Selbermach Samstag 308 (19.09.2020)

Welche Themen interessieren euch, welche Studien fandet ihr besonders interessant in der Woche, welche Neuigkeiten gibt es, die interessant für eine Diskussion wären und was beschäftigt euch gerade?

Welche interessanten Artikel gibt es auf euren Blogs? (Schamlose Eigenwerbung ist gerne gesehen!)

Welche Artikel fandet ihr in anderen Blogs besonders lesenswert?

Welches Thema sollte noch im Blog diskutiert werden?

Für das Flüchtlingsthema oder für Israel etc gibt es andere Blogs

Ich erinnere auch noch mal an Alles Evolution auf Twitter und auf Facebook.

Es wäre nett, wenn ihr Artikel auf den sozialen Netzwerken verbreiten würdet.

Wer mal einen Gastartikel schreiben möchte, auch gerne einen feministischen oder sonst zu hier geäußerten Ansichten kritischen, der ist dazu herzlich eingeladen

„Ist das Konzept Monogamie veraltet?“

Ein Artikel in der Jetzt beschäftigt sich mit Monogamie und polyamorie.

Erst werden ein paar idyllische Beschreibungen von nichtmonogam lebenden Paaren geschildert. Und dann folgt die Zusammenfassung und Problemstellung:

Dafür habe ich mit vielen Paaren wie Livia und Thomas gesprochen. Menschen, die Treue anders definieren. Lehrerinnen und Ingenieure und Tänzer und Studenten. Manche davon sind 20, manche fast 50 Jahre alt. Manche sind erst kurz zusammen, andere schon 15 Jahre. Manche brechen in kurzen Abenteuern aus ihrem vertrauten Liebesleben aus. Sie nennen ihre Beziehung „offen“. Andere leben dauerhaft Dreiecks-Konstellationen. Sie bezeichnen sich als „polyamor“, viel-liebend. Manche vermeiden alle Etiketten.

Eines aber haben sie alle gemein: Sie sind glücklich miteinander. Zumindest meistens. Genau wie in „normalen“ Partnerschaften führen sie mehr oder weniger feste, stabile Beziehungen. Aber eben ohne Dritte grundsätzlich auszuschließen. Obwohl sie sich lieben? Oder gerade weil sie sich lieben? „Wenn du wirklich aneinander glaubst, ist diese schonungslose Offenheit die höchste Form der Liebe“, sagt einer von ihnen. Hat er Recht?

Ich finde das ja bemerkenswert naiv oder ideologisch dargestellt. Denn natürlich gibt es genauso polyamore Beziehungen, die kaputt gehen, die an Eifersucht zerbrechen, bei denen einer der stärkere ist und der andere mitmacht, vielleicht in der Hoffnung, dass es eine Phase ist, die sich legt, bis er keinen Bock mehr hat.

Und „schonungslose Offenheit“ ist ja eine nette Sache, aber es ist mitunter auch nur Macht.

Die Monogamie ist, was die nackten Zahlen angeht, ein Desaster. Fast jede zweite Ehe in Deutschland wird geschieden, Tendenz steigend. Unsere Beziehungen halten durchschnittlich vier Jahre. Rund die Hälfte der erwachsenen Deutschen ist schon einmal fremdgegangen. Affären sind der häufigste Grund für Scheidungen. Kein Wunder: Ihre sexuellen Wünsche sehen über die Hälfte in ihrer Partnerschaft nicht erfüllt. Monogamer Alltag ist: Lügen, betrügen, verletzen, verlassen.
Ich bezweifele, dass die meisten Menschen in Polyamoren Beziehungen glücklicher wären. Weil es eben beständige Konkurrenz bedeutet. Nicht im Idealfall, da muss  ja keiner eifersüchtig sein. Aber abseits des Normalfalls bedeutet es, dass der neue Partner hübscher, interessanter, besser sein kann und man sich noch nicht einmal wirklich beschweren kann, dass der Andere sich mit ihm trifft.
Es kann bedeuten, dass einer polyamor ist und der andere keine anderen Sexpartner bekommt oder haben will.
Ich kann mir vorstellen, dass es einige gibt, für die es ideal ist. Menschen sind verschieden. Aber selbst wenn es für bestimmte Leute die beste Lebensart ist oder selbst wenn alle polyamor lebenden Leute glücklich sind bedeutet das nicht, dass es für andere auch funktioniert.
Dann geht es in die unterstützende Literatur, die Monogamie für überholt halten soll:

Das behaupten neben Johansson auch viele Anthropologen. „The Myth of Monogamy“ heißt das Buch von David P. Barash, Professor für Psychologie in Washington, und seiner Frau Judith Eve Lipton, einer Psychiaterin. Darin weisen sie nach: Monogamie ist, quer durchs Tierreich und damit auch für uns Menschenaffen, nicht die Normalität.

Sie haben natürlich recht, dass Monogamie nicht die Normalität ist, aber natürlich gibt es monogame Tiere. Es sei hier zB auf die Gibbons als Affen verwiesen, die monogam leben.
Monogamie findet sich dort, wo man zwei Elternteile braucht um das Kind aufzuziehen. Geht das auch alleine hat bei Säugetieren der Vater den Vorteil, dass er sich nach dem Sex absetzen kann und die Kosten und die Arbeit der Kindererziehung auf die Mutter abwälzen kann.

Wenn aber beide Arbeit investieren, dann ist nichts wichtiger als die Vatersicherheit. Solange die nicht hoch ist lohnt es sich für den Mann nicht zu investieren. Daraus entsteht eine (serielle) Monogamie (ggfs mit Seitensprungoption).

Abgesichert wird diese über eine Liebeschemie. Tiere ohne Paarbindung können eine solche nicht entwickeln, es bringt ihnen ja nichts. Wir Menschen haben aber eine.

Christopher Ryan und Cacilda Jethá – er Evolutionspsychologe, sie Ärztin – schreiben in ihrem Bestseller „Sex – die wahre Geschichte“: Als sich unsere Sexualität über Jahrhunderttausende ausformte, in den Jäger und Sammler-Kulturen der Steinzeit, lebten wir keineswegs monogam. Weil uns die Evolution anders konstruierte. Woher sie das wissen wollen? Die Indizien sind zahllos.

Da ist wieder „Sex at Dawn“ (der Originaltitel). Ich hatte dazu schon einmal in ein paar Artikeln geschrieben. So etwas wie die Vaterwahrscheinlichkeit blendet er dort vollkommen aus. Ebenso die Liebeschemie. Man merkt, dass Evolutionsbiologie nicht gerade sein Hauptgebiet ist („He received a B.A. in English and American literature in 1984, and an M.A. and Ph.D. in psychology from Saybrook University, an accredited hybrid low-residency/online learning program based in San Francisco, twenty years later“)

Zum Beispiel das spermienfeindliche vaginale Milieu, oder besser: das spermienselektive. Es filtert den einen Eindringling heraus, der es wert ist, die Eizelle zu befruchten. Weswegen die Evolution den Männern wiederum Spermien mitgegeben hat, die wie eine Fußballmannschaft darauf spezialisiert sind, die Hindernisse zu überwinden und gegnerische Spermien auszuschalten. Das wichtige, wenn auch hässliche Stichwort dabei ist: „Spermakonkurrenz“. Die wichtigste Selektion des Erbgutes soll von der Natur nicht wie heute vor dem Sex, sondern nach dem Sex, im Körper der Frau eingeplant worden sein.

Die Theorien der Spermienkonkurrenz, die unter anderm in dem Buch „Sperm Wars“ vertreten werden, haben sich meines Wissens nach als falsch herausgestellt.
Ich verweise mal auf diese Studie:

No evidence for killer sperm or other selective interactions between human spermatozoa in ejaculates of different males in vitro

This study examines one of the possible mechanisms of sperm competition, i.e. the kamikaze sperm hypothesis. This hypothesis states that sperm from different males interact to incapacitate each other in a variety of ways. We used ejaculates from human donors to compare mixes of semen in vitro from the same or different males. We measured the following parameters: (i) the degree of sperm aggregation, velocity and proportion of morphologically normal sperm after 1 and 3 h incubation in undiluted semen samples, (ii) the proportion of viable sperm plus the same parameters as in (i) in ‘swim–up’ sperm suspensions after 1 and 3 h incubation, (iii) the degree of self and non–self sperm aggregation using fluorescent dyes to distinguish the sperm of different males, and (iv) the extent of sperm capacitation and acrosome–reacted sperm in mixtures of sperm from the same and different males. We observed very few significant changes in sperm aggregation or performance in mixtures of sperm from different males compared with mixtures from the same male and none that were consistent with previously reported findings. The incapacitation of rival sperm therefore seems an unlikely mechanism of sperm competition in humans.

Einen guten Überblick zur Kritik an dem Buch findet man auch hier
(Klarstellend: Ich fand Sperm Wars beim Lesen auch super überzeugend, bis mich ein Kommentator hier im Blog eines besseren belehrt hat, ich finde aber die Diskussion gerade nicht, insofern noch einmal vielen Dank für die Belehrung)

So ergibt einiges – die männlichen Hoden, die weiblichen Lustschreie, unser auf der Welt einmaliger sexueller Appetit – mehr Sinn in einer promiskuitiven, „freien“ Sexualität.

Dazu hatte ich schon was:

Und einmaliger sexueller Appetit? Das ist ja sehr relativ. Im Vergleich zu Gorillas durchaus. Im Vergleich zu Bonobos eher nicht.

 

Vermutlich verliebten wir uns auch in der Höhle ineinander, zeugten Kinder, hielten zusammen. Aber eben nicht exklusiv. Und nur auf Zeit. Für die typische Horde von bis zu 150 Individuen war es vermutlich besser, wenn sich nicht einzelne Familien bildeten, sondern die gesamte Gruppe durch sexuelle und biologische Beziehungen, durch Kinder und Viel-Liebe verbunden war.

Nur das es eben dann keinen Grund mehr gibt sich zu verlieben. Es wäre in einer Lage, wo jeder es mit jedem treibt sogar eher schädlich. Für die Männer wäre es eine Verschwendung von Möglichkeiten und Ressourcen. Und für die Frauen würde jeder Grund wegfallen sich mit einem „Statusniedrigen“ abzugeben, wenn der Statushöhere nur Sex investieren muss und das normal wäre.

Deshalb existiert das Konzept der direkten Vaterschaft nicht bei Naturvölkern, die heute noch als Jäger und Sammler leben. Sie glauben an die „akkumulative Schwangerschaft“. Wenn eine Frau schwanger werden will, sammelt sie genug Sperma, und zwar von mehreren Männern, um deren gute Eigenschaften auf ihr Kind zu vereinen. Und alle Männer kümmern sich um alle Kinder. So leben die meisten der menschlichen Gesellschaften und Naturvölker auf diesem Planeten nicht-monogam. Nur wir großen, modernen, westlichen Horden tun seit Jahrtausenden so, als wäre es die einzig wahre Art zu leben
Ein einziger Stamm hat das Konzept des „Spermaansammelns“. Und es gibt Gründe dafür, dass er noch als Jäger und Sammler lebt. Es gibt aber keinen Beleg dafür, dass das jemals ein vorherrschendes Modell war. Es kann sich in einem kleinen abgelegenen Stamm halten, der einen hohen Verwandschaftsgrad hat, aber ist sonst nicht wirklich konkurrenzfähig.
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Manche sehen das als Folge des „schlimmsten Fehlers der Menschheit“. So bezeichnet Jared M. Diamond, Evolutionsbiologe und Pulitzer-Preisträger, die Sesshaftwerdung. Sie gilt als Geburtsstunde der Monogamie. Wenn man nach einem Leben voller Mühsal den Hof vererbt, will man Kuckuckskinder ausschließen. Die „Nuklearfamilie“ – also Vater, Mutter, Kind(er) – entsteht als kleinste soziale Einheit, die große Gesellschaften und ihren Fortschritt erst ermöglicht.

Jared Diamond führt aus, dass es damals eine überaus harte Zeit war, die mit Krankheiten etc einherging. Aber er führt ebenso aus, wie sie zur Zivilisation geführt hat, zur Möglichkeit Spezialisten auszubilden, die andere Tätigkeiten hatten als Essen zu besorgen und damit Wohlstand schafften.

Deshalb leben wir seitdem in einem ständigen Konflikt zwischen unserer Natur und unserer Kultur. Um ihn zu lösen, wollen wir Selbstoptimierer heute immer noch reflektierter sein, noch besser kommunizieren, noch mehr Sex-Spielzeug kaufen. Bloß um nicht das zu tun, was unsere Natur uns einflüstert.

Es ist etwas anderes deutlich zu machen, dass die Monogamie deswegen in so starke Regeln eingebunden ist, weil es biologisch interessant ist andere Möglichkeiten für Sex zu nutzen.

Aber natürlich bietet auch die Monogamie sehr viele biologische Vorteile, sie erlaubt überhaupt erst die gemeinsame Kinderbetreuung, die gerade bei den Menschen sehr wichtig ist, wegen der langen Unselbständigkeit des Kindes und der Einschränkungen der Schwangerschaft und der Geburt.

Natürlich sind wir nicht der Biologie nach absolut monogam, aber schon gar nicht sind wir das gegenteilige Extrem