Selbermach Samstag 300 (25.07.2020)

Welche Themen interessieren euch, welche Studien fandet ihr besonders interessant in der Woche, welche Neuigkeiten gibt es, die interessant für eine Diskussion wären und was beschäftigt euch gerade?

Welche interessanten Artikel gibt es auf euren Blogs? (Schamlose Eigenwerbung ist gerne gesehen!)

Welche Artikel fandet ihr in anderen Blogs besonders lesenswert?

Welches Thema sollte noch im Blog diskutiert werden?

Für das Flüchtlingsthema oder für Israel etc gibt es andere Blogs

Ich erinnere auch noch mal an Alles Evolution auf Twitter und auf Facebook.

Es wäre nett, wenn ihr Artikel auf den sozialen Netzwerken verbreiten würdet.

Wer mal einen Gastartikel schreiben möchte, auch gerne einen feministischen oder sonst zu hier geäußerten Ansichten kritischen, der ist dazu herzlich eingeladen

Veraltete Vorstellungen oder Begriffe in Kinderbüchern

Fräulein Schmidt liebt Kinderbücher, auch wenn es momentan natürlich noch eher Bilderbücher sind, mit recht wenig Text. Sie liebt auch diverse Kinderlieder, die es glücklicherweise auch mit sehr schön gemachten Videos auf Youtube gibt. Davon darf sie ab und zu zur Belohnung oder vor dem Schlafengehen welche sehen.

Dabei ist mir – sensibilisiert für das Thema – natürlich schon aufgefallen, dass verschieden Anpassungen vorgenommen worden sind, um etwa Lieder an die heutige Zeit anzupassen.

Das sind teilweise kleine Anpassungen bei denen ich mir mitunter denke, dass sie radikaleren Kreisen keineswegs ausreichen würden: So gibt es beispielsweise eine Videoversion des Liedes „Ein Mann, der sich Columbus nannt“, bei dem die „Wilden“ („Ist dies vielleicht Amerika? da schrien alle Wilden ja!“) inzwischen „Ureinwohner“ heißen.

Natürlich wäre das Lied dennoch für „Woke“ bereits eine Verklärung von Columbus, der dann eher als weißer Massenmörder dargestellt werden müsste.

Passenderweise gab es gerade einen Artikel dazu, der es einfacher macht das Thema noch einmal zu besprechen:

Christiane Kassama kann von Kindergärten gebucht werden um eine diskriminierungssensible, rassismuskritische Frühbildung von Kindern in Kita und Vorschule sicherzustellen und berichtet in einem Interview über ihre Arbeit:

 Viele Bilderbücher transportieren unbewusst Klischees und damit Rassismus. Kinder, die von Rassismus betroffen sind, identifizieren sich damit und weiße Kinder wachsen mit dieser Einstellung unbewusst auf.

ZEIT ONLINE: Welche Bücher sind es in den Kitas, die ins Altpapier müssen?

Kassama:Jim Knopf wird leider noch oft gelesen. Jim Knopf reproduziert viele Klischees, zum angeblich typischen Wesen und Äußeren von Schwarzen. Jim Knopf ist so, wie sich Weiße ein lustiges, freches, schwarzes Kind vorstellen.

Ich muss zugeben, dass Jim Knopf lange her ist und ich keine Ahnung habe ob der Text so schlimm ist. Ich hätte eher gedacht: Hey ein Buch mit einer positiven schwarzen Hauptperson, dazu noch ein Buch, welches mit Kummerland eher kritisch mit einer Ausrichtung auf eine bestimmte Rasse umgeht. Ein lustiges freches Kind, egal ob schwarz oder weiß, erscheint mir erst einmal eine sehr positive Figur

Auch Pippi Langstrumpf liegt als Buch fast in jeder Kita.

ZEIT ONLINE: Pippi Langstrumpf, die Heldin von Generationen von Kindern, gehört entsorgt?

Kassama: Der Vater von Pippi erzählt von den Ländern, die er bereist hat. Zu jedem Land weiß er eine komische Eigenart. Am Ende zieht er diese Klischees lachend zurück, bloß das Klischee vom Kongo nicht und deshalb bleibt hängen: Im Kongo lügen die Menschen. Genau das bleibt auch bei den Kindern hängen, die das vorgelesen kriegen.

Pippi Langstrumpf hat natürlich auch viele gute Seiten. Sie ist zwar in gewisser Weise eine Superheldin für den Kinderbereich: So stark, dass ihr keiner was kann, finanziell vollkommen unabhängig, schlau und sie hat einen Affen und ein Pferd und ein großes Haus. Sie kann alles machen was sie will, weil ihr eben keine Eltern was vorschreiben.

Sie hilft Leuten in Not, etwa einem Jungen, der von Bullies verprügelt wird und die auch Pippi als sie ihm hilft, als leichte Beute ansehen und sich über ihre roten Zöpfe lustig machen, dann aber schnell merken, dass Pippi zu stark für sie ist.

Oder um es mit einem Pressetext zu sagen:

Was hat den großen Erfolg dieses Kinderbuches begründet? Hier wird einmal die Vorherrschaft der Erwachsenen gebrochen. Das Kind siegt auf der ganzen Linie. Das kleine Mädchen Pippi triumphiert über Einbrecher, Lehrerinnen und Schutzleute. Es kann, was es möchte, es darf sogar zu Bett gehen, wann es ihm gefällt. Es ist so herrlich unerzogen, wie Kinder es sich nur wünschen. Es bricht dem beharrlichen Ernst der Großen und den Stieren die Hörner ab und macht furchtlos die Welt zur Spielwiese. Es lügt so wunderbar, daß man es darum beneiden möchte. Nein, es lügt nicht: ihm gehört die arglose Phantasie, die erst das Leben bunt und glänzend macht und die ermöglicht, was uns Erwachsenen so schwerfällt: das Land ohne Grenzen. Es ist die Internationale der Kinder. Pippi führt sie an.

Das alles sind lesenswerte Geschichten. Ich bin durchaus dafür den Negerkönig gegen einen Südseekönig auszutauschen, dass ist zeitgemäß. Und auch den Kongo kann man meinetwegen streichen. Aber deswegen muss man nicht Pippi Langstrumpf aufgeben.

Ich bin auch überzeugt: Fragt man Kinder nach Pippi Langstrumpf, dann wird sich keines an den Kongo erinnern. Aber ich könnte auch verstehen, dass ein afrikanisches Kind den Teil nicht lustig findet.

In vielen Kitas gibt es auch ein Bilderbuch, das verschiedene Kita-Situationen zeigt. Auf den Seiten ist ein schwarzes Kind abgebildet, deshalb könnte man meinen: Schau, ist doch divers, ist doch gut. Denken viele Pädagogen auch. Aber wenn man richtig hinschaut, sieht man, dass der schwarze Junge unvorteilhaft dargestellt wird: Mal als der Einzige, der nicht im Geburtstagskreis sitzen will oder darf, dann wieder als derjenige, der die anderen Kinder, die sich alle brav die Hände waschen, mit Wasser bespritzt. So wird Rassismus transportiert.

Wäre natürlich interessant das Bild zu sehen. Ich kenne das Buch nicht. Aber klar: Ich habe auch nichts dagegen es zu entfernen, wenn es tatsächlich in dieser Form gerade ein schwarzes Kind ausgrenzt. Allerdings scheint es ja eher subtil zu sein. Ich bezweifele auch das ein Kind, welches fröhlich mit Wasser spritzt von den anderen Kindern negativ wahrgenommen wird. Eher wären sie gerne ein Kind, welches mit Wasser spritzt.

Kassama: Das Liedgut. Drei Chinesen auf dem Kontrabass, um ein Beispiel zu nennen.

Ja, dass gibt es in einigen Versionen. Es ist denke ich deswegen ein Klassiker, weil es eben eine gewisse Dynamik hat, bei der die Kinder mitmachen und eine gewisse Leistung zeigen müssen, eben in dem sie die Vokale austauschen.

Der Text ist insofern problematisch, weil er so gesehen werden kann, dass da einfach Chinesen, weil sie Chinesen sind, von der Polizei als Problematisch angesehen werden:

Drei Chinesen mit dem Kontrabass
saßen auf der Straße und erzählten sich was.
Da kam die Polizei, fragt[2] ‚Was ist denn das?‘
Drei Chinesen mit dem Kontrabass.

Die Gegenmeinung, dass auch drei auf einer Straße sitzende Deutsche von der Polizei kritisch gesehen werden würden, ob sie ein Musikinstrument spielen oder nicht, dürfte da wenig Gehör finden.

Ob es die Lautverschiebung ist, die zusätzlich als rassistisch zu sehen ist?

Ich finde das Lied tatsächlich nicht so schlimm, aber ich bin ja auch kein Chinese.

Oder Der Katzentatzentanz, ein Lied, in dem es darum geht, dass eine Katze tanzen will, aber alle Tiere, die sich ihr anbieten, ablehnt, weil sie einen Makel findet, der Igel sei zum Beispiel zu stachelig. Am Ende kommt ein Kater und mit dem tanzt sie. Das Lied wird im Morgenkreis gesungen, zum Turnen und auf Sommerfesten. Was ist die Botschaft? Wer anders ist, ist eklig, ein Ärgernis, wird nicht akzeptiert. Bleib unter deinesgleichen! In dem Lied drückt sich eine Mehrheitsgesellschaft aus, die entscheidet, wer stachelig ist und wer nicht, wer mittanzen darf und wer nicht. Wir müssen Pädagogen dafür sensibel machen.

Da lernen die Kinder, dass man zu jedem Tanzpartner nein sagen kann aber das ist dann auch wieder nicht gut.

Aber klar, aus intersektionaler Sicht ganz fürchterlich. Da hätte sie lieber die männliche Katze zurückgewiesen und mit einer lesbischen Igeldame getanzt.

Ich glaube der Text wird da etwas überbewertet. Es würde mich wundern, wenn Kinder damit rassistischer werden.

Ich habe bald nach meinem Antritt dafür gesorgt, dass alle Kolleginnen und Kollegen ein Antirassismustraining machen. Ich hole Menschen in die Kita, die den Blick dafür schärfen, was Rassismus ist. Schwarze mit Rassismuserfahrung, die unsere Kinder natürlich nicht haben, weil sie weiß sind. Alle zwei Jahre ist ein Critical-Whiteness-Training oder ein Antirassismustraining verpflichtend. Unsere Englischlehrerin ist schwarz, wir haben einen kamerunischen Musiker, der mit den Kindern singt. Im Februar habe ich gesagt: Der Black History Month steht an, wie können wir den umsetzen? Eine Kollegin schlug vor, vorübergehend nur Kinderbücher mit schwarzen Hauptfiguren in der Bibliothek zu belassen. Das hat gut funktioniert, gut im Sinne von: Es hat niemand gemerkt. Kein Kind hat ein Buch vermisst. Es war einfach eine große Selbstverständlichkeit. Und genau da wollen wir hin: dass die Hautfarbe keine Rolle spielt. Diversität sollte sich im Spielmaterial wie im Team zeigen, erst dann würden wir in unseren Kitas die Hamburger Gesellschaft spiegeln.

Bei den meisten Kindern dürfte eine Hautfarbe, sofern sie nicht thematisiert wird, eh keine große Rolle spielen. Fräulein Schmidt hat auch ein schwarzes Mädchen in ihrer Gruppe, und soweit ersichtlich ist das allen anderen Kindern egal. Aber gut, 2-3 ist da sicherlich auch kein sehr guter Maßstab.