Wolfgang Thierse – „Wie viel Identität verträgt die Gesellschaft“ Identitätspolitik darf nicht zum Grabenkampf werden, der den Gemeinsinn zerstört: Wir brauchen eine neue Solidarität

Über Arne, der über ein Interview mit Wolfgang Thierse berichtet hat, habe ich von dem Artikel von Wolfgang Thierse gegen linke und rechte Identitätstheorie erfahren.

Thierse ist ein Politiker der SPD und war immerhin Bundestagspräsident und Bundestagsvizepräsident. Sicherlich hat Thierse seine besten Tage hinter sich und er ist unbedeutender geworden. Aber es ist dennoch ein gutes Zeichen für die SPD und die Politik an sich, wenn er sich in dieser Art zu Wort meldet. Deshalb ist der Text alle mal eine Besprechung wert.

„Was früher die Konfession war, später die Ideologie wurde, ist heute Identität als erfolgversprechendstes Mittel, um Zugehörigkeit zu signalisieren“, hat Simon Strauß vor einigen Wochen in dieser Zeitung geschrieben. Eine zutreffende Beobachtung, die zugleich in Erinnerung ruft, dass „Konfession“ und „Ideologie“ in der Vergangenheit immer wieder zu heftigen, gar blutigen Konflikten geführt haben. Sollte sich Geschichte unter anderem Leitbegriff etwa wiederholen? Themen kultureller Zugehörigkeit scheinen jedenfalls unsere westlichen Gesellschaften mittlerweile mehr zu erregen und zu spalten als verteilungspolitische Gerechtigkeitsthemen. Fragen ethnischer, geschlechtlicher und sexueller Identität dominieren, Debatten über Rassismus, Postkolonialismus und Gender werden heftiger und aggressiver. Das sind wohl unausweichliche Auseinandersetzungen in einer pluralistischer werdenden Gesellschaft und Ausdruck sozialer Konflikte, die als Verteilungskonflikte um Sichtbarkeit und um Einfluss, um Aufmerksamkeit und um Anerkennung, also um kulturelle Teilhabe ausgefochten werden.

Schon immer haben Identitäten eine große Bedeutung gespielt, aber in den intersektionalen Theorien wird dies natürlich noch einmal besonders betont, weil dort die Gruppenzugehörigkeit das ein und alles ist, nach dem man einen Menschen bewertet. Ein Mensch ist dort eben kein Individuum, sondern nur Teil seiner ihm zugewiesenen bzw von ihm teilweise auch bestimmbaren Gruppenidentitätsanteile.

So unvermeidlich diese Konflikte erscheinen mögen, so verwirrend, unübersichtlich und ambivalent sind sie auch. Die Heftigkeit mancher Attacken aufs Hergebrachte, ebenso wie die Heftigkeit der Verteidigung des Hergebrachten, die Radikalität identitärer Forderungen drängen zu der Frage: Wieviel Identitätspolitik stärkt die Pluralität einer Gesellschaft, ab wann schlägt sie in Spaltung um?

Das ist eine gute Frage, die aber natürlich in den intersektionalen Theorien selbst nicht gestellt werden kann. Dort ist man ja der Meinung, dass Spaltung geradezu notwendig ist – wer alle gleich macht verdeckt Ungerechtigkeiten. Wer etwa sagt, dass er keine (Haut-)Farbe sieht, der sagt damit nur, dass er seine Vorteile als Weißer behalten will und die Schwierigkeiten der Nichtweißen ausblenden will. Spaltung ist in dieser Hinsicht kein Nachteil, es ist eher der notwendige Schritt zu einer besseren Gesellschaft. Erst wenn die Diskriminierungen tatsächlich weg sind, wenn alle gleich sind, dann darf man von einer Einigkeit sprechen.

Sehr grundsätzlich gesagt: Ethnische, kulturelle, religiös-weltanschauliche Pluralität, die auch in Deutschland zunimmt, ist keine Idylle, sondern ist voller Streit und Konfliktpotenzial. Wenn Vielfalt friedlich gelebt werden soll, dann muss diese Pluralität mehr sein als das bloße Nebeneinander sich voneinander nicht nur unterscheidender, sondern auch abgrenzender Minderheiten und Identitäten. Dann bedarf es grundlegender Gemeinsamkeiten, zu denen selbstverständlich die gemeinsame Sprache gehört, natürlich auch die Anerkennung von Recht und Gesetz. Darüber hinaus aber muss es die immer neue Verständigung darüber geben, was uns als Verschiedene miteinander verbindet und verbindlich ist in den Vorstellungen von Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität, Menschenwürde, Toleranz, also in den unsere liberale, offene Gesellschaft tragenden Werten und ebenso auch in den geschichtlich geprägten kulturellen Normen, Erinnerungen, Traditionen. Solcherart definierte kulturelle Identität ist das Gegenteil von dem, worauf Identitätspolitik von rechts oder gelegentlich auch von links zielt.

„Verbindende Werte“ würde man da als Kurzformel sagen. Aber das birgt natürlich für Theorien, die von einem Kulturrelativismus für Kulturen, die sie den „Unterdrückten“ zuordnen ausgehen und gleichzeitig in westlichen Kulturen nur Unterdrückung und Ausbeutung durch Weiße sehen können, einiges an Aufregungspotential. Ausländer sollen etwa in Deutschland deutsch sprechen? Das klingt in diesem Sinne dann eher rechts. Und eine Anpassung an „westliche Werte“ würde da wohl auch eher kritisch gesehen werden.

Das Gefährliche und Illusionäre rechter Identitätspolitik besteht darin, dass sie kulturelle nationale Identität als ethnische und kulturelle Homogenität missversteht und als solche durchsetzen will, also nicht Unterscheidung, sondern Ab- und Ausgrenzung betreibt bis zu Intoleranz, Hass und Gewalt gegenüber den „Anderen“, den „Fremden“. Rechtsextreme und Rechtspopulisten beschwören nationale Identitäten.

Und auch rechte Identitätstheorien sind aus meiner Sicht in der Tat wenig überzeugend. Sie überhöhen bestimmte Volksgruppen und vermischen das ganze mit einer Kultur, die sie quasi an der Volksgruppe festmachen. Die daraus entstehenden Gruppenidentitäten haben eine sehr wackelige Grundlage und wenn dies noch mit Überlegenheitsfantasien und Ausgrenzung verbunden wird kommt dabei nichts vernünftiges heraus.

Trotzdem meine ich: Heimat und Patriotismus, Nationalkultur und Kulturnation, das sind Begriffe und Realitäten, die wir nicht den Rechten überlassen dürfen. Sie sind nicht reaktionäre Residuen einer Vergangenheit, die gerade vergeht. Der Blick in die europäische Nachbarschaft und auf den Globus zeigt, die Nation ist keine erledigte historische Größe. Und die Pandemie hat gerade wieder erwiesen, wie notwendig diese Solidargemeinschaft, nämlich der nationale Sozialstaat, ist. In Zeiten dramatischer Veränderungen ist das Bedürfnis nach sozialer und kultureller Beheimatung groß. Eine Antwort auf dieses Bedürfnis ist die Nation. Das nicht wahrhaben zu wollen, halte ich für elitäre, arrogante Dummheit.

Das halte ich durchaus für richtig. Wer von einer staatenlosen Welt und freier Einwanderung träumt („Kein Mensch ist illegal“) der ist aus meiner Sicht eher naiv.

Allerdings, die Veränderungen, die wir erleben, machen die Fiktion einer homogenen Nationalkultur in der Tradition von Johann Gottfried Herder endgültig obsolet. Aber trotzdem ist Kultur auch nicht nur Interkultur oder kulturelles McWorld oder Kulturplasma. Sie ist und bleibt ein immer auch regional und national bestimmtes, geschichtlich geprägtes Ensemble, ein Ensemble von Lebensstilen und Lebenspraktiken, von Überlieferungen und Erinnerungen, von Einstellungen und Überzeugungen, von ästhetischen Formen und künstlerischen Gestalten. Und genau als solches Ensemble prägt die Kultur die relative stabile Identität einer Gruppe, einer Gesellschaft und eben auch einer Nation. Und ich füge sofort hinzu: und ändert sich dabei! Denn Kultur ist selbst auch der eigentliche Raum der Bildung und Veränderung von Identitäten, der Vergewisserung des Eigenen wie auch der Aneignung und des Erlernens von Fremdem. Das macht Kultur so wichtig und Nation eben nicht überflüssig.

Natürlich verändert sich Kultur auch immer. Durch das Internet ist die gesamte Welt zusammengerückt und gleicht sich insofern aufgrund gemeinsamer Medien in vielen Punkten auch an. Der internationale Handel macht in vielen Bereichen Kriege unnötig (leider nicht in allen) und trägt zu einer Internationalität bei, die viele neue Aspekte mit sich bringt.

Identitätspolitik, wenn sie links sein will, stellt auf radikale Weise die Gleichheitsfrage. Sie verfolgt das berechtigte Interesse, für (bisherige) Minderheiten gleiche soziale, ökonomische und politische Rechte zu erringen. Sie ist eine Antwort auf erfahrene Benachteiligungen. In ihrer Entschiedenheit ist sie in der Gefahr, nicht akzeptieren zu können, dass nicht nur Minderheiten, sondern auch Mehrheiten berechtigte kulturelle Ansprüche haben und diese nicht als bloß konservativ oder reaktionär oder gar als rassistisch denunziert werden sollten.

Das ist eine interessante Aussage. In der Tat ist das ja ein demokratischer Grundsatz, der eigentlich selbstverständlich sein müsste. Aber er passt allerdings nicht in die Feindbilder in den intersektionalen Theorien. Bei denen hat die Mehrheit schon alle Rechte und will sie nicht hergeben. Ein rechtschaffener Mensch aus der Mehrheit müsste dies aber und hat daher die Minderheiten in ihrem Kampf um Gleichberechtigung zu unterstützen.

Linke Identitätspolitik ist in der Gefahr die notwendigen Durchsetzungs- und Verständigungsprozesse zu verkürzen und zu verengen. Aber es wird nicht ohne die Mühsal von Diskussionen gehen. Diese zu verweigern, das ist genau das, was als Cancel Culture sich zu verbreiten beginnt. Menschen, die andere, abweichende Ansichten haben und die eine andere als die verordnete Sprache benutzen, aus dem offenen Diskurs in den Medien oder aus der Universität auszuschließen, das kann ich weder für links noch für demokratische politische Kultur halten. Für die gilt seit der Aufklärung: Es sind Vernunftgründe, die entscheiden sollen und nicht Herkunft und soziale Stellung. Die eigene Betroffenheit, das subjektive Erleben sollen und dürfen nicht das begründende Argument ersetzen. Biografische Prägungen – und seien sie noch so bitter – dürfen nicht als Vorwand dafür dienen, unsympathische, gegenteilige Ansichten zu diskreditieren und aus dem Diskurs auszuschließen. Opfer sind unbedingt zu hören, aber sie haben nicht per se recht und sollten auch nicht selbst Recht sprechen und den Diskurs entscheiden.

Da stellt sich Thierse mutig gegen Grundsätze aus den intersektionalen Theorien. Dabei sagt er eigentlich nichts provokantes. Er sagt Selbstverständlichkeiten einer aufgeklärten Gesellschaft.

Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten, ist der programmatische Titel eines Buches von Alice Hasters. Ja, wir Weiße haben zuzuhören, haben Diskriminierungen wahrzunehmen. Aber die Kritik an der Ideologie der weißen Überlegenheit darf nicht zum Mythos der Erbschuld des weißen Mannes werden. Die Rede vom strukturellen, ubiquitären Rassismus in unserer Gesellschaft verleiht diesem etwas Unentrinnbares, nach dem Motto: Wer weiß ist, ist schon schuldig. Und deshalb sei Blackfacing, sei kulturelle Aneignung über Hautfarben und Ethniengrenzen hinweg nicht erlaubt. Verbote und Gebote von sprachlichen Bezeichnungen folgen. Das erzeugt falsche kulturelle Frontbildungen, Unsicherheiten und Abwehr. Eine Abwehr, die offensichtlich nicht nur zum rechten Rand, sondern bis weit in die Mitte der Gesellschaft reicht. Umso mehr bestätigt diese dann wieder den Rassismusvorwurf, ein Circulus vitiosus.

Vielen Dank, Herr Thierse, dass Sie das einmal so klar aussprechen. Aber es wird auf Unverständnis bei den „Woken“ treffen. Sie lesen dort nur, dass jemand seine Privilegien nicht hergeben will oder es noch nicht verstanden hat: Aus deren Sicht besteht die Front je bereits zwischen Unterdrückern und Unterdrückten. Es ist zwingend notwendig die Unterdrücker darauf hinzuweisen, dass sie (teilweise unbewußte und nicht absichtliche) Unterdrücker sind. Wenn das Unsicherheit und Abwehr erzeugt, dann ist das eben „white Fragility“ oder „male Fragility“ und man kann erwarten, dass sie diese überwinden

Ich halte diese Ansichten wenig überraschend für falsch. Thierse hat recht, wenn er davor warnt, dass es eher die Gräben vertieft. Die Leute fühlen sich ungerecht angegriffen und reagieren mit Abwehr bzw haben eh nicht mehr das Gefühl etwas ändern zu können. Wenn alle Rassisten sind dann ist rassistisch sein nichts schlimmes mehr.

Die Forderung nach nicht nur gendersensibler, sondern überhaupt minderheitensensibler Sprache erleichtert gemeinschaftsbildende Kommunikation nicht in jedem Fall. Wenn Hochschullehrer sich zaghaft und unsicher erkundigen müssen, wie ihre Studierenden angeredet werden möchten, ob mit »Frau« oder »Herr« oder »Mensch«, mit »er« oder »sie« oder »es«, dann ist das keine Harmlosigkeit mehr. Und diejenigen, die das für eine Übertreibung halten, sind nicht einfach reaktionär, so wenig wie die es sind, die sich gegen Reglementierungen von Sprache per Anordnung oder per Verboten wenden.

Eine Welt die nicht in Gut („Sehen es so wie die intersektionalen Theorien“) und Schlecht („Haben andere Meinung“) eingeteilt wird? Sondern in der mit Argumenten diskutiert werden muss? Unvorstellbar.

Wir erleben neue Bilderstürme. Die Tilgung von Namen, Denkmalstürze, Denunziation von Geistesgrößen gehören historisch meist zu revolutionären, blutigen Umstürzen. Heute handelt es sich eher um symbolische Befreiungsakte von lastender, lästiger, böser Geschichte. Die subjektive Betroffenheit zählt dabei mehr als der genaue Blick auf die Bedeutungsgeschichte eines Namens, eines Denkmals, einer Person, wie die Beispiele Mohrenstraße und Onkel Toms Hütte in Berlin zeigen. Weil mich der Name beleidigt und verletzt, muss er weg, das ist die fatale Handlungsmaxime. Die Reinigung und Liquidation von Geschichte war bisher Sache von Diktatoren, autoritären Regimen, religiös-weltanschaulichen Fanatikern. Das darf nicht Sache von Demokratien werden. In jedem einzelnen Fall ist breite öffentliche Diskussion sinnvoller und als Konsequenz Kommentierung statt Zerstörung der bessere Weg. Eine widerspruchsvolle gegenständliche Geschichtslandschaft jedenfalls ist eine bessere Grundlage für gemeinsames historisches Lernen. Wir brauchen die Stolpersteine der Geschichte.

Das wäre ein entspannterer Umgang in der Tat. Vielleicht würde es einer Gesellschaft durchaus gut tun.

Wir leben gewiss mehr denn je in einer ethnisch, kulturell, religiös-weltanschaulich pluralen Gesellschaft. In ihr ist Diversität nicht das Ziel, sondern eine faktische Grundlage unserer Demokratie und Kultur. Dieses Faktum zu leugnen oder rückgängig machen zu wollen, ist das Fatale, ja Gefährliche rechter Identitätspolitik. Es zum Ziel aller sozialen und kulturellen Anstrengungen zu erhöhen, halte ich für das Problematische linker Identitätspolitik. Das Ziel muss vielmehr sein, die akzeptierte Diversität friedlich und produktiv leben zu können. Dies zu erreichen, verlangt nicht nur den energischen Einsatz für die Anerkennung und Verwirklichung der jeweils eigenen Identität, der individuellen und Gruppen-Interessen. Sondern das verlangt in noch größerem Ausmaß die Bereitschaft und Fähigkeit das Eigene in Bezug auf das Gemeinsame, auf das Gemeinwohl zu denken und zu praktizieren, also auch das Eigene zu relativieren. Die Arbeit an dem, was Ralf Dahrendorf einmal „sense of belonging“ genannt hat, ist wichtiger denn je. Diversitätsbeauftragte jedenfalls sollten zugleich Gemeinsamkeitsbeauftragte sein.

Das ist natürlich eine gänzlich andere Sicht auf die Dinge. Es macht die Welt komplizierter als wenn man einfach eine Erbschuld zuweist. Man muss neue Gemeinsamkeiten finden, beide Seiten können Toleranz fordern und beide müssen an der Umsetzung des Zusammenlebens arbeiten.

Der unabdingbare Respekt vor Vielfalt und Anderssein ist nicht alles. Er muss vielmehr eingebettet sein in die Anerkennung von Regeln und Verbindlichkeiten, übrigens auch in die Akzeptanz von Mehrheitsentscheidungen. Sonst ist der gesellschaftliche Zusammenhalt gefährdet oder wird gar zerstört durch radikale Meinungsbiotope, tiefe Wahrnehmungs-spaltungen und eben auch konkurrierende Identitätsgruppenansprüche, erst recht in der digitalen Öffentlichkeit. Weil der gesellschaftliche Zusammenhalt in einer diversen, sozial und kulturell fragmentierten „Gesellschaft der Singularitäten“ (Andreas Reckwitz) nicht mehr selbstverständlich ist, muss er ausdrücklich das Ziel von demokratischer Politik und von kulturellen Anstrengungen sein, eben vor allem auch der Sozialdemokratie. Es muss ihr kulturelles Angebot sein, dass Solidarität, um die geht es nämlich, kein einseitiges Verhältnis ist, kein Anspruchsverhältnis gegen die anderen, sondern auf Wechselseitigkeit und das Ganze umfassend zielt.

Mal sehen, ob er sich damit durchsetzen kann. Ich hoffe er stößt zumindest eine interessante Diskussion an und gibt Leuten in der SPD auch eine Position, die sie teilen können, eine Stimme gegen zu radikale Meinungen.

In dem von Arne verlinkten Interview war auch noch eine interessante Stelle:

Heckmann: Sie sagen, das Fragen ethnischer, geschlechtlicher und sexueller Identität dominieren, dass diese Debatten über Rassismus, Postkolonialismus und Gender heftiger und aggressiver geführt werden. Das heißt, Sie kommen zu dem Schluss, diese Debatten über Identitätspolitik, die tragen zur Spaltung der Gesellschaft bei?

Thierse: Jedenfalls in der Art, wie sie geführt werden. Sehen Sie, mein Text ist ja ein Appell, mehr Anstrengungen für Gemeinsamkeit zu übernehmen, das Gemeinsame immer neu im Verschiedenen, ohne die Vielfalt beseitigen zu wollen, sondern Vielfalt kann nur friedlich und produktiv gelebt werden, wenn wir fundamentale Gemeinsamkeiten haben. Dieser Appell hat zu einem Shitstorm geführt. Ich werde als reaktionär beschimpft, als Mann mit neurechtem Sprech, gewissermaßen AfD-Positionen. Vom Schwulen- und Lesbenverband wird das getrieben. Mir wird vorgehalten, das sind ja die Ansichten eines alten weißen Mannes mit heterosexueller Orientierung, heteronormativer Orientierung. Da erleben Sie genau das. Eine Ansicht, die einem nicht passt, die wird identitär zurückgewiesen. Mein Alter, meine „Rasse“, mein Geschlecht, meine sexuelle Orientierung – also ist die Sache erledigt. Man muss sich mit der Ansicht nicht befassen. Man kann sie einfach ablegen, weil sie so von einem Menschen, der ja immer definiert ist mit einer bestimmten Identität, vorgetragen worden

In der Tat eine sehr unschöne Entwicklung: Nicht mehr das Argument zählt, es reicht dem Sprecher „feindlichen Gruppen“ zuzuordnen aufgrund bestimmter Eigenschaften die er hat, um seine Position zu entkräften.

In der Erwiderung beim Deutschlandfunk wird das auch absolut deutlich:

Wolfgang Thierse hat Recht, wenn er sagt: Wir müssen uns Mühe geben, an einem gesamtgesellschaftlichen „Wir“ zu arbeiten, wenn wir nicht riskieren wollen, dass unsere Gesellschaft in viele Splittergruppen zerbricht, die sich nicht verstehen oder gar gegenseitig bekämpfen. Was Thierse nicht sagt: Momentan gibt es in Deutschland vor allem eine dominierende Gruppe, die das „Wir“ gepachtet hat: Das sind vor allem weiß, heterosexuell und patriarchal geprägte Menschen, eine Gruppe, der Wolfgang Thierse und auch ich angehören.

(…)

Wolfgang Thierse aber will und kann das strukturelle Problem nicht an-erkennen, dass im Moment nicht alle gleichberechtigt in unserer Gesellschaft teilhaben können. Das führt zu dem Paradox, dass er die Dominanz der Mehrheitsperspektive ignoriert und sie dennoch gleichzeitig mit all seinen Argumenten manifestiert: Was wäre so falsch daran, die Berliner M-Straße in Anton-Wilhelm-Amo-Straße umzubenennen? In Gedenken an den ersten bekannten schwarzen Philosophen und Rechtswissenschaftler Deutschlands, womit tatsächlich ein unsichtbarer Teil deutscher Geschichte sichtbar gemacht werden würde? Das wäre doch wohl ganz im Sinne von Herrn Thierse, wenn er sagt: „Wir brauchen Stolpersteine der Geschichte.“

Die „Dominanz der Mehrheitsperspektive“ ist bei Thierse etwas gutes, weil er einen Demokratischen Ansatz hat, in dem eben die Mehrheit sich durchsetzt. Das müssen dort nicht Weiße oder Männer oder Heteros sein, jedenfalls nicht aufgrund dieser Eigenschaft. Es sind eben Menschen, die bestimmte Ansätze überzeugen und die aus ganz verschiedenen Lagern kommen können.
In der Erwiderung hingegen sieht man Lager, die immer nur aus dieser Perspektive ihres Lagers entscheiden können. Der Mensch kommt darin nicht vor.

Selbermach Samstag 329 (27.02.2021)

Welche Themen interessieren euch, welche Studien fandet ihr besonders interessant in der Woche, welche Neuigkeiten gibt es, die interessant für eine Diskussion wären und was beschäftigt euch gerade?

Welche interessanten Artikel gibt es auf euren Blogs? (Schamlose Eigenwerbung ist gerne gesehen!)

Welche Artikel fandet ihr in anderen Blogs besonders lesenswert?

Welches Thema sollte noch im Blog diskutiert werden?

Für das Flüchtlingsthema oder für Israel etc gibt es andere Blogs

Ich erinnere auch noch mal an Alles Evolution auf Twitter und auf Facebook.

Wer mal einen Gastartikel schreiben möchte, auch gerne einen feministischen oder sonst zu hier geäußerten Ansichten kritischen, der ist dazu herzlich eingeladen

Es wäre nett, wenn ihr Artikel auf den sozialen Netzwerken verbreiten würdet.

Wann eine neue Freundin/einen neuen Freund den Eltern vorstellen?

Eine alte Frage wurde auf Twitter aufgegriffen und ich glaube wir hatten hier noch gar nicht darüber diskutiert:

Dahinter steckt die Frage, wann man eine neue Beziehung seinen Eltern vorstellt.

Interessant finde ich den Fall oben aus dem Tweet, weil dort ganz verschiedene Perspektiven bestehen:

  • die Verliebte denkt sich, dass es ein Liebesbeweis ist
  • die Freundin der Verliebten findet es eher Creepig

Ein Liebesbeweis wäre es wohl, weil man üblicherweise nur jemanden den Eltern vorstellt, den man für wichtig hält und bei dem man meint, dass es etwas ernsteres ist. Warum eigentlich? Vermutlich weil die Eltern auch kein schlechtes Bild von einem haben sollen und es Personen sind, deren Meinung einem wichtig ist. Bei Frauen, die einen Freund ihren Eltern vorstellen kommt vielleicht noch dazu, dass zu viele Vorstellungen eines Partners, mit dem es dann nichts wird, einen angreifbarer für Wertungen gerade konservativer Eltern machen können. Aber auch bei Männern möchte man vielleicht nicht jede anschleppen und erst einmal eine gewisse Sicherheit haben.

Warum könnte es creepig sein? Vielleicht aus dieser Wertung heraus:

A man who gives away emotions and commitment readily and easily is like the woman who does the same with sex.

The male slut.

Etwas abgewandelt könnte man sagen, das sich hier aus evolutionärer Sicht die jeweiligen Kosten niederschlagen:

  • für die Frau ist Sex teuer (aus evolutionärer Sicht: Eine anfängliche Bindung kann sie lösen, ist sie aber einmal schwanger, dann hat dies entsprechenden biologischen Folgekosten). Gibt sie damit Sex zu schnell weg kann dies „billig“ wirken
  • für den Mann ist Sex billig, aber Bindung evolutionär gesehen teuer. Gibt er damit Bindung zu schnell weg, dann kann das ebenfalls „billig“ wirken

Das könnte letztendlich der Grund sein, warum Betas, die zu früh ihre Liebe bekennen ohne das entsprechende Wertigkeiten vermittelt wurden, eher schlecht ankommen. Sie verlangen zu wenig für ein (evolutionär) teures Gut. Bindungsbereitschaft würde danach besser ankommen, wenn sie nicht einfach so gegeben und zu früh/zu viel wird, sondern eben in einer gewissen Gegenseitigkeit und eben nicht als Ramsch, sondern mit einem gewissen Gefühl für den eigenen Wert.

Die andere Option wäre, dass er eine große Geste macht um sie zu überzeugen, dass sie ihm etwas bedeutet, was schlecht wäre, weil es dann keine ehrliche Geste wäre oder das es bereits keine ehrliche Geste ist, weil er so abgestumpft ist, dass er jede zu seinen Eltern bringt. Es könnte auch creepy sein, weil man den anderen, der vielleicht noch gar nicht so weit ist, in sehr formelle Gespräche „zwingt“ und es implizit die Aufforderung enthalten kann „ich habe dich meinen Eltern vorgestellt, also bleibe mit mir zusammen, sonst ist es peinlich“.

Zwei Wochen nach dem man sich kennengelernt hat erscheint mir, wenn es nicht aus irgendwelchen Gründen nicht vermeidbar ist, etwas früh. Allerdings sehe ich auch keinen Grund zu lange zu warten.

Auch hier dürfte es auf den Einzelfall ankommen: Wenn man sich vorher noch gar nicht kannte und keine Berührungspunkte hatte und nur auf ein Dates war, dann würde ich es auch merkwürdig finden. Kennt man sich schon länger und kommt dann zusammen ist es auch nicht so dramatisch, die Eltern kennen sie dann vielleicht ja eh schon, nur im anderen Kontext.

Ich glaube ich habe Südländerins Eltern nach etwas 3 Monaten kennengelernt, weil ich dort das erste Mal in Südland war, Südländerin hatte damals Semesterferien und hatte schon bevor wir zusammengekommen sind einen Flug nach Hause gebucht und ich habe sie dann besucht, allerdings noch im Hotel geschlafen und erst mit der Mutter kurz einem einen Kaffee getrunken und dann den Vater noch später kurz getroffen.

Meine Eltern hat sie dann etwa in dem sechsten Monat unserer Beziehung kennengelernt, wenn ich es richtig in Erinnerung habe. Da war sie jedenfalls zum ersten Mal im Haus meiner Eltern. Aber die wohnen auch ein ganzes Stück von mir weg. Wenn sie näher dran wären, dann wäre es sicherlich früher zu einem Treffen gekommen

Ablehnung einer Kritik aufgrund der Gruppenzugehörigkeit des Kritikers

Ist der Umstand, welches Geschlecht eher den Scheidungsantrag stellt, sehr aussagekräftig?

In verschiedensten Diskussionen wurde schon angeführt, dass Frauen eher, teilweise in 70% der Fälle, den Scheidungsantrag stellen sollen. Meist ohne Quellenangabe, wer die Quelle hat mag sie bitte in den Kommentaren ergänzen.

Daraus wird dann auch mitunter abgeleitet, dass die Frauen eher von der Scheidung profitieren oder jedenfalls auch die Trennung eher veranlasst haben oder weniger an der Beziehung hangen.

Das ist aber aus meiner Sicht gar nicht so leicht daraus herzuleiten, jedenfalls für das deutsche System.

Denn in Deutschland kann die Scheidung erst beantragt werden, wenn das Trennungsjahr abgelaufen ist oder jedenfalls kurz vor dem Ablaufen ist. Demnach spielt sich das ganze etwa ein Jahr nach der eigentlichen Trennung ab und natürlich kann bis dahin auch derjenige, der die Scheidung nicht wollte die Trennung akzeptiert haben oder sie inzwischen sogar dringender wollen als der andere.

Von den rechtlichen Vorteilen her sollte theoretisch derjenige, der mehr Geld verdient oder weiterhin Vermögen aufbaut so schnell wie möglich die Scheidung beantragen. Denn der Versorgungsausgleich wird bis und einschließlich zu dem Monat durchgeführt, in dem die Scheidung der anderen Seite zugestellt wird. Auch der Zugewinn wird bis zu diesem Zeitpunkt berechnet. Zudem ist der nacheheliche Unterhalt üblicherweise auch leichter anzugreifen und zu begrenzen als der Trennungsuntershalt, so dass auch dort Vorteile eines frühen Antrags bestehen.

Derjenige, der weniger verdient, häufiger die Frau, kann also sofern nicht ein Vermögensverfall droht ruhig abwarten und die Versorgungsbezüge des anderen mitnehmen und eine längere Ehedauer haben, die sich dann auf die Länge des nachehelichen Unterhalts auswirkt.

Es kann aber dennoch auch Gründe dafür geben, dass man auch wenn man die Trennung bedauert und nicht initiiert oder „verschuldet“ hat und auch wenn es bei wirtschaftlicher Betrachtung so gesehen besser wäre zu warten die Scheidung beantragt. Ich liste einfach mal ein paar ohne Anspruch auf Vollständigkeit auf:

  • Beide Eheleute wollen sich scheiden lassen, und zwar ganz einvernehmlich. Sie gehen zu einem Anwalt, der ihnen mitteilt, dass er nur einen von ihnen beiden vertreten kann, man aber die Scheidung unproblematisch einvernehmlich abwickeln kann. Über die Folgesachen sind sich die Eheleute auch einig, sie wollen nur geschieden werden´, und zwar so billig wie möglich. Der Rechtsanwalt schlägt vor, dass er die Scheidung im Namen der Frau einreicht, weil diese aufgrund ihres Gehalts Verfahrenskostenhilfe ohne Ratenzahlung erhalten wird (und auch die nächsten 4 Jahre keinen großen Gehaltszuwachs erfahren wird, wegen der Betreuung der Kinder), der Mann aber nicht. So wird es gemacht
  • Der Mann hat die Frau trotz eigentlich guter Ehe betrogen, belogen und die Ehe ruiniert. Er hat eine neue, die auch schon von ihm schwanger ist. Sie will so schnell wie möglich raus aus der Ehe um mit diesem Schwein abzuschließen. Die paar Monate Versorgungsausgleich sind ihr egal. Sie will auch so schnell wie möglich das Scheidungsurteil um dann mit diesem ihren alten Namen anzunehmen (nur als abstraktes, auch umkehrbares Beispiel, bei dem sie „unschuldig“ ist an der Trennung und raus will)
  • Sie trennen sich. Sie braucht einen Anwalt um den Unterhalt berechnen zu lassen. Ihr Rechtsanwalt notiert sich pflichtgemäß sogleich die Frist ab dem die Scheidung eingereicht werden kann und reicht dann auch die Scheidung ein. Er hat einen Rechtsanwalt beauftragt, der nur die Berechnung überprüft hat, aber sonst nicht groß aufgetreten ist, spart sich aber das Geld für den Rechtsanwalt im Scheidungsverfahren, weil sie ja schon einen hat und nur der Antragssteller einen braucht.
  • Sie hat das Gefühl, dass sie in der Ehe immer mehr gefangen ist, versucht es ihm mitzuteilen, merkt aber, dass er sich nicht ändern kann oder will. Sie arbeitet aus ihrer Sicht an der Ehe, bis sie merkt, dass es keinen Sinn mehr hat, weil die Vorstellungen zu verschieden sind und er ihr nebeneinander auch gar nicht ändern will. Dann resigniert sie, geht Streitigkeiten aus dem Weg, gibt eher nach, weil es sich aus ihrer Sicht einfach nicht mehr lohnt sich mit ihm zu streiten. Er findet das ganz gut, glaubt, dass sich alles beruhigt hat. Sie bereitet den Auszug vor, weil sie weiß, dass die Trennung, wenn sie sie ausspricht von ihm gar nicht verstanden wird, es sei doch alles super. Die Trennung kommt für ihn aus heiteren Himmel. Sie nimmt die Sachen in die Hand und bringt es voran. Er hatte sich ganz gut im Nebeneinander eingerichtet. Für sie war es wie ein Gefängnis

Buchbesprechung: Meike Stoverock: „Female Choice. Vom Anfang und Ende der männlichen Zivilisation“

Ein neues Buch zum Thema Evolutionsbiologie ist erschienen und es klingt so wenig durchdacht, dass ich es natürlich besprechen muss. Leider allerdings nicht nach dem Lesen des gesamten Buches sondern nur anhand eines Berichtes beim Deutschlandfunk:

Die männliche Zivilisation widerspricht der Natur: Das ist die These der Biologin Meike Stoverock. Sie hat ein Buch über das evolutionäre Prinzip der „female Choice“ geschrieben, wonach die Weibchen den Zugang zu Sex kontrollieren. Was heißt das für das künftige Verhältnis von Männern und Frauen?

„Female Choice“ ist in der Biologie erst einmal kein Problem, der Untertitel lässt einen aber bereits vermuten, dass das Buch wenig durchdacht sein könnte.  Da weiß man natürlich immer nicht, ob da der Verlag einen provokanteren Text wollte oder ob das wirklich die These des Buches ist.

Im Tierreich gilt Damenwahl. Ob Kranich, Riesenkänguru oder Paradiesvogel: Die Männchen fast aller Arten strengen sich an, um die Weibchen zur Paarung zu bewegen. Die promovierte Biologin Meike Stoverock beschreibt das so:

„Attraktive Männchen mit Hörnern, Geweihen, Schmuckfedern oder leuchtenden Farben machen ein Riesentamtam: Sie singen, schenken, bauen, drohen, sammeln, tanzen und imitieren Stimmen, dass den armen Weibchen ganz schwindelig wird vor Erotik.“Üblicherweise verfügen die Männchen über massenweise Samenzellen, mit denen sie die Weibchen begatten wollen. Für die Weibchen aber ist die Fortpflanzung viel aufwändiger, ihre Eizellen sind kostbar, die Brutpflege ist anstrengend. Deshalb sind sie wählerisch – sie bestimmen, welche Männchen sich paaren können.

Nicht alle Männchen kommen zum Zug, viele bleiben ohne Weibchen und ohne Sex. Das ist die Female Choice, ein Gesetz der Evolution.

Das ist in der Tat ein häufig zu findendes Element in der Natur – Eggs are expensive, sperm is cheap. Ein Mann kann sein Sperma theoretisch an jede Frau „verschwenden“, weil er direkt die nächste auch noch schwängern kann. Eine Frau hingegen kann – von sehr seltenen Ausnahmefällen abgesehen – nur von einem Mann schwanger werden und hat über die Schwangerschaft und die Stillzeit erheblich höhere „Mindestkosten“ als der Mann.

Soweit besteht Einigkeit. Und natürlich klingt „Female Choice“ für eine Feministin oder jemanden der – im Rahmen eines naturalistischen Fehlschlusses – daraus eine Art „richtige und besser Form des Zusammenlebens machen will erst einmal gut.

Aber die Diskussion dazu ist ja längst viel Weiter. Die Diskussion wird teilweise unter dem Begriff des  „Bateman Prinzip“ geführt und die ursprüngliche Regel, dass Frauen die Wahl haben, ist längst daraufhin erweitert worden, dass jeder, der für die Partnerwahl gewisse Kosten zu tragen hat, die zu einer Begrenzung seiner Fortpflanzung führen, ein Interesse an einer Auswahl der Sexualpartner hat.

Glücklicherweise habe ich dazu schon einiges geschrieben, beispielsweise hier:

Wer etwas mehr dazu lesen will, den verweise ich auf Geary, Male Female, der in Kapitel drei ausführlich darstellt, unter welchen Bedingungen Spezien dazu neigen einen Selektionsdruck zu erfahren oder in eine intrasexuelle Konkurrenz um das andere Geschlecht zu treten. Ich zitiere einmal den Passus zu male Choice:

Although male choice has not been found in all species in which it has been studied, discriminating males have been found in dozens of species of insect (Bonduriansky, 2001; LeBas, Hockham, & Ritchie, 2003), many species offish (Amundsen 6k Forsgren, 2001; Berglund 6k Rosenqvist, 2001; Widemo, 2006) and bird (Amundsen 6k Parn, 2006; Pizzari, Cornwallis, 1.0vlie, Jakobsson, 6k Birkhead, 2003; Roulin, Jungi, Pfister, 6k Dijkstra, 2000), and in some mammals ( M . N . Muller, Thompson, 6k Wrangham, 2006; Szykman et al., 2001). Across these species, the traits males use to make their mate choices include indicators of female sexual receptivity, the risk of sperm competition, social dominance as determined by female-female competition, female quality, and the quality of parental care the female is likely to provide. An intriguing possibility is that some of these traits may be honest signals of the quantity or quality of eggs the females carry. The female barn owl (Tyto alba) provides one example. Females display a Varying number of black spots on their breast plumage, and male mate choice indicates the more the better (Roulin, 1999). Although males do not have as many plumage spots as females, they do have some and, again, the more the better. Sexy females lend to pair with sexy males and males with sexy mates work harder to provision their offspring. An immune challenge experiment demonstrated that the robustness of the immunsystem is predicted by the number of black breast spots for females but not for males. These spots are indeed an honest indicator of female but not male health and an apparent indicator of the general health and immunocompetence of her offspring (Roulin, Ducrest, Balloux, Dijkstra, 6k Riols, 2003; Roulin, Riols, Dijkstra, 6k Ducrest, 2001). Pizzari et al. (2003) also found evidence for condition-dependent female ornaments in red jungle fowl as well as for direct and cryptic male choice. Female jungle fowl sport red combs, although smaller and less colorful than those described earlier among males; when females have ornaments, they are typically less conspicuous than those of conspecific males (Amundsen 6k Parn, 2006). Females with relatively large combs produce larger eggs with more yolk than their peers, and male mate choices indicate they prefer these females to females with smaller combs. Cryptic male choice was demonstrated by the finding that males transfer more sperm when copulating with females with larger combs; this effect is particularly pronounced for high-status males. Another interesting twist on male choice is found for the paternal pipefish (Syngnathus typhle); in this species males copy the mate choices of other males (Widemo, 2006). Copying presumably reduces the costs of finding a mate, but scientists do not know how often this happens in other species. As I describe i n the Paternal Investment section of chapter 4, the conditions associated with male parenting and male choice differ in important ways from female parenting and female choice. My point for now is that when males shift reproductive effort from mating to parenting, they compete less intensely with one another and become choosier when it comes to mates. This is not to say that male choice is always associated with male parenting. Male choosiness can evolve when females vary greatly in the quantity and quality of eggs they carry or when there are limitations—other than parenting— on males‘ reproductive potential (e.g., as a result of sperm depletion; Saether, Fiske, 6k Kalas, 2001).

Danach folgt ein ebenfalls interessantes Kapitel zu female-female competition, also den Wettbewerb von Frauen um Männer. Ich empfehle insofern das Buch nochmals.

Bei Fischen findet man Male Choice übrigens häufiger, weil dort die Weibchen im Vorteil sind: Sie legen die Eier ab und die Männchen müssen sie dann besamen, was den Weibchen die Gelegenheit gibt sich davon zu machen. Deswegen kann es dazu kommen, dass die Männchen dann in Zugzwang sind die besamten Eier zu bewachen.  Aus dem gleichen Grund gibt es auch „Schwangere Seepferdchenmännchen“

Andere Möglichkeiten sich in die „Female Choice“ einzumischen findet man beispielsweise bei den Gorillas:

Ein Beispiel intrasexueller Konkurrenz ist der Gorilla: Ein Männchen lebt mit einem Harem von Weibchen und dem Nachwuchs, um den er sich durchaus liebevoll kümmert. Er kann sich ziemlich sicher sein, dass es sein Nachwuchs ist, weil er als dominanter Silberrücken des Harems jeden anderen Gorilla vertreibt, der sich seinem Harem nährt. Die Folge sind sehr kräftige und kampfstarke Männchen. Diese Kraft hat sich entwickelt, weil sich jeweils die Gorillamännchen, die die Kämpfe mit anderen Gorillamännchen gewonnen haben, fortgepflanzt haben, gehalten haben.

Hier können die Gorilla-Weibchen zwar einen Favoriten haben und diesen unterstützen, aber der wesentliche Kampf findet schon aufgrund des gewaltigen Stärkeunterschiedes zwischen den Männchen statt. Gorillas sind aus diesem Grund, genau wie Löwen Kampfmaschinen.

Und ein Beispiel intrasexueller Konkurrenz unter Weibchen um Männer:

Ein Beispiel intrasexueller Konkurrenz der Weibchen findet sich beispielsweise bei den Odinshühnchen. Bei diesen übernehmen die Männchen die Brutpflege, die etwa 3 Wochen dauert, während das Weibchen etwa 1 Woche braucht um ein neues Gelege produzieren zu können. Dadurch wird es für die Weibchen interessant um die Männchen zu werben, da für jedes Weibchen, dass zwei Gelege mit 2 Männchen produziert ein anderes Weibchen leer ausgeht.

Dieses Beispiel ist besonders interessant, weil es näher am Menschen ist: Auch hier kann die Unterstützung des Mannes bei der Brutpflege enorm wichtig sein. Die Frauen wählen also nicht nur aus, sie müssen sich um die Männer bemühen, weil diese ihrerseits eine Wahl treffen, welches der Weibchen sie auswählen.

Aber weiter in der Buchbesprechung:

„Sex ist für Männchen eine begrenzte Ressource, die die Weibchen kontrollieren. Dass Männchen oft und hartnäckig versuchen, sexuelle Kontakte zu Weibchen herzustellen, und Weibchen diese Versuche fast immer ablehnen, ist kein Fehler des Systems – es ist das System.“

Und natürlich kommt uns auch als Menschen das Werben um Frauen, die eine Wahl treffen, bekannt vor. Die Tinder-Ökonomie (Männer bekommen kaum oder nur schwer Dates etc während Frauen in Anfragen untergehen) ist ein gutes Beispiel dafür.

Aber gleichzeitig ist es naiv zu glauben, dass es dort allein eine weibliche Wahl gibt. Frauen wissen, dass sie sich in einer intrasexuellen Konkurrenz um Männer befinden, was nicht der Fall wäre, wenn es allein um die weibliche Wahl gehen würde und Frauen sich nicht beweisen müssten.

Dazu muss man von der Betrachtung der Kurzzeitstrategie auf die Langzeitstrategie wechseln:

Wenn es nur um female Choice gehen würde, dann könnten Menschenfrauen sich gleich dem Schimpanzen zu einem überwiegenden Teil von den Statushohen Männern begatten lassen und es wäre ihnen egal, ob die nächste Frau auch von ihm besamt wird. Denn sie hätte ja alles, was sie will, den Samen eines starken Mannes. Es gäbe keinen Grund für Liebe, Eifersucht und Paarbindung, für weitergehende Einbindung in der Vaterschaft oder etwas in der Art. Dies entspricht aber eben gerade nicht der menschlichen weiblichen Sexualität. Sie sind im Gegenteil sehr an Paarbindung interessiert, sie sind Eifersüchtig, wenn jemand mit ihrem Partner Sex haben will, sie verlieben sich und betreiben Paarbindung – und verlangen das auch noch von den Männern.

Warum sollten sie das bei allein weiblicher Wahl tun? Damit alleine ist die Idee, dass „Female Choice“ das einzig natürliche Element beim Menschen ist schon wiederlegt:
Frauen konkurrieren um „Gute Männer“ und die Forschung hat immer wieder herausgearbeitet, dass dabei neben körperlicher Schönheit und Stärke auch Ressourcen und Status eine wichtige Rolle spielen, ebenso wie der Wunsch sich zu Binden, Anzeichen für Liebe und ein „es ernst meinen“ etc.

Meike Stoverock breitet das Panorama evolutionsbiologischer Zusammenhänge genüsslich aus – und die Schlussfolgerung drängt sich bei der Lektüre zwingend auf: Menschen sind auch nur Säugetiere. Aus naturwissenschaftlicher Sicht muss für sie ebenfalls das Prinzip der Female Choice gelten. So war es wohl auch mal, legt die Autorin überzeugend dar.

Das ist eben immer das Problem, wenn man ein Buch liest ohne im Thema zu sein. Dann kann vieles schlau klingen, was eigentlich dumm ist.

„Die heutige Weltbevölkerung hat ungefähr doppelt so viele weibliche wie männliche Vorfahren, in präkulturellen Zeiten haben sich also ungefähr 70% der Frauen mit 35% der Männer gepaart.“

Und das soll dann wohl als Beleg dafür gelten, dass die Frauen dies entschieden haben. denn der, der entscheidet, pflanzt sich fort.

Das ist natürlich ein Trugschluss. Zum einen stammen die Berechnungen häufig aus Betrachtungen der Y-Chromosome und das bestimmte Y-Chromosome sich durchgesetzt haben bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Paarung nur mit Trägern dieser bestimmten Y-Chromosome erfolgte und die anderen keinen Nachwuchs hatten. Wenn die Y-Chromosome einenen bestimmten Vorteil geboten haben, dann kann es schlicht sein, dass sie sich ähnlich angereichert haben wie etwa die Fähigkeit Milch auch als Erwachsener zu trinken. Auch hier haben sich Leute ohne dieses Gen fortgepflanzt, aber über die entsprechende Anreicherung blieben letztendlich in bestimmten Regionen nur noch Leute übrig, die Milch trinken konnten.

Aber auch die „Gorillatheorie“ ist möglich: Die Träger bestimmter Y-Chromosomen haben, etwa weil sie überlegene Waffen oder Gene hatten als Stamm andere unterworfen, die Männer getötet und die Frauen in ihren Stamm, etwa als Zweit- Dritt oder Viertfrauen besonders wichtiger Männer überführt. Dies führt auch dazu, dass nur die Y-Chromosomen dieser Männer übrig bleiben, aber bei den Frauen eine größere Vielfalt vorhanden ist, ohne das man das wirklich als Female Choice bezeichnen würde. (Siehe zu der Kriegsvariante auch die Besprechung dieser Studie)

Ehe verhindert männliche Sexualkonkurrenz
Was also ist passiert, dass wir heute in einer männlichen Zivilisation leben? Sehr kurz zusammengefasst erklärt es Meike Stoverock so: Mit der Landwirtschaft wurden die Menschen vor rund 10.000 Jahren sesshaft und die Frauen verschwanden im privaten Heim, wo sie sich um die Kinder kümmerten. Männer entschieden fortan über die Verteilung der Frauen. Sie erfanden die Ehe, um die männliche Sexual-Konkurrenz einzuhegen und den Zugang zu Sex zu sichern.

Die Paarbindung des Menschen ist weitaus älter als die Sesshaftwerdung des Menschen. Das sieht man schon daran, dass 10.000 Jahre einmal sehr kurz sind und wir Völker kennen, die immer noch als Jäger und Sammler leben und doch die Konzepte der Paarbindung, der Liebe und der Heirat in irgendeiner Form kennen.

Die Ehe nur als Erfindung des Mannes darzustellen ist schon deswegen wenig überlegt, weil sie ja biologisch gesehen für beide Geschlechter evolutionäre Risiken abfängt: Sie stellt für den Mann Vatersicherheit her, so dass es sich überhaupt erst lohnt in den Nachwuchs zu investieren, sie stellt für die Frau Versorgungssicherheit und Schutz her.  Die Frau profitiert ebenfalls davon, dass sie auf diesem Wege nicht der intrasexuellen Konkurrenz der Männer um sie aus gesetzt ist, denn zum einen erlaubt es Frieden innerhalb einer Gruppe, zum anderen gibt es ihr eine gewisse Sicherheit, dass sie ein anderer Mann nicht nur „benutzt“ um dann nicht bei der Aufzucht der Kinder zu unterstützen.

Das ist eine radikale These – und Meike Stoverock plädiert für nichts weniger als eine neue Weltordnung. Allerdings denkt sie als Kennerin der Evolutionsgeschichte nicht in Jahren und Jahrzehnten, sondern eher in Generationen und Jahrhunderten. Und sie will auch keine Rückkehr zur Female Choice in Reinform, denn, so schreibt sie: „friedliches Zusammenleben und hohe Sexualkonkurrenz“ schließen sich aus.

Das immerhin klingt schon mal vernünftiger. Aber sie müsste für eine (biologische) Änderung auch wohl eher in Jahrtausenden rechnen, denn gerade Produkte sexueller Selektion sind relativ stabil.

Allerdings wäre die Frage ob eine reine „Female Choice“ im biologischen Sinne für Frauen so interessant ist. Denn sie bedeutet zwangsläufig das Ende der Vaterschaft und einer Versorgung der Frau. Wie sehr sich Frauen für eine „Bonobo-Welt“ umgewöhnen müssten hatte ich hier schon einmal diskutiert

Das Phänomen der Incels
Doch sei die Zeit reif, das Zusammenleben von Frauen und Männern zu überdenken – zumal die Geschlechterverhältnisse ohnehin in Bewegung sind; Frauen zumindest in westlichen Gesellschaften werden freier und unabhängiger.

„Die Kultur, nicht die Evolution, hat bisher Frauen den Männern zur Verfügung gestellt – und damit brechen die Frauen jetzt.“

Das ist eine merkwürdige Sicht und eine gewagte These. Die Evolution hat immerhin auch über intrasexuelle Konkurrenz stärkere Männchen produziert, die die „Female Choice“ durchaus gerade dann überwinden können, wenn sie nicht durch die Kultur gebremst werden. Und natürlich verfügen die Männer auch gar nicht um die Frauen, sie müssen in vielen Fällen stark um sie werben.

Männer müssen bei der Lektüre dieses Buches tapfer sein – denn die Biologin geht davon aus, dass viele von ihnen keine Partnerin mehr finden werden.

Dazu müsste sie ja dann fast zwangläufig entweder in die Vielehe  – ein Mann viele Frauen – oder  auch die Frauen müssten keine Partner mehr finden. Alternativ finden alle keine Partner mehr weil eben Paarbindung keinen Sinn mehr macht, wenn nur ein Geschlecht wählt.

Was in dieser biologischen Sichtweise allerdings ausgeblendet wird: Männer und Frauen sind wohl mehr als die Summe ihrer Triebe. Sie binden sich nicht nur aneinander, um ein evolutionäres Fortpflanzungsprogramm zu absolvieren.

Tatsächlich binden sie sich nur darum aneinander. Das drum herum dient der „effektiven Fortpflanzung“ unter Berücksichtung evolutionär relevanter Zeiten.

Die Biologin dürfte aber mit ihrer Beobachtung Recht haben, dass die sogenannten Incels, die unfreiwillig zölibatär lebenden Männer, gefährlich werden können. Incels gebe es auch im Tierreich.

„Sie sind der ‚Rest‘, die Nicht-Premiummännchen, der nach dem evolutionären Aussiebungsprozess übrigbleibt und keine Chance auf Fortpflanzung hat. Nur durch die männliche Zivilisation, die Frauen kontrolliert und entrechtet hat, wurde dieses Phänomen bis heute unterdrückt.“

Etwas was für die Frauen gefährlich wird, wird unterdrückt. Ist es dann nur von Männern eingerichtet worden?

Sie scheint wirklich gewisse Sorgen vor einer „Verknappung“ für die anderen Männer zu haben, insofern wäre es schon interessant, was sie für ein Lebensmodell haben will.

Aber natürlich ist das Problem der „Männer ohne Chancen“ zu diskutieren. Es führt, wenn zuviele Frauen von anderen Männern monopolisiert werden (was sie vielleicht als Female Choice versteht) schnell zu Gewalt.

Nun macht Meike Stoverock Vorschläge, wie das Zusammenleben von Männern und Frauen in einer post-männlichen Zivilisation aussehen könnte, einer Weltordnung, in der Frauen im Lauf ihres Lebens tendenziell mehrere Alphamänner auswählen, in der aber nicht jeder Topf einen Deckel findet.

Ah, da sind wir in der Welt des bedeutungslosen Sexes oder doch noch der Paarbindung in der es dann zwangsläufig intrasexuelle Konkurrenz unter den Frauen gibt und Male Choice? Das wird hier nicht ganz klar. Wenn sie meint, dass die Alphamänner nicht wählen, zumindest nicht eine Hierarchie innerhalb „ihrer“ Frauen bilden, wäre das recht naiv. Wenn sie nur Casual Sex vor Augen hat, dann muss sie wesentlich mehr Evolutionszeit einplanen. Und Frauen werden sich davon verabschieden müssen, dass um sie geworben und für sie gearbeitet wird. Sie müssten sich dann in der Tat auch überlegen, warum man sie beschützen sollte und warum die Alphas sie nicht unterwerfen und an die „Incels“ geben um sich eine Gefolgschaft aufzubauen (wenn wir schon mal über radikale neue Welten reden).

Sie rechnet ab mit der Institution der Ehe, in der sie ein Instrument der Unterdrückung von Frauen sieht, fordert eine Abkehr von der romantischen Vorstellung, dass Männer und Frauen in lebenslanger Monogamie glücklich werden können.

Hehehe, ich glaube sie denkt, dass die Frauen dann dennoch die Macht behalten und einfach wählen können und die Männer das so hinnehmen. Ich glaube eine Welt ohne Paarbindung würde für Frauen keine schöne Welt sein.

Männer, die in dieser neuen Weltordnung keine Frauen mehr finden, sollen auf andere Weise versorgt werden – Stoverock denkt über Sexualassistentinnen nach und über die Rolle von Prostitution, sie bezeichnet Pornografie als mögliche „gesellschaftsverträgliche Stütze“ für Männer.

Sie denkt aber anscheinend nicht darüber nach, warum die Männer diese Welt lebenswert finden sollen bzw inwieweit sie Frauen darin den gleichen Platz geben sollen wie heute. Sie hat anscheinend eine friedliche Welt vor Augen, in der Männer weiterhin daran interessiert sind Status aufzubauen, der ihnen aber weitaus weniger bringt. Eine Frau und den eigenen Nachwuchs zu unterstützen macht Sinn. Frauen, mit denen man nur Sex hat, zu unterstützen macht weniger Sinn. Und wenn einen eh alle Frauen wollen, dann ist man der Preis und nicht sie.

„Männer, die nie oder nur sehr selten Sexpartnerinnen finden, müssen ethische und gesellschaftlich akzeptierte Möglichkeiten bekommen, ihre sexuellen Bedürfnisse zu erfüllen.“

Frauen könnten in einer solchen Welt weitaus mehr auf Prostitution angewiesen sein als die Autorin glaubt. Oder eben weitaus mehr arbeiten müssen.

Meike Stoverock hat ein aufwühlendes Buch geschrieben. Es ist radikal und provoziert manchen Widerstand. Damit geht sie klug und vorausschauend um und entkräftet Gegenargumente, die beim Lesen aufsteigen können. Man muss das nicht alles mögen, was sie schreibt, man kann sich empören über ihr Bild von Männern und Frauen, ihre Ablehnung der Ehe, die Art ihrer Religionskritik. Aber gerade deshalb ist ihr Buch so lesenswert – weil es dazu auffordert, völlig neu über das Verhältnis von Männern und Frauen nachzudenken und auch: zu streiten.

Wenn es einer gelesen hat wäre ich interessiert ob sie meine Argumente aufgreift und Gegenargumente präsentiert. Ich würde mich um eine Mitteilung freuen.

Meike Stoverock: „Female Choice. Vom Anfang und Ende der männlichen Zivilisation“,
Tropen Verlag, 351 Seiten, 22 Euro.

Mir ist es jedenfalls nach dem, was ich hier gelesen habe, keine 22 € wert. Ich lasse mich aber gerne eines besseren belehren

Beförderungen und das Risiko einer Scheidung: Frauen in hohen Positionen haben ein höheres Scheidungsrisiko als Männer

Eine interessante Studie:

We study how promotions to top jobs affect the probability of divorce. We compare the relationship trajectories of winning and losing candidates for mayor and parliamentarian and find that a promotion to one of these jobs doubles the baseline probability of divorce for women, but not for men. We also find a widening gender gap in divorce rates for men and women after being promoted to CEO. An analysis of possible mechanisms shows that divorces are concentrated in more gender-traditional couples, while women in more gender-equal couples are unaffected.

Quelle: All the Single Ladies: Job Promotions and the Durability of Marriage

Aus der Studie:

Man sieht, dass die Frauen eher eine kürzere Ehezeit hatten, die Männer hingegen eher noch eine etwas längere.

Aus einer Besprechung der Studie:

Getting a top job dramatically increases women’s chances of divorce, even in egalitarian countries. Why isn’t it the same for men?

Having a successful and enjoyable career alongside a fulfilling romantic relationship is a life goal for many of us. But even in the most gender-equal countries, finding a partnership that lasts is trickier for high-flying women than men.

In Sweden, which ranks first in the EU’s gender equality index thanks to factors like generous parental leave, subsidised daycare and flexible working arrangements, economists recently studied how promotions to top jobs affected the probability of divorce for each gender. The result: women were much more likely to pay a higher personal price for their career success.

“Promotion to a top job in politics increases the divorce rate of women but not for men, and women who become CEOs divorce faster than men who become CEOs,” summarises Johanna Rickne, a professor at Stockholm University and co-author of the research, which was published earlier this month in American Economic Journal.

The paper, which looked at the lives of heterosexual men and women working for private companies with 100 or more employees, found that married women were twice as likely to be divorced three years after their promotion to CEO level compared to their male counterparts. In the public sector, using three decades’ worth of records, women mayors and parliamentarians promoted after an election doubled their chances of splitting from their partners; 75% were still married eight years after the vote compared with 85% of those who didn’t get promoted, while there was no evidence of a similar effect for men. Female medical doctors, police officers and priests who progressed in their careers also followed the trend.

Natürlich muss man erst einmal anführen, dass die meisten noch verheiratet waren. Aber von 85% auf 75% ist schon ein deutlicher Wert. Insbesondere wenn die Chancen sich bei den Männern nicht verändern.

While Rickne’s research did not measure which party initiated divorce in each case, one theory is that the husbands of top managers who got promoted found the situation harder to deal with than wives who were married to high-performing men. She points out that the marriage market has not kept up with the labour market when it comes to gender equality, since it is “still seen as quite unusual for men to be the main supportive spouse in someone else’s career”.

“I think this norm changing is pretty far off,” she adds. Her team’s research, she argues, might therefore act as a lesson about what lies ahead for other countries that are moving towards more egalitarian economies.

Und weiter:

So how might women aiming for top jobs mitigate their chances of entering into a relationship that destabilises when they reach the top of their career ladder?

Rickne points out that, even in egalitarian countries like Sweden, women still tend to marry older men who start out having more money than them, harking back to traditional “prince in the fairytale” narratives that “try and teach us to find as successful a husband as possible”.

“High-income high-status women – they don’t marry a low-income man who wants to be a house husband. They tend to seek an even more high-income husband. But thinking forward to your possibilities in the labour market, this might not be ideal,” she argues. “Maybe try and get into a more egalitarian relationship from the start.”
Couples who were closer in age and took a more egalitarian approach to childcare were less likely to divorce following a wife’s promotion.
Her research in Sweden found that divorces after promotions were most likely in couples where the wife was younger than her husband by a larger margin and took a bigger share of parental leave (which, in Sweden, partners legally have the right to split evenly between them).

Couples who were closer in age and took a more egalitarian approach to childcare were less likely to divorce following a wife’s promotion. The paper calls for more research to explore the conditions that might encourage “women at the top of the ability distribution to expand their choice set of partners to ‘marry down’ and for men to do the opposite”.

Leider gar nicht diskutiert wird, dass die Frauen der beförderten Männer vielleicht jetzt einfach einen statushöheren Mann hatten, der ihnen ein angenehmeres Leben geboten hat und sie von der Arbeit freigestellt hat während die Männer der beförderten Frauen diesen Luxus nicht hatten, weil sie selbst Karriere gemacht haben bzw die beförderten Frauen dann, wenn der Mann seine Karriere hinten an gestellt hatte, plötzlich einen statusniedrigeren Mann hatten und dies für sie teilweise weniger attraktiv war.

Ein Tweet dazu:

I imagine a woman telling her female friends that her husband stays home and changes diapers hits a bit differently from telling them he bought her a high priced luxury bag.

Der Status des Ehepartners ist unter Frauen eben auch ein Statusobjekt.

Dazu kommt, dass sich die Partnerschaft mit der beförderten Frau auch für den Mann mit höheren Status weniger lohnen könnte: Beide sind gestresst, beide haben keine Zeit etc. Er ist gleichzeitig auch für andere Frauen interessanter, während die statushohe Frau nicht im gleichen Maße im Partnerwert steigt.

Und natürlich kann es daneben bei den Männer auch die Einteilung „Frau für die Familie, Geliebte für den Sex“ geben, die für die beförderten Frauen wahrscheinlich weniger interessant ist, aber „ehebewahrend“ sein könnte.

Frauenförderung, Frauenquoten etc 1

Kennt wer ähnliche Geschichten?

Reformen in der katholischen Kirche und „Maria 2.0“

Die katholische Kirche ist erneut von Mißbrauchsvorwürfen stark belastet, gerade durch ein Gutachten zu diversen (wenn auch teilweise länger zurückliegenden) Mißbrauchsfällen

Hier scheint nach wie vor innerhalb der Kirche ein erheblicher Widerwille zu bestehen solche Vorfälle aufzuklären, eine staatliche Aufklärung nachhaltig zu unterstützen und für den Fall, dass die Vorwürfe sich bestätigen, die Leute auch intern zu maßregeln. Statt dessen scheinen diesen nach wie vor hohe Ämter offen zu stehen. 

Das ist insofern interessant, weil eine Kirche natürlich immer das Gute vertreten soll und gerade die christliche Kirche sich auf die Fahnen geschrieben hat, dass man die Schwachen beschützen soll und Unrecht nicht hinnimmt. Natürlich: Auch das Vergeben von Taten bei Buße wäre Teil des Glaubens, aber das würde ja auch ein Eingestehen der Tat und eine Buße erfordern, die ich so nicht wahrnehme. 

Statt einer Aufklärung macht man anscheinend aber eher die Türen zu und regelt alles nur untereinander. Damit hat sich die katholische Kirche ein erhebliches Imageproblem eingefangen, an das aber anscheinend auch keiner wirklich ran will. Ein Leben im Zölibat ist allerdings auch kein Zuckerschlecken und eine unterdrückte Sexualität tut ohnehin niemanden gut. Vielleicht ist es diese Lage, die dann auch dafür sorgt, dass man lieber nicht zu viel Staub aufwirbeln will. 

Eine Reform fordert bereits seit längerem die Frauenbewegung „Maria 2.0“. Da die Tagesschau über einen „Thesenanschlag“ berichtete greife ich das hier mal auf:

Sie fordern, Frauen für Weiheämter zuzulassen und sexuellen Missbrauch aufzuklären: In Deutschland hat die Initiative „Maria 2.0“ für eine Reform der katholischen Kirche demonstriert. Die Leitung hat Glaubwürdigkeit verspielt, sagen die Frauen.

Die katholische Reformbewegung „Maria 2.0“ hat mit einem Thesenanschlag an Dom- und Kirchentüren im gesamten Bundesgebiet ihre Forderungen nach Reformen in der Kirche untermauert. Aktionen gab es unter anderem in München, Würzburg, Augsburg, Köln, Mainz und Freiburg.

In den sieben Thesen, die an zahlreichen Dom- und Kirchentüren aufgehängt wurden, kritisiert die Bewegung „eklatante Missstände in der katholischen Kirche“ und nennt Klerikalismus und Machtmissbrauch sowie den Umgang mit sexualisierter Gewalt bis hin zur Vertuschung. Außerdem spricht sie sich für den Zugang von Frauen zu allen Ämtern in der Kirche aus und für eine erneuerte Sexualmoral.


Konkret fordert „Maria 2.0“ „eine geschlechtergerechte Kirche mit dem Zugang für alle Menschen zu allen Ämtern sowie die Aufklärung, Verfolgung und Bekämpfung der Ursachen von sexualisierter Gewalt“. Außerdem geht es der Initiative um die Aufhebung des Pflichtzölibats und eine neue katholische Sexualmoral. Diese solle nicht mehr „lebensfremd und diskriminierend“ sein, sondern wertschätzend gegenüber allen Formen „selbstbestimmter, achtsamer Sexualität und Partnerschaft“.

Darüber hinaus wenden sich die Thesen gegen „Prunk, dubiose Finanztransaktionen und persönliche Bereicherung kirchlicher Entscheidungsträger“. Diese hätten das Vertrauen tiefgreifend erschüttert. Kirche müsse verantwortungsvoll und nachhaltig das ihr anvertraute Vermögen nach christlichen Prinzipien verwalten. Die Kirchenleitung habe Glaubwürdigkeit verspielt, heißt es weiter.

Da schlagen die konkrete Thesen an die Türen der Kirche aber irgendwie scheint es kein Artikel, der darüber berichtet, für wichtig zu halten, diese einfach mal abzudrucken.

Immerhin waren sie auf der Homepage zu finden:

1. #gerecht – gleiche Würde – gleiche Rechte
In unserer Kirche haben alle Menschen Zugang zu allen Ämtern. Denn Menschenrechte und Grundgesetz garantieren allen Menschen gleiche Rechte – nur die katholische Kirche ignoriert das. Mannsein begründet heute Sonderrechte in der Kirche.

2. #partizipativ – gemeinsame Verantwortung
In unserer Kirche haben alle teil am Sendungsauftrag; Macht wird geteilt. Denn der Klerikalismus ist heute eines der Grundprobleme der katholischen Kirche und fördert den Machtmissbrauch mit all seinen menschenunwürdigen Facetten.

3. #glaubwürdig – respektvoller Umgang und Transparenz
In unserer Kirche werden Taten sexualisierter Gewalt umfassend aufgeklärt und Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen. Ursachen werden konsequent bekämpft. Denn viel zu lange schon ist die katholische Kirche ein Tatort sexueller Gewalt. Kirchliche Machthaber halten immer noch Informationen zu solchen Gewaltverbrechen unter Verschluss und stehlen sich aus der Verantwortung.

4. #bunt – leben in gelingenden Beziehungen
Unsere Kirche zeigt eine wertschätzende Haltung und Anerkennung gegenüber selbstbestimmter achtsamer Sexualität und Partnerschaft. Denn die offiziell gelehrte Sexualmoral ist lebensfremd und diskriminierend. Sie orientiert sich nicht am christlichen Menschenbild und wird von der Mehrheit der Gläubigen nicht mehr ernst genommen.

5. #lebensnah – ohne Pflichtzölibat
In unserer Kirche ist die zölibatäre Lebensform keine Voraussetzung für die Ausübung eines Weiheamtes. Denn die Zölibatsverpflichtung hindert Menschen daran, ihrer Berufung
zu folgen. Wer diese Pflicht nicht einhalten kann, lebt oft hinter Scheinfassaden und wird in existentielle Krisen gestürzt.

6. #verantwortungsvoll – nachhaltiges Wirtschaften
Unsere Kirche wirtschaftet nach christlichen Prinzipien. Sie ist Verwalterin des ihr anvertrauten Vermögens; es gehört ihr nicht. Denn Prunk, dubiose Finanztransaktionen und persönliche Bereicherung kirchlicher Entscheidungsträger haben das Vertrauen in die Kirche tiefgreifend erschüttert und schwinden lassen.

7. #relevant – für Menschen, Gesellschaft und Umwelt.
Unser Auftrag ist die Botschaft Jesu Christi. Wir handeln danach und stellen uns dem gesellschaftlichen Diskurs. Denn die Kirchenleitung hat ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Sie schafft es nicht, sich überzeugend Gehör zu verschaffen und sich im Sinne des Evangeliums für eine gerechte Welt einzusetzen.

Teilweise ja durchaus berechtigte Forderungen, aber die katholische Kirche wird den Teufel tun sie umzusetzen. Denn sie muss die Wirkungen weltweit im Auge behalten und kann nicht in einem Land plötzlich Priesterinnen oder gar eine Papstin zulassen und in anderen nicht. Sie riskiert damit eine Schisma, also eine Kirchenspaltung, wenn dies den Traditionellen nicht gefällt.

Genau das war ja das letzte Ergebnis von an Kirchentüren geschlagenen Thesen. Gegenwärtig ist Religion eher Tradition als wirkliche rationale Abwägung, welche der Kirchen einem besser gefällt und ich vermute mal, dass die katholische Kirche eher Mitglieder verliert, denen Religion relativ egal ist und die die Kirchensteuer nicht mehr zahlen wollen und nicht solche, die wegen der Skandale etwas in die evangelische Kirche übertreten. 

Und gerade der Prunk und das Erhabene mögen auch viele Leute ansprechen, die zu etwas aufblicken wollen, Teil von etwas großes sein wollen und die in den Priestern gerade Autoritätspersonen sehen wollen.

Dabei wäre die Aufhebung des Zölibats ja kirchlich sehr einfach zu begründen. Zum einen haben es viele andere christliche Kirchen, wie die evangelische und die orthodoxe auch nicht, zum anderen gibt es Bibelstellen, die gerade fordern, dass der Priester verheiratet ist. Und es würde Priesterstellen sicherlich auch interessanter für Leute machen, die ein „normaleres Leben“ führen wollen, zu dem ja Sex einfach dazu gehört.