Many Shades of Gender (10): Geschlecht spielt doch oft gar keine Rolle, es sind die Gender Studies die das so überschätzen.

Paula-Irene Villa Braslavsky, Genderprofessorin, hat ein FAQ zu Mythen über die Gender Studies erstellt. Ich wollte sie nach und nach hier besprechen:

Heute:

Geschlecht spielt doch oft gar keine Rolle, es sind die Gender Studies die das so überschätzen.

Puh, da wird erst einmal vieles in einen Topf geworfen.

  • Geschlecht spielt in vielen Bereichen keine Rolle, wenn es auf individuelle Unterschiede ankommt. Es spielt insbesondere eine Rolle bei Betrachtungen über den Schnitt.
    -> Eine bestimmte Frau kann stärker sein als ein bestimmter Mann, aber im Schnitt sind Männer (deutlich) stärker als Frauen.
  • Geschlecht spielt in den Gender Studies insofern eine Rolle, weil sie eine Identitätspolitik betreiben, in der sie an der Gruppenzugehörigkeit auch für das Individuum unterschiedliche Rechte und Eigenschaften festmachen.
    Ob jemand zB Macht hat kann man nicht einfach entscheiden wenn man auf das Geschlecht schaut. Männer finden sich gerade sowohl besonders häufig ganz unten in der Gesellschaft (die meisten Obdachlosen sind Männer) und auch ganz oben (die meisten Führungspositionen sind mit Männer besetzt). Gender Studies gehen aber davon aus, dass Männer als Männer immer privilegiert sind, Frauen als Frauen aber nie.
  • Zudem geht man in den Gender Studies aus, dass es etwa bestimmte weibliche Erkenntnisse gibt, die Männern verschlossen bleiben, so dass nur Frauen Frauen vertreten können und ihren Stimmen für „Geschlechterprobleme“ daher ein größeres Gewicht zukommt (Männer sollten „die Klappe halten„). Das ist Teil der feministischen Standpunkttheorie.
  • Zudem werden gleiche Handlungen anders bewertet je nach dem, welches Geschlecht sie ausführt. Frauen sind in der Betrachtung dann meist schuldlose Opfer der Umstände, Männer hingegen sind Täter und schulden eine Änderung

Aus diesen Betrachtungen heraus ist es aus meiner Sicht durchaus so, dass die Gender Studies Geschlecht sowohl überschätzen (weil sie bestimmte Positionen absolut nach dem Geschlecht zuweisen) und unterschätzen (weil sie biologische Unterschiede, die zu anderen Fähigkeits- und Interessenausprägungen im Schnitt führen, nicht anerkennen)

Was sagt der Text:

Es stimmt, das Geschlecht in vielen sozialen Situationen keine oder eine sehr geringe Rolle spielt. Aber warum sollte das wissenschaftlich uninteressant sein? Gender Studies geht es ja nicht darum, immer und überall die Betonung des Geschlechts zu betonen, sondern danach zu fragen, weshalb der kleine Unterschied manchmal hohe Relevanz besitzt und manchmal auch keine. Interessanterweise ist es auch oft gar nicht so einfach vorherzusagen, wann eine Situation mit Geschlecht aufgeladen wird. Auch diese Varianz in sozialen Situationen ist aus geschlechterwissenschaftlicher Perspektive spannend.

Das ist eine Nullaussage, die rein gar nichts zu den eigentlichen Positionen innerhalb der Gender Studies mitteilt. In welchen Situationen spielt Geschlecht keine Rolle, in welchen spielt sie eine?  Und was nehmen die Gender Studies dazu an?

„Es ist doch interessant, was man da so rausfinden kann“ lässt das komplett offen und verschleiert, dass die Gender Studies da recht eindeutige Positionen haben und nicht einfach nur etwas untersuchen.

Eine wissenschaftliche Perspektive, die ebenfalls davor warnen würde, Geschlecht als eine singuläre Variable (überzu-)bewerten ist die Intersektionalitätsforschung. Dieser geht es darum, das Ineinandergreifen von unterschiedlichen Dimensionen sozialer Ungleichheit wie z.B. Alter, Geschlecht, Regionalität, Gesundheit und ethnische Zugehörigkeit zu untersuchen.
Intersektionalität? hier: https://gender-glossar.de/glossar/item/25-intersektionalitaet

Auch das eher eine Ablenkung: In der Tat führen die intersektionalen Theorien viele weitere Punkte an, haben aber in denen das gleiche Dilemma bzw dadurch löst sich nicht auf, dass sie Geschlecht als eines der Kriterien über- und unterbewerten.