Vorwürfe gegen Joss Whedon

Der Regisseur Joss Whedon hat Ärger, er soll Schauspielern gegenüber ein unakzeptables Verhalten gezeigt haben.

Angefangen hat wohl der Schauspieler Ray Fisher mit diesem Tweet:

In einem Beitrag dazu heißt es

Actor Ray Fisher accused director Joss Whedon of “gross, abusive, unprofessional, and completely unacceptable” behavior on the set of the 2017 film “Justice League,” in a tweet that quickly went viral on Wednesday.

Fisher also claimed in his tweet on Wednesday that former Warner Bros. co-president of production Jon Berg, and former DC Entertainment president and chief creative officer Geoff Johns, both “enabled” Whedon’s alleged behavior on “Justice League.” Berg and Johns also served as producers on “Justice League,” and the film’s poor performance was a factor in both executives exiting their positions leading the DC Films unit at the studio.

Fisher offered no corroboration for his claims, and attempts to reach his representatives for further clarification went unanswered.

Whedon had no comment. A representative for Warner Bros. did not immediately respond to a request for comment.When reached for comment on Wednesday afternoon, Berg told Variety that it was  “categorically untrue that we enabled any unprofessional behavior.”

“I remember [Fisher] being upset that we wanted him to say ‘Booyaa,’ which is a well known saying of Cyborg in the animated series,” Berg added.

Ehrlich gesagt kannte ich Ray Fisher dem Namen nach nicht, ich dachte erst es wäre eine Frau und es ging um sexuelle Vorwürfe, eine Abwandlung des guten alten Grundsatzes, dass gerade männliche Feministen (Whedon sieht sich als Feminist) die schlimmsten sind, aber es scheint nur der Vorwurf zu sein, dass er sehr viel von seinen Schauspielern verlangt und dabei wenig Rücksicht auf sie nimmt. 

Das ist ja bei Regisseuren nicht unüblich. Hier etwa eine Darstellung, was James Cameron bei „The Abyss“ alles so gemacht hat:

Oder hier Coppola 

Dennoch würden viele Schauspieler einiges dafür geben in einem James Cameron Film mitzuspielen.

Da er sich auch gleich noch mit anderen Vorgesetzen von Warner Bros angelegt hat kam mir eher der Gedanke, dass er es bedauert, dass er in den schlecht laufenden DC Filmen feststeckt und aus der Rolle des Cyborgs raus will.  Es könnte interessant sein, wenn sie ihn feuern, ihm trotzdem das Geld zahlen müssen und er frei für andere Rollen ist. Aber das ist natürlich bloße Spekulation.

Wie bei anderen Anschuldigungen gegenüber Regisseuren gilt hier wahrscheinlich auch: Ein Regisseur kann ein Arschloch sein, solange die Filme genial werden. 

Und natürlich kam ein weiterer Gedanke: Kann Ray Fisher als Schwarzer es sich im allgemeinen Klima Hollywoods eher herausnehmen solche Kritik zu bringen, weil man ihn weniger angreifen darf und er erwarten kann besser behandelt zu werden? 

Aber auch das ist natürlich Spekulation. 

Der Fall wurde noch einmal aktuell, nachdem eine „Buffy“-Schauspielerin auch in das gleiche Horn stieß:

In February 2021, Buffy the Vampire Slayer and Angel actor Charisma Carpenter alleged that Whedon had „abused his power on numerous occasions“, calling him a „vampire“ and „casually cruel“. In a tweeted statement, Carpenter said that Whedon had called her „fat“ and asked her „if [she] was going to keep it“ upon learning of her pregnancy, mocked her religious faith, and repeatedly threatened to fire her. Carpenter also revealed that she had participated in Warner Media’s Justice League investigation.[306] Buffy co-stars Amber Benson and Michelle Trachtenberg confirmed Carpenter’s allegations. On social media, Benson wrote „Buffy was a toxic environment and it starts at the top. [Charisma Carpenter] is speaking truth“ and Trachtenberg wrote „we know what he did“ and alleged his behaviour towards her as a teenager was „Very. Not. Appropriate.“ [sic] Buffy star Sarah Michelle Gellar also lent her support and distanced herself from Whedon

Der Beitrag von Carpenter:

Klingt nach einem Regisseur, der das Projekt über alles setzt, auch über einen vernünftigen Umgang mit den Schauspielern und der eine Schwangerschaft schlicht als eine Unterbrechung seiner Pläne sehen kann, die ihm nicht passt. 

Gleichzeitig ist Carpenter auch als Frau eine Person, die sich leichter der Opferposition anschließen kann und ihre Karriere scheint mir auch nicht mehr so erfolgreich zu sein. 

Aus einem Spiegelartikel dazu:

Sarah Michelle Gellar, die in »Buffy« von 1997 bis 2003 als Titelfigur auftrat, pflichtete Carpenter bei: »Obwohl ich stolz bin, meinen Namen mit Buffy Summers in Verbindung zu bringen, möchte ich nicht für immer mit dem Namen Joss Whedon in Verbindung gebracht werden«, schrieb Gellar. Sie konzentriere sich während der Pandemie auf ihre Familie und wolle deshalb keine weitere Aussage machen. Sie unterstütze alle Betroffenen und sei stolz darauf, dass diese sich ausgesprochen haben.

Michelle Trachtenberg, die Gellars Schwester spielte, bedankte sich in den sozialen Medien bei Gellar. »Ich bin jetzt als 35-jährige Frau mutig genug, dies neu zu veröffentlichen«, schrieb sie und spielte damit auf Whedons »nicht angemessenes Verhalten« an, das sie als Teenager-Schauspielerin erlebte.

Der klassische Satz „Ich unterstütze alle Betroffenen und bin stolz darauf, dass diese sie ausgesprochen haben“ dürfte auch kaum zu umgehen sein, wenn heute ein solcher Vorwurf kommt. Denn ansonsten ist man schnell in Gefahr seinerseits in die Schußlinie zu kommen. 

Es wäre interessant etwas mehr zu den Vorwürfen zu hören.  Hier noch einmal Die Texte:

„Was er getan hat war sehr schlecht“. Irgendwie will so recht keiner mit der Sprache raus. Und immerhin hat es Gellar und Trachtenberg auch ins Rampenlicht gebracht. 

Mal sehen, was die Untersuchungen noch ans Licht bringen und wie es sich auswirkt. 

Die Studies müssen hier schon etwas vorsichtig sein, denn sie haben durchaus ein Interesse an Regisseuren, die einen gewissen Perfektionismus haben, etwas großartiges schaffen wollen und die Schauspieler dabei enorm fordern. Sie verleihen den Schauspielern mehr gegen den Film gerichtete Macht, wenn sie die Regisseure schwächen. 

Gleichzeitig bringt es einem auch nichts, wenn gute Schauspieler nicht mehr für einen arbeiten wollen, weil der Regisseur sich nicht vernünftig verhält. 

43 Gedanken zu “Vorwürfe gegen Joss Whedon

  1. Weder Carpenter noch Geller haben in den letzten Jahren irgendeinen Film gemacht den man sich merken müsste, im Gegensatz zu Whedon
    Fisher ist auch eher ein kleines Licht.
    Ob bewusst oder nicht, sie versuchen Aufmerksamkeit zu bekommen.

    • Sowohl Carpenter als auch Gellar haben seit Buffy nie wieder(!) an etwas signifikant mitgewirkt, das erfolgreich war.

      Das ist eine total super Bewerbung. Solche Leute möchte man doch einstellen. Liefern nur dann ab, wenn man sie so sehr fordert, dass sie noch 20 Jahre später darüber jammern. Danke, wir melden uns dann.

  2. Die Filmbranche ist ein Dschungel voller exzentrischer Künstler.

    Es wäre mal interessant zu erfahren, was die Roadies von diversen Pop-Diven so zu erzählen haben.

    Ansonsten liebe Kinder hört auf die Weisheit von System Of A Down:

  3. Erinnert mich ein bisschen an Hitchcock. Für die berühmte Duschszene in „Psycho“ soll er Janet Leigh derartig in die Enge getrieben haben, dass sie echte Panik bekam und die Angst nicht nur spielen musste. Ihrer eigenen Darstellung nach konnte sie hinterher nie wieder ohne mulmiges Gefühl unter die Dusche gehen.

    Wäre nach heutigen Maßstäben bestimmt ein Grund, Hitchcock zu canceln. Egal wie gut das Ergebnis war.

    • Naja über Hitchcock gibts ne Menge Geschichten, und das er seine Schauspieler nicht mit Samthandschuhen angefasst hat kann ich mir sehr gut vorstellen. Es gab da auch diese Geschichte mit Tippi Hedren (Die Vögel, Marnie), der er, je nachdem welche Seite es beschreibt „seine Liebe gestanden“ oder „sie sexuell bedrängt“ hat. Tatsache ist, er hat sie nach Marnie nicht weiter beschäftigt, Sie allerdings auch nicht aus dem Vertrag gelassen, und damit Ihrer Karriere wohl einen ordentlichen Dämpfer verpasst. Auf jeden Fall kann man sich auch noch 60 Jahre später das Maul drüber zerreißen 😀

  4. Bei Frau Carpenter war es wohl so, ihre Rolle sollte in der nächsten Staffel deutlich größer werden und Whedon hat sich mehrfach erkundigt, ob da irgendwas mit Schwangerschaft/ Kindern geplant wäre. Nein, war die Antwort und kurz vor Drehbeginn war sie dann doch schwanger. Da war er natürlich etwas angepisst, weil zum Beispiel auch die Drehbücher usw. neu geschrieben werden mussten.

    Ich arbeite auch oft mit Künstlern zusammen (meist Musiker/ Amateurbereich) und da gibt es eher selten so divenhaftes Verhalten. Am schlimmsten sind aber Leute, deren Stern am Verglühen ist, die aber unbedingt an den Privilegien aus ihrer Glanzzeit festhalten wollen.

  5. „Gleichzeitig bringt es einem auch nichts, wenn gute Schauspieler nicht mehr für einen arbeiten wollen, weil der Regisseur sich nicht vernünftig verhält. “

    Da passt eher „bekannte Schauspieler“. Wohingegen gute aber noch ziemlich unbekannte Schauspieler nur gewinnen können wenn sie Filme mit namhaften Regisseuren vorweisen können. Und dafür auch durchaus Schleiferei in Kauf nehmen.

    Am Ende ist es die Differenz in der Bekanntheit, der „Famous Gap“, die darüber entscheidet wer über wen öffentlich maulen darf

  6. Ich warte auf den empörten Aufschrei von Shelley Duvall, die von Kubrick wohl übler behandelt wurde, als ihr Charakter von ihrem Ehemann.
    Ja es ist leider so, dass einige Regisseure grenzverletzend sind, weil sie von Schauspielern wollen, dass sie selber über diese Grenzen gehen. Tom Cruise und Nicole Kidmann können sicherlich auch ein Lied davon singen, als Kubrick sie eine emotional äußerst fordernde Szene über 100 mal spielen ließ.
    Klar muss man unterscheiden. es gibt sicherlich auch inkompentente Idioten, die versuchen sich mit divenhaften Gehabe die Aura eines Kubricks zu geben, aber ich glaube das ist für einen involvierten Menschen oft schwer zu unterscheiden.

    • „Shining enthält das am häufigsten wiederholte Take der Filmgeschichte: die Szene, in der Wendy und Danny ins Badezimmer flüchten, Jack mit der Axt die Tür einschlägt und Wendy in Panik um ihr Leben schreit. Diese Einstellung wurde nach Kubricks Angaben 127-mal gedreht“

      https://de.wikipedia.org/wiki/Shining_(1980)#Sonstiges

      Ich staune, daß bei solchen Wiederholungsorgien die Performance (subjektiv) besser statt schlechter wird.

      • Naja, zum einen könnte sich die Frustration speziell bei Nicholson positiv auf dessen Darstellung eines Vollpsychos ausgewirkt haben, aber – das macht es nicht selten für die Schauspieler dann noch schlimmer- so viele Takes zu machen, heißt noch lange nicht, dass sich der Regisseur am Ende nicht doch für einen der ersten entscheidet – so quasi nach dem 278. Take das Seufzen: „OK, ihr Klappstühle, ich merke, ihr kriegt es einfach nicht besser hin; bleiben wir beim 4. Take, der war bis jetzt noch der am wenigsten beschissene…“. 😉

      • Spontaneität ist nicht unbedingt ursächlich für gute Schauspielerei. Ein richtige guter Schauspieler kann eine Szene auf sehr viele verschiedene Arten in sehr vielen verschiedenen Nuancen anbieten. Und bei einem „Method Actor“ ist sowieso jeder Take anders, eben weil er auch aus dem Augenblick heraus agiert.

    • Und dann erst bei der Werbung.

      100 Takes scheinen bei der Werbung keine Seltenheit zu sein.
      Ich erinnere mich an einen TV-Auftritt von Horst Lichter. Er sagte, dass Cameos in Filmen/Serien kein Problem seien, Werbespots hingegen schon: da müsse man einen Satz bis zu 100mal wiederholen bis die Regie zufrieden sei.

      • Ja ja ich erinnere mich an dirk Mierau, der vor meinem Studentenfilm bei der Colgate Werbung den Zahnarzt-Patienten spielte und seitdem keine Äpfel mehr mochte weil er hundertmal in einen Apfel beißen musste, bis der Regisseur damit zufrieden war

  7. Solche Leute (damals nannte man sie „Perfektionisten“) gibt (?) und gab es bei uns auch. Unter anderem der hervorragende Vicco von Bülow (Loriot), der ja auch sich selbst als auch Evelyn Hamann immer wieder über die Grenzen getrieben haben soll.

    • Heute wäre jemand wie Loriot nicht mehr möglich. Der war ja definitiv kein Haltungskünstler, obwohl er auch politisch sein konnte (die Auftritte als Parlamentspolitiker oder seine Polittalkrunde z. B.), aber er hat sich nicht vor einen Karren spannen lassen, wie z. B. die Anstalts-Amateure, die hinter den öffentlich-rechtlichen Möhrchen hinterherhecheln. Allerdings bezweifle ich, dass die vor ihrer Sendung einen Stuhlkreis machen, um Probleme auszudiskutieren.

  8. Dieses Mimimimimimi von Erwachsenen Menschen ist unerträglich. Wer seine Job kann, der macht. Es gibt halt doch gute Gründe auf das Weibliche auch mal zu verzichten.

    Zur Sache: wenn es aus Hollywood kommt und um mittelalte Schauspielerinnen geht, dann hat es mit Aufmerksamkeit zu tun. Da will mal jemand wieder Kasse machen. Da wird dann alles aus der Mottenkiste gekramt, was halt passen könnte. Das Signal ist eindeutig: schaut her, alte weiße Männer, ihr könnt euch nie mehr sicher sein – sowas nennt sich Klima der Angst (manche sagen vielleicht rape culture, aber der Begriff ist schon besetzt).

  9. Wie sich das professionelle Verhältnis zwischen Regisseur und Schauspielern gestaltet bzw. wie es von den Beteiligten empfunden wird, hängt sehr stark vom Level ihrer Begabung und Professionalität ab. Ein hochbegabter Schauspieler wird begeistert sein, wenn ein guter Regisseur ihm alles abverlangt, ein weniger begabter Schauspieler wird das möglicherweise als Schikane bzw. unzumutbares Verhalten empfinden. Es gibt einen Dokumentarfilm von H. J. Syberberg, „Fritz Kortner probt Kabale und Liebe“ (leider steht auf youtube nur ein kurzer Ausschnitt, in dem Kortner nicht probt sondern eine Anekdote erzählt). Der Film ist aus dem Jahr 1965 und zeigt, wie Kortner mit Christiane Hörbiger und Helmut Lohner eine Szene aus dem 5. Akt von Schillers „Kabale und Liebe“ probt. Man sieht, wie Kortner die beiden Schauspieler eine relativ kurze Passage immer wieder wiederholen lässt, jeweils um Nuancen anders. Kortner lässt alle Möglichkeiten, diese Szene zu spielen, durchprobieren (Es heißt nicht ohne Grund „Probe“), um herauszufinden, welche Version für Schauspieler und Inszenierung die geeignetste, die beste ist. Ich habe mir diesen Film sehr oft mit anderen Schauspielern zusammen angeschaut und erkannt, dass dieser Film eine Art Lackmustest für die Begabung und Professionalität von Schauspielern ist. Weniger begabte Schauspieler finden Kortners Verhalten „diktatorisch“ oder einfach „fürchterlich“. Begabte Schauspieler, die ihren Beruf mit Hingabe ausüben, sind in der Regel begeistert über Kortners Genauigkeit und Einfallsreichtum und äußern den Wunsch, auch einmal so arbeiten zu dürfen. Das ist auch im Film so: Lohner und Hörbiger wirken nicht so, als würden sie von Kortner gequält. Im Gegenteil.

    • Danke für den interessanten Kommentar. Wobei ich vielleicht nicht nur nach begabten und weniger begabten Schauspielern sortieren würde. Das ist wohl viel mehr eine grundsätzliche Charakterfrage. Manche zweifelsfrei wirklich talentierten Schauspieler sind dann aber auch in geradezu narzisstischer Weise in ihr eigenes Schauspiel verliebt, so dass jede Ansage eines Regisseurs, es noch einmal mit leichten Änderungen zu probieren, direkt als narzisstische Kränkung aufgenommen wird. Ein Extrembeispiel, weil wohl auch grundsätzlich nicht nur Narzisst sondern schwerer Soziopath, dürfte der bei Regisseuren seinerzeit berüchtigte bis gefürchtete Klaus Kinski gewesen sein.

  10. Ein vergleichbar milder Ausbruch laut Herzog:

    Am bemerkenswert fand ich das Angebot der einheimischen Indianer und Komparsen an Herzog
    den Kinski zu beseitigen ab Minute 04:20
    Gruß Sense

      • Hihi, ich meine mich zu erinnern, dass besagter Herzog der einzige Regisseur war, der überhaupt noch bereit war, mit Kinski zusammenzuarbeiten. Irgendwie hatte der wohl das Talent, Kinskis regelmäßige Ausraster inklusive hemmungslos in die Welt gebrüllter, unflätigster Verbalinjurien nicht an sich rankommen zu lassen und ihn, wohl mittels submissiver Schmeicheleien, dann doch immer wieder das machen zu lassen, was er wollte.

        • Ich meine, in der Doku erzählt Herzog, dass er Kinski sich teilweise gezielt habe mit Wutanfällen austoben lassen, weil Kinski danach erst in der Grundstimmung war, die Herzog für die nächste Szene haben wollte.

  11. Meine etwas andere Sichtweise, die ich hier bisher noch nicht gelesen habe:

    Haben diese Leute eigentlich überhaupt kein Schamgefühl? Sie lassen sich am Set schikanieren ohne sich dagegen zur Wehr zu setzen, sind also feige Duckmäuser, und betrachten es als mutige Tat, zwanzig Jahre später an die Öffentlichkeit zu gehen? Ohne auch nur einen Hauch von Selbstkritik à la: „Was war ich damals eigentlich so blöde, mir das alles gefallen zu lassen?“ Und bekommen dafür auch noch Applaus, anstatt dass man seine Kinder davor warnt, so zu sein wie die? Anstatt ihnen beizubringen, dass sie für sich selbst einstehen sollen, direkt für sich sorgen sollen, sich nichts gefallen lassen, und nicht darauf zu schielen, irgendwann mal auf Twitter Mitleidspunkte abzusahnen?

    Wie erbärmlich ist das denn?

    • Am Set herrscht eine Ausnahmesituation. Da arbeiten dem Schauspieler viele Menschen zu und von ihm wird erwartet, dass er möglichst gut funktioniert, d.h. den Anweisungen des Regisseurs folgt. Wenn ein Schauspieler eine Diskussion mit dem Regisseur anfängt, kostet das die Produktion Geld und das bedeutet, dass der Schauspieler ab sofort als „schwierig“ gilt und Probleme bekommen wird, weitere Engagements zu bekommen. Wenn sich ein Schauspieler am Set also über einen Regisseur ärgert, ist er durchaus gut beraten, seinen Ärger herunterzuschlucken und zu „funktionieren“, bis die Szene im Kasten ist.
      Es ist allerdings auch nicht einfach, anschließend das Gespräch mit dem Regisseur zu suchen. Der hat dann meist mit der nächsten Szene zu tun, und wenn man abgedreht ist, hat niemand mehr Interesse, mit einem zu diskutieren. Film und Fernsehen ist in allererster Linie ein Geschäft, Zeit ist Geld. Deshalb schlucken die meisten Schauspieler ihren Ärger hinunter, so ist das Geschäft. Ego-Trips wie Kinski können sich nur Stars leisten, die mit ihrer Zugkraft entsprechend Kinokarten verkaufen bzw. für Einschaltquote sorgen können.
      Natürlich ist es erbärmlich, zwanzig Jahr später auf Twitter rumzujammern und zu versuchen, die so entstandene Aufmerksamkeit zu monetarisieren. Aber als unbekannter Schauspieler ist es tatsächlich schwierig bis unmöglich, sich direkt zur Wehr zusetzen, wenn man sich am Set ungerecht behandelt fühlt.
      Film ist grundsätzlich ein schwieriges Milieu.

      • „Am Set herrscht eine Ausnahmesituation…Film ist grundsätzlich ein schwieriges Milieu.“

        Meinetwegen, aber dass Menschen funktionieren müssen, ist auch in vielen anderen Bereichen und Berufen so. Es ist immer eine Gratwanderung, dem Chef zu widersprechen und sich zur Wehr zu setzen. Deshalb braucht es ja Courage, und deshalb ist es keine Selbstverständlichkeit, sondern etwas, dass man Kindern am besten frühzeitig und geduldig beibringt, damit sie es als mündige Erwachsene beherrschen.

        Und wenn es im Filmgeschäft besonders schwierig ist, zu widersprechen, braucht es dort eben besonders viel Mut. Ich weiß, leicht gesagt vom warmen Sofa aus; als junger Mensch habe ich mir damit auch sehr viel schwerer getan als heutzutage. Aber „unmöglich“ lasse ich nicht gelten.

        • Ein kleines Beispiel aus meiner beruflichen Vergangenheit (lange her): Ich hatte mal einen Drehtag, der begann mit einer kleinen Schlägerei, bei der ein Gemüsestand zerdeppert werden sollte. Das musste als erstes in einem Take klappen (wir hatten das drei Tage mit dem Stunt Coordinator geprobt), weil in den so entstandenen Trümmern des Standes spielten die restlichen Szenen des Tages. Hätten wir das versaubeutelt, hätte der Stand wiederaufgebaut werden müssen, das hätte ein paar Stunden gedauert, ein weiterer Drehtag wäre nötig gewesen, das hätte die Produktion eine sechsstellige Summe gekostet. Es lief alles glatt, der Regisseur war ein Super-Profi, aber – das frage ich mich jetzt – wenn der mir krumm gekommen wäre, hätte ich mich dann quergestellt und mit ihm ein Fass aufgemacht? Ich denke nicht. Ich wäre dann der „Schuldige“ für den zusätzlichen Drehtag gewesen. Hätte mich zwar kein Geld gekostet, dafür gibt’s ja Versicherungen, aber Arbeit hätte ich wohl keine mehr gefunden. Ich war damals 28 und schon eine Weile im Geschäft.

          • Das Beispiel gibt jetzt nicht so viel her. Was heißt „krumm gekommen“? „Fass aufmachen“? Wieso kostet das offene Fass einen ganzen Drehtag?

            Klar, wenn ich in der Unfallchirurgie arbeite und gerade ein Schwerverletzter eingeliefert wird, fange ich nicht an, über den Tonfall des Chefarztes zu diskutieren. Aber wenn der Regisseur meiner Serienproduktion mich fett nennt und mir das nicht passt, sage ich ihm, er solle mal in den Spiegel gucken. Oder dass er sich zum Teufel scheren soll. Oder wie auch immer ich das kompensieren will. Es geht darum, sich gegen miese Behandlung zu wehren. Klar sitzt der Chef tendentiell am längeren Hebel, und man arbeitet gemeinsam an einem Ziel. Aber das heißt nicht, dass man sich alles gefallen lassen muss.

            Und natürlich trifft in erster Linie denjenigen der Vorwurf, eine miese („toxische“) Arbeitsatmosphäre zu schaffen, der’s tut. Aber nochmal: Wer sich das gefallen lässt, macht definitiv auch etwas falsch. Und zumindest dieses bisschen Selbstkritik würde ich mir wünschen, wenn jemand nach zwanzig(!) Jahren anfängt, davon zu erzählen.

            (Im Zivildienst hatte ich auch mal einen Scheißchef, der mich damals 18-Jährigen aus nichtigem Anlass nach allen Regeln der Kunst zusammengefaltet hat. War scheiße für mich, und er ist ein Arschloch. Aber ich behaupte, ich habe daraus gelernt, denn ich habe mir fest vorgenommen, mir so etwas garantiert nicht noch einmal gefallen zu lassen. Sind solche Erkenntnisprozesse zu viel verlangt?)

      • Die Schauspieler die das stört können sich doch auch bei Lidl an die Kasse setzen und zu den normalen Menschen herunterkommen. Ich hab eher den Eindruck, dass diese Leute dermaßen selbstverliebt und abgehoben sind, dass sie sich gar nicht mehr vorstellen können, dass ihre bösen Verletzungen bei den meisten Menschen ein Tagesgeschäft sind und man sie mit einem Schulterzucken abtut.
        Deswegen kann ich Schauspieler auch nicht sonderlich gut leiden.

  12. Ich halte es generell für falsch Vorkommnisse in einem Team in der Öffentlichkeit zu diskutieren.

    Es geht mich nichts an und ich will es auch nicht wissen. Jetzt interessiert mich die Filmbranche schon nicht, aber ich will auch nicht wissen, was sich Fußballer im Training oder unter der Dusche sagen oder nach dem Spiel.

    Während des Spiels kann es relevant sein für eine Karte, aber danach müssen sie selbst lernen, ihre Konflikte zu lösen. Ein objektives Bild kann ich mir eh nicht machen, aber gegen Geld würde ich auch die Rolle eines Moderators oder Richters übernehmen. Aber wieso soll ich mich zu solchen Lappalien äußern, die mit mir nichts zu tun haben?

    Auch was die Stones im Probenraum machen ist mir wurscht, oder hinter der Bühne. Für Anekdoten mag es interessant sein.

    Der Bäcker B. aus U. soll seine Kollegin K. eine alte Schnepfe genannt haben. Sagt sie. Er sagt, sie habe ihn vorher mit Absicht getreten und er habe nur „Schnepfe“ gesagt. Der Hausmeister H. will dabeigewesen sein und gesehen haben, dass es kein richtiger Tritt war, gehört hat er aber nichts, weil er Kopfhörer aufhatte. Die Putze P. sagt, das könne nicht sein. Sie seien um die Zeit beide im Pausenraum gewesen und H. habe wieder seine Maske nicht richtig aufgehabt.

    Bleiben Sie dran, wenn es in der nächsten Folge heißt: Was bekam Lieferant L. mit, der gerade Marzipanhörnchen lieferte? Hat er einen Blick in den Pausenraum geworfen? Und stimmt es, dass der Hausmeister Rechtsrock hört? Was bedeutet das für ihn als Zeugen?

  13. Schauspieler sind Nutten und werden so behandelt. Das lernt man ganz schnell in der Branche. Ich hatte mal kurz Einblick und das hat mir gereicht.
    Du willst ne Rolle? Dann lern ganz schnell Schwänze blasen und Muschis lecken und steck deinen Kopf in jeden Arsch, der was zu melden hat.
    Entweder du machst es, oder du zeigst den Stinkefinger und gehst arbeiten.

  14. Wie die ein oder andere Person weiß, bin ich ja nun großer Buffy-Fan

    Die Gerüchte um Fehlverhalten durch Joss Whedon gab es schon lange. 2017 oder 2018 hat seine Ex-Frau sich auch schonmal entsprechend geäußert. Übrigens haben auch Amber Benson (Tara) und Clare Kramer (Glory) Charisma Carpenter unterstützt:

    Mich persönlich wundern zwei Dinge:
    1.: Warum erst jetzt (nachdem ein junger Mann sich äußert)? Während #MeToo oder #TimesUp wären Momente gewesen, wo das wenig kritisch aufgenommen worden wäre und sie hätten auch die gelegenheit gehabt Joss Whedons Ex-Frau zu unterstützen.

    2.: Clare Kramer unterstützt nur und „glaubt“ Frau Carpenter. Alle anderen sind sehr unspezifisch darin was denn nun eigentlich vorgefallen sei. Nur Frau Carpenter bringt spezifische Beispiele die sie betreffen.

    Dennoch kann ich mir gut vorstellen, dass, gerade die von Frau Carpenter beschriebenen Vorfälle bezüglich ihrer Schwangerschaft tatsächlich so vorgefallen sind und das auch andere Vorfälle gab (immerhin hat man ~7 Jahre zusammen gearbeitet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.