MITM zu „Altersarmut ist ein Frauenproblem“

Schon häufig habe ich zum Thema „Altersarmut ist ein Frauenproblem“ diskutiert und dabei üblicherweise darauf verwiesen, dass dort der Versorgungsausgleich bzw. die Witwenrente schlicht vergessen wird.

Die Hausfrau eines Beamten in hoher Position hat vielleicht keine eigenen Rentenanwartschaften abgesehen von den Kinderbetreuungszeiten angesammelt haben, ist aber zu keiner Zeit von Armut bedroht und kann ein sehr angenehmes und abgesichertes Leben führen.

Einen interessanten Beitrag dazu auf seiner Seite hat MITM neulich in den Kommentaren verlinkt. Ich zitiere mal daraus:

Als altersarm definieren kann man Empfänger von Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung. Nach den letzten Zahlen des Statistischen Bundesamts sind 415.568 Männer und 484.278 Frauen betroffen. Die Frauenquote unter den Altersarmen beträgt somit 53.8%. Das ist eine knappe Mehrheit, die Darstellung „Altersarmut ist ein Frauenproblem“ ist somit eine grobe Verfälschung dieser Quote.

Für eine sachliche Bewertung des Problems müßte aber die Altersstruktur der Bevölkerung berücksichtigt werden: wegen der signifikant höheren Sterblichkeit von Männern weist die Bevölkerungspyramide für die Altersgruppen ab 65 Jahre einen deutlichen Frauenüberschuß aus. Bei den großen Altersgruppen von 70 – 80 Jahren kommen 115 – 130 Frauen auf 100 Männer, bei den kleineren Altersgruppen ab 80 kommen 150 bis über 300 Frauen auf 100 Männer.

Daher ist der Anteil der Personen, die von Altersarmut betroffen sind, bei Männern höher als bei Frauen. Wenn überhaupt, dann sind also Männer und nicht Frauen bei dem Risiko Altersarmut aufgrund des Geschlechts benachteiligt. Insofern laufen auch Versuche, die nicht vorhandene Benachteiligung von Frauen infolge Kindererziehung zu erklären, ins Leere. Es scheint je nach ideologischer Prägung kaum vorstellbar zu sein, daß auch Väter in die Kindererziehung investieren und deswegen weniger Karriere als Männer ohne Kinder machen. Das Risiko, wegen Kindern im Alter weniger Rente zu beziehen, ist somit für Männer ebenfalls vorhanden. Die implizite Behauptung, ausschließlich Frauen seien davon betroffen, ist reine Propaganda.

Nun ist „Keine Grundsicherung bekommen“ vielleicht die Definition von „Nicht von Altersarmut betroffen“, und da macht der Beitrag deutlich, dass es keineswegs ein Frauenproblem ist, sondern eher sogar noch ein Männerproblem. Allerdings wäre es interessant etwas mehr zu Bezügen von Männern und Frauen gerade in Kombination mit dem Einkommen des noch lebenden Partners zu kennen. Bzw eine Aufschlüsselung der gemeinsamen Einkommen von Rentnern, die in einem Haushalt leben und die Höhe der Witwenrenten etc.

14 Gedanken zu “MITM zu „Altersarmut ist ein Frauenproblem“

  1. Ich staune ja, dass zu dem Umstand noch kein feministisches Klagelied komponiert wurde, dass es viel mehr alte Frauen als Männer gibt. Alt sein ist wirklich nicht so toll, jung sein besser. Eine böse Ungerechtigkeit und Benachteiligung. Vielleicht sollte man für jede alte zusätzliche Frau einem jungen Mann oder Jungen die medizinische Versorgung streichen, um die überdurchschnittliche männliche Jugendlichkeit auszugleichen.
    Man muss doch Gerechtigkeit nur richtig rechnen…

  2. „Die Frauenquote unter den Altersarmen beträgt somit 53.8%. Das ist eine knappe Mehrheit, die Darstellung „Altersarmut ist ein Frauenproblem“ ist somit eine grobe Verfälschung dieser Quote. Für eine sachliche Bewertung des Problems müßte aber die Altersstruktur der Bevölkerung berücksichtigt werden“

    An der Stelle musste ich erstmal kurz überlegen. Aber stimmt natürlich. Das Vergleichen der absoluten Anzahl der von Altersarmut betroffenen Frauen & Männer ist eigentlich nicht sinnvoll, da es eben deutlich mehr ältere Frauen gibt, und damit in absoluten Zahlen auch mehr altersarme Frauen.
    Um die Realität besser einschätzen zu können müsste man also nicht die absoluten Zahlen der von Altersarmut betroffenen Frauen & Männer vergleichen, sondern man müsste vergleichen, wieviel Prozent aller Frauen und wieviel Prozent aller Männer von Altersarmut betroffen sind.
    Dazu habe ich jetzt aber auf die Schnelle keine Daten gefunden (nur über die durchschnittliche Bezugsdauer der Rente.).

    https://de.statista.com/statistik/daten/studie/154353/umfrage/durchschnittliche-rentenbezugsdauer-2008/
    „Während 65-jährige Frauen hierzulande 1960 noch damit rechnen konnten etwas mehr als 14 weitere Jahre zu leben (bei den Männern waren es ca. 12 Jahre), so sind es heute rund 21 Jahre (Männer knapp 18 Jahre). „

  3. Den ersten Beschiss kann man leicht nachvollziehen, wenn man die Studie „Entwicklung der Altersarmut bis 2036 Trends, Risikogruppen und Politikszenarien“ auf S. 23 aufschlägt.
    Dort wird die „Entwicklung der Erwerbsbeteiligungsquoten nach der Projektion der EU-Kommission (2014)“ vorgestellt, die von 2015 bis 2040 reicht.
    Staffelung ist: 2015, 2020, 2025, 2030, 2025, 2030

    Wir vergleichen einmal mit meiner Strukturierung:
    Frauen im Alter 15-24
    48,5 49,1 48,5 47,9 47,9 48,3
    Männer im Alter 15-24
    52,4 53,0 52,5 51,9 51,8 52,2

    Frauen im Alter 25-54
    82,9 83,9 84,7 85,4 85,8 85,9
    Männer im Alter 25-54
    92,8 92,9 93,0 93,1 93,2 93,2

    Frauen im Alter 55-64
    63,3 66,1 67,8 68,9 71,9 73,9
    Männer im Alter 55-64
    76,4 77,7 77,4 76,1 77,2 78,2

    1. Kontraintuitiv ist die größte Steigerungsrate der Erwerbsbeteiligungsquote gar nicht in der Altersgruppe der Frauen von 25-54 vorgesehen, sondern in der von 55-64. Das hat wenig mit der Benachteiligung durch familiäre Verpflichtungen zu tun, nicht wahr…
    2. Nicht einmal die EU-Kommission hat 2014 geglaubt, das es zu einer gleichen Erwerbsbeteiligung in 2030 kommen wird. Was über die Verteilung von Vollzeit und Teilzeitarbeit nichts aussagt.
    3. Die Durchschnittspension von Beamten in Deutschland beträgt 3.070 Euro bei Männern und 2.640 Euro bei Frauen im Jahr 2015. Das auch erklärt, warum die Teilzeitquote bei Lehrerinnen so hoch ist. Übrigens ist bereits nach 5 Dienstjahren eine Rente von 25% des Einkommens durch den Status gesichert. Mit 10 Jahren Teilzeit plus 3 Jahren Anerkennung der Kindeserziehung toppt man diese Voraussetzungen locker.

    Der Klassiker ist, durch die „Geschlechterfrage“ vom eigentlichen Problem abzulenken:
    „Bis 2031–2036 wird sich laut unseren Simulationen das Armutsrisiko für Neurentnerinnen und Neurentner in Ostdeutschland im Vergleich zu Neurentnerinnen und Neurentnern in Westdeutschland fast verdoppeln: Die Armutsrisikoquote wird dann bei ca. 36 % und die Grundsicherungsquote bei ca. 11 % liegen. Ein zentraler Grund für diese Entwicklung sind die aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit der 1990er und frühen 2000er Jahre zunehmend schlechten Erwerbsbiographien zukünftiger Rentnerkohorten in Ostdeutschland.“

  4. Nachtrag: letzteres Zitat auf S. 18. Herausgeber: Erstellt vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Bertelsmann Stiftung

    • Diese DIW-Studie scheint nach dem, was ich im Netz gefunden habe, von 2017 zu sein. Der Presseartikel, auf die ich mich in dem Textabschnitt beziehe (es gibt mehrere, zitiert ist nur einer – ausnahmsweise guter – Artikel im Spiegel), ist von 2013, also nicht mehr ganz taufrisch. Ich muß mal sehen, ob ich etwas Zeit finde und neue Daten auftreibe. Vorerst bin ich mit der „Winterschule“ voll ausgelastet…

      • @mitm
        Gute Güte, das sollte auf keinen Fall eine Kritik an dir sein!
        Mir geht nur seit langer Zeit diese Nebelkerze „Altersarmut ist weiblich“ auf den Sack.
        Sie nutzen ihr Erfolgsrezept „nöhlen und lügen“ für immer weitere finanzielle Transfers.

  5. „Das ist eine knappe Mehrheit, die Darstellung „Altersarmut ist ein Frauenproblem“ ist somit eine grobe Verfälschung dieser Quote.“
    Wir haben doch nur Frauenprobleme. Männer werden für ihre Probleme gerne mal abgeschafft – ich schlage jetzt einfach mal vor, dass Frauen einfach abgeschafft werden, wenn sie Probleme machen oder welche produzieren. Weil ich fantasielos bin, orientieren ich mich an einer starken Frau, Frau Solana, mit dem S.C.U.M. Manifest der Gesellschaft zur Abschaffung der Frauen…

  6. Pingback: Frauen und Männer und der Umfang der aus ihrer Sicht jeweils erforderlichen Hausarbeitszeiten | Alles Evolution

  7. Also, früher, im Mittelalter, da herrschte noch eine ganz andere Moral:

    >>
    Beim Anstecken des [Verlobungs]Ringes sprach der Bräutigam bedeutungsvolle Worte [2)]. „Wie der Ring den Finger fest umschließt, so gelobe ich dich in fester Treue zu umschließen. Auch du must sie mir halten oder der Tod trifft dich,“ sagte Rudliebs Neffe zur Braut. Als Wigamur seinen Ring dem Mädchen angesteckt hatte, sprach sie: „Nun sollt ihr den meinen nemen. Gott gönne mir daß ihr lange gesund seid, denn alle meine Freude liegt an euch. (Wigam 4633).“ [!!! :-)] Der Ring ist das rechte Zeichen des geschlossenen Bundes, die Urkunde der Treue und Minne [3)]. In älterer Zeit scheint statt des Ringes ein Faden oder ein Band Zeichen des Bundes gewesen zu sein, ebenso wie bei den Indern früher statt des Vermählungsringes eine Schnur (kautuka) gebräuchlich war. Darauf läßt teils die größere Einfachheit des Lebens schließen, welche sich mit möglichst einfachen Mitteln begnügte sobald diese nur ihren Zweck erfüllten, theils deuten es bestehende Volksbräuche an, bei denen sich der Faden oder das Band bei der Vermählung neben und für den Ring [4)] findet.

    [2) heita hvert ödhru trû [s]inni – dô er [s]i gelobete und ouch in diu meit. Nib. 570, 1.]
    [3) Vgl. Grimm Rechtsalterth. 177. 432.]
    [4) Ring bedeutet allgemein das umgebende, umschließende: neben annulus und circulus auch vinculum, vitta. Graff Althochd. Sprachschatz 4, 1165. – Aus kirchlichen Maßregeln erfaren wir, dass Scheinverlobungen durch Ringe von Binsen oder Stroh statt fanden. Die Kirche erklärte dieselben aber für gültig, da der Stoff des Ringes gleichgültig sei. Vgl. Du Cange s. v. annulus de junco.
    <<

    Kursive Schriftauszeichnungen des Originals nicht mit übernommen.
    Karl Weinhold: "Die deutschen Frauen in dem Mittelalter: ein Beitrag zu den Hausalterthümern der Germanen, Band 2", Gerold 1851, 496 Seiten, hier S. 226[f.]
    https://books.google.de/books?id=b8hoAAAAcAAJ&pg=PA226#v=onepage&q&f=false

    Alles 'sic' hier. 😉

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