„Gesetz der Penetranz der negativen Reste“

Eine interessante Theorie ist das „Gesetz der Penetranz der negativen Reste„:

Der Philosoph Odo Marquard, Schöpfer des Begriffs, definiert ihn so: Wo Fortschritte … wirklich erfolgreich sind und Übel wirklich abschaffen, da wecken sie selten Begeisterung. Sie werden vielmehr selbstverständlich, und die Aufmerksamkeit konzentriert sich dann ganz und gar auf jene Übel, die übrigbleiben. Da wirkt das Gesetz der zunehmenden Penetranz der Reste: … Wer – fortschrittsbedingt – unter immer weniger zu leiden hat, leidet unter diesem Wenigen immer mehr.

Das passt sehr gut zu den intersektionalen Theorien mit ihrem „Race to the Bottom„, mit ihren Microaggressionen und dem Umstand hinter jeder Kleinigkeit sofort eine unglaubliche Benachteiligung zu sehen.

Wir befinden uns in einer der freiesten Zeiten überhaupt, gerade in den „westlichen Kulturen“. Dennoch klingt es als hätte der „weiße, heterosexuell Mann“ die Hölle auf Erden geschaffen.

 

41 Gedanken zu “„Gesetz der Penetranz der negativen Reste“

  1. Für Menschen, die Leiden zum Geschäftsmodell gemacht haben, gilt das wohl. Für alle anderen kann ich die Theorie nicht nachvollziehen. Hat jemand Beispiele?

    • Die These ist verwandt (aber wie du sagst weniger überzeugend) mit dem, was Douglas Murray „St. George in Retirement“ nennt:
      Wenn dein Ruhm darin gründet, dass du Drachen erschlägst, wirst du dein Leben auf der Suche nach Drachen verbringen, bis irgendwann keine mehr da sind und du wie irre dein Schwert durch die Luft fuchtelst.

      Es gibt eine etwas andere Perspektive, die Colttaine hier ausführt:

      In kurz: Frauen sind evolutionär darauf programmiert, Angst (vor allem um den Nachwuchs aber auch sich selbst) zu haben, um Bedrohungen so früh wie möglich zu erkennen.
      Wenn ein Mustererkenner mit weißem Rauschen gefüttert sind, Muster also de fakto nicht vorhanden sind, wird er trotzdem Muster erkennen. Gesichter in Wolken, Schlangen in Stöckern, Gefahren „wenn man nur das Haus verlässt“.

      • „Wenn ein Mustererkenner mit weißem Rauschen gefüttert sind, Muster also de fakto nicht vorhanden sind, wird er trotzdem Muster erkennen. Gesichter in Wolken, Schlangen in Stöckern, Gefahren „wenn man nur das Haus verlässt“.“

        Das ist exakt die Beschreibung eines typischen Symptoms einer Psychose.

    • Ich bin mit der Politik und Führung unseres Landes notorisch unzufrieden, obwohl ich in einem der wohlhabendsten Länder der Welt lebe und auch persönlich nicht hungern muss.

      Gilt bis zu einem gewissen Grad für Deutsche allgemein.

      • Ich bin mit der Politik und Führung unseres Landes notorisch unzufrieden, weil ich den Eindruck habe, dass Politik und Führung unseres Landes hart daran arbeitet, dass das Land nicht mehr lange zu den wohlhabendsten zählt und weil ich fürchte, nach der Rente hungern zu müssen.

        Weshalb genau du unzufrieden bist, weiß ich natürlich nicht.

        • Das stimmt schon. Bei diesem Beispiel sollte man zwischen dem aktuellen Zustand und den mittel- und langfristigen Perspektiven unterscheiden. Man könnte dann z. B. sagen, dass man aktuell noch zufrieden ist, aber in Bezug auf die mittelfristige Perspektive unzufrieden ist, weil man weiß – oder zumindest davon ausgeht -, dass man in der Politik aktuell das-und-das alles regeln und anstoßen müsste, damit mittelfristig der-und-der Zustand, z. B. ein bestimmtes Wohlstandsniveau, sichergestellt ist.

      • „Ich bin mit der Politik und Führung unseres Landes notorisch unzufrieden, obwohl ich in einem der wohlhabendsten Länder der Welt lebe und auch persönlich nicht hungern muss.“

        Es ist das Gefühl der Machtlosigkeit, gepaart mit dem Eindruck, dass unfähige Gestalten an unserer Zukunft in (scheinbar) unverantwortlicher Weise herumlaborieren. Zumindest bei mir.

        „Gilt bis zu einem gewissen Grad für Deutsche allgemein.“

        Aus meiner Perspektive neigen Deutsche in besonderer Penetranz zu Perfektionismus. Es fällt ihnen schwer einen Synthese oder einen Kompromiss zu akzeptieren, eine Unsicherheit, eine Undefiniertheit, eine Unvorhersagbarkeit, eine menschliche Schwäche.

        Wenn sie glauben, etwas als falsch und verwerflich erkannt zu haben, dann versuchen sie es mit maximaler Gründlichkeit aus der Welt zu schaffen und landen logischerweise bei einem Extrem, welches ebensowenig funktioniert. Faszinierenderweise bauen sie eine Welt, die sie gar nicht wollen, denn gleichzeitig verzehren sie sich nach dem „savoir-vivre“ oder der italienischen Lebensart.

        Vielleicht ist das ein genetisch-kultureller Zwispalt, der aus dem harten Leben in Nordeuropa geboren wurde, in dem Kompromisse und Nachlässigkeit schnell tödlich enden konnten. Es prägt jedenfalls unsere Kultur in besonderer Weise und ist Last und Vorteil zugleich.

    • Weniger mit „Leiden“ aber ich kann mich an einen Artikel bei Slate Star Codex (oder zumindest da verlinkt) erinnern da wurde in ähnlicher Richtung erzählt. So grob ging es darin so:
      Man nehme ein Land, das keinerlei Schulbildung kennt. Entsprechend sind nahezu sämtliche Leute da Analphabeten. Nun beschliesst „jemand“, das muss geändert werden und nimmt Geld in die Hand und baut Schulen, macht Werbung für Lesen etc. pp. Ergebnis sollte wenige überraschen: Die Leute beginnen tatsächlich das Lesen und Schreiben zu lernen und schon nach wenigen Jahren sind die meisten entsprechend fähig!
      Das „Problem“, was man selbst am realen Deutschland sieht, es gibt aber immernoch Analphabeten! Alle Energie, die wir hier schon seit Jahrzehnten reingesteckt haben, scheint nicht für 100% zu reichen!
      Entsprechend „zurück“ zum Beispiel und worauf der Artikel hinauswollte: Wenn man Probleme angeht und bei „0“ beginnt, kann man mit relativ wenigen Mitteln unglaublich viel erreichen. Aber wenn die Prozentzahlen und Erfolge nach oben gehen, wird es immer langsamer und langsamer und für mickrige, kleine Erfolge muss man unglaublich viel Geld und Leistung reinstecken.
      So nach dem Motto: für von 0-90% haben 100 Mio. gebraucht, für 90-95% auch 100 Mio.! Und es wird schlimmer weiter oben!

      So zu diesem „Gesetz“ ist es halt, dass dann all die Erfolge davor „unwichtig“ werden und nur noch das „letzte Fitzelchen“ betrachtet wird und aufgebauscht wird, als ob noch gar nichts erreicht wird!

        • Die Idee der Perfektion ist an sich schon gefährlich. Der Preis den man für 100% zahlt ist nicht nur imAufwand, sondern auch in Einschränkungen zu gross, letztendlich total. Deshalb sollte man nie totale Perfektion fordern, eine solche ist unmöglich zu erreichen.

    • Nur zur Klarstellung: Dass das Maß an subjektiv empfundenen Leiden letztlich annähernd gleich bleibt und eigentlich nur eine entsprechende Kapazität des Menschen wiedergibt, davon gehe ich auch aus. Aber das Bedürfnis nach Leiden verlagert sich mit dem Fortschritt i.d.R. auf andere Bereiche und wird so zum Treiber des Fortschritts an sich.

      • „Dass das Maß an subjektiv empfundenen Leiden letztlich annähernd gleich bleibt und eigentlich nur eine entsprechende Kapazität des Menschen wiedergibt, davon gehe ich auch aus.“

        Ich weiß nicht, ob es so ist, vielleicht. Mir scheint Leiden schwer vergleichbar.

        „Aber das Bedürfnis nach Leiden verlagert sich mit dem Fortschritt i.d.R. auf andere Bereiche und wird so zum Treiber des Fortschritts an sich.“

        Ein wichtiger Punkt, scheinbar gilt das aber nicht für alles oder zumindest für alle, bei einigen scheint das leer zu drehen und sich in unlogischer Weise immer mehr zu steigern, bis hin zu massiven Paradoxien.

    • „Für Menschen, die Leiden zum Geschäftsmodell gemacht haben, gilt das wohl. Für alle anderen kann ich die Theorie nicht nachvollziehen. Hat jemand Beispiele?“

      Helikoptereltern (Vermeiden von Gefahren), das Streben nach Gleichheit und Gerechtigkeit, das Bekämpfen von allem vermeintlich Bösen (Rassismus, Nationalismus, Patriarchat, Faschismus usw.)

      Auch Ordnungsliebe bis hin zum Fanatismus, Beispiel der gelangweilte Rentner, der andere anmault, weil der Rasen 5cm zu hoch steht. Oder das Euphemismus-Karussell, der sinnlose Versuch die Sprache immer sauberer zu bekommen usw.

  2. Ein Beispiel ist hier die „Gewalt gegen Frauen“. Die hat über die Jahrzehnte kontinuierlich abgenommen, aber trotzdem wird heute von Feministinnen von einer Epidemie und Femiziden geschwafelt.

    Auch bei Vergewaltigungen. Wenn die ein so großes Problem sind, warum musste dann immer wieder die Definition erweitert werden?

    • Sehr guter Punkt! Von Feministen wird das oben im Hauptartikel beschriebene Phänomen für Ihre Zwecke ausgenutzt.

      Und das geht so: Man fokussiert die Leute immer wieder auf ein bestimmtes Problem, z. B. sexuelle Belästigung. Nun nimmt dieses Problem aber im Laufe der Zeit immer weiter ab, wird immer weniger häufig. Weil die Leute aber weiterhin auf dieses Problem fokussiert sind und immer weiter fokussiert werden, zählen sie mit der Zeit alle möglichen Phänomene zu diesem Problem, die damit eigentlich gar nichts zu tun haben: die Anwendungsfälle von sexueller Belästigung werden immer zahlreicher, nun zählen eben auch Komplimente von wenig attraktiven Männern zur sexuellen Belästigung, auch das Türaufhalten von Männern für Frauen zählt dazu, usw.

      Ergebnis: sexuelle Belästigung nimmt de facto immer weiter ab – doch in der vermeintlichen Wahrnehmung der Menschen nimmt dieses Problem immer weiter zu: es ist geradezu allgegenwärtig.

      • Ich glaube nicht das Feministinnen da irgendein Phänomen für sich ’nutzten‘. Sie handeln nur entsprechend diesem Gesetz. Wenn es wirklich so schlimm um Frauen bestellt wäre und sie nicht extra erst Microaggressionen erfinden müssen, um Frauen auch weiterhin irgendwie als Opfer hinstellen zu können, wäre doch alles für sie einfacher und sie müssen sich nicht immer wieder neue Mythen ausdenken, die dann bei genauer Betrachtung i.d.R. zeigen das Männer öfter auf die beschriebene Art angebafft werden und das der Großteil der Aggressionen gegen Frauen von anderen Frauen kommt..

  3. Der Odo Marquard war ein cleverer Typ. Leider hat er die Ursache für dieses Phänomen nicht genannt. Man sollte bei allen Projekten – und dazu gehört eben auch die Beseitigung irgendwelcher Übel – vorher genau definieren: was ist das eigentliche Ziel, und wann ist dieses Ziel erreicht? Nach Möglichkeit sollte man das auch irgendwie quantitativ fassen.

    Weil, dann kann man im Verlaufe seines Projektes immer schön kontrollieren, ob dieses vorher definierte Ziel schon erreicht worden ist. Falls nein, ackert man weiter – falls ja, kann man aufhören und ein neues Projekt beginnen.

    Wegen solcher Phänomene, wie Marquard sie beschreibt, ist das Projektmanagement entwickelt worden.

    • „Weil, dann kann man im Verlaufe seines Projektes immer schön kontrollieren, ob dieses vorher definierte Ziel schon erreicht worden ist.“

      Ja, das mag bei Firmen funktionieren, nicht jedoch bei diffusen, über Jahrzehnte stattfindenden Prozessen in Politik und Gesellschaft.

      Wann z.B. ist das Ziel erreicht, dass es keinen Rassismus mehr gibt (ein Ziel welches vorgeblich viele aktuelle Aktivisten anstreben)? Selbst die Messgröße ist ja ausreichend vage, um sie in der Praxis nicht erfassen zu können.

      Wann ist die Gefahr aus dem Alltag verbannt (und sollte man das überhaupt erreichen wollen)? Selbst wenn ich alles super-super-sicher hätte, wird noch jemand an einem Unfall sterben, wird hin- und wieder ein Haus abbrennen etc.

      Wann ist „Wohlstand für alle“ erreicht, obwohl sich die Wahrnehmung desselben ständig ändert und zahlreichen gesellschaftlichen Wechselwirkungen unterliegt?

      • „Ja, das mag bei Firmen funktionieren, nicht jedoch bei diffusen, über Jahrzehnte stattfindenden Prozessen in Politik und Gesellschaft.“

        Wenn man bedenkt, dass für den ganzen Scheiß Millionen und Milliarden an Steuergeldern, also unser aller Geld, mit vollen Händen in den Kamin geschmissen wird, wäre eine politische Zielfestlegung beim Beginnen einer Maßnahme eigentlich absolut verpflichtend. Oder eben vorm Beginn einer Maßnahme eine valide, unabhängig wissenschaftliche Einschätzung der Notwendigkeit. Wir leben z. B. in der heutigen westlichen Welt in einer Gesellschaft, die so wenig rassistisch ist, wie keine Gesellschaft auf diesem Planeten und in der Menschheitsgeschichte. Das ist die Faktenlage. Das, was aber in Endlosschleife politisch propagiert und über Massenmedien pflichtbewusst weitergepumpt wird, ist ein Bild einer Gesellschaft unmittelbar vorm Übergang ins vierte Reich. Ohne sich auch nur eine Sekunde in der Pflicht zu sehen, ihre eigene vollends verbogene Weltsicht mit der Realität abgleichen zu müssen, schmeißt man Unsummen allerlei „Diversity Coaches“ und „Rassismusexperten“ zum Fraß vor. Und die Entscheidung, ob diese noch notwendig sind, überlässt man besagten Personen selber. Ehrlich mal, geht es eigentlich noch dümmer? Fragen unsere Politiker auch einen Versicherungsvertreter, wenn sie eine vertrauenswürdige Einschätzung über die individuelle Notwendigkeit des Abschlusses etwaiger Versicherungen haben wollen? Wahrscheinlich nicht, denn dann ist es ja ihr eigenes Geld, welches sie sehenden Auges verpulvern.

        Warum erscheint eigentlich diese massive Form von Lobbyismus und Nepotismus nie in einem der gerade erst wieder publik gemachten „Schwarzbücher“ des Bundes der Steuerzahler? Haben die nicht die Eier, an einen der größten Steuerverschwendungssümpfe in unserer politischen Welt heranzugehen, weil auch sie befürchten, dann irgendwie „Nazi“ zu sein?

        • „Warum erscheint eigentlich diese massive Form von Lobbyismus und Nepotismus nie in einem der gerade erst wieder publik gemachten „Schwarzbücher“ des Bundes der Steuerzahler?“

          Wahrscheinlich, weil es dabei eben nicht um ein komplett betriebswirtschaftlich fassbares Phänomen geht.
          Was sagt denn der Bundesrechnungshof dazu?

          • Phhh… Du stellst Fragen! 😉

            „Wahrscheinlich, weil es dabei eben nicht um ein komplett betriebswirtschaftlich fassbares Phänomen geht.“

            Das mag schon sein. Wobei es selbst in unmittelbar betriebswirtschaftlichen Rahmen, also direkt in Betrieben selber, auch genug Ausgaben gibt, über die entschieden werden muss, ohne dass sie sich unmittelbar betriebswirtschaftlich beziffern lassen. So z. B. sämtliche Maßnahmen zur Steigerung der Mitarbeiterzufriedenheit. Dennoch werden auch solche nicht unmittelbar bezifferbaren Ausgaben dort ständig neu bewertet und eingeschätzt. Das dürfte vor allem daran liegen, dass Betriebe dafür Geld aufwenden müssen, welches sie woanders SELBER erwirtschaftet haben müssen.

            Wer natürlich politisch nur noch aktivistisch denken kann und dem es vor allem darum geht, selbst als einer der ganz besonders Guten dazustehen, dem fällt es natürlich leicht, ohne Rücksicht auf Verluste Geld für allerlei Kokolores rauszuschmeißen, solange es Geld ist, welches man von anderen ohne eigenes Zutun gestellt bekommt. In einer Welt, in der Strom aus der Steckdose und Wasser aus dem Wasserhahn kommt, da kommt eben auch Geld nur von Konten.

          • Ja, seit dem Rattenexperiment von Calhoun „Universum 25“ 1962 würde ich das auch als Naturgesetz ansehen.

    • @Jochen
      „Leider hat er die Ursache für dieses Phänomen nicht genannt.“

      Der menschliche Naturzustand war immer der Mangel gewesen und daher sind wir als daran angepasste Lebewesen in einem permanten Zustand der Unzufriedenheit. Ist fast so stark wie der Geschlechtstrieb. Die Menschheit hat das Paradies nicht verloren, sondern ist von vorne herein unfähig zu einem solchen!

  4. Ja, ich hatte die Theorie schonmal gehört. Das Gemeine ist, dass man sie gegen alle Verbesserungen anbringen kann.

    Gleichzeitig ist es offensichtlich, dass es so ist! Beispiel Helikoptereltern. Früher rannte das halbe Dutzend eigene Kinder den ganzen Tag unbeobachtet draußen herum, die älteren mussten (mehr oder weniger) mitarbeiten, dauernd starb mal eines oder verletzte sich. Heute wird jede noch so kleine Tätigkeit überwacht, jedes ansatzweise gefährliche Tun unterbunden und das obwohl (abgesehen vom Verkehr) alles sehr viel sicherer geworden ist.

    Aber wie dieser menschlichen Eigenschaft beikommen, ohne alle kontinuierlichen Verbesserungen aufgeben zu müssen? Sie scheint eine Art Gesetz zu sein, welches immer wieder in selbstzerstörerischer Dekadenz mündet und damit einen Zyklus am Laufen hält.

    Wöllte man eine Gesellschaft dagegen immun machen, müsste man eine Möglichkeit schaffen, dem Nachwuchs wirkliche Härten zu vermitteln, schwierig, vor allem, wenn man diesem dabei keiner ernsten Gefahr aussetzen will. Ich habe schon oft darüber nachgedacht, aber noch keinen gangbaren Weg gefunden.

    Es scheint sogar mehrere so psychische Schleifen zu geben, die uns normalerweise nichtmal bewusst werden, die aber immer wieder zum Aufstieg und Fall ganzer Gesellschaften beitragen. Ein nicht selten aus der Not geborenes Imperium, aufgebaut von aufrichtigen, fleissigen Menschen, wird durch die Gier und Überheblichkeit der Nachgeborenen überstreckt, verkommt moralisch, verrät seine eigenen Werte usw. bis es zusammenbricht und einer anderen Kultur Platz macht. Erleben wir auf vielfache Weise ja auch heute wieder. Oder eine ideologische Bewegung wird immer fanatischer, bis zur Selbstzerstörung, weil sie einfach dem Dualismus, aus dem sie entstanden ist, nicht entkommen kann.

    Vielleicht kann man die Sache durch Bildung mindern. Aber selbst das scheint öfter mal ins Gegenteil umzuschlagen, wenn etwa der Vergleich mit der Vergangenheit nicht etwa dazu führt, dass man die Gegenwart in milderem Licht sieht, sondern im Gegensatz die Gefahren noch grotesk vergrößert wahrnimmt, die Angst letztlich also noch steigert, weil man die historische Katastrophe vor Augen hat.

    Jedenfalls sollte man den Menschen diese, nennen wir sie mal „Übersteigerungsgesetze“ vermitteln, damit sie in der Lage sind, sie wenigstens zu reflektieren.

    • Ich glaube, die Zahl der Helikoptereltern hat auch deshalb zugenommen, weil die Zahl der Kinderreichen Familien ab- und die der kinderarmen Familien zugenommen hat. Wer fünf, sechs Kinder hat, hat gar keine Zeit, jedes einzelne zu überwachen. (Außerdem könnte man mutmaßen, dass der Verlust eines einzelnen Kindes dann nicht so ins Gewicht fällt. Das glaube ich persönlich allerdings nicht: Der Schmerz beim Verlust eines eigenen Kindes ist wohl immer immens, ob man nur eins oder sechs hat.) Anekdotische Bestätigung: Meine eine Großmutter war Einzelkind und Jahrgang 1922, und sagte immer „Ich durfte ja nix, weil ich das einzige Kind war“, z.B. hat sie nie Rad fahren gelernt. Es gab also (vielleicht) auch früher schon Helikoptereltern, weil sie typisch sind für Familien mit wenigen Kindern, nicht einfach für die heutige Zeit.

      „Wöllte man eine Gesellschaft dagegen immun machen, müsste man eine Möglichkeit schaffen, dem Nachwuchs wirkliche Härten zu vermitteln, schwierig, vor allem, wenn man diesem dabei keiner ernsten Gefahr aussetzen will. Ich habe schon oft darüber nachgedacht, aber noch keinen gangbaren Weg gefunden.“

      Ich glaube, man braucht vielleicht noch nicht einmal wirkliche Härten. Es würde reichen, dem Nachwuchs etwas zuzumuten, was seine Selbständigkeit fordert. Früher(tm) war es nicht unüblich, dass eine Gruppe deutscher Pfadfinder sich eine Woche alleine, also ohne Erwachsene, und natürlich auch ohne Handy durch Südengland schlug. Solche Erfahrungen von Autonomie gehen der Jugend heute zu oft ab, und heraus kommen Charaktere ohne Ziel und Gespür für die Verhältnisse, unter denen sie leben. Eine Bekannte von mir meinte mal, die Jugendlichen seien heute messbar unreifer als früher. In dem Fehlen solcher Erfahrungen liegt meines Erachtens ein Grund dafür.

      Nebenbei wäre es auch für manche Eltern heilsam, zu sehen, dass ihre Kinder auch alleine klar kommen 😉

      „Jedenfalls sollte man den Menschen diese, nennen wir sie mal „Übersteigerungsgesetze“ vermitteln, damit sie in der Lage sind, sie wenigstens zu reflektieren.“

      Volle Zustimmung, dem kommt Christian ja in seinem Blog gerade in vorbildlicher Weise nach 🙂

      P.S.: Über die Dekadenztheorie beim Fall von Imperien könnte man wohl endlos lange diskutieren, aber wir haben ja gerade erst eine zeitraubende Diskussion hinter uns, deshalb fange ich jetzt nicht damit an 😉

    • „Wöllte man eine Gesellschaft dagegen immun machen, müsste man eine Möglichkeit schaffen, dem Nachwuchs wirkliche Härten zu vermitteln, schwierig, vor allem, wenn man diesem dabei keiner ernsten Gefahr aussetzen will. Ich habe schon oft darüber nachgedacht, aber noch keinen gangbaren Weg gefunden.“

      Unsere Gesellschaft wird ja auch als „postheroisch“ bezeichnet, wobei als Negativbeispiel für „heroische Gesellschaft“ meist der Nationalsozialismus herhalten muss.
      Da das Bedürfnis, als Held zu gelten, aber trotzdem weiterhin vorhanden ist, wird halt per Twitter die Welt gerettet, und immer neue Schurken gefunden.
      Ein Pflichtjahr in Armee, Landwirtschaft, Pflege oder Handwerk/Industrie halte ich zwar für sinnvoll, aber in dieser in Stände und Kasten zerfallenden Gesellschaft nicht mehr für umsetzbar.
      Selbst wenn mans gesetzlich durchbekäme, würden sich wahrscheinlich 50% der Jungendlichen, mit Zustimmung und Unterstützung ihrer Eltern, ein Attest besorgen.

    • Genau! Das kam mir von irgendwoher bekannt vor, aber ich kam nicht auf den Begriff concept creep.
      Danke für die Literaturhinweise!

      Man kann über die ewige Nörgelei lästern, aber irgendwie hängt das direkt mit der Evolution zusammen: wenn ich mit allem zufrieden bin, suche ich nicht nach etwas besserem. Wird natürlich oft nur destruktiv sein. Ich glaube, dieses ewige Nörgeln und die Langeweile, wenn sich nichts ändert, sind grundsätzliche Veranlagungen, ohne die die Menschheit nicht geworden wäre, was sie ist.

      • Ja, wir brauchen kulturelle Krücken, um wenigstens mal zeitweise selbstvergessen sein zu können! Die wichtigste und beste Methode dazu ist die Musik!

  5. „Wer – fortschrittsbedingt – unter immer weniger zu leiden hat, leidet unter diesem Wenigen immer mehr.“

    Früher wollten weissen Männern Säbelzahntiger, Hunnen, und Russen ans Leder, heute nur noch feministische, „antirassistische“ Schneeflöckchen. 🙂

  6. Das kommt mir auch bekannt vor das habe ich sehr viel in meiner Umgebung die Leute nörgeln, beschweren sich, suchen nicht nach was besserem oder einer Lösung… Man muss ja auch nicht nörgeln und negativ gelaunt sein um was Besseres zu erschaffen…
    Das sehe ich nicht so…
    Man kann sich verbessern auch wenn man zufrieden ist mit seinem Leben…

  7. Vielen Dank dafür, dass ich wieder einmal etwas von meinem philosophischen Lehrer Odo Marquard erfahren durfte. Ich habe ihn in bester Erinnerung. Er war sehr phantasievoll, gelassen und auf eine anrührende Weise freundlich.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.