Die Angst der Männer vor Falschbeschuldigung (Gastartikel)

Ein Gastartikel von Renton

Vorbemerkung: Dieser Text soll eigentlich kein Einzelwerk sein, sondern ergänzt werden durch einen Text „Die Angst der Frauen vor Vergewaltigung“. Wenn semikolon, die fleißige Forumsfeministin, einen dementsprechenden Text ergänzt hat, wie es in diesem Diskussionsstrang vereinbart wurde, würde ich mich freuen, wenn die beiden Artikel gegenseitig verlinkt werden.

Zur Sache:

Immer wieder kommt es vor, dass bei Diskussionen über Sexualstraftaten Männer einwerfen, dass ein Teil dieser Sexualstraftaten nur vorgetäuscht sei. Umgekehrt ist es ebenfalls so, dass bei Diskussionen über die Opfer solcher Falschbeschuldigungen, Frauen darauf bestehen, dass Vergewaltigungen viel öfter vorkämen als Falschbeschuldigungen. Was tatsächlich häufiger vorkommt ist angesichts unmöglich zu ermittelnder Dunkelziffern letztlich nicht bestimmbar, und darum soll es hier auch nicht gehen. Es soll hier – in Ergänzung durch einen zweiten Text von einer Frau – vielmehr ein Beitrag dazu geleistet werden, zu verstehen, warum Männer bzw. Frauen beim jeweiligen Thema so leicht getriggert und dazu verleitet werden, ein im Prinzip völlig anderes Thema mit in die Diskussion einzubringen, mit dem erkennbaren Ziel, das Ursprungsthema als unbedeutend erscheinen zu lassen, mit anderen Worten, zu verharmlosen.

Meine These ist, dass Männer bzw. Frauen bei dem Thema „Falschbeschuldigung“ bzw. „Sexualstraftat“ die Angst befällt, dem jeweiligen Verbrechen desto leichter zum Opfer fallen zu können, je ernster das jeweils andere Verbrechen genommen wird. Konkret: Männer fürchten, in einer Gesellschaft, die hypersensibel auf Sexualstraftaten reagiert, zum Opfer von Falschbeschuldigung und ihren Folgen zu werden; Frauen befürchten, dass eine Gesellschaft, die die Möglichkeit von Falschbeschuldigungen bei Sexualdelikten anerkennt, ihnen keinen maximalen Schutz vor Sexualstraftaten gewährt. Da die jeweiligen Ängste zum einen sehr groß, zum anderen aber geschlechtsspezifisch sind, herrscht auf beiden Seiten großes Unverständnis für die Ängste der jeweils anderen Seite.

Ich werde im folgenden über die Angst von uns Männern vor Falschbeschuldigung aus einer rein subjektiven Perspektive erzählen. (Wenn man so will, erzähle ich also eigentlich nur von der Angst eines einzigen Mannes, mir selbst. Aber ich glaube, dass sich sehr viele Männer in meinen Schilderungen wiederfinden.) Die Zielgruppe dieses Textes sind vorrangig Frauen, die nicht verstehen, wieso Männer große Angst, zumindest große Sorge, vor Falschbeschuldigung haben. Sie werden nach dem Lesen dieses Aufsatzes vielleicht größeres Verständnis zeigen. Aber auch Männer sind natürlich herzlich eingeladen, die folgenden Ausführungen durch ihre Gedanken zu ergänzen.

Wahrscheinlich hat sich jeder Mensch schon einmal gefragt, wie es wäre, unschuldig eines Verbrechens verdächtigt zu werden. Schon als Jugendlicher schien mir unter den vielen Verbrechen, derer man unschuldig bezichtigt werden kann, Vergewaltigung mit das Schlimmste zu sein. In Diskussionen über Moral war es das einzige Nicht-Tötungs-Delikt, für das auch mal von jemandem die Todesstrafe gefordert wurde. Die Schwere des Verbrechens war – und ist, liebe Feministinnen – allgemein anerkannt. Dennoch unterschied es sich in einer schwierig zu beschreibenden Weise von sogar noch schwereren Delikten wie Mord. Vielleicht, weil es mit Sex zu tun hat – in dem Alter für mich interessant und unbekannt zugleich – wirkte die Vorstellung, (unschuldig) einer Vergewaltigung bezichtigt zu werden, irgendwie besonders unheimlich. Aber da war noch mehr.

Es war zum einen die Aggressivität, mit der viele auf Vergewaltiger, und zwar natürlich auch vermeintliche, reagieren. Ich glaube, wenn heute das Gerücht umginge, dass ich vor Jahrzehnten meinen Nachbarn erschlagen und dafür eine Gefängnisstrafe verbüßt hätte, würden mich viele Mitmenschen meiden. Aber wenn das Gerücht lautete, dass ich meine Nachbarin vergewaltigt hätte, würde die darauffolgende soziale Ächtung rabiat durchgesetzt. Wenn ein verurteilter Mörder eine Kneipe betritt und sich an einen Tisch setzt, setzen sich die anderen weg. Wenn sich ein verurteilter Vergewaltiger an den Tisch setzt, wird er aufgefordert, sich wegzusetzen; erst verbal, dann, wenn er darauf besteht, zu bleiben, auch handgreiflich. Als bekannter Mörder mag ich Schmierereien an meiner Hauswand oder Hundekot in meinem Briefkasten finden. Als bekannter Vergewaltiger würde ich nachts dunkle Gassen meiden, aus Angst, von der Dorfjugend verprügelt zu werden.

Ein weiterer Aspekt unterscheidet für mich die Falschbeschuldigung mit Vergewaltigung von der mit Mord. Als ich noch ein Kind war hieß es in der Zeichentrickserie „Prinz Eisenherz“ einmal, vor Gericht „ist es besser, hundert Schuldige freizulassen, als einen Unschuldigen zu verurteilen“. Als Jugendlicher lernte ich das Prinzip „in dubio pro reo“ kennen, „im Zweifel für den Angeklagten“, und es erschien mir beruhigend. Doch dann hörte und las ich Berichte über die Wirklichkeit deutscher Strafverfahren. Ich hörte von Fällen, in denen Menschen aufgrund von nichts anderem als Glaubwürdigkeitsgutachten schuldig gesprochen wurden. Ich sah das Interview mit einem Richter, der erklärte, im Zweifelsfall müsse „der Richter dem Beschuldigten tief ins Herz gucken, um die Wahrheit zu erkennen. Richter können das.“ Ich mochte zuerst nicht glauben, dass mein Schicksal im Zweifel vom Geschick einer Lügnerin – auf nichts anderes läuft ein Glaubwürdigkeitsgutachten hinaus – oder der Selbstüberschätzung eines Richters abhängt, doch genau so könnte es kommen. Wo es bei einem Mord wenigstens eine Leiche, bei einem Bankraub verschwundenes Geld gibt, also zumindest einen Beleg, dass auch tatsächlich ein Verbrechen stattgefunden hat, reicht bei einer Vergewaltigung im Zweifelsfall eine glaubwürdige Zeugenaussage.

Beides zusammen – die enorme soziale Ächtung von Vergewaltigern und die prinzipielle Möglichkeit, dass eine Verurteilung wegen Vergewaltigung ohne echte Beweise für Täterschaft, ja sogar ohne Beweis, dass überhaupt ein Verbrechen verübt wurde, erfolgen kann – macht die Falschbeschuldigung mit Vergewaltigung für uns Männer so bedrohlich. Ich sage es offen: Ich habe Angst vor einem regelrechten Hexenprozess, der nicht im 17. Jahrhundert oder in einem rückständigen Dritteweltland, sondern heute, hier bei uns in Deutschland, mich treffen kann. (Beispiel: Horst Arnold.) Ich habe Angst vor den Repressalien durch diejenigen meiner Mitmenschen, die ein Gerichtsurteil entweder nicht abwarten oder nicht anerkennen wollen. (Beispiel: Jörg Kachelmann.) Denen die Beschuldigung reicht, um mich meine Arbeitsstelle verlieren zu lassen; denen die Beschuldigung reicht, um sogar handgreiflich zu werden. Hexenprozesse und ein wütender Mob gehen oft Hand in Hand.

Entscheidend bei dieser Bedrohung ist die Machtlosigkeit, mit der ich mich ihr ausgesetzt sehe. Galt bei einem Prozess schon immer der Spruch „Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand“, so gilt er umso mehr in einem Indizienprozess. Ich bin ein kräftiger Mann mit Kampfsporterfahrung, aber es schaudert mich der Gedanke, vor meine Tür zu treten und mich mehreren Männern gegenüber zu stehen, die mir übel wollen, weil sie der festen Überzeugung sind, ich sei ein Sexualstraftäter, und die „das Recht in ihre eigene Hand nehmen wollen“. Wer nun entgegenhält, das komme doch praktisch nicht vor – Statistiken darüber gibt es aber nicht – übersieht den entscheidenden Punkt. Es sind dies Gedanken, die jeder Mann hat, wenn er über die Möglichkeit einer Falschbeschuldigung nachdenkt. Es sind Ängste, die aus dem Gefühl der Machtlosigkeit entstehen, das eine reale Grundlage hat. Solche Ängste kann man nicht „wegdiskutieren“.

Wenn auf Twitter mal wieder der Hashtag #believewomen, zu deutsch: „Glaubt Frauen!“, trendet, retweeten das viele, überwiegend Frauen, weil sie Frauen vor Vergewaltigung schützen möchten. Doch an kommt bei vielen, überwiegend Männern, nur #jeopardizemen, zu deutsch: „Gefährdet Männer!“ Ich hoffe, ich konnte klarmachen, warum.