„Mädchen sind reifer als Jungs“

Pinkstinks hat einen tatsächlich interessanten Artikel zu den „Reifeunterschieden“ von Jungs und Mädchen:

Aber je länger ich mich mit diesem Phänomen beschäftige und je mehr ich derlei Zusammenhänge in den Lebenswelten meiner eigenen Kinder beobachte, desto mehr frage ich mich, was das eigentlich heißen soll: Mädchen sind reifer als Jungen. Was bedeutet das? Wofür steht es? Was wird dadurch impliziert?

Mittlerweile habe ich gelernt, dass es für diese Annahme durchaus wissenschaftliche Belege gibt. So beginnt die cerebrale Reorganisation von Synapsen hin auf ein Erwachsenengehirn bei Mädchen durchschnittlich im Alter von 10-12, bei Jungen jedoch erst zwischen 15 und 21 Jahren. Neuronale Langverbindungen, durch die wir in der Lage sind, komplexe Sachverhalte aufzunehmen und abzuspeichern, bilden sich also höchstwahrscheinlich zu geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Zeiten. Darüber hinaus ist das Gehirn von Jungen während der Pubertät weniger stark durchblutet als das von Mädchen. Dass die Durchblutung des Gehirns bei Erwachsenen signifikant geringer ist als bei Kindern, ist schon länger bekannt. Aber dass es hierbei in der Spätpubertät zu deutlichen Unterschieden zwischen Mädchen und Jungen kommt, weiß man erst seit einigen Jahren und spekuliert seitdem darüber, inwieweit eine geringere oder bessere Durchblutung des orbitofrontalen Kortex als verantwortliche Hirnregion für Sozialverhalten und Emotionsregulierung das geschlechtsspezifische Verhalten beeinflusst.

Es spricht also biologisch einiges dafür, dass pubertierende Mädchen reifer sind als pubertierende Jungen. Das ist die eine Seite der Medaille.

Und aus einem der verlinkten Artikel:

Es war schon immer gängige Meinung, dass Mädchen schneller zur Reife gelangen als Jungen. Jetzt haben Wissenschafter der Universität Newcastle in England dies auch beweisen können. Die in der Pubertät durch Hormone ausgelöste Umstrukturierung des Gehirns geschieht bei weiblichen Jugendlichen im Alter von zehn bis fünfzehn Jahren. Bei jungen Männern beginnt diese hingegen erst mit fünfzehn. Abgeschlossen ist der Prozess dann im Alter von zwanzig Jahren. Fest steht: Das auffällige Verhalten von Jugendlichen ist eine Folge der Gehirnreifung. Bislang ist man immer davon ausgegangen, es seien die Hormone, die in dieser Zeit verrückt spielen. Die Teenager beginnen zu provozieren und zu rebellieren. Die Kinderzimmertür wird geschlossen, der persönliche Zugang für die Eltern auch.

Für ihre Untersuchungen hat das Forscherteam die Gehirne von 121 jungen Menschen im Alter zwischen vier und vierzig Jahren untersucht. Ursprünglich war geplant, die Speicherung von Informationen des Gehirns mittels Magnetresonanztomographie zu untersuchen.

Durch Zufall stolperten die Wissenschafter über eine ganz andere Entdeckung: Sie fanden heraus, dass das Gehirn in der Pubertät beginnt sich zu «säubern». Insbesondere kürzere Verbindungen wurden entfernt, weit entfernte blieben dagegen eher stabil, dokumentierten die Forscher in der Fachzeitschrift «Cerebral Cortex». Diese Reorganisation des Gehirns trat bei Mädchen eben früher auf als bei Jungen.

«Das Gehirn konzentriert sich in dieser Zeit auf die Langstreckenverbindungen, diese sind schwer zu schaffen und aufrecht zu erhalten, aber entscheidend für ein effizient und schnell arbeitendes Gehirn», so Marcus Kaiser, ein Mitglied des Teams der Universität Newcastle.

Das Aufrechterhalten dieser fernen Verbindungen macht dann das ausgereifte erwachsene Gehirn aus, das in der Lage ist, komplexe Zusammenhänge mittels unterschiedlicher Informationen zu interpretieren. Co-Autor Sol Lim von der Seoul University in Südkorea ergänzt: «Der Verlust einer nahen Verbindung während der Gehirnentwicklung kann tatsächlich helfen, die Gehirnfunktion zu verbessern, indem die Reorganisation des gesamten Netzwerkes effizienter wird.» Statt viele Leute nach dem Zufallsprinzip nach dem Weg zu fragen, sei es sinnvoll, sich nur bei ein paar wenigen Menschen, die schon lange an diesem Ort leben, zu erkundigen.

Frauen neigen darüber hinaus auch dazu, mehr Verbindungen zwischen den beiden Hemisphären des Gehirns zu haben. Die Forscher glauben, dass die frühere Reorganisation bei Mädchen das Gehirn effizienter arbeiten lässt und damit ein reiferer Zustand für die Verarbeitung der Umwelt schneller erreicht wird.

Die Unterschiede an sich sind interessant, aber natürlich muss es bei Pinkstinks auch daran liegen, dass Frauen benachteiligt werden:

Die andere ist die, die für mich über die Jahre immer deutlicher geworden ist und mich immer mehr abstößt: Nämlich die Tatsache, dass die Sozialhygiene einer Gruppe, die Konfliktlösungsbemühungen und die Gesprächsbereitschaft Mädchen aufgrund ihres Geschlechts zugeschrieben und von ihnen erwartet wird. Mädchen sind einfach reifer als Jungen hat in diesem Zusammenhang durchaus misogynen Charakter.

Es schiebt einseitig Verantwortung zu und bestraft Mädchen und junge Frauen für unangepasstes Verhalten. Zum Beispiel für Wut, die sich nach außen gegen widrige Umstände und problematische Personen richtet. Die Gesellschaft erwartet von Frauen und Mädchen ruhiges, ausgleichendes Verhalten und reagiert mindestens irritiert, wenn die Betreffenden anders reagieren.

Diese Konditionierung beginnt sehr früh und hat dann eben nichts mehr mit Biologie zu tun. Bereits im Alter von zwei Jahren sind Mädchen sozialer, kompetenter und selbstständiger als Jungen im gleichen Alter. Weil es von ihnen erwartet wird. Weil man sie darauf konditioniert und abweichendes, erratisches Verhalten nicht toleriert und modifiziert. Mädchen werden auf Kurs Richtung Kümmern, Verantwortlichkeit und Ausgleich gebracht. Zugleich wird Mädchen sind reifer als Jungen als Entschuldigung für unangemessenes Verhalten von Jungen herangezogen. Für Boys will be Boys. Für Wenn er dich ärgert, dann mag er dich vielleicht. Für ein ganzes Verhaltenssetting, dass wir mit Begriffen wie Rebell, Rowdy, Outcast, Genie, kleiner Racker, Raufbold, Haudegen und anderen bezeichnen.

In der Biologie werden andere Gründe neben der „Konditionierung“ diskutiert: Zum einen müssen Mädchen mit ihrer Geschlechtsreife evtl bereits Verantwortung für eigenen Nachwuchs übernehmen, was eine Selektion auf eine frühere Reifung begünstigt.

Zum anderen nimmt eine spätere Reifung Jungs eher aus der intrasexuellen Konkurrenz heraus, in der sie in jungen Jahren noch kaum eine Chance hätten. Deswegen sind in einem gewissen Zeitraum auch teilweise Mädchen noch stärker als Jungs, weil es ein Überlebensvorteil sein kann, noch etwas länger schwach zu sein, wenn man ansonsten tatsächlich kämpfen muss. Auf diese Weise haben Jungs also noch etwas mehr Zeit sich spielerisch auf die körperlich härtere Konkurrenz vorzubereiten. 

Aber dennoch erstaunlich, dass es bei Feministen eine Unterdrückung ist auf einen Kurs für Verantwortung gebracht zu werden und ernster genommen zu werden. Es ist eigentlich genau das, was sie ansonsten als negativ anführen: Frauen wird keine Verantwortung zugetraut und sie werden nicht ernst genommen, während Männer dazu erzogen werden Verantwortung zu übernehmen und Anführer zu sein.

Und natürlich kann es ein sehr effektiver Weg sein, eine Frau spielerisch zu ärgern um für sie interessant zu sein, aber das ist eine andere Sache. 

Das „Mehr“ an Erwachsenheit wird hier aus meiner Sicht auch etwas überdramatisiert, denn natürlich verlangt man auch von einem 15jährigen Jungen mehr und der darf sich nicht alles herausnehmen. Er mag vielleicht im Schnitt in einigen Sachen noch verspielter sein als Mädchen aber auch die bleiben ja gleichzeitig noch Kinder, sie spielen nur andere Spiele (und sind eher an den älteren Jungs interessiert). 

 

Mit Blick auf Geschlechtergerechtigkeit gibt es unzählige Gründe, warum ich diese Konditionierung ablehne. Die drei wichtigsten will ich kurz benennen:

Zum einen zahlt es auf die ganze Mental-Load-Problematik ein und etabliert Frauen als zwangsverpflichtete Kümmerin für Familie, Gruppe und Gesellschaft, die alles im Kopf haben und sich für alle zuständig fühlen müssen.

Die Mental Load, jetzt auch schon bei 12jährigen. In einer Familie ist das ja alles schon deswegen eingeschränkt, weil die Kinder üblicherweise einen Altersunterschied haben. Ein älterer Bruder wird eher auf seine jüngere Schwester aufpassen müssen und eine ältere Schwester eher auf ihren jüngeren Bruder. In vielen Fällen wird es aber im Schnitt  – was auch die Erfahrungen mit meinen Nichten bestätigt – vielen Mädchen eher Spass machen, kleinere Kinder zu betreuen. 

Zum anderen ist Mädchen werden früher reif als Jungen eine Art benevolenter Sexismus, der das Interesse älterer Männer an jüngeren Frauen und Mädchen scheinlegitimiert. Also nicht die Tatsache, dass erwachsene Menschen selbstverständlich Beziehungen eingehen können, die einen (großen) Altersunterschied überbrückt, sondern der Umstand, dass Männer Partnerinnen nach der “halbes Alter plus sieben”-Regel auswählen. Oder sich in Beziehungskonstellationen begeben, die die Autorin und Journalistin Alena Schröder mal “Der mittelalte Mann und das Mädchen” genannt hat.

Das dürfte eine nette Apex Fallacy sein, denn die wenigsten Männer können sich Frauen nach der „Halbes Alter plus Sieben“ Regel aussuchen. Es sind üblicherweise Hollywoodstars oder sonstige Männer mit Status (oder eben Game) die das hinbekommen, weil Status eben für Frauen interessant ist. Er hat auch glaube ich nicht verstanden, dass die „(Alter /2) +7“ Formel kein Muss ist, sondern üblicherweise ein Untergrenze vorgeben soll unter der es „zu Jung“ wird. 

Dazu hatte ich auch schon ein paar Artikel:

Und zuletzt die Verlogenheit der Inkonsequenz. Wenn Mädchen und Frauen sowohl aufgrund der biologischen Gegebenheiten als auch der gesellschaftlichen Vorgaben reifer, verantwortungsvoller und erwachsener sind, dann müsste es im Interesse aller liegen, ihnen mehr Macht zu übertragen. Mehr Führungsverantwortung, mehr Gestaltungsmöglichkeiten, mehr Kompetenz. Bezeichnenderweise wird Mädchen sind reifer als Jungen aber nie dazu herangezogen, um Mädchen mit mehr Autorität und Macht auszustatten, sondern immer nur, um sie einzubinden, zurückzuhalten und für Dinge verantwortlich zu machen, für die sie womöglich gar nicht verantwortlich sein wollen.

Nils, sie sind selbst nach deinen Ausführungen nicht grundsätzlich reifer, verantwortungsvoller und Erwachsener, sondern sie sind es bis 15 und dann holen die Jungs auf. 

Gebt den Kindern das Kommando“ mag ja eine nette Forderung sein, aber eine Quote für Führungspositionen, die an unter 18 jährige vergeben wird dürfte selbst für Feministen wenig Sinn machen. 

Aber das kommt davon, wenn man jeden Sachverhalt nur darauf überdenkt, ob Männer ungerechte Vorteile haben oder Frauen deswegen mehr haben müssen oder diskriminiert werden. 

Mädchen sind reifer als Jungen ist ein vergiftetes Lob, das Mädchen und Frauen in die Pflicht nimmt, anstatt ihnen Möglichkeiten zu eröffnen. Damit der geschlechterungerechte Status Quo nicht angetastet wird und alles so bleibt wie es ist.

Jedes in die Pflicht nehmen eröffnet auch Möglichkeiten. Wenn man etwas draus macht und später auch weiter in der Pflicht stehen möchte und nicht die Konkurrenz aufholt und evtl sogar überholt, weil sie lieber in der Pflicht steht und andere Vorstellungen von einer Life-Work-Balance hat