Scheide oder Vulva, macht es einen Unterschied?

Wiederholt gab es Artikel oder Äußerungen von Feministinnen, die anführten, dass es ungemein wichtig sei, dass man statt Scheide Vulva sagt. Jetzt gab es bei Pink Stinks noch mal einen entsprechenden Artikel, den ich mal zum Anlass einer Besprechung des Themas nehme:

Meine Tochter will nicht Vulva sagen. Wenn ich von Vulva spreche, sagt sie mir, sie mag das Wort nicht und sagt lieber weiter Scheide. „Aber das, was du von außen sehen kannst, heißt Vulva.“, sage ich ihr. Ist ihr aber egal. Sie findet Scheide schöner.

Jetzt frage ich mich einiges. Erstens, was ich jetzt mache. Ich kann sie ja schlecht zwingen, ihre Körperteile anders zu nennen, als sie das will. Her body, her rules.

Das allein finde ich schon wenig nachvollziehbar. Warum will man seiner Tochter unbedingt bestimmte Worte aufzwängen? Und in der Tat klingt Vulva zum einen sehr merkwürdig und wäre auch zum anderen etwas, was man in Gesprächen wohl eher pausenlos noch mal erklären müsste, wozu auch keiner Lust hat. Wobei: Die allermeisten Gespräche kommen ja vollkommen ohne Genitalien aus. Es ist ein Bereich, über den so wenig im Alltag geredet wird, dass man dafür eigentlich keinen Streit um besondere Bezeichnungen braucht. Ein Mehrwert ist schon deswegen für mich äußerst schwer zu erkennen.

Zweitens frage ich mich, wie viel Verantwortung an dieser Fehlbenennung ich trage. Ich habe nämlich auch sehr lange Scheide zu Vulva gesagt. Weil ich es nicht besser wusste – und auch nicht besonders ausführlich beigebracht bekommen habe. In meiner Kindheit hatten Jungs einen Penis und das, was wir Mädchen hatten, war „Scheide“, oder, noch häufiger, einfach das „da unten“.

Es ist wohl Zeit etwas in die Definitionen zu gehen:

Vulva (Mehrzahl: Vulven, lateinisch vulvae; auch Pudendum femininum „weibliche Scham“) bezeichnet die Gesamtheit der äußeren primären Geschlechtsorgane weiblicher Säugetiere und besteht aus dem Venushügel, den Schamlippen und der Klitoris. Im Unterschied zur Tieranatomie wird bei der Frau auch der Scheidenvorhof zur Vulva gezählt. Von diesem führt die Scheide (Vagina) ins Innere zur Gebärmutter (Uterus) und die kurze Harnröhre (Urethra feminina) zur Harnblase (Vesica urinaria). Im Allgemeinen werden große Bereiche der Vulva durch das Schamhaar bedeckt (Pubes, Crinis vulvae), das sich mit Beginn der Pubertät als Teil der Körperbehaarung und somit als sekundäres Geschlechtsmerkmal herausbildet.

Außerhalb der medizinischen Fachsprache wird die Vulva auch fälschlicherweise als „Scheide“ oder „Vagina“,[1] zuweilen auch als „äußere Scheide“[2] bezeichnet. Ein medizinisch ebenfalls eingeführtes,[3] in literarischer oder gehobener Alltagssprache gebrauchtes Fremdwort ist Cunnus (Mehrzahl Cunni), das in der klassischen lateinischen Literatur jedoch vorwiegend als obszöner Ausdruck oder mit erotischen Konnotationen gebraucht wurde.[4]

Da merkt man schon, dass es letztendlich nur ein Unterschied zwischen der medizinischen Fachsprache und der Umgangssprache ist. Das ist alles. Insofern ist „Scheide“ eben auch nicht wirklich falsch, Umgangssprache und Fachsprache weichen nur voneinander ab. Der Erklärungsinhalt ist der gleiche.
Feministinnen meinen nun wohl, dass Frauen sich ihr Genital bewußter machen, wenn sie statt Wort1 das Wort2 gebrauchen. Das ist aus meiner Sicht schon eine gewagte These. Warum sollten sich bei dem Austauschen eine Wortes  in der Sichtweise viel ändern? Frauen, die vorher genau wissen wollten, was da unten los ist, werden sich informiert haben, Frauen, denen das egal ist eben nicht.

Natürlich besteht auch das männliche Sexualorgan nicht nur aus dem Penis. Der Hoden gehört ja auch noch dazu, geht aber ebenso sprachlich unter. Aber bei Männern sieht sie wohl darüber hinweg, weil da eh alles anschaulicher sit.

 Mein „da unten“ war nur das gegengleiche Bauteil für den erigierten Penis, damit es Kinder gibt, aber ich sollte verdammt noch mal aufpassen, nicht schwanger zu werden, weil das wäre dann meine Schuld. Wie das mit meiner Anatomie oder meiner eigenen Erregung war, interessierte keinen. Das musste ich mir selbst beibringen. Was ich bisweilen schwierig fand, weil weibliche Lust ja nicht überall den besten Ruf hat, geschweige denn überhaupt als notwendig angesehen wird, im Alltag wie in der Forschung. Die wirkliche Größe der Klitoris wurde zum Beispiel erst entdeckt, da war ich schon fast mit dem Grundstudium fertig. Und noch viel später erst lernte ich, dass es eben gar nicht Scheide heißt, sondern Vulva. Als ich dann anfing, Vulva zu sagen, klang das vermutlich so ähnlich, wie wenn ich früher im Deutschunterricht das Versmaß geraten habe: Jambus? Trochäus? Daktylus? Aber während ich nach der Schulzeit das Versmaß nie wieder gebraucht habe, waren meine Vulva und meine sexuelle Emanzipation mein ganzes Leben lang wichtige Begleiterinnen. Das war manchmal ziemlich enttäuschend und krampfig und anstrengend.

Und das alles, dieses Unwissen über ihre Genitalien, leitet sie ernsthaft aus dem falschen Wort her. Das finde ich erstaunlich. Ich glaube auch nicht, dass mangelnde Anatomiekenntnisse weibliche Lust so stark behindern. Und das weibliche Lust als unnötig angesehen wird halte ich auch für ein Gerücht.

Aber das Sagen eines neuen Wortes und der damit verbundene Distinktionsgewinn spielt in feministischen Theorien ja ohnehin eine große Rolle. „Ich sage Vulva, also bin ich in meiner Sexualität weiter und besser informiert“ ist aber eigentlich eine bescheuerte These. Eher ist es „Femismsplaining“ Frauen zu erklären, dass sie keine wahre Lust empfinden solange sie ihre Vulva unmedizinisch Scheide nennen.

Ich wünsche mir, dass das bei meiner Tochter entspannter läuft. Dass für sie „da unten“ von Anfang an eine Region ist, in der sie sich gut auskennt. Ich wünsche mir, dass sie zum Beispiel weiß, dass Vulven ganz ganz verschieden aussehen können und jede ganz normal und schön ist.

Und das kann sie nur, wenn sie statt Scheide Vulva sagt! Sonst wird ihr dieses Wissen auf ewig verschlossen sein!

Ist das im übrigen heute noch ein Geheimwissen? Wer sich Genitalien anschauen will findet ja heute im Internet genug Material. Und das auch, wenn er nicht Vulva als Suchbegriff eingibt.

Und dass sie sich keine Sorgen über beknackte Schönheitsideale oder Mythen machen wird. Was es da für ein Scheiß gab und gibt, ist wirklich unglaublich. Nur zwei von vielen Bullshit-Beispielen: Uns wird suggeriert, dass zu lange innere Schamlippen und sowieso jede Vulva, die nicht aussieht wie ein genormtes Industriebrötchen, falsch und hässlich ist. Uns wird erzählt, dass der erste Sex nach einer vaginalen Geburt so sei, als würde man eine Salami in den Flur werfen, damit wir uns besorgt fragen, wie wir unsere Vagina schnell wieder eng kriegen, anstatt uns ausgiebig dafür zu feiern, dass unser phänomenaler Körper einen Menschen gebaut und geboren hat.

Auch das hat mit dem Wort nichts zu tun. Aber natürlich gibt es hübschere und hässlichere weibliche Sexualorgane, wobei das letztendlich der geringste Punkt ist, um die eine Frau sich sorgen machen muss. Wenn wir dort angekommen sind, dann wird das sehr sehr selten ein Problem sien.

Das Schwangerschaften ihre Folgen haben kann liegt dann eher an einer geweiteten Beckenbodenmuskulatur, die ja auch zu diversen anderen Problemen führen können, etwa einer gewissen Inkontinenz. Beckenbodentraining kann da eine sehr nützliche Sache sein, auch für die Lust der Frau.

Und natürlich kann man auch den neuen Menschen feiern und gleichzeitig auch andere Probleme in den Griff bekommen wollen.

Aber das scheint mir auch wieder so ein typisches feministisches Denken zu sein: Es ist bei vielen Frauen so also darf es nicht sein, dass Anforderungen an Frauen gestellt werden oder es zu einem Problem, gegebenenfalls auch aus Sicht der Frauen, gemacht werden.

Also: Ich finde mich und meinen Körper nicht mehr falsch wegen patriarchal konstruierter Makel. Dazu gehört für mich auch, Vulva und nicht Scheide zu sagen. Weil es richtig ist und weil es so falsch war, sie so lange unwichtig zu finden. Ich versuche, weiter dazu zu lernen und darüber nachzudenken, wie ich dazu beitragen kann, dass alle Menschen sich mögen, gesehen und respektiert fühlen können. Meine Tochter zum Beispiel. Wegen mir kann sie erstmal weiter Scheide sagen. Aber ich werde mit Vulva antworten und sie weiter fröhlich mit Wissen und Namen und Selbstbewusstsein versorgen.

Unterhalten sich Mütter und Töchter so häufig über Scheiden?
Aber es ist schon erstaunlich, woraus man so alles einen Kampf für die bessere Welt herleiten kann.