„Friedensverträge halten eher 15 Jahre, wenn Frauen an den Gesprächen beteiligt waren“

Die in der Überschrift genannte These geistert immer wieder durch die Presse und verschiedenste Diskussionen.

Heiko Maas hatte darauf hingewiesen:

Und die Grünen hatten es ebenso in ihr Programm aufgenommen:

Auch bei Friedensverhandlungen sollten Frauen eine wichtigere Rolle spielen, findet Fraktionsvize Agniezska Brugger, die den Antrag mit geschrieben hat. „Nur acht von hundert Stühlen an den Tischen bei Friedensverhandlungen sind von Frauen besetzt“, moniert sie. Dabei sei es „weder gerecht noch klug, wenn immer nur diejenigen, die die größten Waffen haben und das größte Leid verursacht haben, über die Nachkriegsordnung entscheiden.“ Außerdem gelte: „Wer nachhaltigen Frieden und Stabilität möchte, muss Frauen viel stärker an der Lösung von Konflikten beteiligen.“

Verteidigungsexpertin Brugger bezieht sich dabei auf eine Studie des International Peace Instituts aus New York, einer renommierten Denkfabrik. Der Studie zufolge ist es 35 Prozent wahrscheinlicher, dass Friedensverträge 15 Jahre halten, wenn Frauen an den Gesprächen beteiligt waren.

Die Studie ist aber natürlich keine Studie. Es ist lediglich eine Schrift, die das Peace Institut herausgegeben hat

Immerhin findet sich dort in der Tat der Hinweis auf eine andere Publikation, die diese Zahlen enthalten soll.

Aus der Schrift des Peace Instituts:

New statistical analysis by researcher Laurel Stone suggests that women’s participation has a positive impact on the durability of peace agreements. (Fußnote 63) By measuring the presence of women as negotiators, mediators, witnesses, and signatories to 182 signed peace agreements between 1989
and 2011, and the length of time that a peace agreement lasted, Stone concluded that women’s participation had a statistically significant, positive impact on the duration of peace when controlling for other variables (see Annex II) (Fußnote 64). When women are included in a peace process, the peace agreement that results is 20 percent more likely to last at least two years. Women’s participation has an even greater impact in the longer term: an agreement is 35 percent more likely to last for fifteen years if women participate in its creation
(figure 1).

Und die Grafik 1 gibt dies auch entsprechend wieder:

Friedensverhandlungen Frauen Beteiligung

Die Fußnoten zu diesem Abschnitt sind allerdings sehr interessant:

63 This section shares the unpublished work of Laurel Stone, research associate for policy studies at University of Notre Dame’s Kroc Institute for International Peace Studies. Details of Stone’s statistical analysis and methodology can be found in Annex II.

Also eine Arbeit, die bisher, obwohl sie von 2014 ist, nicht in einer peerreviewten Fachzeitschrift veröffentlicht werden konnte, wenn ich es richtig sehe.

Die zweite Fußnote macht deutlich, dass die Aussagekraft zum genauen Einfluss von Frauen relativ gering ist:

64 Given the lack of nuanced data available about the exact nature of women’s participation across this relatively large sample of peace processes, this analysis has limitations: it does not incorporate levels of influence, adjust for the number of women participating in a process, or distinguish between the relative merit of oneform of participation over another. See Annex II for more details

Demnach wurde einfach nur geschaut, inwiefern Frauen bei den Verträgen in irgendeiner Form beteiligt waren, und zwar als Verhandler, Mediator, Zeuge oder Unterschreibender.

Damit kann man eine These nach der eine stärkere Beteiligung der Frauen an den Vertragsverhandlungen den Frieden stützt sicherlich nicht als erwiesen ansehen.

Das Workingpaper findet man hier Sci-hub

Aus der Studie:

the 156 peace agreements analyzed in this study, 25.3% included women as participants. This is actually a surprisingly high percentage considering the commonly reported low levels of female representation. One reason for this percentage could be that reports, like those from UN Women, measure the number of female participants as compared to male participants; whereas, this study did not count the actual number of women present in any given peacemaking process, instead simply coding for female presence or absence.

Also nur ein Viertel der Friedensschlüsse hatten eine weibliche Beteiligung irgendeiner Art.

Interessant ist die Fallliste am Ende. Dort sieht man, dass ein Großteil der Konflikte afrikanische bewaffnete Konflikte waren, aber eben auch etwa das „Good Friday Agreement“ zwischen der UK und Nordirland. Ich kann mir vorstellen, dass bei dem „Good Friday Agreement“ eher Frauen anwesend waren als bei dem Waffenstillstand in Burundi 2002, in dem Konflikt zwischen Hutu und Tutsi. 

Demnach sagt die Studie auch, dass einer der besten Indikatioren für einen nachhaltigen Frieden war, dass er zwischen Demokratien geschlossen worden ist und nicht etwa zwischen einem Staat und Rebellengruppen.

Gleichzeitig ist zu vermuten, dass an jedem Friedensschluss zwischen zwei Demokratien auch eher Frauen beteiligt werden und diese weitaus seltener anzutreffen sind, wenn Friedensverhandlungen zwischen Rebellengruppen und anderen Organisationen geführt werden. Denn bei den Rebellengruppen werden die Anführer auch meist Männer sein und sie haben weit aus weniger Möglichkeiten ein Wideraufflackern der Kämpfe zu verhindern, weil das nur erfordert, dass sich bestimmte Teile der Rebellen nicht an den Frieden gebunden fühlen.

Insofern vermute ich eher eine Umkehrung der Kausalität: Friedensparteien, die eher vernünftig sind und bei denen eine tatsächlicher Frieden absehbarer ist, nehmen eher Frauen mit bzw beteiligen diese eher. Gruppen, die unvernünftiger sind und bei denen die tatsächlichen Kämpfer verhandeln, werden seltener Frauen dabei haben.

 

21 Gedanken zu “„Friedensverträge halten eher 15 Jahre, wenn Frauen an den Gesprächen beteiligt waren“

  1. Wenn die Daten korrekt sein sollten, dann wurde hier eine Korrelation entdeckt. Dass diese Korrelation einen ursächlichen Zusammenhang andeutet ist nichts weiter als der naive Glaube an die wundersame, befriedende Wirkung des Weiblichen. Bullshit.

  2. Der Wahlkampf scheint wieder loszugehen.
    SPD und GRÜNE versuchen, sich in schmierigem Vaginacreeping zu überbieten. Kostet ja schließlich so rein gar nix – meinen sie.
    Man muss nicht Mäuschen spielen, um die internen Strategiedebatten zu verfolgen. Nach 8 Stunden beredter Ratlosigkeit sagt eine_r: „Wir müssen das Thema FRAUEN besetzen!!11!“ – tobender Applaus, Sitzung kann endlich beendet werden. Die Kinder müssen schließlich abgeholt werden..

  3. Frieden ist nur dann gerecht, wenn er alle Bevölkerungsgruppen einbezieht.

    Lol. Was ist denn das für eine bescheuerte Aussage?! Jetzt werden schon Quoten für Friedensverhandlungen gefordert. Das Absurde an der Aussage ist aber, dass sie impliziert, dass es so etwas wie ungerechten Frieden gäbe. Was zum Teufel soll das sein? Also der Frieden ist ungerecht, wenn nicht 50 % Frauen an den Verhandlungen beteiligt waren? Aber eigentlich ist die Aussage nur konsequent, denn bei der Forderung nach Frauenquoten geht es ja nicht um die Qualität des Ergebnisses (in diesem Fall Frieden), sondern nur darum, wie es zustande gekommen ist.

    Nur acht von hundert Stühlen an den Tischen bei Friedensverhandlungen sind von Frauen besetzt.“

    Nur acht von hundert Soldaten sind Frauen. Ich fordere, dass diese Ungerechtigkeit sofort beseitigt wird. Krieg ist nur dann gerecht, wenn er alle Bevölkerungsgruppen einbezieht.

    • Jetzt werden schon Quoten für Friedensverhandlungen gefordert.

      Wie man auf die Idee kommen kann, dass das ideologisch nichts anderes als Identitär aka Ethnopluralistisch ist, ist mir ein Rätsel.

      Das Absurde an der Aussage ist aber, dass sie impliziert, dass es so etwas wie ungerechten Frieden gäbe.

      Das ist einfach nur ein primitiver Zirkelschluss. Man definiert „Gerechtigkeit“ als Ueterusquote.

    • 100% aller Soldaten der Bundeswehr, die bei Kampfhandlungen gestorben sind, waren Männer.
      Ab jetzt nur noch Frauen an die Front, bis da 50/50 erreicht wurde.

      • Ab jetzt nur noch Frauen an die Front, bis da 50/50 erreicht wurde.

        Alternativ könnte man den Feind auch bitten, bevorzugt auf Frauen zu schießen.

  4. Möglicherweise sind Friedensverhandlungen, an denen quotiertes Weibsvolk beteiligt ist, so schwer zu ertragen, dass die Leute eher bereit sind, Probleme und Streitigkeiten zu unterdrücken, um einen neuen Krieg, und folgende neue Verhandlungen, zu vermeiden.

  5. der beste Schutz der Bevölkerung vor Kriegen wären 100% Soldatinnen (als Kanonenfutter) in einem anstehenden Krieg

    kein Staat würde sich trauen Frauen als Kanonenfutter so wie Männer in einem Krieg zu verheizen und auch kein Staat würde sich trauen einen Angriffskrieg gegen eine Frauenarmee zu führen

    man stelle sich nur vor Hindenburg hätte im 1. WK die Devise ausgegeben Frankreich blutet vor Deutschland aus (da Deutschland Bevölkerungsreicher gewesen ist) und hätte diesen menschenverachtenden Krieg so nicht mit einer reinen Männerarmee, sondern mit einer reinen Frauenarmee gegen eine reine Frauenarmee von Frankreich geführt – da würde man noch in 1000 Jahren über die Abscheulichkeit des Herrn Hindenburg sprechen, bei Männern ist es ja egal – sind wie immer selber schuld

    • Also das glaube ich nicht. Weil auch Männer nicht so einfach jemanden töten können/wollen, wird das Töten durch Distanz anonymisiert.
      Der Vorwurf des Verheizens von Frauen im Krieg würde dann eher auf das Land zurückfallen, das die Frauen in den Krieg gesandt hat.

  6. „[…] this study did not count the actual number of women present in any given peacemaking process, instead simply coding for female presence or absence.“
    Und damit ist die Statistik für die Tonne, da z. B. kein Unterschied gemacht wird zwischen Verhandlungen im kleinen Kreis und breit aufgestellten Friedensverhandlungen mit mehr Vertretern. Logischerweise ist bei letzterem die Wahrscheinlichkeit für die Beiteilung mindestens einer Frau höher. Ein Bias durch die Anzahl der Leute am Verhandlungstisch wird also nicht ausgeschlossen.

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