Wie viel Zeit verbringen Mütter und Väter mit ihren Kindern?

Eine interessante Aufstellung wie viel Zeit Mütter und Väter mit ihren Kindern verbringen:

Man sieht, dass die Zeiten der Mütter meist höher sind, aber insgesamt die Zeit, die Eltern mit ihren Kindern verbringen gestiegen ist und das auch gerade vei den Väter. Eine interessante Ausnahme ist Frankreich, wo die Zeit der Mütter mit den Kindern stark gesunken ist und mit am tiefsten liegt. Dort ist eben die externe Kinderbetreuung sehr viel stärker verbreitet als hier.

Interessanterweise scheinen in allen Ländern Menschen ohne Universitätsabschluss weniger Zeit mit ihren Kindern zu haben. Und das bei Männern und Frauen. Kann natürlich daran liegen, dass da Leute noch einen Zweitjob brauchen um über die Runden zu kommen? Aber es sind ja keineswegs alle Nichtuniversitätsjobs schlecht bezahlt.

Interessant ist, dass Männern in Deutschland einen vergleichsweise schwachen Anstieg zu verzeichnen haben. Vielleicht liegt es daran, dass in Deutschland Teilzeit bei Frauen einen relativ hohen Anteil hat und deswegen auch die Männer eher Hauptversorger sind?

 

Aus dem dazu gehörigen Text:

Over the last 50 years many countries have seen large changes in family structures and the institution of marriage. These changes – which include a rise in single-parenting and a large increase in the share of women working outside the home – have made some people worry that children might be getting ‘short-changed’, because parents are not spending as much time with them.

In 1999, for example, a report from the Council of Economic Advisors in the US analyzed trends over the second half of the 20th century and concluded: “The increase in hours mothers spend in paid work, combined with the shift toward single-parent families, resulted in families on average experiencing a decrease of 22 hours a week (14 percent) in parental time available outside of paid work that they could spend with their children.”

The line of thought behind these concerns is that changes to the structure of families and work have meant that children spend less time with parents, because parents – particularly mothers – spend less time at home.

Here we review the evidence and show that this reasoning is flawed. As we explain, in the US and many other rich countries parents spend more time with their kids today than 50 years ago. Equating ‘mother time at home’ with ‘children’s time with parents’ is a huge and unhelpful oversimplification.

 

Mothers and fathers spend an increasing amount of time with kids: evidence from time-use surveys

 

The chart here shows the time that mothers and fathers spend with their children. This is measured using time-use diaries where parents record the amount of time that they spend on various activities, including child care.

These estimates, which are sourced from a paper published in 2016 by sociologists Giulia Dotti Sani and Judith Treas, are disaggregated by education levels and are adjusted to account for demographic differences between countries. We explain below in more detail why these adjustments are important.

As we can see here, there has been a clear increase in the amount of time parents spend with their children over the last 50 years. This is true for both fathers and mothers, and holds across almost all education groups and countries. The two exceptions are France, where mothers’ time has declined (from a very comparatively high level); and Slovenia where it has remained roughly constant among non-university-educated parents.

In terms of within-country inequalities we also see two clear patterns. First, in all countries mothers spend more time in child care activities than fathers. The differences are large and persistent across education groups. In some countries, such as Canada, France and the US, this gender gap has shrunk; while in other countries such as Denmark and Spain, the gap has widened.

Second, in all countries there is a positive ‘educational gradient’, meaning more educated parents tend to spend more time with their children. In many countries this gradient increased, and nowhere did it decline.

 

 

27 Gedanken zu “Wie viel Zeit verbringen Mütter und Väter mit ihren Kindern?

  1. Zwei Einwände gegen solche Studien.
    Ersterer betrifft die Methode der Zeiterfassung.
    Was mich skeptisch macht: „This is measured using time-use diaries where parents record the amount of time that they spend on various activities, including child care.“
    Es handelt fast nie um eine teilnehmende Beobachtung, sondern es handelt sich um Selbstauskünfte, die wie geschaffen dafür sind, „sozial erwünscht“ zu antworten.

    Ich kann mich noch gut an Studien erinnern, die Männer die „modernen“ Ansprüche von Frauen hinsichtlich „geschlechtergerechter“ Aufteilung von Erwerbs-, Hausarbeit und Kindererziehung unter die Nase rieben. Ein Jahrzehnt später beschränkt sich die Erwerbsneigung dieser befragten Frauen in der Praxis maximal auf Teilzeit. Es ist offensichtlich „modisch“, da „sozial erwünscht“ mit „ehrlich“ verwechselt worden.

    Der zweite – aber damit verbundene – Punkt ist qualitativer Natur: Was heißt eigentlich genau „wie viel Zeit Mütter und Väter mit ihren Kindern verbringen“?
    Wenn ich mit den Kindern TV schaue, das Essen gemeinsam mit ihnen zubereite, sie im gleichen Raum spielen? Wie viel dieser Zeit ist tatsächlich dem Kind zugewandt verbracht worden und wie lange war es lediglich physisch anwesend?

    Auffällig ist doch, aus diesen Studien werden qualitative Vorwürfe gegen Väter generiert, a la sie würden sich nicht genug um die Kinder kümmern. Wobei „kümmern“ mit „Zeit verbringen“ gleichgesetzt wird, jedoch „Zeit verbringen“ qualitativ völlig unbestimmt ist.
    D.h. wenn Mütter quantitativ weniger Zeit für die Erwerbsarbeit (Teilzeit) aufbringen und mehr Zeit zu Hause verbringen, erwächst dadurch die qualitative „Care-Arbeit“, von der unbestimmt bleibt, woraus sie eigentlich besteht. Es wird einfach nur behauptet, sie wäre geleistet worden (man erkenne das Muster).

    • Sehr gute Kritik, danke.

      Man sollte ohnehin immer kritisch sein gegenüber „wissenschaftlichen“ Studien. Es ist heute leider verbreitet Studien zu machen, die eine falsche* /unpräzise Fragestellung und dann auch oft noch mangelhafte Methodik haben.
      *Falsch in dem Sinne, daß sie ungeeignet sind, die Frage, die vorgeblich untersucht werden soll auch sachgerecht zu erfassen. Die Ursachen reichen da von schlichter Schludrigkeit bis hin zu bewusster Manipulation des Publikums.
      Wie absurd das Ganze ist, wird ja schon dadurch sinnfällig, das gerade derzeit, die durch die Ausgangsbeschränkungen erzwungene gemeinsame Zeit schon wieder als Problem gesehen wird, die erhöhte Gewalt, Frust usw. erzeugt zumindest in einem Teil der Familien.

      • Die manipulative Absicht ersehe ich bereits aus der Titelunterschrift.
        Wer mit „This includes“ beginnt und auslässt, welche anderen Aspekte ebenfalls „inkludiert“ werden – ohne sie näher auszuführen – der will manipulieren.

    • „Auffällig ist doch, aus diesen Studien werden qualitative Vorwürfe gegen Väter generiert, a la sie würden sich nicht genug um die Kinder kümmern.“

      Das kann man auch anders rum sehen: Seitdem die Frauen immer mehr Zeit mit den Kindern verbringen scheinen die intellektuellen Fähigkeiten der Kinder abzunehmen. Es gibt ja auch Studien, die die Abnahme der Leistungen der Schüler bezeugen, usw….

    • Das Schöne an solchen eindimensionalen Zahlenwerken ist ja, dass die massive Ausgrenzung von Trennungsvätern null berücksichtigt wird. Sorgerechtsentscheide pro Mutter in Deutschland nach Trennung: 92%.

    • „D.h. wenn Mütter quantitativ weniger Zeit für die Erwerbsarbeit (Teilzeit) aufbringen und mehr Zeit zu Hause verbringen, erwächst dadurch die qualitative „Care-Arbeit“, von der unbestimmt bleibt, woraus sie eigentlich besteht.“

      Sehr gut die Kurven zerlegt. Es geht sogar noch weiter. Wenn eine Mutter die Residenzverfügung über ihr Kind hat, dann zählt vor Familiengerichten sogar die Schulzeit und die anschließende Resttagsbetreuung durch Professionelle als Care-Arbeit der Mutter.
      Wenn also ein Kind nur eine Stunde am Abend in einem Raum mit der Mutter sitzt und in dieser Zeit Anordnungen entgegennehmen muss, während es Mutti beim Stricken zuschaut, dann ist das umfängliches mütterliches Child Care.

      Übrigens ist das auch ein interessantes Thema in Väterberatungen. Wenn die dort aufzählen, was sie mit den Kindern machen und sich dabei schämen und als ungenügend empfinden, dann müssen ihnen die Berater oft erklären, wie viel das eigentlich ist. Denn gerade bei sog. alleinerziehenden Müttern ist das zentrale Problem, dass sie zwar immer angeben, was sie alles FÜR die Kinder machen – aber leider machen sie faktisch wenig MIT den Kindern. Und das macht einen großen Unterschied.

      Wenn keiner was mit mir als Kind macht und mich nicht einschließt in den Alltag, dann verabschiede ich mich halt irgendwann hinter die Ballerkonsole oder in eine andere Welt, an der ich vernünftig teilnehmen kann.

  2. Hat man vor 1965 in all diesen Ländern bereits Studien gemacht, wieviel Zeit Mütter und Väter mit ihren Kindern verbringen? Und das sogar aufgeschlüsselt nach dem Bildungsgrad der Eltern?
    Und ähnliche Untersuchungen wurden später mindestens zweimal wiederholt? Und länderübergreifend sowie im Laufe der Jahrzehnte ist immer Vergleichbarkeit gegeben?
    Ich bin doch recht skeptisch, ob das vorliegende Datenmaterial derartige Darstellungen erlaubt.

    • Guter Einwand.
      Ich habe recherchiert und sie stützen sich auf eine einzige Studie: „Educational Gradients in Parents’ Child-Care Time Across Countries, 1965–2012“ von Giulia M. Dotti Sani und Judith Treas.
      Die wiederum auf Seite 6 das verwendete Datenmaterial preisgeben (meine Strukturierung):

      „Multiple time points are available for each country:
      Canada, 1971–1972, 1981, 1986, 1992, 1998–1999;
      Germany, 1992, 1993, 2001, 2002;
      Denmark, 1987, 2001;
      Spain, 1992–1993, 1997, 1998, 2002, 2003, 2008;
      France, 1965, 1974, 1998–1999;
      Italy, 1989, 2002, 2003;
      the Netherlands, 1975, 1980, 1985, 1990, 1995, 2000, 2005;
      Norway, 1980–1982, 1990–1991, 2000–2001;
      Slovenia, 1965 (Yugoslavia), 2000–2001;
      United Kingdom, 1974–1975, 1983–1985, 1987, 1995,
      2000, 2001, 2005;
      United States, 1965–1966, 1975–1976, 1985, 1994–1995, 1999–2000,
      2003, 2004, 2005, 2006, 2007, 2008, 2009, 2010, 2011, 2012.“

      Diese haben sie wiederum ausgewählt aus den Angebot an „Multinational Time Use Study“ (MTUS), https://www.timeuse.org
      Hier die der direkte Link zu den dort verfügbaren Studien: https://www.timeuse.org/mtus/surveys
      Wie man leicht sehen kann, gibt auch das vorhandene Datenmaterial die Darstellung nicht her.

      Außerdem fällt mir gerade auf, dass die Zeit für „Child-Care“ am Tag in Dänemark im Jahr 1965 bei ungefähr 10 Minuten pro Elternteil gelegen haben muss.
      In dieser Zeit haben sie Nahrung für das Kind vorbereitet, es gefüttert, gewaschen, mit ihm gespielt und es dann ins Bett gebracht. Erstaunlich effizient, diese DänI_*xen (haben allerdings stark nachgelassen). 😉

      • Wenn dem so ist, hatten also schon mal lediglich Frankreich, Slovenien (also damals noch Jugoslavien und somit nicht vergleichbar) und die USA bereits Daten, die bis 1965 zurückgehen.
        Die anderen Länder gegannen erst später.
        Dann ist es äußerst fragwürdig, um nicht zu sagen unseriös, die Graphiken trotzdem so darzustellen, als beruhten sie auf existierenden Werten.

        • Das betrifft sowohl die Daten, die bis 1965 zurückreichen und gar nicht vollständig zur Verfügung stehen plus die Daten, die angeblich bis 2010 reichen.
          Die es aber laut MTUS gar nicht gibt.
          Für UK liegen Studien 2005 + 2015 vor, jedoch nicht für 2010.
          Letzte Daten für Dänemark, Deutschland, Slovenien für 2001, Italien 2003, die Niederlande 2005.
          Wie schaffen sie es denn dann eine (einheitliche) Entwicklung darzustellen, die laut x-Achse bis 2010 reicht?
          Für Slovenien liegen überhaupt nur zwei Datenpunkte vor: In Ex-Jugoslawien 1965 und 2000/2001.
          Daraus eine lustige Kurve zu generieren ist nicht „unseriös“, es ist ein Schwindel.

          Schau mal auf das Poster hier: https://www.timeuse.org/mtus oben rechts.
          Da ersetzt mal wieder die politische Agenda eine wissenschaftliche Analyse.
          Inzwischen finde ich es angebracht, rundweg alles aus den angelsächsischen Sozialwissenschaften nur unter Vorbehalt zur Kenntnis, aber ohne sorgfältige Prüfung nie ernst zu nehmen.

    • @anne, crumar:

      Das Problem geht noch tiefer. Eine solche Sammlung von Daten wie der Artikel in Christians Beitrag oben geben sich zwar als Wissenschaft aus, sind aber keine (oder folgen zumindest einem verdrehten Bild von Wissenschaft). In der Wissenschaft geht es m.E. um das Erkennen und Verstehen von Eigenschaften bzw. Prozessen von Objekten bzw. Systemen. Daten, oder in letzter Zeit modern, Evidenzen können (!) dafür hilfreich sein, sind aber nicht hinreichend.
      Einige der größten wissenschaftlichen Entdeckungen der Menschheit kamen von einem plötzlichen genialen Erkenntnis über Eigenschaften von etwas, oder über ein neuartiges Verständnis von Prozessen eines Systems. Daten dienen dann lediglich dazu, das Verständnis zu bestärken bzw. zu validieren (oder zu widerlegen), können aber die tatsächliche wissenschaftliche Leistung nicht ersetzen.

      Heutzutage scheint der umgekehrte Zugang vorherrschend, das wichtigste sind Daten Daten Daten (oder aktuell: Evidenz!). Deshalb sind all diese wissenschaftliche Arbeiten auch so langweilig und lesen sich so ähnlich, nämlich einschläfernd. Ohne ein Verständnis von Eigenschaften oder einen Einblick in Prozesse sind Daten und Evidenzen zu nichts weiter gut, als excel spreadsheets zu füllen.

      Die interessante und wissenschaftliche Fragestellung wäre also: Welche anderen Eigenschaften lassen sich mit den Daten die man gesammelt hat erklären? Welche Prozesse können die Daten widerlegen? Welche anderen Hypothesen sind möglich? Welche Daten würden dazu führen, dass man seine Hypothesen überdenken muss?

      • @pingpong

        Schön gesagt: „Eine solche Sammlung von Daten wie der Artikel in Christians Beitrag oben geben sich zwar als Wissenschaft aus, sind aber keine (oder folgen zumindest einem verdrehten Bild von Wissenschaft).“

        Sie haben eine (feministische) Ideologie mit feststehenden Eckpunkten und die Daten sind lediglich „confirmation bias“, um diese zu „beweisen“ und der Öffentlichkeit zu verkaufen (s. Poster).
        Du liegst m.E. völlig richtig mit dem fehlgeleiteten und verdrehten „Verständnis von Prozessen eines Systems“, denn der tatsächliche Prozess folgt nicht den Vorgaben des feministischen „Systems“.

        „Die interessante und wissenschaftliche Fragestellung wäre also“ eine, wenn WIR diese Forschung betreiben würden, pingpong.
        Weil wir neugierig sind, innovativ, ergebnisoffen und menschenfreundlich – also das Gegenteil von feministischer „Forschung“.
        Ich bin mir ziemlich sicher, wir wären das Gegenteil von „einschläfernd“; es steht sogar zu befürchten, wir würden schlaflose Nächte bereiten. 😉

        • „„Die interessante und wissenschaftliche Fragestellung wäre also“ eine, wenn WIR diese Forschung betreiben würden, pingpong.
Weil wir neugierig sind, innovativ, ergebnisoffen und menschenfreundlich“

          Ist Wissenschaft denn eigentlich eine solche, wenn ihre Ergebnisse von der Haltung der Protagonisten abhängig ist? Ich frage mich zunehmend, ob diese Fragestellung wirklich nur für die oft als unpräzise und als beliebig gescholtenen Sozialwissenschaften gilt. Oder ob sich nicht auch die Meister der harten Zahlen prostituieren durch selektive Auswahl von genehmen Ergebnissen, durch Fokussierung auf nur sekundär Relevantes. Vielleicht kann man die Grundlagenforschung (noch) ausnehmen, aber Zweifel an der Unbestechlichkeit und Eindeutigkeit von evidenzbasierten Forschungsergebnissen sind doch nicht erst seit Corona häufig angebracht.
          Deswegen bin ich ein großer Freund von einem inklusiven Wertesystem, das den Mensch nicht der Numerik unterwirft, sondern zentrale menschliche Werte überordnet.
          Nur so konnten ja letztlich Grund- und Menschenrechte entstehen, an die ich mehr glaube als an jede Kurve. Allerdings würde ich mich auch nicht als Gläubigen definieren. Glaube konkurriert ja mit Freiheit. Und Freiheit ist schon sehr geil.

          • @beweis @ Anne

            „Ist Wissenschaft denn eigentlich eine solche, wenn ihre Ergebnisse von der Haltung der Protagonisten abhängig ist?“
            Gute Frage. Die notorisch korrupten Wissenschaftler (m/w/d) a la „Asbest und Tabak sind völlig unschädlich!“ einmal ausgenommen, stellt sich die Frage nach dem Erkenntnisinteresse generell.

            Was neu ist – und deshalb sollte man „Haltung“ in Anführungszeichen setzen – ist die Schamlosigkeit, mit der „substanzlose Falschinformation und manipulative Propaganda“ unter der Flagge der Wissenschaft verkauft werden. Das sind zwei Paar Schuhe, sozusagen.

            Man muss inzwischen davon ausgehen, bei einer feministisch inspirierten Studie handelt es sich um eine Fälschung – die Frage ist gar nicht, ob die Öffentlichkeit betrogen wird bzw. werden soll, die spannende Frage ist nur wie. Da hat pingpong mit langweiliger „Wissenschaft“ richtig gelegen – es ist wie eine Detektivarbeit, bei der Täterin und Motiv von vorne herein feststehen. Langweilig.

            Die nächste Frage, die sich mir stellt, wie es den beteiligten Individuen gelingt, nobel gemeinten politischen Aktivismus mit einer betrügerischen Absicht zu verbinden und zu glauben, das würde ihrem Anliegen, ihrem Ruf und ihrer Wissenschaft nicht schaden.

          • „Die nächste Frage, die sich mir stellt, wie es den beteiligten Individuen gelingt, nobel gemeinten politischen Aktivismus mit einer betrügerischen Absicht zu verbinden“

            Ich glaube, sie erkennen den Betrug gar nicht und handeln in der Hinsicht nicht vorsätzlich. Sie meinen, das für eine „gute Sache“ zu tun würde ihnen einen übergeordnete Berechtigung erteilen, so wie das auch im Haltungsjournalismus vollkommen ungeniert begründet wird. Dass dabei Wissenschaft und Journalismus ihr Vertrauen und auch weitgehend ihre Berechtigung verlieren, ist ihnen nicht klar.

            Das empfinde ich als das eigentlich Fatale an der Situation: Wissenschaft wird mit einem Hintergedanken betrieben, die Welt ein Stückchen besser zu machen, sie ist also nicht ergebnisoffen. Und das schwappt eindeutig auch in den eigentlich unbestechlich harten naturwissenschaftlichen Bereich.

            Es entstehen groteske Situationen. Im April noch fanden die selben Wissenschaftler Mund-Nasen-Schutz kontraproduktion zur Verminderung von Ansteckungen, ein paar Monate später sind die Lappen essentiell notwendig, ohne dass es einen weiteren Erkenntnisgewinn gab.
            Jede Wetterlage ist inzwischen ein Beweis für den Klimakollaps, wenn sie nicht exakt dem Durchschnitt der letzten hundert Jahre entspricht.
            Jeder von einem weißen Polizisten getötete Schwarze ist ein klarer Beleg für systemischen Rassismus. Jede Angst äußernde Frau ein Beweis für pauschale männliche Gewalt.

            Wissenschaftliche Ergebnisse und journalistische Darstellungen werden zu moralischen Glaubensbekenntnissen mit der Aufgabe, etwas bei den Menschen zu bewirken. Und noch schlimmer: Das finden meiner Einschätzung nach die meisten richtig und gut so. Es treffen zwei Denksysteme aufeinander, die sich gegenseitig nicht verstehen. Das eine basiert auf Aktionismus, der eine Erkenntnis immer nur dann als relevant ansieht, wenn eine verbessernde Maßnahme folgt, das andere möchte etwas möglichst wahrhaftig darstellen und Gesellschaft und Individuum selbst überlassen, daraus Schlüsse zu ziehen.

            Das geht nicht zusammen, und derzeit haben die Bevölkerungspädagogen in Wissenschaft, Kultur und Journalismus klar die Übermacht. Die ist abhängig vom Grad der Angst. Umso stärker die Angst forciert wird, umso offener sind die Menschen selbst für radikalen Aktionismus. Das war nach den Anschlägen vom 11. September so, das ist bei Corona so.

          • @beweis:

            „Ist Wissenschaft denn eigentlich eine solche, wenn ihre Ergebnisse von der Haltung der Protagonisten abhängig ist?“

            Ich meine: Das kommt auf die Ergebnisse an.

            Das klingt ein bisschen scherzhaft, ich meine es aber ernst. Ein großes Versäumnis ist m.E. unsere Erwartung, die Wissenschaft möge uns erklären was richtig und falsch ist. Ganz ohne selber denken geht es in der realen Welt eben nicht, wer das gerne möchte soll in die Kirche gehen, dort wird das eher geboten. Wir sollten wissenschaftliche Ergebnisse einer zumindest rudimentären Plausibilitätsprüfung unterwerfen. Wenn jemand ankommt und erzählt, die „Wissenschaft“ habe herausgefunden dass alle Männer alle Frauen stets unterdrücken und ausbeuten, dann sind Zweifel nicht nur angebracht sondern geboten!
            Gleiches gilt für die „wissenschaftliche“ Feststellung, das Risiko an Covid zu sterben entspräche ungefähr dem einer täglichen Autofahrt.

            Wir haben ein Gespür für Bullshit. Wir sollten ihm mehr vertrauen*.

            „Zweifel an der Unbestechlichkeit und Eindeutigkeit von evidenzbasierten Forschungsergebnissen sind doch nicht erst seit Corona häufig angebracht.“

            „Evidenzbasiert“ ist heutzutage leider in der Regel lediglich eine beliebige Sammlung von Daten. Das alleine ist noch lange kein Forschungsergebnis und auch keine Wissenschaft, ich habe das oben versucht darzustellen. „Evidenzbasierte Forschung“ hört oft leider dort auf, wo Wissenschaft erst anfangen würde: Nämlich dort, wo es darum geht welche Eigenschaften (eines Objekts) oder welche Prozesse (eines Systems) in den Daten erkennbar sind – oder auch nicht erkennbar sind. Ein paar Daten erheben und ein bisschen Statistik sind noch keine Wissenschaft.

            „Deswegen bin ich ein großer Freund von einem inklusiven Wertesystem, das den Mensch nicht der Numerik unterwirft, sondern zentrale menschliche Werte überordnet.“

            Ein sehr vernünftiger Zugang der mir gut gefällt und den ich durchaus teile.

            „an die ich mehr glaube als an jede Kurve“

            Vorsicht vor dem umgekehrten Trugschluss! In der Wissenschaft geht es um Eigenschaften und Prozesse, und während Daten und Evidenzen alleine das noch nicht liefern, so können sie durchaus hilfreich dafür sein. Wenn wir wissen, dass Eiweiß bei ca 43° oder so gerinnt, dann ist die Temperaturkurve des Wassers im Kochtopf für den Frosch ziemlich relevant. Das hat dann auch überhaupt nichts mit Glauben zu tun und es besteht kein Widerspruch zu Grund- und Menschenrechten.

            *Ich schränke das mal auf (über)lebenswichtige und alltagsrelevante Dinge ein, dort haben wir gute Heuristiken. Gilt natürlich nicht für so Fragen, wie ob quantenmechanisch betrachtet das Quark jetzt einen links- oder rechts-spin hat.

          • @crumar:

            „Die nächste Frage, die sich mir stellt, wie es den beteiligten Individuen gelingt, nobel gemeinten politischen Aktivismus mit einer betrügerischen Absicht zu verbinden und zu glauben, das würde ihrem Anliegen, ihrem Ruf und ihrer Wissenschaft nicht schaden.“

            Weil in den entsprechenden „Forschungs“gebieten die internen wissenschaftlichen Korrekturmechanismen zur Vermeidung von Bullshit dysfunktional bzw. gar nicht (mehr) vorhanden sind. Die sind m.E. auch nicht mehr zu retten. Das ist so ähnlich wie bei der Bankenkrise, wenn das System so kaputt ist hilft nur mehr der Crash.

      • Nach meinem Eindruck dienen solche Zusammenstellungen oft nur dazu, eine vorgefasste Meinung zu bestätigen. Da wird halt auch gerne ein wenig rumgetrickst, bis es passt.
        Geben die Daten dies allerdings partout nicht nicht her, werden die Ergebnisse eben gar nicht erst veröffentlicht.

        Ist leider in vielen Bereichen inzwischen so. Als fachlicher Laie hat man praktisch kaum eine Chance, fundierte Daten und sachkundige Auswertungen von substanzloser Falschinformation und manipulativer Propaganda zu unterscheiden.

  3. Ich halte diese „Studien“ für unglaubwürdig – mit Ausnahme Frankreichs.

    Schauen wir mal auf die Veränderungen seit den 1960ern, die sich auf die Möglichkeiten auswirken, Zeit mit den Kindern zu verbringen:

    Väter:
    – steigende Arbeitslosigkeit
    – kürzere Wochenarbeitszeit (1965 – 40 Std., 1995 – 35)
    – steigende Teilzeit (1993 – 2,3 %, 2018 – 11,2 %)

    Mütter:
    – mehr Erwerbstätigkeit
    – mehr Kinderkrippen (unter 3-Jährige 2019: 34,3 %)
    – mehr Kindergärten (Anteil der 3-6-Jährigen in der Kita: 2006 – 86,9 %, 2016 – 93,6 %)
    – mehr Kinderbetreuung nach der Schule (Betreuungsquote Grundschulkinder 2017: 16,5 %)
    – mehr Ganztagsschulen

    Daraus ergibt sich:
    Männer haben mehr Zeit, welche sie mit ihren Kindern verbringen können, Frauen weniger!

    Wie sollen Frauen seit den 1960ern mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen können, wenn sie weniger Zeit dafür haben, und Kinder mehr und mehr außerhalb des Elternhauses – de facto vom Staat – „betreut“ werden?

    Quellen:

    Teilzeit: https://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61705/voll-und-teilzeitbeschaeftigte
    Krippen: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2020/09/PD20_380_225.html
    Kita: https://de.statista.com/infografik/9687/betreuungsquote-von-kindern-in-deutschland/
    Kinderhort: https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/familie/kita-und-hort–zahl-der-betreuten-kinder-waechst/126700

    • Das kam mir auch komisch vor. In den 60ern gab es noch mehr „klassische“ Hausfrauen, heute schickt man Kinder im Windelalter in die Fremdbetreuung, weil Muttern keine Zeit hat.

    • An eine regelmäßige Wochenarbeitszeit von 35 Std. kann ich mich allerdings nicht erinnen. Weder 1995 noch sonst irgendwann.
      Ja, wenn ich mich nicht ganz schwer irre, war unter anderem unter dem Motto „Samstags gehört mein Papa mir.“ mal davon die Rede, die Arbeitszeit (mit vollem Lohnausgleich) zu kürzen. Unter 38,5 bzw. 37,5 Std. Wochenarbeitszeit ging es mWn allerdings nie.

      Tatsächlich war die Arbeitszeit aber mal kürzer als heutzutage. Etwas, was Arbeitgeber, Lobbyverbände und Politik den Gewerkschaften und Arbeitnehmern abgetrotzt hat – und trotzdem die Menschen entlassen hat.

  4. Wow! Da versagen die Mütter aber ganz schön in der Erziehung ihrer Kinder (speziell der Söhne), wenn nach so viel „care“-Arbeit dann so was wahnsinniges wie Antifeministen entstehen. Und Kriegstreiber, Trumpisten, Kapitalisten, Maskulisten, Attentäter, …

    Rückschluß: mehr Unterstützung und bezahlte „care“-Arbeit für Väter, denn nur so können die Defizite der Mütter/Frauen ausgeglichen werden.

    Bin ich froh, dass auch ich solche Studien interpretieren kann. Schade, dass ich keine Journalistin bin und dafür keine Plattform habe.

  5. Ein Hinweis in eigener Sache:

    https://www.swr.de/unternehmen/gniffkebloggt/intendantenblog-gendern-gendergerechte-sprache-100.html

    „Sprache ist dynamisch und entwickelt sich permanent weiter. Deshalb kann man solche Leitlinien immer nur für den Moment erarbeiten. Wir merken gerade, dass in den zurückliegenden Jahren das Thema gendersensible Sprache für immer mehr Menschen an Bedeutung gewinnt. Vor allem Menschen unter 30 ist dieses Thema heute sehr wichtig.“

    Darf ich jetzt meinen Rundfunkbeitrag kündigen, weil mich der SWR nicht mehr für wichtig hält?
    Ich würde Herrn Prof. Dr. Kai Gniffke gerne einen Brief bezüglich seinem Umgang mit der Gender-Ideologie (Gender-Faschismus) schreiben. Wer hat Ideen? @Christian, kannst du das am Selbermachtag als Thema vorgeben?

    • Sprache ist dynamisch und entwickelt sich permanent weiter.

      Ich finde es ja immer putzig, wenn behauptet wird, dass sich diese Veränderung von selbst ergibt, dabei wird sie durch Medien und Politik propagiert.

  6. Pingback: Männer, die in Teilzeit arbeiten wollen finden schwerer einen Job | Alles Evolution

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