Veronica Kracher zu Incels

Veronica Kracher hat in Incel-Foren recherchiert und darüber ein Buch geschrieben. Die jetzt interviewed sie:

jetzt: Für dein Buch hast du zahlreiche Incel-Foren analysiert. Wie hast du die Recherche dazu erlebt?

Veronika Kracher: Am Anfang war es sehr erschreckend und irritierend, da man ja sowohl mit einer Menge gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit als auch mit einem erschütternden Selbsthass konfrontiert wird. Incels sprechen davon, dass niemand sie jemals lieben könne und bezeichnen sich selbst als „Untermensch“ oder „Abschaum“. An die Vergewaltigungsfantasien gewöhnt man sich irgendwann, man stumpft da leider aus Selbstschutz ab. Einige Sachen, vor allem sexuelle Gewalt gegen Kinder, verstören jedoch nachhaltig. Da ich selbst Erfahrungen mit schweren Depressionen und Suizidalität habe, sind Texte, in denen Incels ihren Selbsthass oder Suizid thematisieren, stellenweise relativ belastend, da sie an schlechten Tagen meine eigene Depression triggern. Andererseits macht mich deren Selbsthass auch wütend, da sie durch ihre Ideologie gewissermaßen selbst an ihrem Leid Schuld sind, aber Frauen dafür verantwortlich machen: Dieser Selbsthass geht in der Regel mit Frauenhass einher, da die Erlösung vom Leid „Sexlosigkeit“ und somit eine Glückserfahrung an weibliche Zuwendung geknüpft wird, man Frauen jedoch gleichermaßen abspricht, diese einem Incel entgegen bringen zu können.

Vielleicht wäre es ganz interessant eine Abgrenzung zumindest in Deutschland zwischen „Incels“ und „AbsolutenBeginnern“ zu machen: Der Incel-Begriff würde dann für die gelten, die sich in Hass hinein steigern und der AbsoluteBeginner-Begriff für die, die zwar auch unfreiwillig sexlos sind, aber es eben gerade nicht in Hass umschlagen lassen.

Den der Incel-Begriff erscheint mit einfach zu verbrannt.
Zweifellos gibt es aus meiner Sicht genau solche, wie dort beschriebenen, es zeigen sich gewisse Überschneidungen mit dem Teil der MGTOW-Bewegung, die auch in Frauenabwertung umgeschlagen sind. Vielleicht sollte man sie als „Incel-MGTOWs“ bezeichnen.

Interessanterweise ist es ja ein sehr ähnlicher Mechanismus wie er auch andere Identitätstheorien befeuert: Auf der einen Seite die benachteiligten Männer, auf der anderen Seite die privilegierten Frauen, die einfach den Sex zurückhalten. Und der Gedanke, dass sie, weil sie in dieser privilegierten Situation sind eben die schlechten sind, und zwar als Gruppe.

Man hat einen Sündenbock und genau wie in linken Identitätstheorien muss man nicht an seinen Problemen arbeiten, etwa besser flirten lernen, sondern kann alle Schuld bei anderen abladen, auch wenn man sich damit in eine selbstverschuldete Hilflosigkeit bringt, weil die anderen um so weniger Grund sehen sich auf einen einzulassen.

Wie können wir uns einen durchschnittlichen Incel vorstellen?

Laut einer Umfrage des Forums incels.co stammen knapp 60 Prozent der User aus der Mittelschicht, 33 Prozent zählen sich zur „Lower Class“, der Rest zur Oberschicht. Die Mitglieder der Subkultur sind recht jung, laut der besagten Umfrage sind 68,2 Prozent der Befragten unter 25 Jahre alt, davon rund ein Drittel 18 bis 21 Jahre alt. Das schlägt sich auch in den Beschäftigungsverhältnissen nieder: Mehr als die Hälfte der User ist laut Selbstangabe Schüler oder Student, 30 Prozent gehen einer Lohnarbeit nach, etwas mehr als 20 Prozent spricht von sich als „NEET“, also „Not in employment, education or training“. Die Incel-Community ist mitnichten eine weiße Community, nur knapp über die Hälfte ist weiß. Ungefähr 45 Prozent der Nutzer stammen aus den USA und Kanada, 40 Prozent aus Europa. Wie viele davon aus Deutschland stammen, lässt sich schwer sagen, da die Boards größtenteils englischsprachig sind. Dies ist jedoch lediglich der Überblick aus dem Forum incels.co und stellt nur deren Community dar.

Das fettmarkierte wäre ja für intersektionale Theorien wieder interessant: Reagieren da schwarze Männer nur auf den Rassismus und prangern zurecht an, dass Frauen nicht mit ihnen schlafen, eben weil diese Rassisten sind?

Was sind typische Hauptcharakteristika eines Incels? 

Incels hängen der sogenannten „Blackpill“-Theorie an. Diese besagt, dass quasi die einzige Diskriminierungsform unserer Zeit der sogenannte „Lookismus“ ist, also die Unterdrückung aufgrund von unattraktivem Aussehen. Vor der sexuellen Revolution und dem Feminismus sei die Welt nach dem Prinzip des „Looksmatching“ aufgebaut gewesen: einem Mann war eine Frau seines „Attraktivitätslevels“ garantiert. Der Feminismus habe Frauen jedoch die freie Partnerwahl ermöglicht. Da alle Frauen von Natur aus hypergam, triebhaft und oberflächlich seien, begnügen sie sich laut der Theorie nun nicht mehr mit ihrem „Looksmatch“, sondern wollen alle nur mit „Chads“, ein Begriff, der Klischeezeichnungen von Gym-Bro-Männlichkeit umschreibt, schlafen. Diese machten ungefähr zwanzig Prozent der männlichen Bevölkerung aus, glauben Incels. Und naja, deshalb bleiben keine Frauen für die armen Incels mehr übrig – obwohl ihnen der Sex doch eigentlich zustehen sollte! Der ist für Incels nämlich ein Grundrecht wie Nahrung oder Wasser.

Ist das eine dort verbreitete Theorie? Ich könnte es mir durchaus vorstellen. Auch hier vielleicht interessante Theorien zu „fatshaming“ und dem Gedanken, dass alle Frauen hübsch sind. Oder den Theorien, dass es Transfeindlich ist, nicht mit einer Transperson Sex haben zu wollen etc.

Ich denke, dass die „hypergamy“ in dem Bereich überschätzt wird. Natürlich haben hübschere Männer bessere Chancen auf dem Markt, auch und gerade für Sex. Schönere Frauen auch. Bei Männern wirkt sich zusätzlich aus, dass Männer üblicherweise für Sex einfach recht offen sind und nichts gegen wechselnde Sexpartner haben. Das macht den Markt für hübsche Männer noch günstiger bzw für Frauen, die einfach so Sex haben wollen. Sie können eben recht einfach einen hübschen Mann finden, der Sex mit ihnen hat.  Wobei ich es nicht so sehen würde, dass man als schlechter aussehender Mann keine Chancen hat. Genug Frauen sehen auch schlecht aus und suchen in ihrer Schönheitsklasse. Aber da sehen sich dann wahrscheinlich viele Incels (im schlechten Sinne) auch als „zu gut“ an als das sie dann mit den „hässlichen“ Frauen Sex haben wollen

Was folgt aus dieser Logik?

Dass Frauen Incels den Sex verweigern und lieber mit Chads schlafen, ist für sie eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. So rechtfertigen Incels ihren Frauenhass, der stellenweise bis in den Femizid und den frauenfeindlichen Terrorakt, wie dem 1989 am polytechnischen Institut in Montréal, bei dem 14 Studentinnen getötet wurden, reicht.

Gewaltphantasien und Hass können einem innerhalb der richtigen Gruppe in einer Identitätstheorie eben auch viel Unterstützung und einen gewissen Status geben. Das ist das gefährliche daran.

Warum haben diese Männer denn keinen Hass auf die „Chads“?

Den gibt es durchaus, zum Beispiel sprach Alek Minassian (der 2018 bei einem Attentat in Toronto 10 Menschen tötete und 16 verletzte, AdR) davon „alle Chads und Stacys zu stürzen“, da Chads einem die Frauen ja „wegnehmen“. Dieser geht jedoch immer mit Neid und Bewunderung einher: Man will selbst die Rolle eines Chads einnehmen. Deswegen verschreiben sich zahlreiche Incels dem sogenannten „Looksmaxxing“, also der Verbesserung des Aussehens durch Sport, Mode oder plastische Chirurgie.

Elliot Rodgers war ja auch besessen von seinem Aussehen und den „besseren Männern“, den „Chads“, die die hübschen Frauen abbekommen. Es passt in dieses Weltbild, dass sie Pickup ablehnen und statt dessen eine vermeintlich leichte Lösung wie plastische Chirurgie favorisieren, die dann wahrscheinlich für die meisten zu teuer ist, so dass es wieder ungerecht ist. Es ist, wenn man selbst nichts ändern will, immer gut, dass der Erfolg unerreichbar ist, aber nur, weil die „Böse Gruppe“ die Anforderungen so ungerecht hoch setzt. Man kann ja nichts dafür, dass man kein Chad ist.

Weiß man, woher das Phänomen der Incels kommt?

Bei Incels fallen der gesellschaftlich ohnehin präsente Frauenhass und patriarchales Anspruchsdenken, die Vereinzelung und Entfremdung des Individuums im Neoliberalismus, und das Internet als Echokammer zusammen. Junge Männer erfahren, dass sie hegemonialen Ansprüchen von Männlichkeit sowie sexuellem und finanziellem Erfolg nicht genügen. Aber anstatt das System und seine Auswirkungen auf das Subjekt in Frage zu stellen, verlagern sie ihren Selbsthass in Form der autoritären Revolte auf Frauen, die sind nämlich prädisponiertes Feindbild und etablierter Sündenbock. Und online bestätigt man sich dann selbst in diesem Denken.

Junge Männer erfahren insbesondere, dass sie den Anforderungen von (jungen) Frauen nicht genügen. Ich finde es erstaunlich, dass man das so ganz außen vor lässt. Sie erleben, dass sie von Frauen nicht akzeptiert sind, sie würden gerne Erfolg bei Frauen haben und am liebsten ohne sich verändern zu müssen.

Aber natürlich ist es das patriarchale System, wenn man Erfolg beim anderen Geschlecht haben will.

Natürlich verkennen sie, was sie falsch machen und in der Tat suchen sie Sündenböcke um sich der Verantwortung nicht stellen zu müssen und ihr Selbstbild zu erhalten. Natürlich weichen sie auch intrasexueller Konkurrenz aus und flüchten sich in Scheinwelten.

Aber erst einmal ist das Problem, dass Frauen sie nicht wollen.

Bleiben wir hier mal bei der konkreten Verknüpfung von Incel-Ideologie und Feminismus: Wie verhält es sich da?

Incels sind, wie andere maskulinistische Gruppen auch, eine regressive Reaktion auf den Feminismus. Anstatt zu realisieren, dass Kritik am herrschenden Geschlechterverhältnis auch Männern zugute kommen könnte, da herrschende Geschlechtervorstellungen auch Jungen und Männern gegenüber immensen psychischen Schaden zufügen, bekämpft man lieber im Männerbund gemeinsam diese „aufmüpfigen Weiber“. Selbst Incels, die ja immer wieder betonen, dass sie darunter leiden, keine „Chads“ zu sein, würden niemals auf die Idee kommen, diese herrschenden Vorstellungen von Männlichkeit oder das Patriarchat zu hinterfragen; letztendlich profitieren sie durch die Abwertung von Frauen doch mehr, als sie unter toxischen Männlichkeitsvorstellungen leiden. Und für solche Männer gibt es nichts Schlimmeres, als einer Frau ähnlich oder ihr gar solidarisch gegenüber zu sein; die Frau muss immer wieder durch Sexismus und Misogynie „zur Frau gemacht“ werden, wie Simone de Beauvoir schon vor siebzig Jahren konstatiert hat.

Ein recht einfaches Bild. Insbesondere weil sie ja Männer beneiden, die mit der „herrschenden Vorstellung von Männlichkeit“ sehr gut bei Frauen ankommen. Sie müssen Männlichkeit nicht wirklich hinterfragen, sie verstehen durchaus, dass Männlichkeit und auch körperliche Männlichkeit sehr gut bei Frauen ankommt. Sie verstehen aber auch nicht, was sie falsch machen und wie ihre Einstellung sie in der Tat unattraktiver macht und sie sich selbst schaden.

Es ist interessant, dass der Aspekt, dass Frauen gewisse „toxische Männlichkeiten“ durchaus sehr mögen, da so vollkommen unterschlagen wird.

Wie entscheidend ist dabei die Opfer-Rolle, die sich die Incels selbst zuschreiben?

Diese Täter-Opfer-Umkehr dient als Mittel, die eigene Gewalt zu legitimieren. Dies haben wir nicht nur bei Incels, sondern bei autoritären Bewegungen generell. Zum Beispiel sah sich der Attentäter von Christchurch weniger als rassistischer Terrorist, sondern als jemand, der die weiße Rasse vor der sogenannten „Umvolkung“ rettet. Incels sehen sich als Opfer einer widernatürlichen feministischen Gesellschaft, die ihnen das eigentlich naturgegebene Recht auf Sex verwehrt. Es sind laut ihnen die Frauen, und diese sogenannte „feministisch-jüdische Gesellschaft“, die im Unrecht sind. So rechtfertigt man das eigene Handeln: Man sei einer der wenigen Erleuchteten, und man habe die Aufgabe, die Welt aufzuwecken. Deswegen auch die Manifeste, die solche Männer hinterlassen: Man will aufzeigen, dass man ein Held, ein Messias, die reaktionäre Avantgarde ist, ein Soldat für eine in deren Augen richtige Welt.

Auch hier wie in anderen Identitätstheorien auch „erleuchtete“, die die Privilegierung der Frauen und die Unfairheit der Welt, die ihnen etwas vorenthält, erkannt hat. Auch hier in gewisser Weise SJWs, nur finden sie eben andere Privilegierungen bekämpfenswert.

Wie können es Incels schaffen, aus der eigenen Opfer-Rolle auszusteigen, also aufzuhören, Incels zu sein?

Ich habe in meinem Buch ein Kapitel, das sich ausschließlich mit dem Ausstieg aus der Szene beschäftigt. Es gibt auf Reddit ein Subreddit namens „IncelExit“, auf dem ausstiegswillige Incels um Rat suchen, andere User*innen geben ihnen Tipps und Hilfestellungen. Dass es dieses Subreddit gibt, zeigt aber auch auf, dass man diese Szene nicht so einfach verlassen kann; sie weist durchaus Strukturen eines Kultes oder einer Sekte auf. Was jedem einzelnen ausstiegswilligen Incel angeraten wird, ist die Therapie: Eine Szene, die ihren Mitgliedern permanent vermittelt, sie seien es, beispielsweise aufgrund fehlender Attraktivität, nicht wert, jemals geliebt zu werden, und die nur ein toxischer Sumpf ist, fügt langfristigen psychischen Schaden zu. Alleine schon deshalb sollte man darauf achten, dass Freunde, Söhne, oder Brüder nicht in diese Szene abrutschen – von der potentiellen Gewalt, die sie anderen antun könnten, ganz zu schweigen.

Ich würde auch jedem dazu raten aus einer so toxischen Weltsicht herauszukommen, wobei das wahrscheinlich sehr schwierig ist, wenn man sich da erst einmal reingedacht hat.

vgl auch:

 

Corona-Impfstoff

Es soll einen Corona-Impfstoff geben, der in Test gute Ergebnisse zeigt. Das stimmt grundsätzlich hoffnungsvoll für ein schnelleres Ende der Corona-Krise.

Gleichzeitig hört man auch in Gesprächen viele Unsicherheiten: Es ist zwangsläufig ein relativ unerprobter Impfstoff. Wie sicher ist er und was sind eventuelle Gefahren?

Ich habe schon häufiger gehört, dass viele durchaus froh sind nicht zur „ersten Reihe“ zu gehören, also die, die wegen besonderer Wichtigkeit zuerst geimpft werden sollen, weil der Impfstoff nicht für alle reicht.

Wie seht ihr das?

Politik und junge Leute: Was interessiert sie?

Ein interessantes Interview dazu, was „junge Leute“ heute an der Politik interessiert. Ein Interview mit einem Parteienforscher (Wolfgang Merkel):

ZEIT Campus ONLINE: Herr Merkel, Deutschlands Studenten bezeichnen sich, wie Umfragen regelmäßig zeigen, weiterhin in großer Zahl als politisch links. Gleichzeitig sind sie aber kaum noch in Parteien oder – wie derzeit etwa in Frankreich – auf der Straße in großer Zahl zu finden. Wo spielt sich junges Linkssein eigentlich derzeit ab?

Ich vermute mal einer der Gründe ist, dass normale Parteiarbeit weit weniger zu virtue Signalling geeignet ist als die Teilnahme an bestimmten Aktionen.  Die Mitgliedschaft bei den Grünen mag da noch eher was taugen, aber auch da wird ein Bericht über die Kreistagssitzung zu dem geplanten Verkehrskreisel wenig her machen. 
Die meiste Politik betrifft eben recht langweilige Fragen mit einer geringen Strahlwirkung. 

ZEIT Campus ONLINE: Und inhaltlich?

Merkel: Auch da lässt sich eine ganz spannende Entwicklung beobachten – und die geht weg von der Verteilungspolitik. Die Frage danach, wie sich gesellschaftlicher Wohlstand gerecht verteilen lässt, war ja seit jeher der Wesenskern linker Politik. Und der ist unter jungen Linken heute fast gänzlich in den Hintergrund getreten. Stattdessen dominieren kulturelle und identitätspolitische Themen, über die sich junges Linkssein heute definiert. Das zentrale progressive Anliegen ist mittlerweile die unbedingte Gleichstellung von Minderheiten. Das können ethnische, religiöse oder sexuelle Minderheiten sein.

Der Vormarsch der intersektionalen Theorien.  

Gerade im Fall der Religion hat dies jedoch hochproblematische Konsequenzen: Denn die junge Linke neigt dazu – entgegen einer aufklärerischen oder marxistischen Tradition der Religionskritik – Religion unter Immunitätsschutz zu stellen und Kritik am Islam unmittelbar als „rechts“ oder als „Phobie“ zu brandmarken. Linke Religionskritik gerät dann in Vergessenheit, kritische Diskurse werden schlicht nicht mehr geführt – und das ist ein großes Problem.

Schön knapp zusammengefasst.

ZEIT Campus ONLINE: Gibt es also gewissermaßen ein selbst auferlegtes Sprachverbot in der Linken?

Merkel: So hart würde ich nicht es formulieren, aber sicherlich gibt es so etwas wie Zonen diskursiver Immunität. Und die darf man eben erst betreten, wenn man vorher drei Minuten ein Bekenntnis abgelegt hat, dass man kein Rechter, nicht xenophob ist und auch für offene Grenzen ist. Und dann darf man vielleicht irgendwann darüber reden, ob die Minderheitspositionen für die man ja – im Übrigen mit vollem Recht – eintritt nicht möglicherweise selbst kritisiert werden dürfen. Beim Islam sieht man sehr deutlich, dass ein freier Diskurs kaum zugelassen wird, sondern entsprechende Positionen sofort mit Vorwürfen überzogen werden. Ein Diskussionsverbot kann nicht links sein.

„Zonen diskursiver Immunität“? Für bestimmte Positionen reicht kein Bekenntnis mehr, sie bedeuten, dass man den „erlaubten Bereich“ verläßt. Und „Ein Diskussionsverbot kann nicht links sein“ ist schön. Ein klassischer falscher Schotte. 

ZEIT Campus ONLINE: Die junge Linke ist also weniger an Verteilungsfragen interessiert, engagiert sich aber umso mehr für kulturelle, identitätspolitische Themen. Und ihr Diskurs ist dabei ein in Teilen restriktiv geworden. Welche Veränderungen lassen sich darüber hinaus beobachten?

Merkel: Ein ganz wichtiger Punkt ist, dass sich die junge Linke heute ganz eindeutig kosmopolitisch orientiert. Das heißt, Gerechtigkeitsfragen werden nicht mehr im nationalen Kontext, etwa anhand von sozial- oder lohnpolitischen Auseinandersetzungen, verhandelt. Stattdessen geht es um globale Zusammenhänge, der Nationalstaat wird dagegen als überholt und gestrig betrachtet. Auch dies ist ein Bruch mit einer klassisch linken, sozialdemokratischen Tradition, in der Solidarität und Gemeinschaft etwas ganz Konkretes, Nachbarschaftliches war und Wirtschaftspolitik als Nationalökonomie verstanden wurde. Dieses, an den unmittelbaren Lebenswelten und dem Nationalstaat orientierte Politikverständnis ist einer globalen Orientierung gewichen.

Das ist auch eine interessante Gegenüberstellung: Kann man etwas, was man in einen globalen Zusammenhang stellt, nicht mehr konkret behandelt werden? Ergibt sich daraus, dass es zu Grundsätzen wie „Weiße sind immer privilegiert, Pocs haben nie als Pocs Privilegien“ statt „welche Ursachen liegen in der konkreten jeweiligen Gesellschaft vor, die bei bestimmten Gruppen zu Unterschieden führen?“

Man nimmt eher Abstand von konkreten Lösungen für die jeweilige Position und erschlägt alles mit globalen Positionen (die häufig nur global zu sein vorgeben und aus der Betrachtung amerikanischer Verhältnisse stammen, aber als global gesetzt werden)

Das macht natürlich auch die Welt einfacher, sie wird eher unterteilt in gut und Böse

ZEIT Campus ONLINE: Wenn man die von Ihnen beschriebenen Entwicklungen zusammennimmt, lässt sich damit auch ein Stückweit die derzeit wieder diskutierte Entfremdung der sogenannten „einfachen Leute“ von der politischen Linken erklären? Schließlich konnte sich der Hilfsarbeiter vermutlich noch nie sonderlich für geschlechtergerechte Sprache begeistern, und der Nationalstaat erscheint doch gerade in Zeiten beschleunigter Modernisierung als letztes Ordnungsprinzip in einer zunehmend unübersichtlichen Welt.

 

Merkel: Der von Ihnen angesprochene Entfremdungsprozess ursprünglich linker Kernklientel von ihren einstigen Repräsentanten ist sicherlich sehr vielschichtig. Grundsätzlich lässt sich aber sagen: Die Globalisierung hat Gewinner und Verlierer geschaffen und die Linke in ganz Europa vermag es kaum mehr, die Globalisierungsverlierer an sich zu binden. Diese Leute – prekär Beschäftigte, Arbeitslose oder kleine Angestellte – wählen nun in großer Zahl rechtspopulistisch. Das gilt auch für Arbeiter mit autoritären Einstellungen, auch wenn diese als Facharbeiter keineswegs zu den Verlierern der Globalisierung zählen.

Dabei hat diese Form der Protestwahl sicherlich kulturelle Gründe, denn verteilungspolitisch ist die Positionierung der Rechtspopulisten keinesfalls einheitlich. Die Parteien unterscheiden sich hier von Land zu Land stark. Der Front National etwa fordert erhebliche Umverteilungen, während die Schweizer Volkspartei eher neoliberal ausgerichtet ist. Was sie jedoch eint, ist ein konsequent anti-europäischer Kurs sowie eine klar national-chauvinistische Ausrichtung. Dies spricht Wählergruppen an, die sich zu den Verlierern der Modernisierungsprozesse der letzten Jahrzehnte zählen, vom öffentlichen Diskurs ausgeschlossen wähnen und sich eine Rückkehr zu bekannten Strukturen und klar geordneten Lebenswelten wünschen. Diesen subjektiv wie objektiv abgedrängten Gruppen hat die Linke, tief im kulturellen Kosmos der Mittelschichten verankert, bisher wenig angeboten.

Eine erstaunliche Entwicklung. Wo vorher der Arbeiter und der „kleine Bürger“ (m/w) das wichtigste Element der linken Theorien war sind diese nun mehr immer uninteressanter geworden und wurden durch „Minderheiten“ ersetzt, die nur teilweise und sehr eingeschränkt Überschneidungen haben. Das sieht man etwa bei „Frauenpolitik“, die sich eben gerade nicht mehr an die „Unteren“ wendet, sondern an die „Oberen“, die die Chancen auf Führungspositionen haben.

ZEIT Campus ONLINE: Zudem hat man ja bisweilen das Gefühl, dass die junge Linke diese neue und tiefgreifende Polarisierung mit einem Achselzucken, einer Mischung aus Desinteresse, Herablassung und Ratlosigkeit betrachtet.

Merkel: In der Tat. Die junge, intellektuelle Linke hat den Bezug zu der Unterklasse im eigenen Land fast gänzlich verloren. Da gibt es vonseiten der Gebildeten weder eine Sensibilität noch eine Aufmerksamkeit und schon gar keine Verbindungen mehr. Die Linke hat sich eben kosmopolitisiert und, wie gesagt, ihren politischen Schwerpunkt auf eine kulturelle Ebene verlagert, und eben auf dieser Ebene unterscheiden sich die Milieus der hoch und weniger Gebildeten deutlich voneinander. Dieser Verlust der Kommunikation zwischen den Klassen, wenn ich diesen Begriff einmal verwenden darf, ist massiv und ein Problem für die soziale Gerechtigkeit.

Wir sehen das übrigens nicht nur im Diskurs. Auch in den Lebensstilen und Werthaltungen sind die Differenzen  zwischen „oben“ und „unten“ sowie den urbanen und ländlichen Milieus unübersehbar. Das drückt sich dann auch im Abstimmungsverhalten bei Wahlen aus. Ähnliches können wir zum Beispiel auch im Heiratsverhalten beobachten. Klassenstrukturen prägen hier ganz enorm. Menschen suchen ihre Partner in der eigenen Schicht und im gleichen Bildungsstand. Dies verschärft die soziale Spaltung und Segregation unserer Gesellschaften noch weiter. Im Schatten der wachsenden kulturellen Sensibilität der Linken ist also eine neue Klassengesellschaft entstanden. Und diese Klassengesellschaft ist bislang zumindest nicht Thema des jungen intellektuellen Diskurses.

Klasse: Vom beherrschenden Element zu etwas quasi unwichtigen. 

Was ist von einem Präsident Biden zu erwarten?

Nachdem Biden nunmehr die Mehrheit der Stimmen: Was meint ihr wird er verändern? Wie wird er sich gerade im Geschlechterthema auswirken?

Werden die intersektionalen Theorien durch ihn gefördert werden oder eher nicht?

Aufwachen mit Fräulein Schmidt

Einmal ein paar Vaterfreuden.

Eigentlich fing es nicht gut an. Vermutlich sind es die Backenzähne, die jetzt langsam durchkommen, aber Fräulein Schmidt schläft gerade wieder sehr schlecht. Gestern wachte sie in ihrem Zimmer heulend auf und wollte sich nicht recht beruhigen. Wir haben sie dann zu uns herüber genommen und sie hat in unserem Bett zwischen uns geschlafen.

Morgens wachte ich auf und kurz danach auch Fräulein Schmidt. „Papa“ sagte sie und lächelte mich im halbdunkel des Zimmers an. Sie robbte in ihrem Schlafsack zu mir rüber und nahm mit ihren kleinen Händen meinen Kopf und umarmte mich und kuschelte ihr Gesicht an das meine.

Es war einfach ein süßer Moment voller Liebe der mich die schlechte Nacht dann wieder vergessen ließ.

Natürlich ist das nichts großes und auch nichts ungewöhnliches. Aber dennoch einfach schön.

Selbermach Samstag 314 (07.11.2020)

Welche Themen interessieren euch, welche Studien fandet ihr besonders interessant in der Woche, welche Neuigkeiten gibt es, die interessant für eine Diskussion wären und was beschäftigt euch gerade?

Welche interessanten Artikel gibt es auf euren Blogs? (Schamlose Eigenwerbung ist gerne gesehen!)

Welche Artikel fandet ihr in anderen Blogs besonders lesenswert?

Welches Thema sollte noch im Blog diskutiert werden?

Für das Flüchtlingsthema oder für Israel etc gibt es andere Blogs

Ich erinnere auch noch mal an Alles Evolution auf Twitter und auf Facebook.

Wer mal einen Gastartikel schreiben möchte, auch gerne einen feministischen oder sonst zu hier geäußerten Ansichten kritischen, der ist dazu herzlich eingeladen

Es wäre nett, wenn ihr Artikel auf den sozialen Netzwerken verbreiten würdet.

Lehren aus der US-Wahl: Warum hat Trump teilweise so viele Stimmen auch von Frauen bekommen?

Über Arne bin ich auf diesen Artikel von Gabor Steingart gekommen. Wie Arne auch möchte ich ein paar Aspekte herausgreifen:

Missverständnis Nummer 2: Die Demokraten leben – ähnlich wie die deutschen Sozialdemokraten – ein Leben neben der Wirklichkeit ihrer Wähler. Die nämlich interessieren sich für die Erzeugung von Wohlstand und nicht in gleicher Weise für das Anbringen von Gender-Sternchen. Für Menschen, die Veranda und Vorgarten besitzen und morgens mit dem Bus zur Arbeit fahren, sind Rassenunruhen mit angeschlossener Plünderung kein Kavaliersdelikt, sondern eine Bedrohung. Law und Order betrachtet die Mehrheit der Wähler – auch bei uns übrigens – nicht als Schimpfworte, sondern als Grundvorraussetzung für Freiheit.

Das ist ja etwas, was hier schon häufiger angeführt wurde: Die gegenwärtigen linken Theorien meinen über den Schutz der „Minderheiten“ und Frauenquoten wichtige Themen anzusprechen. Aber es sind eben in vielen Fällen nur „Virtue Signalling“-Themen. Die echten Sorgen der Leute liegen woanders. Sie haben wenig Verständnis für Plünderungen und Aufstände, egal zu welchem Ziel.

Missverständnis Nummer 4: Die amerikanischen Frauen seien nicht so emanzipiert wie die europäischen Frauen und wählten deshalb Trump. Fakt ist: Laut der Nachwahlbefragung von CNN und Edison Research Institute haben 50 Prozent der weißen Frauen mit College-Abschluss Trump ihre Stimme gegeben. Bei den weißen Frauen ohne College-Abschluss waren es 60 Prozent.

Die Frauen haben Trump nicht wegen, sondern trotz seines unverstellt frauenfeindlichen Benehmens gewählt. Die amerikanischen Wechselwählerinnen besitzen ein Geschlecht, aber zusätzlich besitzen sie auch ökonomische und soziale Interessen. Mit Feminismus allein kann man keine Familie ernähren.

Die „Exit Polls“ die das teilweise ermittelt haben, muss man natürlich mit einer gewissen Vorsicht genießen. Denn Biden-Wähler haben, wie die Ergebnisse der Wahl zeigen, wesentlich häufiger per Briefwahl abgestimmt, so dass Trump-Wähler in den Umfragen nach den Exit Polls in größerer Zahl vertreten sein müssten.

Das Frauen so wählen werden Anhänger intersektionaler Theorien vermutlich allein mit ihrer Hautfarbe erklären, sie sind eben Rassisten und ansonsten haben sie verinnerlichten Frauenhass.

Aber tatsächlich kann der Wählerin relativ egal sein, wenn Trump in der Hinsicht unsympathisch wäre oder Frauen belästigt. Sie werden ihn nie persönlich treffen und er wird sie auch nicht belästigen. Die Frage ist, ob er für eine für sie günstige Politik steht. Es wäre interessant, da die genauen Gründe näher zu untersuchen. Aber gerade Frauen haben im Schnitt ein höheres Bedürfnis nach Sicherheit, deswegen können sie „Law and Order“ durchaus interessant finden. Und sie können natürlich auch für eine Stärkung  konservativer Werte sein, gerade in unsicheren Zeiten wie den gegenwärtigen.

Der typischen Frau bringen, das ist glaube ich ein häufiger Fehlschluss vieler Politiker, die sich damit hervorheben wollen, mehr Frauen in Führungspositionen nichts. Sie werden ja nicht schlechter bezahlt als ihre Kollegen, sie wollen gar nicht in Führungspositionen, sie wollen Teilzeit arbeiten. Und die weibliche Chefin, die wegen der Karriere keine Kinder hat muss nicht besser sein als der männliche Chef, der Kinder zu Hause hat und sich daran erinnert, dass seine Frau auch häufiger mal früher nach Hause muss, weil das Kind krank ist.

Ich bin gespannt, wie die Politik unter Biden weiter geht. Er ist meiner Kenntnis nach auch kein Anhänger intersektionaler Theorien. Aber ob er sie dennoch fördert und Beschränkungen aufhebt wird interessant.

Als Bonus auch noch das hier:

Der amerikanische Präsident Donald Trump hat laut der sogenannten Exit Poll, einer traditionellen US-Wahltagsbefragung, 28 Prozent der Stimmen von Schwulen, Lesben und Bisexuellen und trans Menschen erhalten. 60 Prozent der queeren Wähler*innen votierten demnach für den Oppositionskandidaten Joe Biden von den Demokraten. Insgesamt machten die LGBT-Wähler*innen sieben Prozent der Gesamtwählerschaft aus.

Zwar holte Trump nur einen Bruchteil der queeren Stimmen, allerdings war er scheinbar weit erfolgreicher als vor vier Jahren, als die (unterlegene) demokratische Kandidatin Hillary Clinton noch viel besser abgeschnitten hatte: Die Ehefrau von Ex-Präsident Bill Clinton holte damals 78 Prozent der LGBT-Stimmen. Für Trump hatten sich 2016 nur 16 Prozent der queeren Wähler*innen entschieden

Trump hat – für Anhänger der intersektionalen Theorien nur schwer vorstellbar – also deutlich mehr Stimmen aus dem Lager erhalten, das absolut gegen ihn sein müsste, wenn die intersektionalen Theorien stimmen.

„Wie Männerpolitik bei einer feministischen Journalistin ankommt (Teresa Bücker)“

Teresa Bücker beschreibt wie sie zu Männerpolitik steht:

Als Feministin bin ich manchmal müde. Müde, zu erklären, warum ich wütend bin. Müde, zu erklären, warum ich keine Geduld mehr habe. Ich bin nicht die erste Frau, die auf vollständige Gleichberechtigung wartet und für die es kein Trost ist, dass es heute ein wenig besser ist als gestern. Dabei ist Gerechtigkeit so leicht zu erklären, wenn man den Spieß umdreht. Sobald man einem Mann sagt, er solle sich vorstellen, dass er für die exakt gleiche Arbeit, die eine Kollegin verrichtet, 500 Euro weniger im Monat bekommen würde als sie, fällt der Groschen. In der umgekehrten Konstellation würde der Gehaltsunterschied vielleicht gerechtfertigt: „Hat sie schlecht verhandelt?“, „Hat sie eine Babypause gemacht?“ Erst wenn sich Personen wirklich einfühlen in die Situationen, in denen andere sehr konkret oder auch subtil Diskriminierung erfahren, können sie verstehen, woher Wut und Ungeduld kommen. Wir alle können das, wenn wir uns Mühe geben.

Nur das Frauen eben nicht für die exakt gleiche Arbeit 500 Euro weniger bekommen. Frauen bekommen im Schnitt, über alle Arbeiten und verschiedenen Berufe zusammen, weniger Geld, haben dafür aber häufig andere Vorteile wie weniger Überstunden, kürzere Arbeitszeiten, weniger erfolgsabhängigen Anteil des Gehalts, bessere Vereinbarkeit mit Familie etc. Es ist also schon ein reichlich unrealistisches Beispiel, mit dem sie ihre Wut rechtfertigt.
Und als jemand, der in der Geschlechterdiskussion tief drinstecken sollte, sollte ihr auch bewußt sein, dass eine Bereinigung des Gehaltsunterschiedes schon nahezu vollständig möglich ist ohne das viele persönliche Faktoren hinzugezogen werden.

 

Viele der feministischen Ziele können nicht ohne Männer erreicht werden.

Wie Feministinnen mit Männern gut zusammenarbeiten können, wird innerhalb feministischer Gruppen immer wieder kontrovers diskutiert. Denn feministische Anliegen haben es seit jeher schwer und für die Errungenschaften der Gleichberechtigung haben Frauen oft lange und hart kämpfen müssen. Viele Forderungen sind bis heute nicht umgesetzt. Von Männern kam wenig Unterstützung, oftmals Abwehr. Hinzu kommt das Phänomen, dass Frauen sich immer wieder den männlich geprägten Ideen und Idealen anpassen, da es das Leben für sie leichter machen kann. Nicht einmal alle Frauen halten im Streben nach mehr Gleichberechtigung zusammen.

Tatsächlich kam sehr viel Unterstützung von Männern für Gleichberechtigung. Gleichberechtigung ist eigentlich gar nicht das Thema mehr, Feministinnen fordern weit eher Ergebnisgleichheit, also Gleichstellung. Und da sind viele nicht einverstanden.

Und dann der Vorhalt des weiblichen Verrats: Wie können diese Frauen nur ihr Leben nach ihren Vorstellungen (Pardon: denen der Männer, anders kann es gar nicht sein) leben und nicht alle daran arbeiten Gehaltsunterschiede zu beseitigen?

Interessant wäre auch, welchen Anspruch Bücker an sich selbst legt. Sie scheint ihren Chefredakteurinnenjob aufgegeben zu haben und nur noch Kolumnen zu schreiben. Sie ist in keiner Partei und war auch nie in einer. Macht sie gerade Pause und Verrat die Frauen?

Eine Bewegung für die Gleichberechtigung aller Geschlechter steht also vor der Herausforderung, dass ganz unterschiedliche Frauen, ganz unterschiedliche Männer, die vielfältigen Menschen jenseits der binären Geschlechterordnung und außerdem die Interessen der Kinder zusammengebracht werden müssen – in einem Entwurf einer menschlichen, gleichberechtigten Welt. Das ist eine immense Aufgabe.

Viele der feministischen Ziele können nicht ohne Männer erreicht werden. Sie ließen sich sogar viel leichter erreichen, wenn Männer von sich aus mitmachten, statt dass sie von diesen Zielen von Frauen überzeugt werden sollten.

Aber warum sollten sie sich überzeugen lassen, wenn es um Gleichstellung geht und selbst die wenigsten Frauen davon überzeugt sind, dass die Geschlechterrollen aufgelöst werden müssen? Die meisten Männer sind gerne Männer und die meisten Frauen gerne Frauen. Sie mögen auch jeweils gerne das andere Geschlecht, und das durchaus in seiner typischeren Ausprägung.

Hier setzt also auch die gleichstellungsorientierte Männerpolitik an: Männer, die verstehen, dass die Solidarität mit Frauen die erste Voraussetzung dafür ist, dass es auch in ihrem Leben schließlich mehr Freiheiten geben wird. Zum Beispiel, dass die Forderung nach Equal-Pay es Mann-Frau- Paaren schließlich leichter machen wird, dass auch Väter eine lange Elternzeit in Anspruch nehmen oder ihre Arbeitszeit reduzieren können für mehr Zeit mit der Familie.

Männerpolitik kann eben in dieser Vorstellung immer nur ein Anhängsel der Frauenbefreiung sein. Und ein Hinterfragen der eigenen Positionen darf im Feminismus eh nicht erfolgen. Das zu einer längeren Elternzeit auch eine Frau gehört, die das mitmacht, die einen Mann danach aussucht, dass er auch aussetzt, und das bisher eher Männer mit guten Job interessant sind, kommt darin nicht vor. Auch nicht der Umstand, dass der Gender Pay Gap von Nachtschichten und Wochenendarbeit gestützt wird, nicht in bequemen Vorstandsetagen, sondern in Fabrikanlagen in technischen Berufen, wird da gerne verschwiegen.

Ich bin sicher: Sehr viele Männer träumen von einer Welt, in der Mannsein viele Facetten hat.

Wer würde am meisten von einer bezahlten Freistellung nach der Geburt profitieren, die auch für Väter und lesbische Co-Mütter gelten würde? Nicht nur die Männer, die voll und ganz bei ihrer Familie sein möchten, sondern vor allem auch die Mütter, die ohne Unterstützung im Wochenbett leicht überlastet werden. Von dieser Verbesserung, die auf den ersten Blick wie ein Geschenk an Männer wirkt und nach wie vor nicht zu dem dominanten Bild des männlichen Ernährers passt, haben alle etwas: alle Eltern, alle Kinder – unsere ganze Gesellschaft.

Dazu braucht man aber keinen Feminismus und keine Lohngleichheit. Man braucht dafür auch keine Frauenquoten. Und das Bild des männlichen Ernährers stützt eben nicht nur das Patriarchat, vor allem stützen es auch die Frauen – und häufig auch die Realität, in der es einfacher ist, wenn einer sich auf den Job konzentriert und der andere eher aussetzt.

Ich bin sicher: Sehr viele Männer träumen von einer Welt, in der Mannsein viele Facetten hat. In der sie sich breiter verwirklichen können als über den Beruf, in der sie nicht mehr oder weniger männlich gelten, nur weil sie vermeintlich maskuline Eigenschaften haben oder nicht. Es braucht mehr von diesen Männern, die laut darüber sprechen, dass sie anders leben möchten. Die nicht nur für sich ein gleichberechtigtes Lebensmodell realisieren, weil sie es sich leisten können, sondern sich darüber hinaus dafür einsetzen, dass genau das für alle Menschen möglich wird – unabhängig von ihrem Geschlecht. Männerpolitik heißt daher auch, wohlwollend über Frauen zu sprechen und feministische Anliegen auch dann zu unterstützen, wenn davon auf den ersten Blick vor allem Frauen profitieren.

Männlichkeit hat zum einen viele Facetten, zum anderen sehe ich nicht wie mit dem gegenwärtigen Feminismus mit seiner männerfeindlichen Haltung überhaupt eine positivere Rolle entstehen soll. Die Rolle der Männer wird nicht einfacher mit der Umsetzung feministischer Ideen.

Das immer wieder verständlich zu machen, ist eine große Aufgabe für die gleichstellungsorientierte Männerpolitik, aber umso wichtiger, um sich von antifeminitischen Männerrechtlern abzugrenzen, die insbesondere im Internet gut organisiert sind, teils Frauenhass verbreiten und die wichtige Arbeit von den Männerorganisationen, die geschlechterübegreifend die Gleichstellungsarbeit voranbringen wollen, in Verruf bringen.

Männerpolitik ist für sie verständlich machen, dass Feminismus an erster Stelle steht. Und bloß nicht auf Leute hören, die eine eigenständige, vom Feminismus losgelöste Vorstellung haben.

Warum sollte man sich mit deren Positionen auseinandersetzen, die ja auch gar nicht starre Rollen vorsehen? Lieber pauschal abwerten.

Frauen bewerten eine weibliche Hilfskraft wegen ihres Geschlechts schlechter als Männer

Eine interessante Studie zu unterschiedlichen Bewertungen nach Geschlecht

Aus einer Beschreibung des Experiments:

For their study, Khazan and her collaborators “deceitfully ‘assigned’” 136 students in a fall 2019 upper-level undergraduate course on natural resource ecology either a male or female TA, even though Khazan was really the TA for everyone. Students whose last names started with A through K got a “female” TA and rest got a “male” TA. The TA’s “gender” was based on made-up names and a photograph and short TA biography made available to students.

The course was taught online, asynchronously through the Canvas learning management system, with no face-to-face contact between Khazan and students. The course consisted of six learning modules of two to three weeks each. Assessments included exams, weekly quizzes, discussions, problem sets and a group project. The course’s instructor of record was a male associate professor who prerecorded lectures in a green-screen studio at Florida.

The professor referred to the female TA as “Ms.” in all class correspondence with last names A through K, and the male TA as “Mr.” in correspondence with the others, reinforcing the gender difference. To avoid what the study refers to as “fatigue-related grading bias,” Khazan logged in to both male and female TA accounts simultaneously and graded students in each group alternately.

Near the end of the course, at the same time the students completed a SET for their professor, students were offered 10 extra credit points for completing the evaluation or a separate extra credit assignment. The survey instrument contained demographic questions including respondents’ gender, age, classification, previous enrollment in online courses and assigned TA.

Specifically concerning the TA, a 14-item section asked students to rate, on a five-point scale, the assistant’s knowledge, teaching ability, approachability and professionalism. Out of the 136 students, 115 survey instruments were returned — a very high response rate, though the majority of respondents (62 percent) were women. About half of respondents thought they had the female TA, and half had the male TA.

While the scores for both TAs didn’t differ significantly overall, the range of scores given to the female TA was greater. The male TA received 98 percent positive reviews, and the female received 91 percent positive reviews. Of the six negative perceptions reported, five of them were for the female TA.

Es wird also ein männlicher und ein weiblicher TA (Teaching Assistent) als Person kreiert, wobei es eigentlich nur einen männlichen TA gibt. Dann wird geschaut, wie sie bewertet werden:

Wie man sieht ist es bei den Männern relativ einheitlich: Jeweils ein Mann hat beide negativ bewertet, die Unterschiede in der Prozentzahl ergeben sich nur aus der unterschiedlichen Gruppengröße.

Von den Frauen hingegen bewertet keine den Mann negativ, die Frau hingegen wird gleich von 4 Studentinnen negativ bewertet. Die negativere Bewertung ist damit allein auf die Frauen zurückzuführen. Und sie war noch deutlich negativer als die von den Männern. Die weibliche Assistentin hat wie man auf der Grafik sieht von den Männern sogar eine deutlich bessere Bewertung erhalten, kaum eine Bewertung ist unter +10.

Interessant wäre es, dass Ergebnis noch einmal mit einer Frau als TA durchzuführen, die sich dann als Mann bzw Frau ausgibt. Vielleicht erfolgen negative Bewertungen auch, weil der Assistent als „unweiblich“ wahrgenommen wird. 

Eine andere Möglichkeit wäre auch der Krabbenkorbeffekt, also der Eindruck, dass diese Frau sich für etwas besseres hält und demnach schlechter bewertet wird.

Oder einfach allgemeine „Stutenbissigkeit“. 

 

 

 

 

Selbermach Mittwoch 292 (04.11.2020)

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