Paritätsgesetz, der „God of the Gap“ bzw das Argument vom Nichtwissen und die Erfolglosigkeit von Quoten

Die Diskussion unter dem Artikel zum ersten Sondervotum war recht ergiebig:

Crumar weißt auf den religiösen Charakter der Argumente bezüglich der strukturellen Benachteiligung hin:

Der klassisch feministische „God of the gaps“ Ansatz:
„God of the gaps“ is a theological perspective in which gaps in scientific knowledge are taken to be evidence or proof of God’s existence. (Wiki)
Es gibt gerade keine wissenschaftliche Erklärung für den Sachverhalt X?
Das ist der Beweis für die Existenz Gottes (oder Satans), der dahinter steckt!

Hier: „Die Mehrheit verkennt zunächst die tatsächlich existierende strukturelle Diskriminierung von Frauen in der Politik“ – God of the gaps.
Welche „Strukturen“ sind das präzise? Was sind überhaupt „Strukturen“?
Sind es Gesetze? Welche? Sind es Institutionen? Welche? Sind es die Parteien selbst? Welche?

Die Wikipedia bringt es – unfreiwillig – auf den Punkt: „So sind in einer patriarchal strukturierten Gesellschaft Frauen strukturell diskriminiert“ – wer a. daran glaubt, dass das Patriarchat existiert und b. glaubt, es strukturiere die Gesellschaft so, dass es c. Männern nützt, der wird d. daran glauben, Frauen werden in einer so strukturierten Gesellschaft e. gezielt benachteiligt, also diskriminiert.

Das Patriarchat/Gott/Satan steckt überall und wer nicht daran glaubt, der hat ein Problem, die strukturelle Diskriminierung zu sehen.

Zusammengefasst ist der religiöse Ansatz hier: „Der Anteil weiblicher Mitglieder der im Landtag vertretenen Parteien in Thüringen beträgt derzeit 31% bei einem Anteil der Einwohnerinnen Thüringens von 51,5%. Bei den Landtagswahlen in Thüringen betrug der Anteil der Bewerberinnen 47,2 %. Allein dies ist ein evidenter Beleg für die strukturelle Benachteiligung von Frauen, die in den Erwägungen der Mehrheit allerdings nicht gewichtig ist.“

Der Anteil an der Bevölkerung ist selbstredend nicht der Maßstab, sondern der Frauenanteil an den Parteimitgliedern – sie müssten erklären, welche „strukturelle Diskriminierung“ verhindert, dass junge Frauen ab dem Alter von 14 Jahren bspw. NICHT in die SPD eintreten.
Denn das ist das Mindestalter für den Eintritt in die SPD.
Es gibt in diesem Alter keine magische „Doppelbelastung“ und die ebenfalls magischen Probleme der „Vereinbarkeit“ existieren ebenfalls nicht.

Es müsste weiterhin erklärt werden, warum über 30 Jahre der Frauenquote in der SPD der „Gleichstellung“ im gemeinten Sinne nicht zuträglich waren: 1985 war der Frauenanteil in der SPD 30%, 2018 32,6% – die Frauenquote wurde 1988 beschlossen.
Das ist ein evidenter Beleg, selbst nach dem Versuch, die bereits damalig geäußerte These, es gäbe eine „strukturelle Diskriminierung“ von Frauen in der SPD, die durch Quoten zu überwinden sei, hat die Quote in Bezug auf den Frauenanteil unter den Parteimitgliedern nichts gebracht.

Hier geht es in erster Linie um die Durchsetzung ihres dreiteiligen religiösen Glaubens:
1. Ist der Frauenanteil in Politik/Unternehmen/Institutionen = X unter dem Anteil in der Bevölkerung = Y, dann handelt es sich um eine Diskriminierung.
2. Hinter dieser dieser diskriminierenden „Struktur“ steckt das Patriarchat (Gott/Satan/für Rechte: Marxismus 😉 ).
3. Die biologische Existenz des Frauenanteils Y begründet einen materiellen Anspruch auf X.
Mehr ist es nicht.

Das viele Argumente im Feminismus „Argumente, die an das Nichtwissen appellieren“ sind hatte ich auch schon angeführt.

eckitake5 ergänzt zu der Möglichkeit der Frauen sich zu beteiligen:

Ein Umstand, der in der Debatte kaum thematisiert wird: Es sind ohnehin nur rund zwei Prozent aller Wahlberechtigten in Deutschland Mitglied einer Partei (ganz grob eine Million von 50 Millionen). Rund ein Viertel aller Frauen wird in ihrem Leben nicht Mutter, bei Akademikerinnen noch mehr. Dazu kommen viele Frauen, deren Mutterschaft noch viele Jahre in der Zukunft liegt oder deren Kinder bereits erwachsen sind.

Würde nur ein Bruchteil der Frauen, die aktuell oder dauerhaft nicht durch Mutterschaft belastet sind, in die Parteien eintreten und dort aktiv werden, so hätten sie ohne weiteres die Mehrheit. Sie könnten dann auch die Parteistrukturen so gestalten, wie es ihnen genehm ist. Sie machen es halt nicht, weil sie sich weniger stark für Politik interessieren. Der Anteil der Bevölkerung mit einem starken politischen Interesse liegt bei Männern bei 32 und bei Frauen bei 16 Prozent. Und das ist die Gruppe, aus der sich Parteimitglieder rekrutieren.

 

13 Gedanken zu “Paritätsgesetz, der „God of the Gap“ bzw das Argument vom Nichtwissen und die Erfolglosigkeit von Quoten

  1. Es geht denen ja auch nicht um „Frauen“, die all die neu geschaffenen Quotenstellen bevölkern sollen, sondern um feministische Kader, die ein ganz neues Verständnis von Gesellschaft und Demokratie (so ähnlich wie in der DDR oder im NS) in die Institutionen und Unternehmen tragen sollen!

    Die gleiche Strategie hatte ua Scientology, um „gesellschaftliche Strukturen“ zu unterwandern. Allerdings im Kleinformat.

    Daher ist diesen totalitären Antidemokraten es auch völlig egal, mit welchem halbgaren antiintellektuellen Mist und gestanzten Formeln bar jeder Realität sie argumentieren. Solange die Menschen dumm genug sind, das zu schlucken, können sie ihr Herr von trojanischen Pferden losschicken, gefüllt mit der neuen Führungsetage, die an den Hochschulen derzeit ausgebrütet wird.

  2. Wollen wir bei allem Pessimismus nicht vergessen, dass die Institutionen bisher funktionieren. Das erste Urteil über die Quote war eine Ablehnung. Es ist nicht alles schlecht.

    • Nun ja, der Pessimist in mir prophezeit Folgendes:

      Da die Minderheit der Verfassungsrichter*_Innxen klare Linien-Treue bewiesen hat (vgl. Votum), müssen die Parteien nur noch ein oder zwei weitere Linientreue einschleusen.
      Wer weiß, vielleicht gibt es schon bald einen #metoo/#aufschrei/#standmalnäherals100manHöcke um ein oder zwei der Richter…

      (Ich sollte weniger Danisch lesen)

    • Ich sehe das eher als das letzte Aufbäumen der Rationalen und Objektiven. Die Feministen werden bald an die verfassungsmäßigen Grundsätze ranmüssen, um diese zu ändern. Durch reine Interpretation bestehender Leitgedanken ist die gesellschaftliche Frauenbevorzugung mittel- und langfristig nicht begründbar. Der Grundsatz, dass alle Menschen gleichberechtigt und gleichwertig seien, widerspricht schon jetzt so eklatant der gesellschaftlichen Realität, dass eigentlich jeder Frauenparkplatz abgeschafft werden müsste (weil Frauen in Parkhäusern nachweislich ein geringeres Risiko haben, Opfer von Gewalt zu werden).

      Nun geht es darum, Formulierungen zu erschaffen, die klar machen, dass die Bevorzugung des Weiblichen gesellschaftliche Norm ist, aber die Rosa Pudel doch noch irgendwie glauben lässt, sie seien auch wichtig in dieser Welt. Das Gleichberechtigungs- und Gleichstellungskauderwelsch ist bereits ein solcher Versuch.

      Als Begründung, warum für Frauen nur dotierte politische Ämter gefordert werden, wird auf „strukturelle Diskriminierung“ abgehoben. Es wird einfach davon ausgegangen wird, dass Frauen a) kleine Kinder haben und sich b) ausschließlich und alleine um diese kümmern und deswegen der Besuch einer Ortsverbandssitzung eine unzumutbare Doppelbelastung wäre. So wie es immer unzumutbar ist, wenn man pauschal Frauen zu etwas auffordert.

      Letztens habe ich mir das Gejammer einer Frau angehört, die zwei 17- und 18-jährige Töchter hat und deswegen kein soziales Engagement betreiben könnte, was sie doch eigentlich für soooo wichtig halte.

      Das weit verbreitete politische Desinteresse lässt sich so nicht begründen. Für die Pilates-Gruppe reicht die Zeit in aller Regel auch. Ich sehe keinen in der Gesellschaft liegenden Grund für diese Verweigerungshaltung. Ich sehe auch niemanden, der da mal nachbohrt oder etwas sanften Druck machen würde.

      Problematisch für den feministischen Durchmarsch stellt sich im Moment die BLM-Bewegung dar. Dort sehen sich ja auch Männer als Menschen, die mattern. Die Differenzierung beim gefühlten Opfergrad ist zwischen weiblichen und männlichen PoC noch nicht ausreichend. Eine verfahrene Situation. Die Grünen haben ein solches Problem ja bei den Schwulen gelöst, indem sie einfach in ihren Statuten erlaubt haben, dass in ihren speziellen schwulen Parteigruppen ausnahmsweise mehr Männer als Frauen sprechen dürfen.
      Aber wie kann ein solches Problem im Sinne das Staatsfeminismus gelöst werden, wenn im Opferpoker temporär Rassismus die Unterdrückung der Frauen sticht? Wie könnte eine Hierarchie der menschlichen Wertigkeit aussehen, in der nicht die PoC-Frau als wichtigster und schützenswerterster Mensch da steht? Denn das würde die weißen Feministinnen erheblich abwerten. Und das lassen Herrenfrauen sicher nicht mit sich machen.

      Vielleicht müssen die Feministen die BLM-Bewegung einfach nur aussitzen. Erfahrungsgemäß beruhigt sich das Aufbäumen gegen gefühlten Rassismus schnell wieder.

      • Die Feministen werden bald an die verfassungsmäßigen Grundsätze ranmüssen, um diese zu ändern.

        Und da siehst du ein Problem? Der Pessimist in mir sagt, da gibt es keins.

        • Ich sehe das eher als Fakt. Und vielleicht auch ein bisschen positiv. Die Feminismus-Diskussion wird damit ehrlicher. Man muss nicht immer rätseln, wie wohl welches Verfassungsgericht entscheidet, weil ja dann klar ist, wo die Prioritäten liegen.

        • Genau da sehe ich auch den Hebel. Dass alle Menschen gleich zu behandeln seien oder gleiche Rechte hätten, steht im Weg. Vielleicht wird man eher auf Gerechtigkeit, auf Justice gehen. Das ist weitgehend beliebig auslegbar.

          Weil Frauen Geburtsschmerz aushalten müssen, müssen Männer in den Krieg ziehen oder werden bei der Triage hintenangestellt. Weil zehn Bundeskanzler männlich waren, müssen die nächsten neun weiblich sein. Weil Frauen menstruieren, müssen Männer Blut spenden oder werden geschächtet. Weil Frauen für die Betreuung ihrer Kinder nicht extra bezahlt werden, müssen Männer ehrenamtliche Sozialdienste leisten.

    • „Wollen wir bei allem Pessimismus nicht vergessen, dass die Institutionen bisher funktionieren. Das erste Urteil über die Quote war eine Ablehnung. Es ist nicht alles schlecht.“
      Na ja, sonderlich gut funktionieren sie leider nicht mehr. Das genannte ist eher die Ausnahme als die Regel. Sonst gäb’s die enorme Unterstützung der politisch korrekten und der ökologistischen Ideologie durch und die massive Propaganda für sie im Bildungssystem nicht. Sie haben 1950-80 nur so gut funktioniert, weil die Herrschenden Angst vor einer kommunistischen Revolution hatten und die faschistische Lösung diskreditiert war und eh immer weniger Unterstützung im Volk hatte.

      Es ist allerdings auch Unsinn, anzunehmen, dass eine Besserung nicht möglich sei, schließlich konnte 1917 der tyrannische Zar in Russland gestürzt werden oder der König in Frankreich 1789. Die derzeitige Krise* könnte die gleiche Rolle spielen, wie damals der verlorene Krieg bzw. Missernten**. Man kann nur hoffen, dass es nicht temporär oder gar dauerhaft in einer Diktatur endet, wie in den genannten Fällen, aber ich halte es auch für Unsinn, aus diesen Fällen zu schließen, dass es zwangsläufig zu einer Diktatur kommen muss, man denke ja nur an die Amerikanische Revolution.

      *Wird entweder einer Depression sein oder, falls genügend Konjunkturprogramme aufgelegt werden, einer Hyperinflation, da dann all das in Umlauf gebrachte Geld auf den Markt schwappen wird (und man es wahrscheinlich nicht rechtzeitig wieder vom Markt nehmen wird.
      **Und die Bevölkerung wird kaum die politisch korrekte Ideologie unterstützen und echte Ökologisten die kleinen Leute auch nicht, auch wenn sie auf einige ökologistische Behauptungen reingefallen sind (sie wollen zum Beispiel nicht verzichten und sind auch nicht so besorgt über den Klimawandel).

    • Der Black-Lives-Matter-Aufstand ist im übrigen eine Konterrevolution und wird diese entweder selbst bringen oder eine Konterrevolution der (anderen) Rechten provozieren, wenn das Volk nicht die Initiative ergreift, also die Mehrheit, nicht diese extremistische Minderheit.

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