem Thema „Frauen“ hingegen sollte etwa ein Transsexueller hinzukommen, da die Nichtberücksichtigung von Transfrauen darauf hindeuten könnte, dass man sie nicht als vollwertige Frauen akzeptiert etc.

Das diese Art der Zusammensetzung ein Kampf gegen die Unterdrückung ist hat schon etwas groteskes. Aber Kritik daran wäre dann eben Rassismus etc.

Wie weit das gehen kann, zeigen kommunistische Regime, die es noch nach Jahren der autoritären Herrschaft von Parteibonzen fertiggebracht haben, sich als Underdogs zu inszenieren, die sich gegen die Mächtigen der »Bourgeoisie«, »Faschisten«, »Imperialisten« etc. verteidigen müssen.

Der „Kampf für den kleinen Mann“ oder „für das Gute gegen die Mächtigen“ ist halt eine sehr simple Botschaft, die man erstaunlicherweise auch mit Macht gut aufrechterhalten kann. Die Partei hat dann eben immer recht und verteidigt nur das Allgemeinwohl.

In taktischer und psychologischer Hinsicht kann man besagte Doppelbegriffe auch als trojanische Pferde beschreiben. Die naive Bedeutung ist für die meisten Menschen vollkommen einleuchtend, und sobald man dem Pferd wohlwollend und naiv die Tür geöffnet hat, beginnt die tiefe Bedeutung ihren Einfluss geltend zu machen. Von da an ist es schwer, an irgendeinem Punkt »stopp« zu sagen, denn man hatte sich selbst anfangs freudig zu dem politischen Ziel bekannt, das der Begriff ausdrückt. Es ist um ein Vielfaches schwerer, von einer Position zurückzutreten, die man bereits öffentlich eingenommen hat, als auf dem beschrittenen Weg jeden Tag ein paar Zentimeter weiterzugehen. Ersteres ist ein Kraftakt und Risiko des Gesichtsverlusts, Letzteres geschieht wie von selbst. Dafür sorgen die Aktivisten im Haus, für die es nicht schwer ist, ihre ständig wachsenden Forderungen als Notwendigkeiten der Verfolgung des Ziels auszugeben, zu dem sich Chef und Belegschaft bereits bekannt hatten. Wer A sagt, muss auch B sagen. Immer hängen moralisch die Damoklesschwerter über den Köpfen: Ihr wisst doch, wie wichtig Diversity ist. Wenn ihr wirklich Diversity wollt, müsst ihr uns auch dieses zugestehen, denn ohne dieses kann es keine Diversity geben. Seid ihr etwa nicht mehr für Diversity, war das nur ein Lippenbekenntnis? Wollt ihr etwa nichts gegen Rassismus tun? Dachtet ihr, das wird ein Spaziergang? Ihr wollt Gerechtigkeit, aber es darf nichts kosten? Stört euch die Unterdrückung der Frauen nicht?

Eine in der Tat sehr einfache, aber äußerst effektive Vorgehensweise:

  1. wir sind die Guten und wollen das Gute
  2. Alles Gute folgt unseren Theorien und jede Abweichung gefährdet den Einsatz für das Gute
  3. Wer unsere Theorien nicht umsetzt ist damit einer von den Bösen und muss bekämpft werden

Das war schon häufig ein Erfolgsrezept für „Moralische Unterdrückung“ die in einem Zeitalter, in dem man sofort einen Internetmob loshetzen kann (und damit den Guten gleich Gelegenheit gibt sich zu profilieren) wieder äußerst effektiv ist.

Eine weitere wertvolle Metapher für die Funktionsweise dieser doppelbödigen Begriffe ist die von Motte und Bailey. Sie nimmt Bezug auf einen Typ mittelalterlicher Burgen. »Bailey« ist eine Art Burghof außerhalb einer kleinen Festung, in dem gewirtschaftet wird. Die Motte ist die eigentliche Festung auf einer Anhöhe. Die beiden stehen für zwei Positionen, die Theorievertreter je nach Situation in Diskussionen einnehmen. Wenn sie angegriffen werden, ziehen sie sich in die Motte-Position zurück, die leicht zu verteidigen ist, aber sonst wenig abwirft. Die Motte-Position entspricht der naiven Begriffsbedeutung, der jeder zustimmt.

Und unter diesem Namen war es hier, wie oben verlinkt, auch schon besprochen worden.

Zum Beispiel: Es gibt sozial konstruierte Geschlechterrollen, die den Chancen der Menschen zur Selbstentfaltung möglicherweise unnötige Grenzen auferlegen und die wir in diesem Fall verändern können und sollten. Jeder weiß das, jeder stimmt dem zu, niemand bestreitet das ernsthaft. Wenn die Gender Studies angegriffen werden, können sie daher einfach behaupten, dass es ihnen doch nur um dies gehe, und sofort ist der Angreifer entwaffnet. Ist der Angriff vorbei, beziehen sie dann wieder die Bailey-Position: Biologisches Geschlecht gibt es gar nicht, die Geschlechter per se sind sozial konstruiert und nicht angeboren, sondern zugewiesen, Geschlecht ist ein Spektrum, an der Vagina ist nichts inhärent Weibliches, Männer können gebären, an Familie und Heterosexualität ist nichts Natürliches und so weiter. Solche Positionen sind im Rahmen wissenschaftlicher Rationalität unmöglich zu verteidigen, aber man kann herrlich damit wirtschaften. Jeder Unterschied und jede Komplementarität zwischen Männern und Frauen erscheint von ihr aus gesehen als Auswirkung eines Unterdrückungssystems, das überwunden werden muss, und die Theorieanhänger sind die Experten, denen im Rahmen dieses gigantischen Überwindungsprogramms Ressourcen und Autorität zufließen.

Ja, leider verdrängen diese Positionen immer mehr tatsächliche Wissenschaft, die allerdings auch wesentlich komplizierter ist. In der Tat kann man ja unproblematisch gegen zu starre Geschlechterrollen sein, es sind weit eher Häufungen um die Mitte oder anders gesagt Normalverteilungen mit einer deutlichen Verteilung.

Aber daraus folgt eben weder, dass man diese Häufungen auflösen kann noch das sie Ergebnis eines Unterdrückungssystems sind.

Insofern ein guter Artikel, hat jemand vielleicht das gesamt Buch schon gelesen und kann was dazu sagen?