„Wie könnte eine feministische Stadt aussehen?“

Der Spiegel berichtet, wie eine feministische Stadt aussehen könnte:

Es kommt im wesentlichen der Vorhalt, dass die Interessen von Frauen nicht hinreichend berücksichtigt werden, weil zuwenig Frauen in die Städteplanung involviert werden. Was also läuft falsch?

Eine Trennung in Wohn-, Markt-, Geschäftsviertel oder Industriegebiete in Städten ignoriert den Alltag von Frauen, die häufig Beruf und andere Aufgaben wie Kinderbetreuung ausbalancieren müssen. Meist sind sie gezwungen, lange Wege zwischen Wohnungen, Kindergärten, Parkanlagen, Schulen, Dienstleistern wie Ärzten und Arbeitsplatz zurückzulegen.

Ìnteressant finde ich zunächst, dass sie in die erwünschte „Nichttrennung“ Industriegebiete aufnehmen. Industriegebiete werden normalerweise gesondert gehalten, weil sie Lärm und Abgase produzieren. Wer neben einem großen Stahlwerk wohnt, der hat eben immer wieder Geräusche von Hämmern, Pressen, Walzen, Schwertransportern, Gabelstaplern, die piepend rückwärts fahren oder lautstark ihre Ware abladen, etwa Metallreste in eine dafür bestimmte Mulde kippen. Ich kann mir nicht vorstellen, das Frauen da gerne daneben wohnen. Es hat also schon seinen Sinn, dass sie in bestimmte Gebiete, in denen etwa ein Schallschutz gewährleistet ist, verlegt werden. Wobei Stahlwerke wohl ein schlechtes Beispiel ist, da arbeiten ja dann hauptsächlich Männer.

Die meisten Frauen dürften auch Geschäftsviertel mögen, nur eben als Kundinnen, wenn sie ohne große Entfernungen zu überbrücken von einem Geschäft ins andere gehen können.

Und Dienstleister können eh auch in Wohngebiete zugelassen werden, siehe etwa $ 4 BauNVO:

§ 4 Allgemeine Wohngebiete
(1) Allgemeine Wohngebiete dienen vorwiegend dem Wohnen.
(2) Zulässig sind1.
Wohngebäude,
2. die der Versorgung des Gebiets dienenden Läden, Schank- und Speisewirtschaften sowie nicht störenden Handwerksbetriebe,
3. Anlagen für kirchliche, kulturelle, soziale, gesundheitliche und sportliche Zwecke.
(3) Ausnahmsweise können zugelassen werden1.
Betriebe des Beherbergungsgewerbes,
2. sonstige nicht störende Gewerbebetriebe,
3. Anlagen für Verwaltungen,
4. Gartenbaubetriebe,
5. Tankstellen.

Die Arztpraxis kann also in einem Wohngebiet ebenso betrieben werden, wie Kleidungsläden etc.
Nur wollen die meisten Läden eben in ein Gebiet mit einem möglichst großen Kundenstrom, etwa die Fußgängerzone der Innenstadt.

Frauen sind zudem mehr als Männer auf öffentliche Transportmittel angewiesen – doch die bringen sie selten nahtlos von einem Ort zum anderen, was nicht nur Zeit kostet, sondern auch ihre Sicherheit beeinträchtigt. Städte investieren meist mehr in den Ausbau von zentralen Straßen statt in Fußwege und öffentliche Verkehrssysteme.

Da fehlen mir jetzt abgesicherte Statistiken, aber die meisten Frauen, die ich kenne, haben durchaus Zugriff auf PKWs.

Was ich gefunden habe:

Der VCÖ hat vorhandene Daten von Statistik Austria und von Mobilitätserhebungen der Bundesländer analysiert. So fahren 28 Prozent der Frauen und nur 24 Prozent der Männer täglich oder mehrmals die Woche mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Während in Österreich 40 Prozent der Frauen nie mit Öffis fahren, sind es bei den Männern 44 Prozent. Die Mobilitätserhebung des Landes Vorarlberg hat gezeigt, dass Frauen etwa um ein Sechstel mehr Wege mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren als Männer. In Wien ist der Anteil der mit Öffis zurückgelegten Strecken bei Frauen um ein Siebtel höher als bei Männern.

Das scheint mir jetzt kein super großer Unterschied zu sein und mag auch daran liegen, dass Männer insgesamt weniger verschiedene Fahrten machen, weil sie eben ganztags Arbeiten.

Ich habe auch nichts gegen einen Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel, aber es dann wieder nur an Frauen festzumachen scheint mir bei diesen Zahlen schon ein falscher Ansatz. Interessant wäre auch, welche Frauen und Männer eher die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen und zu welchen Anlass. Sind es eher junge und Renter? Ist es die Hausfrau für ihre Einkünfte?

Auch Baumaßnahmen wie Unterführungen können zwar den Verkehr besser fließen lassen – für Frauen sind solche uneinsehbaren Tunnel aber unangenehm, bei sexuellen Übergriffen verwandeln sie sich in eine Falle. Ohne Aufzüge oder Rolltreppen sind sie zudem eine Barriere für Mütter mit Kinderwagen.

Barrierefreiheit wäre da für den letzten Teil wohl das Stichwort und eine moderne Stadtplanung berücksichtigt das heute ohne weiteres. Sowohl wegen der Behinderten als auch wegen Kinderwagen. Auch da ist es eigentlich recht vermessen, dass Feministinnen meinen, dass nur Frauen auf die Idee kommen, dass auf solchen Wegen Kinderwagen geschoben werden müssen.  Gut, teilweise geht es dort um Indien, wie es dort steht ist schwer zu sagen.

Wie also könnte sie aussehen, eine faire Stadt? „Eine feministische Stadtplanung wäre eine, bei der die unbezahlte Care-Arbeit anerkannt und bezahlt wird und Bedürfnisse von Frauen im Design und auch bei Budgetentscheidungen berücksichtigt werden“, sagt Kern. Städte, die Gender Mainstreaming betreiben, kalkulieren bei allen Vorhaben die unterschiedlichen Auswirkungen auf die Lebenssituationen von Frauen und Männern. Dazu zählt etwa der Ansatz, Frauen vor Bauvorhaben zu ihrer Situation und ihren Wünschen zu befragen.

Was hat es mit Städteplanung zu tun, dass „unbezahlte“ Care-Arbeit anerkannt und bezahlt wird? Zum einen ist sie in vielen Fällen nicht unbezahlt, sie wird innerhalb der Familie finanziert, meist über eine Erwerbsarbeit des Mannes. Sonst aber auch durch staatliche Unterstützung. Es ist schon erstaunlich, dass Feministinnen gleichzeitig vom Aufbrechen der Geschlechterrollen träumen, aber andererseits die weibliche Carearbeit über die Bezahlung als Job verfestigen wollen. Das zementiert ja dann eher die Geschlechterrollen wieder.

Öffentliche Transportsysteme müssten Kern zufolge verändert und ausgebaut sowie mehr Wohnmöglichkeiten geschaffen werden – auch Alternativen zur traditionellen Kernfamilie. Co-Housing-Optionen, in der mehrere Alleinerziehende und Familien zusammenleben und viel kollektiven Raum teilen und sich etwa beim Kochen, bei der Kinderbetreuung und anderer Hausarbeit abwechseln, könnten Frauen entlasten.

Co-Housing sind ja interessante Projekte, aber wollen die Menschen das im großen Stile? Ich habe meine Zweifel. In gewisser Weise hat man ja in einem Mehrparteienhaus schon ein gewisses „Co-Housing“ und sicher wird da, wenn man sich gut versteht, auch mal der Nachbar die Kinder betreuen. Und eine klassischere Form des „Co-Housing“ ist natürlich bei den Eltern etwa in das Obergeschoß einzuziehen. Aber ob nun viele Familien mit einer Alleinerziehenden zusammen leben wollen wäre eine andere Sache. Die Kommune hat doch einiges an Attraktivität verloren. Zumal es ja auch nicht so einfach ist, wenn dann die Alleinerziehende doch wieder auszieht und man sich für ihren Wohnbereich eine Nachalleinerziehende suchen muss. Ich denke es gibt gute Gründe dafür, dass diese Modelle eher auf dem Papier stehen als in der Praxis weitflächig umgesetzt werden.

Die feministische Stadt ist bisher noch eine Utopie, aber viele Städte weltweit experimentieren mit kleineren Interventionen, wie Toiletten für obdachlose Frauen, mobilen Teams gegen häusliche Gewalt oder eben Ampelfrauen. „Der Wandel zur feministischen Stadt wird nicht einfach von oben kommen, von Städteplanern und Politikern“, glaubt Kern. Oft treiben Frauen, aber auch zivilgesellschaftliche Organisationen Veränderungen mit ihren Initiativen voran.

Toiletten für obdachlose Frauen? Wie begrenzt man die nach Geschlecht? Und warum nur für Frauen? Und das Ampelfrauen überhaupt etwas bringen wage ich auch zu bezweifeln.