Die intersektionalen Theorien als gutes Meme

Ich lese gerade „The Parasitic Mind“ von Gad Saad, der bekannt ist für Kritik an den Gender Studies und den intersektionalen Theorien

Er führt darin aus, dass der Islam ein gutes Meme ist, weil man schnell Mitglied werden kann, aber der Austritt stark erschwert wird, etwa durch die Todesstrafe. Im Gegensatz dazu müsse man in der Religion, in der er groß geworden ist, dem  Judentum, eine umfangreiche Prüfung ablegen und könne jederzeit wieder auftreten. Zudem arbeite der Islam mit einer klaren Botschaft, eine „Ingroup“ und eine „Outgroup“, gegen die gekämpft wird und dem klaren Ziel alle Menschen so oder so zu bekehren und in die Ingroup zu bringen. Auch dies fördere die Verbreitung und Beständigkeit gegenüber „offeneren“ Religionen, die keine so klare Gruppenzugehörigkeit aufweisen.

Er nimmt insoweit Bezug auf die Meme Theorie von Dawkins, die auch darauf abstellt, dass bestimmte Memes, also Ideen/Geschichten, besser auf eine Verbreitung ausgerichtet sind und letztendlich sich diese Theorien deswegen auch besser verbreiten und dominant werden. 

Es setzt sich damit durch, was sich leicht „fortpflanzt“ und schwer ausgetrieben werden kann. 

Das passt aus meiner Sicht auch gut zu den intersektionalen Theorien. Sie haben ja eh eine gewisse Nähe zur Religion und übernehmen viele der dortigen erfolgreichen Memes um selbst erfolgreich zu sein.

  • Das Arbeiten mit klaren Gruppenidentitäten führt ebenso zu Ingroups und Outgroups
  • Eine klare „wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ Politik: Alle anderen sind zumindest Nazis. Es erschwert den Austritt und 
  • Sündenböcke und Erbschuld der „schlechten Gruppen“ machen es leicht sich zu den Guten und Anständigen zu rechnen
  • Die Gestaffeltheit der Diskriminierungen erlaubt vielen Menschen zumindest irgendwo Besser zu sein und dominant auftreten zu können
  • Ähnlich wie im Christentum lockt die Vergebung der Sünden, wenn man sich nur zur reinen Lehre bekennt und die Seiten wechselt. Man darf sich hier den dominanteren Gruppen unterwerfen und hat damit plötzlich selbst etwas macht (Ihr Männer müsst wie ich diese toxische Männlichkeit ablegen“)
  • Man darf die „Schlechten“ hassen und keiner darf etwas dagegen sagen
  • „Nicht ich muss etwas machen, sondern die müssen aufhören mich zu diskriminieren“ erlaubt einfache Forderungen zu stellen und die Umsetzungsarbeit gleichzeitig von sich fern zu halten
  • Pseudokompliziertheit in der Sprache der Theorien erlaubt den Glauben daran, dass es etwas berechtigtes ist was man nicht hinterfragen muss

 

61 Gedanken zu “Die intersektionalen Theorien als gutes Meme

    • An dieser Stelle sollten wir uns tatsächlich auf die Schultern klopfen, denn wir waren den heutigen Einsichten teilweise um Jahre voraus (s. Religion).
      Der von Saad weiter genannte Punkt, nämlich das miserable US-Schul- und Universitätssystem sollte man ergänzen durch die in den USA institutionalisierten „political correctness studies“ und man kann ihn in der Verknüpfung beider gar nicht genug betonen.

      Wenn man bestimmte Grundlagentexte liest, die als „Theorien“ behandelt werden, dann wird erst klar, wie intellektuell armselig die sind. Die „Theorie“ „weißer Privilegien“ von McIntosh basiert auf kläglichen 7 DIN-A4 Seiten rein anekdotischer Evidenz.

      Was wiederum zur Frage führt, wie weit die betreffende wissenschaftliche „community“ und die Leserschaft schon vorher ihre eigenen Ansprüche an die Wissenschaftlichkeit eines Textes abgesenkt hat – zugunsten der politischen und psychologischen Wirksamkeit eines Textes.
      Wenn man so will, zur Produktion von Memes (gehässig gesagt „Geschichten erzählen“, „religiöse Erbauungs- und Erweckungsliteratur“).
      Insofern wäre mit dem „Sokal squared“-Hoax der Beweis gelungen, dass die Richtigkeit einer These in diesem Kontext irrelevant ist, denn es geht nur um die Mobilisierung von Affekten und die Generierung von (medialer) Aufmerksamkeit.

    • Der Islam. Nun da Identitätspolitik durch den Gender-Bereich zum Mainstream in der Politik gemacht wurde, macht der Islam sich diese zu nutze, erklären sich selbst zu Opfer, einer armen Minderheit (natürlich nicht global gesehen), die es auch viel schlechter hat als die weißen Frauen. Deswegen dürfen letztere auch die Fresse halten. Wenn die dann daran Kritik über, werden sie durch das von ihnen selbst eingesetzte Werkzeug vom Diskurs ausgeschlossen, in dem man sie zu Nazis erklärt. Und mit Nazis spricht man nicht, da durch die ebenfalls von den Gender-Leute eingesetzte Association Fallacy schon jeder der nur mit ihnen spricht oder ihnen eine Plattform gibt, selbst zum Nazi erklärt werden kann.

      Am Missbrauchsskandal von Rotherham sieht man das die Angst davor SELBST des Rassismus beschuldigt zu werden größer zu sein scheint wie das Bedürfnis DEN FRAUEN überall und bedingungslos zu helfen.

      • Da unterschätzt du die Wirkungsweise der „Opfer-Olympiade“, in der die „-phob“ und „-ist“ miteinander um Anerkennung, Aufmerksamkeit und Geld konkurrieren.
        In diesem System ist zwar jede Menge Platz dafür, die Realität weiträumig zu umfahren, so ganz an den terroristischen Anschlägen mit islamistischem Motiv, den islamisch „legitimierten“ Missbrauchskandalen und dem islamisch begründeten Imperialismus in der Geschichte kommen sie aber trotzdem nicht vorbei.

        Es kann außerdem deiner Aufmerksamkeit nicht entgangen sein, dass sich der derzeitige Rassismus „Diskurs“ in den USA auffällig auf die Lage der Schwarzen kapriziert, während „Hispanic“ und „Asian“ völlig unter den Tisch gefallen sind (von „Natives“ ganz zu schweigen).
        Wenn sie als Pfand in dem Spiel nichts mehr taugen, werden sie klammheimlich entsorgt.
        Das kann mit „Frauen“ nicht passieren, denn sie stellen die größte Minderheit aller Zeiten in der US-Gesellschaft, nämlich die Mehrheit.

          • Eines der vielen linken Paradoxa. So wie die Tatsache, dass man sich mit der linkserwünschten muslimischen Einwanderung potentielle/latente Antisemiten ins Land holt, aber gleichzeitig über den wachsenden Antisemitismus klagt. Oder man will Kinderrechte im GG verankern, toleriert aber Kinderehen.

          • Sie versuchen schon lange, mit der „Phobie“ an Rassismus anzudocken, weil es ihnen nie gelungen ist, eine Anerkennung als Verfolgte analog zum Antisemitismus zu erhalten.
            Nur ist erstens Islam eine Religion und keine Rasse, zweitens haben die Linksidentären – neben anderen – auch Abschied von der Religionskritik genommen.

            Politisch war es Post 9/11 richtig, den rechten Kulturkriegern den Wind aus den Segeln zu nehmen, aber
            die Idee, eine Religion als sakrosankt zu erklären, weil sie als Religion der „Unterdrückten“ deklariert wird ist nur dann nicht lächerlich, wenn man einen eurozentrischen Blick hat.

            Es verkennt zudem, die Menge der Atheisten in Deutschland ist um einiges größer als die der Muslime.
            Was mich nicht verwundert ist, dass entgegen des Trends zur Säkularisierung über den Umweg Islam wieder verschärft Rücksicht auf religiöse Befindlichkeiten genommen werden soll.
            Wobei „Akzeptanz“ von einem Muslim gegenüber einem Atheisten gar nicht erst einzufordern ist.
            Das freut den hiesigen Klerus bestimmt, wenn die Blasphemiegesetze aus GB importiert werden.

          • Und wenn jemand glaubt, in Deu gäbe es keine Verurteilung wegen Blasphemie, dem muss ich den Glauben an die säkulare Gerichtsbarkeit nehmen. Sonst wäre ich nicht deswegen nicht auf Bewährung.

        • Sie versuchen schon lange, mit der „Phobie“ an Rassismus anzudocken, weil es ihnen nie gelungen ist, eine Anerkennung als Verfolgte analog zum Antisemitismus zu erhalten.
          Nur ist erstens Islam eine Religion und keine Rasse, zweitens haben die Linksidentären – neben anderen – auch Abschied von der Religionskritik genommen.

  1. Ich kenne das Buch von Gad Saad leider nicht, finde diesen Ansatz aber sehr interessant.

    Es erinnert mich an eine Aussage, die ich mal in einem Blog gelesen habe:

    „Being muslim makes you stupid – but at least you will survive.“ Mit Bezug auf das alte Europa.

  2. Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass „aktiv und bewußt konvertierte“ Muselmänner und -frauen mehr als nur ein Randphänomen im Promillebereich ist.

    Konvertiten zum islam z.B. dürften weitgehend Frauen sein, die einen Muselmann heiraten.

    Üblicherweise bekommt man die Religionszugehörigkeit mit der Geburt zugewiesen und behält sie automatisch (wenn man nicht aktiv wird).

    • „In 2016, the total Muslim population in the United States reached approximately 3.3 million (0.9% of the U.S. population). Yet in the years between 2001 and 2014 it has been estimate that one quarter of a million U.S. convicts converted to Islam in the U.S. prison system,[1] making prison converts to Islam just from those years (not counting prison converts to Islam before or since then) account for a significant proportion of all Muslims in the United States overall.“

      https://en.wikipedia.org/wiki/Conversion_to_Islam_in_U.S._prisons

  3. „dem Judentum, eine umfangreiche Prüfung ablegen und könne jederzeit wieder auftreten. Zudem arbeite der Islam mit einer klaren Botschaft, eine „Ingroup“ und eine „Outgroup“, gegen die gekämpft wird und dem klaren Ziel alle Menschen so oder so zu bekehren und in die Ingroup zu bringen.“

    Man könnte Islam und Judentum als Gegenpole betrachten. Der Islam will alle zu Mitgliedern machen, das Judentum ist hingegen sehr restriktiv bei der Aufnahme, auch weil die sich genetisch als Ethnie verstehen. Diese doppelte Bindung ist sehr stark und m.E. in dieser Art weltweit einmalig, wer nicht religiös ist, hört dennoch nicht auf, sich als Jude zu fühlen. Der Muslim wird hingegen schon aus Angst normalerweise nicht konvertieren.

    (Neulich kam im DLF sogar mal eine nützliche Information: in Israel kann man nur religiös heiraten, religiös gemischte Ehen kann es also nicht geben. Wer das will, muss sich im Ausland vermählen lassen und dann um Anerkennung bitten.)

    Der Islam will sein „Haus des Friedens“ (dār al-Islām) mit Quantität erreichen, die radikaleren Juden streben angeblich „Jerusalem als Welthauptstadt“ an, aber auf qualitativem Weg, über Einflußnahme.

    Auf welcher Seite die Pseudoreligion „Intersektionalismus“ spielt, ist nicht ganz klar, klar ist aber längst, dass sie alle Abwehrkräfte gegen Manipulationen und Zuwanderung, im Westen massiv geschwächt hat. Da sie ein Schmarotzer ist, ein Giftpilz, der nur in geeignetem Milieu überleben kann, zerstört sie ihre eigenen Lebensgrundlagen. Ganz ähnlich dem Kommunismus vergangener Jahrzehnte, wird sie schlußendlich scheitern müssen, aber der Schaden kann halt noch enorm anschwellen.

    Als „gutes Meme“ würde ich das allerdings nicht bezeichnen, eher als „erfolgreiches“. Nur weil etwas besonders hartnäckig ist und besonders schnell und heftig dominant wird, ist es noch nicht gut, denn diese Charakteristika teilt es auch z.B. mit Krankheitserregern und Krebs.

  4. Interessant, muss meine Autorenliste um einen Namen erweitern.

    Ich bin vor Jahren gefahrlos aus der Kirche ausgetreten. Mich traf kein Bannstrahl, ich wurde nicht als verlorenes Mitglied bestraft oder irgendwie benachteiligt. Ich kann sogar ein Kirche betreten ohne gleich in Flammen aufzugehen.

    Betrete ich den virtuellen Tempel der Gender-/Feminismus-GläubigenInnen, dann wackelt die Erde, Blut fließt aus meinen Augen und Blitze schlagen auf mich herab.

    Nein, natürlich nicht. Aber die Vertreterinnen der Heilslehre der Ungrechtigkeit/Gleichstellung/Neurotischen Profilierungssucht reagieren etwa so ähnlich, wenn man anfängt sich mit ihnen zu beschäftigen. Man(n) ist nicht im innerern Kreis willkommen, weil Frau kann nur Frau und Mann nur Mann. Damit ist der Bannkreis des religösen Fanatismus gelegt.

    Genderbumms und Feminismusgedöns sind quasireligöse Ideologien mit fragwürdigen Grundlagen, das haben sie den großen Weltreligionen gemein. Wer von schlichtem Gemüte ist, dem reicht ein bedingungsloser Glaube für ein zufriedenes Leben.

    Dazu fällt mir dieser Artikel ein https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/corona-und-qanon-siegeszug-einer-verschwoerungstheorie-16928727.html?premium „Sie [Amerikaner] glauben, dass diese Leute [eine Riege aus linken Politikern und Hollywoodstars] Kinder in unterirdischen Tunneln gefangen halten, sie vergewaltigen und ihr Blut trinken, um sich zu verjüngen. Das ist schon für sich genommen bemerkenswert. Nun aber verbreitet sich diese Theorie in der Republikanischen Partei.“ Wie war das mit den maletears, den Pussyheads, dem Glauben an die weibliche Unschuld (Frauen vor Gericht bedingungslos glauben), etc.?

    Je mehr über Verschwörungstheorien berichtet wird, um so mehr muss jedem bewusst werden, wie linke/grüne Politik mit den Themen Feminismus/Gender funktioniert. Dafür braucht es nicht mal eine Nahles, die im Bundestag darüber singt.

    • Nebenthema Kirchenaustritte: Einen gewissen Druck zur Kirchenmitgliedschaft gibt es. So hat z.B. mein Bruder (noch in diesem Jahrtausend) seine Kinder nur deshalb taufen lassen, weil er Sorge hatte, dass ihnen in dem Örtchen, wo er lebt, sonst Nachteile entstünden. Und die immerhin rund eine Million Beschäftigten bei Unternehmen unter kirchlicher Kontrolle sind auch oftmals vorsichtig, auszutreten. Das geht bei einem Bekannten von mir so weit, dass ernicht austritt, weil seine Frau in einer kirchlichen Einrichtung arbeitet, und er Angst hat, dass sie dann entlassen würde.

      Die von ihm und ihr gezahlte Kirchensteuer stellt somit eine Art Schutzgeld dar. Einer der Gründe, warum ich die Kirchen hierzulande gerne mit der Mafia vergleiche.

      • Die Kirche als Arbeitgeber hat ja eh Sonderrechte. Ich finde es auch eine Sauerei, dass die Bischöfe und sowas aus Steuergeldern (nicht Kirchensteuer) bezahlt werden. Allerdings war ich bisher zu faul und opportunistisch, um auszutreten. In einer Welt, in der alle Maßstäbe verschwimmen, bin ich irgendwie vorsichtig damit geworden, etwas Althergebrachtes über Bord zu werfen.

        • Ich finde es auch eine Sauerei, dass die Bischöfe und sowas aus Steuergeldern (nicht Kirchensteuer) bezahlt werden.

          Die erste Frage sollte doch sein: Warum ist das so?

          Und, warum ist das so? Wegen einer Festlegung aus den Konkordaten. Und was regeln diese Konkordate? Der Staat bekam zum ersten Abschlusszeitpunkt weitestgehend den kirchlichen Landbesitz überschrieben. Als Ausgleich dafür sagte er die Versorgung des Klerus zu, weil die bisherige wirtschaftliche Grundlage mit dem Übereignen der landwirtschaftlichen Nutzfläche wegfiel. Es war also eine Verrentung eines Aktivpostens.

          Jetzt kann man sagen, der Staat hätte damals ein schlechtes Geschäft gemacht und eine Neuverhandlung anstreben. Eine Sauerei im Sinne von Betrug ist die Bezahlung des Klerus aus der Staatskasse aber ganz gewiss nicht.

          • Das kann man sehen wie man will. Derartige (undemokratisch zu Stande gekommene) Ewigkeitsverträge verstoßen für mich ganz klar gegen die guten Sitten.

            „Als Ausgleich dafür sagte er die Versorgung des Klerus zu, weil die bisherige wirtschaftliche Grundlage mit dem Übereignen der landwirtschaftlichen Nutzfläche wegfiel.“

            Dafür gibt es längst als Ersatz die Kirchensteuer, die fußt wenigstens auf dem Verursacherprinzip.

            Vielleicht hätte man den Klerus doch besser köpfen sollen, dann müsste man ihn nicht der Vertragstreue wegen jahrhundertelang durchfüttern…

            Die Gehälter der Bischöfe stinken mir ohnehin:
            „Für die Besoldung von Bischöfen besteht keine einheitliche Festlegung, sondern wird zwischen den Diözesen und einzelnen Bundesländern vertraglich geregelt. Die Richtlinie in den westlichen Bundesländern bildet das Bundesbesoldungsgesetz. Bischöfe werden nach den Besoldungsstufen B7 bis B10 bezahlt. Bei B7 beläuft sich das Gehalt auf rund 9.000 Euro und ein Bischof der nach der Besoldungsstufe B10 bezahlt wird, verdient etwa 12.000 Euro. Mitunter bekommen die Bischöfe zusätzlich ein Dienstfahrzeug inklusiv Chauffeur und eine mietfreie Wohnung.“
            https://www.gehalt.de/news/was-verdient-eigentlich-der-limburger-bischof-tebartz-van-elst

            Solche Bezüge sind eine unglaubliche Frechheit und nur möglich, weil alle dafür in die Haft genommen werden. Und solche Leute schwärmen uns dann was vom enthaltsamen Leben eines Jesus vor.

          • Meines Wissens geht das auf die Eroberung großer Teile Deutschlands durch Napoleon im Jahr 1806 zurück, und auf die nachfolgende Säkularisierung (Enteignung des Kircheneigentums). Warum muss man das immer noch bezahlen?

          • „Der Staat bekam zum ersten Abschlusszeitpunkt weitestgehend den kirchlichen Landbesitz überschrieben. Als Ausgleich dafür sagte er die Versorgung des Klerus zu, weil die bisherige wirtschaftliche Grundlage mit dem Übereignen der landwirtschaftlichen Nutzfläche wegfiel. Es war also eine Verrentung eines Aktivpostens.“

            So wird es oft kolportiert. Hier einige wesentliche Präziserungen:

            Du sprichst von der Säkularisierung und Mediatisierung 1803. Im Zuge dessen hat nicht der Staat „kirchlichen Landbesitz überschrieben“ bekommen, sondern Lehen eingezogen, also verliehenes Land, das ihm sowieso gehörte, wieder in eigenen Besitz überführt. (Man erinnere sich an den Unterschied Besitz/Eigentum.) Dafür brauchte es keine Entschädigung für die Kirchen zu geben. Insbesondere protestantische Landesherren, die ja in Personalunion der Boss ihrer Landeskirche waren, hätten sich damit praktisch selbst entschädigt. Dementsprechend wurden die Kirchen auch nie entschädigt. Was gemacht wurde, war, den obersten Kirchenvertretern, die aus dem Adel stammten, eine lebenslange Versorgung zu garantieren: Geld, Haus, Möbel, Porzellanservice, was man damals für standesgemäß hielt. Man wollte seine adeligen Standesgenossen ja nicht hängen lassen. (Im Gegensatz zu den einfachen Mönchen und Nonnen, die wurden auf die Straße gesetzt.)

            Diese persönlichen Renten hätten mit dem Tod der Rentenbezieher eigentlich ihr Ende finden müssen. Die Potentaten des Deutschen Reiches im 19. Jahrhundert trafen aber peu a peu weitergehende Abmachungen: Gegen die kirchliche Verpflichtung, die autoritären weltlichen Herrschaften wohlwollend zu unterstützen, finanzierten die Potentaten die Bischöfe usw.

            DAS ist der Grund, warum wir bis heute Bischöfe et al. aus allgemeinen Steuermitteln finanzieren. Die Behauptung, es handele sich um eine Ersatzleistung für die Wegnahme eines „kirchlichen Aktivpostens“, ist ein Märchen, das die Kirchen für die Legitimierung dieser Zuführung von Steuermitteln erfunden haben. In Wahrheit handelte es sich um astreine Kungelei aus vordemokratischen Tagen, die sogar ganz gezielt gegen die Demokratie gerichtet war. Dass ein demokratisch verfasstes Gemeinwesen dafür bis heute zahlt, zeigt, wie schlecht die Demokratie in der Praxis funktioniert.

          • @ El Mocho

            Du hast meinen Kommentar unter Deinem bestimmt gelesen, ich möchte nur anlässlich Deines Kommentars nochmal explizit darauf hinweisen, dass die Formulierung „Enteignung des Kircheneigentums“ falsch und irreführend ist: Die Kirchen konnten nicht enteignet werden, weil das Land zwar in ihrem Besitz, aber nicht ihr Eigentum war.

          • @Renton: Es kann durchaus sein, dass auch Kungelei dabei war. Worauf ich hinauswollte war auch, dass eine Umwandlung eines Aktivpostens in eine ewige Rente eben auch ewige Zahlungen nach sich zieht. Und ja, ich verstehe, dass Dein Argument ist, es hätte keinen Aktivposten gegeben. Dazu: Die Kirche hat selbst nicht nur Lehen abgegeben, sondern auch Besitz, der ihr aus anderen Quellen zugefallen war (z.B. Zukäufe, Erbschaften). Es kann also nicht ganz so einseitig gewesen sein, wie von Dir dargestellt. Für eine detaillierte Recherche fehlt mir aber die Zeit. Richtig ist, dass sich über die Jahrhunderte der Landbesitz teilweise wieder gebildet hat (u.a. durch Erbschaften).

          • Nene nicht der Staat bekam das Land. Sondern es wurde zur Versorgung des Adels benötigt der linksrheinische Gebiete verloren hat. Das war im wesentlichen alles innerhalb derselben Familien. Der Bischof war in der Regel ja auch adelig.

          • @Androsch Kubi

            Dafür gibt es längst als Ersatz die Kirchensteuer, die fußt wenigstens auf dem Verursacherprinzip.

            Die Kirchensteuer gab es auch zur damaligen Zeit schon („Kirchenzehnt“). Sie wird heute nur (gegen Gebühr) vom Staat eingezogen und erspart uns so eine parallele Bürokratie. Neu hinzugekommen ist sie nicht. (Und kann deshalb auch kein Ausgleich sein – wenn die Übereignung eines Aktivpostens als solches anerkannt wird.)

          • @Sebastian

            Da die Herrscher damals das Land quasi als ihr Eigentum betrachteten, hielt ich es nicht für nötig, genauer zwischen Staat und Eigentümer zu unterscheiden. Prinzipiell hast Du natürlich recht.

            @Werlauer

            Ganz so eindeutig mag es nicht gewesen sein. Aber Tatsache ist, dass eine „Dauerverrentung“ ursprünglich nicht vorgesehen war und erst im Nachhinein durch schmutzige Deals zustande kam, während die Kirchen heute unverdrossen versuchen, es von Anfang an als legitime Entschädigung darzustellen.

          • @Werlauer

            „Die Kirchensteuer gab es auch zur damaligen Zeit schon („Kirchenzehnt“).“

            Der wurde m.W. auch in Naturalien bezahlt und ich hatte gedacht, das hängt vom Landbesitz der Kirchen ab. Ich sah den Wegfall des Zehnten durch staatliche Gelder kompensiert. Offenbar war es nicht so, wenn ich den anderen Kommentatoren glauben kann, gehörte ein Großteil des Landes gar nicht der Kirche und wenn ich dir glauben kann, wurde der Zehnt später einfach durch die Kirchensteuer ersetzt.

            Es gibt keinen Grund, sich an diese uralten Verträge noch gebunden zu fühlen. Es wird schließlich auch niemand mehr ernsthaft ein Erbrecht auf den Kaiserthron verteidigen. Und Ewigkeitsgesetze, noch dazu zu Lasten eines Dritten, der kein Mitspracherecht hatte, sind schon moralisch rundheraus abzulehnen!

            Ehrlich gesagt regt mich die Doppelmoral der Kirche bei diesem Thema schon ewig auf und ermuntert mich, doch endlich auszutreten. Es ist kein Wunder, dass die Amtskirche immer mehr Rückhalt verliert, sie verhält sich nicht christlich, sondern wie ein Popanz-Staat-im-Staate, fett und Dank Lobbyismus Priviliegien-verwöhnt. Die Kinder in den christlichen Heimen, mussten für ihren Unterhalt arbeiten, wurden nicht selten mißbraucht und geschlagen, selbst die Nonnen und Mönche arbeiten m.W. für lau, aber die Chefs bekommen es dicke aus Steuergeldern und ein Großteil der sonstigen Einnahmen fließt an den Vatikan, der damit seine Macht ausbaut und noch mehr Lobbyarbeit betreibt. Das ist eine elitäre Mafia, wie sie heute ohnehin an allen Schaltstellen sitzt.

            Zu allem Überfluß bieten die Kirchen uns nichtmal Schutz. Beim dritten Reich waren die Amtskirchen ebenso mit dabei, wie jetzt beim Import von Muslimen. Nichts mit Märtyrertum, da ist man bis zum Umfallen opportunistisch und heult mit den Wölfen.

            Sowas funktioniert nur so lange, so lange der Bildungsstand so niedrig ist, dass die Bevölkerung die ganzen Widersprüche nicht bemerkt…

          • @Androsch Kubi

            Die Kinder in den christlichen Heimen, mussten für ihren Unterhalt arbeiten, wurden nicht selten mißbraucht und geschlagen, selbst die Nonnen und Mönche arbeiten m.W. für lau, aber die Chefs bekommen es dicke aus Steuergeldern und ein Großteil der sonstigen Einnahmen fließt an den Vatikan, der damit seine Macht ausbaut und noch mehr Lobbyarbeit betreibt.

            Ich finde, Du hast die gängige Meinung über die Kirche und ihre Finanzen gut zusammengefasst.

            Über Kinderheime von früher allgemein und solchen in kirchlicher Trägerschaft im Besonderen weiß ich nicht viel. Vielleicht klammern wir diese Frage mal aus.

            Mönche und Nonnen arbeiten nicht für lau, sofern sie einer Erwerbsarbeit nachgehen. Allerdings haben sie keinen weltlichen Besitz, das heißt, sie behalten ihr Arbeitseinkommen nicht. Das dürfte bei Bischöfen auch so sein, weiß ich aber nicht. Die sonstigen Einnahmen (Kirchensteuer) fließen nicht nach Rom sondern zum Bistum. Von dort werden sie verteilt und landen wieder bei den einzelnen Gemeinden (Gemeindearbeit, Kinder- und Jugendarbeit, Zuschüsse zu Kindergärten…) oder kirchlichen Einrichtungen (Caritas, ect.). Teilweise aber auch ins Ausland (Entwicklungshilfe). Einmal im Jahr wird auch eine Kollekte für den Papst durchgeführt und nach Rom überwiesen („Peterspfennig“).

            Das der Vatikan seine Macht ausbaut, kann sein, da habe ich keinen Einblick. Allerdings scheint es mir mit dem Vatikan ein bisschen wie mit dem Patriarchat zu sein: Es wird ständig darüber orakelt, welche Macht es hat, aber wenn jemand gegen das Patriarchat lästert, bekommt er nicht aufs Maul, sondern Beifall. Das scheint mir sehr gewieft vom Patriarchat. Der Vatikan ist vermutlich genauso durchtrieben.

          • @Werlauer

            Vergiss bei den „sonstigen Ausgaben“ nicht solche Dinge wie Immobiliengeschäfte.

            Im übrigen muss man immer wieder betonen, dass die sozialen Dienste, die üblicherweise den Kirchen zugeschrieben werden, zu mehr als 95% vom Steuerzahler finanziert werden. Ein Kindergarten „in kirchlicher Trägerschaft“ ist ein aus allgemeinen Steuermitteln finanzierter Kindergarten, der unter die Kontrolle der Kirchen gestellt wurde. In einem „christlichen“ Krankenhaus dürfte sich der Beitrag der Kirchen auf die Bezahlung des Pfarrers und Ausstattung des Gebetsraums beschränken.

            Zur Caritas weiß das Violettbuch Kirchenfinanzen von Carsten Frerk:
            „Von den rund 45 Milliarden Euro Aufwendungen für die Arbeit von Caritas und Diakonie (im Jahr 2002) finanzierten die Kirchen aus eigenen Geldern rund 810 Mio. Euro, das sind knapp 2 Prozent.“

          • @Renton

            Ja, das weiß ich. Es ist aber auch so, dass die Ausstattung eines Kindergartens mit kirchlicher Trägerschaft deshalb in der Regel ganz gut ist, weil das Budget, dass durch staatliche Subventionen zusammenkommt vom Träger aufgestockt wird. Das heißt nicht, dass der Anteil der staatlichen Subventionen nicht trotzdem deutlich höher ist als das Zusatzbudget. (Die staatlichen Subventionen sind in meinen Augen in Ordnung, weil die Unterstützung trägerunabhängig allen Kindergärten gewährt wird).

            Was ich herausstellen wollte ist, dass es keine „Schatzkammer“ gibt, in der das ganze Gold gehortet wird und in der der Bischof (oder hier Papst) immer und am Nachmittag des Ostersonntags auch die Prälaten mal ein Goldbad nehmen. Das Geld wird ausgegeben und zwar (ganz überwiegend) nicht für selbstsüchtige Zwecke.

            Das pauschale Bashing ist ermüdend und oft nichts weiter als das Wiederholen eines abgelutschten Klischees. Die Realität in den Gemeinden ist oft gar nicht von Interesse für das Bilden der Meinung.

          • Ich höre dann auf, die Kirchen zu bashen, wenn sie keine Sonderrechte mehr haben (kirchliches Arbeits(un)recht, Lärmschutz, Beamtenrecht, auch der Blasphemieparagraph,…), nicht mehr weitergehend von meinen Steuern finanziert werden als jeder andere Verein auch (Bischofsgehälter, Kirchentage, Zuschüsse in rauhesten Mengen…), und ihre Beeinflussung von Gesetzgebungsverfahren aufhört, kurz, wenn sämtliche Vorzüge, die sie sich in Jahrzehnten der Mauschelei ergaunert haben, abgeschafft sind.

            Mal ernsthaft, wenn Politiker, die Mitglied einer Kirche sind, dieser Vorteile gewähren, ist das die reinste Form von Korruption und Vetternwirtschaft, die ich mir vorstellen kann. Was die Kirchen schon alles an Geld und geldwerten Vorteilen von willfährigen Politikern, die Mitglied bei ihnen sind, erhalten haben, geht auf keine Kuhhaut.

    • „Sie [Amerikaner] glauben, dass diese Leute [eine Riege aus linken Politikern und Hollywoodstars] Kinder in unterirdischen Tunneln gefangen halten, sie vergewaltigen und ihr Blut trinken, um sich zu verjüngen. Das ist schon für sich genommen bemerkenswert. Nun aber verbreitet sich diese Theorie in der Republikanischen Partei.“ Wie war das mit den maletears, den Pussyheads, dem Glauben an die weibliche Unschuld (Frauen vor Gericht bedingungslos glauben), etc.?

      Je mehr über Verschwörungstheorien berichtet wird, um so mehr muss jedem bewusst werden, wie linke/grüne Politik mit den Themen Feminismus/Gender funktioniert. Dafür braucht es nicht mal eine Nahles, die im Bundestag darüber singt.

      Also erst mal glaube ich nicht, dass die Republikaner politisch die selbe Richtung wie Linke und Grüninnen haben.
      Und natürlich müsste man erst mal klären, ob die Frauen von der Herkunft der Inhaltsstoffe wissen. Wobei es glücklicherweise und hoffentlich ein weiter Weg ist von der „anonymen“ Genitalverstümmelung bis zum selbstständigen Handeln der Vergewaltigung und Blutgewinnung. Aber wenn ich mir überlege, dass sich Hollywood-Stars Kinderpimmel ins Gesicht schmieren, halte ich auch solche „Verschwörungstheorien“ für nicht ganz abwegig.
      Zumal man sich manchmal gar nicht ausdenken und wissen mag, was manche Menschen anderen Menschen alles antun.

      Na gut, ist natürlich sehr überdramatisiert und extrem verkürzt dargestellt. Es sind natürlich nicht die primären Geschlechtsteile kleiner Jungen, sondern „nur“ Stammzellen, die aus Baby-Vorhäuten gewonnen wurden.

      Filmstars wie Sandra Bullock und Cate Blanchett lassen ihre Gesichtshaut mit Kosmetik behandeln, die aus Stammzellen hergestellt werden, die aus der Vorhaut koreanischer Babys extrahiert wurden. In Korea werden männliche Babys gleich nach der Geburt beschnitten und die Zellen aus der Haut an Beautysalons geliefert, wo eine einzelne Behandlung mit 650 Dollar berechnet wird.
      https://genderama.blogspot.com/2018/03/hollywoodstars-stehen-auf-penis-facials.html

      • „In Korea werden männliche Babys gleich nach der Geburt beschnitten“

        In Korea werden männliche Kinder automatisch beschnitten? Das wußte ich gar nicht!

        Was führen die denn für eine Begründung an und ist das in Fernost noch weiter verbreitet?

  5. Die »Meme-Theorie« ist freilich als Theorie gescheitert, weil sich Sinnzusammenhänge nicht atomisieren lassen. Für die Klärung ideengeschichtlicher Fragen ist sie daher unbrauchbar. Wenn Saad beispielsweise »den Islam« als Mem bezeichnet, wird das Dilemma offensichtlich, denn Dawkins war auf der Suche nach elementaren »Bausteinen« der Kultur, während Saad anscheinend den Komplex einer speziellen Religion als Ganzer als »Mem« bezeichnet. Und wenn man sich den historischen Erfolg des Islam im 7. und 8. Jahrhundert anschaut, wird auch klar, dass sich der nicht in Abstraktion von politischen und ökonomischen Umwälzungen erklären lässt.

    Um bei der Metapher der »infektiösen Ideen« zu bleiben: viel wichtiger ist m. E. die Frage nach dem Ursprung der »Immunschwäche des Wirtskörpers«, der von diesen Ideen befallen wird, also die Frage, warum es so viele intelligente Menschen gibt, die sich freiwillig am intersektionalen Theoriefusel politisch blind saufen.

    Mein Erklärungsfavorit auf maximaler Abstraktionsebene: das Ende der globalen Hegemonie des »Westens« erzeugt ein Bedürfnis nach einem negativen Zivilisationsmythos, mit dem man zu diesem historischen Prozess auf subjektiven Abstand gehen und sich trotzdem »fortschrittlich« fühlen kann. (Feminismus und) intersektionale Theorien liefern einen solchen.

    • „Mein Erklärungsfavorit auf maximaler Abstraktionsebene“

      Ich finde plausibler, was Scruton das „god-shaped hole in our culture“ nennt.
      Leute brauchen einen Zivilisationsmythos, der alte taugt nicht mehr, ein funktionierender neuer positiver muss ein paar Jahrhunderte gären, ein negativer aber nur ein paar Jahre und daher…
      In Abwesenheit Gottes ist der Teufel besser als nichts.

      Aber ich bin ja auch kein Soziologe 😉

      • @weiss_auch_nicht:

        »In Abwesenheit Gottes ist der Teufel besser als nichts.«

        Nur dass der Tod Gottes auch den Tod des Teufels impliziert, nämlich den Tod aller metaphysischer Gestalten. Das daraus resultierende »god-shaped hole in our culture« lässt sich auch positiv auffüllen, nämlich mit der Selbstvergottung des Menschen. So hat es jedenfalls Nietzsche gesehen, wenn er den Übermenschen in Bezug zum Gottesmord setzt:

        »Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getödtet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? (…) Ist nicht die Grösse dieser That zu gross für uns? Müssen wir nicht selbser zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu scheinen? Es gab nie eine grössere That, – und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser That willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!« (Aphorismus 125 in der Fröhlichen Wissenschaft)

        Nach dem Tod Gottes bleibt also nicht der Teufel als einzige Option übrig, sondern es entsteht eine neue Wahlmöglichkeit zwischen Selbstvergottung und Selbstverteufelung. Der negative Zivilisationsmythos resultiert aus einer Kritik ersterer und wählt letztere.

        Darum ist es auch so absurd, diese philosophische Postmoderne in eine Genealogie des Marxismus zu stellen: der Übergang zum negativen Zivilisationsmythos findet als Seitenwechsel von Marx zu Heidegger statt.

        • „Das daraus resultierende »god-shaped hole in our culture« lässt sich auch positiv auffüllen, nämlich mit der Selbstvergottung des Menschen.“

          Der Ansatz scheint mir gründlich gescheitert.
          Dass manche Menschen kein Problem haben, sich selbst göttlich zu finden, ist offensichtlich. Man muss nur einen Blick in Frauenliteratur werfen, um Beispiele ohne Ende zu finden.
          Aber den Menschen als solchen göttlich zu finden, dazu kennt quasi jeder zu viele andere Menschen.

          Marx bietet einen positiven Zivilisationsmythos? Inwiefern?

          • Beseitigung von Unterdrückung und Ausbeutung, gesellschaftliche Selbstkontrolle, gesellschaftliche Kontrolle der Produktion, direkte Demokratie, Kontrolle des Austauschverhältnisses mit der Natur, allmähliches Absterben des Staates, allmähliche Aufhebung der Entfremdung, vollständige Emanzipation von Mann und Frau als Stichworte.

          • @weiss_auch_nicht:

            »Marx bietet einen positiven Zivilisationsmythos? Inwiefern?«

            Das ist jetzt keine textgetreue Marx-Interpretation, aber m. E. bucht die materialistische Religionskritik die vormals Gott zugeschriebenen Vermögen auf den Menschen um, der diese erlangt, sobald er im Sozialismus in seiner vollen Menschlichkeit von den Gottesvorstellungen emanzipiert ist. Mit dem Tod Gottes tritt der Mensch in die Nachfolge der Attribute Gottes ein: Der Mensch wird allwissend durch die modernen Wissenschaften, allmächtig durch die wissenschaftsbasierte Technik, und allgütig durch den Wegfall der materiellen Verteilungskonflikte. Wobei solche Gedanken wohl noch nicht von Marx selbst, sondern erst von der sowjetischen Avantgarde der 1920er Jahre auf die Spitze getrieben worden sind.

          • @djad

            Nein.
            Der entscheidende Punkt ist, die Götter wurden von Menschen/Männern erschaffen.
            Die spezifisch göttlichen Eigenschaften auch.

            Wenn die Strophe lautet:
            „Es rettet uns kein höh’res Wesen,
            kein Gott, kein Kaiser noch Tribun
            Uns aus dem Elend zu erlösen
            können wir nur selber tun!“

            Dann wirst du bemerken, das „höh’re Wesen“ in Gestalt von „Frau“ ist diametral entgegengesetzt zur Absicht des Liedes. Es rettet uns kein „höh’res Wesen“, weil es keines gibt.

            „Uns aus dem Elend zu erlösen
            können wir nur selber tun!“ – kam vollständig ohne die ohne die ergänzenden/erlösenden Eigenschaften von „diversity“ aus.

          • @crumar:

            Ich gebe zu, die Idee ist noch ein wenig unausgegoren – was ich im Blick habe, ist die Ideengeschichte zum »Neuen Menschen« in Russland in der Art, wie sie Thomas Tetzner in Der kollektive Gott beschreibt (die »parteinahen Diskurse« kommen erst am Schluß des Buches, da nennt er Lunatscharski, Gorkij, Bogdanow, Gastew und Gladkow). Da stellt sich dann natürlich die Frage, inwiefern das mit den Intentionen des marxschen Materialismus noch vereinbar ist.

        • Ich finde Deine Idee (Bedürfnis nach einem negativen Zivilisationsmythos …) wirklich faszinierend. Man könnte damit sehr viel erklären, scheint mir.

          Gibt’s da irgendwelche Quellen dazu? Jedenfalls irgendwo genauere Überlegungen?

          • @Jochen Schmidt:

            »Gibt’s da irgendwelche Quellen dazu? Jedenfalls irgendwo genauere Überlegungen?«

            Gute Frage! Für mich ist es der Reim, den ich mir auf den stupenden Erfolg des Feminismus in der SPD und vor allem bei den Grünen mache, wo er auf einen regelrechten »Mythus des 21. Jahrhunderts« hinausläuft – weshalb die Zukunft der Bundesrepublik voraussichtlich autoritär und schwarz-grün sein wird. Am tragfähigsten finde ich die Analogisierung des »Feindbilds (weißer) Mann« mit dem frühen Antisemitismus der Belle Époque: der Mann in derselben Rolle des »Zivilisationsschädlings« wie vormals der Jude, noch vor der Weichenstellung zum Vernichtungsantisemitismus der Nazis. Das Bedürfnis, die Schattenseiten der Moderne einem Sündenbock anzulasten, ist anscheinend unaustilgbar.

            So gesehen: nein, ich habe keine direkten Quellen, allenfalls wird ein Rockzipfel dieses Problems von Nathanson/Youngs »Sanctifying Misandry« erfasst.

    • „Die »Meme-Theorie« ist freilich als Theorie gescheitert, weil sich Sinnzusammenhänge nicht atomisieren lassen.“

      Ja, die Idee vom „Mem“ ist selbst auch eines und ausreichend vage, um populär zu werden 🙂
      Als komplexere Theorie taugt sie eher wenig.

      Ich halte „Idee“ und „Mem“ für Synonyme, wobei „Mem“ den Evolutionscharakter der Idee hervorhebt, die Fähigkeit sich durchzusetzen, sich auszubreiten etc. und wie die Idee auch, basiert es auf ganzen Denkgebäuden, die ständig im Wandel sind (weshalb es zur Erklärung komplexerer Sachverhalte eher schlecht geeignet ist).

      „Mein Erklärungsfavorit auf maximaler Abstraktionsebene: das Ende der globalen Hegemonie des »Westens« erzeugt ein Bedürfnis nach einem negativen Zivilisationsmythos, mit dem man zu diesem historischen Prozess auf subjektiven Abstand gehen und sich trotzdem »fortschrittlich« fühlen kann. (Feminismus und) intersektionale Theorien liefern einen solchen.“

      Das klingt erstaunlich plausibel, ist aber vermutlich nicht die ganze Wahrheit.

      Ich würde eher davon ausgehen, dass viele der Intersektionalisten noch gar nicht realisiert haben, dass sich die Hegemonie des Westens dem Ende zuneigt.

      Ich halte es für wahrscheinlicher, dass sie mit selbiger ihre Probleme haben und einen Ausgleich dafür schaffen wollen. Zweifelsohne ist die Sache moralisch sehr aufgeladen und sie kommt ursprünglich aus dem linken Weltverbesserungsmilieu, welches mit „dem Westen“ immer seine Probleme hatte.

      Das mag jetzt zunehmend verschwimmen, weil die Idee zum Selbstläufer geworden ist und Opportunisten, Mitläufer und Schmarotzer aller Art anzieht, da sie so leicht zu instrumentalisieren ist und so wenig Verstand erfordert.

      • @Androsch Kubi:

        »Ich würde eher davon ausgehen, dass viele der Intersektionalisten noch gar nicht realisiert haben, dass sich die Hegemonie des Westens dem Ende zuneigt.«

        Insofern sie immer noch den weißen Mann zum rassistisch-sexistischen Weltherrscher erklären, halten sie zumindest an einer Fiktion dieser Hegemonie fest. Entscheidend finde ich, dass sie der Meinung sind, dass diese Herrschaft nicht mehr mit gutem Gewissen vereinbart werden kann, das heißt, das Ende dieser Hegemonie tritt bei ihnen zumindest als Projekt zutage.

        • Ja, das sehe ich ganz ähnlich.

          Ich vermute, dass die gefühlte Erfolglosigkeit globaler moralischer Forderungen (die ja auch schon Kern der 68iger und in den USA der Hippiebewegung usw. waren) und das Scheitern des Kommunismus-Projektes dazu führten, dass die Bewegung immer illusionsloser und destruktiver wurde („macht kaputt, was euch kaputt macht“, egal was danach kommt). Das erklärt zumindest die Einstellung eines Teils des linken Spektrums.

          Ich kann das sogar verstehen.

  6. Noch etwas aus der „realen Welt“ zum Thema intersektionalen Theorien https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.wahl-in-stuttgart-auch-ob-kandidatin-miller-will-klagen.a1841233-5da2-45df-8011-9ed5f32e7012.html?reduced=true

    „Friedhild Miller, die bereits bei diversen Bürgermeisterwahlen angetreten ist, will gegen die OB-Wahl in der Landeshauptstadt klagen. Allerdings steht sie dabei vor einer hohen Hürde.

    Stuttgart – Neben dem OB-Kandidaten Marco Völker hat auch die Kandidatin Friedhild Miller aus Böblingen angekündigt, die OB-Wahl in Stuttgart vor dem Verwaltungsgericht beklagen zu wollen. Miller, die bei diversen Bürgermeisterwahlen angetreten war, hatte in der entscheidenden zweiten Wahl am 29. November 2020 in Stuttgart genau 616 Stimmen erhalten, Frank Nopper (CDU) hatte die Wahl mit 83 812 Stimmen (42,3 Prozent) gewonnen. Miller sieht sich in vielerlei Hinsicht benachteiligt, ihr Einspruch gegen die Wahl war vom Regierungspräsidium Stuttgart (RP) zurückgewiesen worden, und zwar nicht nur, weil er unbegründet sei.“

    //Miller sieht sich in vielerlei Hinsicht benachteiligt,…// ja, genau

    Googelt einfach mal den Namen.

  7. Ähnlich wie im Christentum lockt die Vergebung der Sünden, wenn man sich nur zur reinen Lehre bekennt und die Seiten wechselt. Man darf sich hier den dominanteren Gruppen unterwerfen und hat damit plötzlich selbst etwas macht (Ihr Männer müsst wie ich diese toxische Männlichkeit ablegen“)

    Nein, da muss ich widersprechen. Es gibt im Christentum zwei wesentliche Unterschiede in der Betrachtung des Menschen:

    a) Niemand ist ohne Schuld und kann sich über den anderen erheben. (z.B. wird das Schuldbekenntnis als Reinigungsritual am Beginn einer Messe von allen(!) gesprochen und nicht nur von Sündenböcken, die vor den über ihnen stehenden Bessermenschen knien – es ist ein verbindendes Element, das Hochmut dämpfen soll)

    b) Vergebene Sünden sind (ein für alle Mal) vergeben. Eine immer im Hintergrund lauernde Erbschuld wird, nicht praktiziert, auch wenn es den Begriff gibt und Aussenstehende immer wieder behaupten, es ginge im Christentum nur um Schuld. Im Intersektionalismus kann sich ein Priviligierter nur unterwerfen. Gibt er diese Position auf, ist er genauso schuldig wie vorher.

    • Ja, sehe ich ähnlich.

      Wobei auch hier natürlich gilt: eine Nicht-Unterwerfung wäre eine neue Sünde 🙂
      Nur unterwirft man sich in der Abstraktion einem Gott (in der Praxis seinen irdischen Stellvertretern)

      • Wobei auch hier natürlich gilt: eine Nicht-Unterwerfung wäre eine neue Sünde

        Ja, da habe ich beim Schreiben auch drüber nachgedacht. Es ist aber so, dass die Erlösung im Christentum nicht aus der Sündenfreiheit resultiert. Schon in der Gründungsphase wurde diese These diskutiert. Paulus schreibt dazu lange Aufsätze. Er kommt zu dem Schluss, dass Wohlverhalten nicht zum Ziel führen kann, sondern nur die gewährte Gnade vom Chef persönlich. Deshalb ist die Vergebung der Sünden auch nur ein psychologischer Kniff, die mentalen Sperren bei Bedarf bereinigen zu können, um ein positives selbstwirksames Handeln zu erleichtern. Das Ziel ist also ein ganz anderes als beim Intersektionalismus. Es ist nicht Unterwerfung, sondern Stütze.

          • @Werlauer

            Natürlich früher, die Kirchen führen heute fast überall nur noch ein Schattendasein (außer wirtschaftlich). Die päpstlich vorgegebenen Restriktionen (keine Verhütung usw.) gibts natürlich immer noch, aber es hält sich schon lange niemand mehr daran und die Kirche hat keine Macht mehr, das zu ahnden.

            Aber noch Mitte letzten Jahrhunderts sollen „Mischehen“ (zwischen Katholiken und Protestanen) wohl z.B. in Bayern verpöhnt gewesen sein. Die Kirche bestimmte damals das Leben noch ganz maßgeblich und der Pfarrer war eine Autorität, der man besser genau zuhörte (zumindest auf dem Lande).

  8. Das wird nur dazu führen in den angeblich Unterdrückten das Gefühl eines gerechten Zorn entsteht und sie Weiße schlecht behandeln dürfen – was dann zu Mobbing führt. Mit freundlicher Unterstützung ihrer Schule.

    Es ist so krank. Jeglicher Religionsunterricht sollte von Schulen verbannt werden.

    • Japp, ich musste als weiße, Heteromann ohne Behinderungen einfach nur meinen Namen auf die Klausuren schreiben um zu bestehen.

      Das ist so weit ab von der Realität. Wenn überhaupt hat man einen Vorteil weil man in dem Land aufgewachsen ist und deswegen die Sprache spricht und weiß wie die Dinge laufen. Das gilt aber genau so für Frauen, die zudem noch für gleiche Leistungen bessere Noten bekommen und bei Vergaben bevorzugt werden … auf staatliche Anweisung. Lernen die das eigentlich auch schon, das man bei Aussagen über Männer oder Weiße einfach alles beleglos behaupten kann?

  9. Ein weiteres Unterscheidungskriterium zw. islamischer und westlicher Welt ist nach Bassam Tibi auch die Tatsache, dass die meisten islamischen Gesellschaften/Staaten im Kern immer noch tribalistische Gemeinschaften sind. Der Stammesaspekt verstärkt noch mal zusätzlich den Zusammenhalt und stärkt das Gemeninschaftsgefühl.

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