Nocheinmal: Grundsätze der intersektionalen Theorien

Nachdem die Diskussion zu den hier verlinkten Thesen etwas abgeschweift ist versuche ich es noch einmal mit einer Übersetzung der Thesen.

Prämisse #1: Die individuelle Identität ist untrennbar mit der Gruppenidentität als „Unterdrückter“ oder „Unterdrücker“ verbunden

Das scheint mir in der Tat ein sehr bestimmendes Element zu sein. Das Individuum ist nur innerhalb der intersektionalen Kategorien interessant und nur innerhalb dieser zu bewerten, dabei ist er innerhalb dieser Kategorien eben „Gut“ oder „Böse“, Unterdrücker oder Unterdrückter.

Prämisse #2: Unterdrückergruppen unterwerfen unterdrückte Gruppen durch die Ausübung hegemonialer Macht

„Hegemoniale Macht“ „strukturelle Macht“ „das Patriarchat“, irgendwie sind da Mächte am Werk, die man genauer gar nicht aufklären muss und die aber jedenfalls eine äußere Macht sind, die eine Gruppe nutzt. Die Macht ist dabei immer nur bei einer Gruppe (in Bezug auf eine Kategorie).

Die „hegemoniale Macht“ muss auch nicht wirklich begründet werden, es reicht, wenn eine als Unterdrückte Gruppe anerkannte Gruppe in einem Bereich schlechter abschneidet, der für diese positiv wäre.

Prämisse #3: Unsere grundlegende moralische Pflicht ist es, Gruppen von Unterdrückung zu befreien

Diese Prämisse finde ich eigentlich ganz gut formuliert, weil es eben tatsächlich die sehr schlichte Begründung ist:

Es wird als moralische Pflicht des guten Menschen angesehen, dass System zu akzeptieren und an seiner Beseitigung mitzuarbeiten. Vorteile für ihn braucht es nicht. Unlogik im System muss er hinnehmen. Es ist – da eine Pflicht – vorwerfbar, wenn er es nicht tut.

Ich hatte einige Diskussionen dazu, warum man als Mann überhaupt die Vorteile des Patriarchats aufgeben sollte, wenn es so gut für Männer ist, dann wäre das für diese ja Blödsinn. Häufig war die Antwort nach einigem hin und her: Klar kannst du daran festhalten, aber dann bist du eben ein schlechter Mensch.

Prämisse Nr. 4: ‚Gelebte Erfahrung‘ ist für das Verständnis von Unterdrückung wichtiger als objektive Beweise

Das ist eine Prämisse, die ich nie verstehen oder akzeptieren werde. Denn die Erfahrungen eines Einzelnen absolut zu setzen ist ja äußerst fehleranfällig. Erst eine Abgleichung mit den Erfahrungen anderer kann Klarheit bringen, wobei eben auch Leute aus der „anderen“ Gruppe befragt werden müssen, ob diese vielleicht ähnliche Erfahrungen haben und zudem überprüft werden muss, ob sich da nicht ein Irrglaube verfestigt hat.
Glauben in Gruppen, die auch vermeintliche Erfahrungen Einzelner waren, aber dennoch falsch waren, gab es ja genug:

Von der Judenverschwörung im Dritten Reich bis hin zu den Hexen und ihrem schädlichen Einfluss im Mittelalter lassen sich dafür genug Beispiele finden.

Prämisse #5: Unterdrückergruppen verstecken ihre Unterdrückung unter dem Deckmantel der Objektivität

Da gilt das oben gesagt: Wie kann das jemanden überzeugen?
Objektivität mit diesem Hinweis abzutun ist äußerst gefährlich. Denn damit gibt man jede Überprüfbarkeit auf und zudem erlaubt man die unkontrollierte Zurückweisung evtl entgegenstehender Fakten schlicht über die Aussage, dass sie nur der Verdeckung der Unterdrückung dienen.
Wenn eine Unterdrückung durch Fakten zu verdecken ist, die man nicht widerlegen kann, dann sollte man alles tun um die Fakten kritisch zu hinterfragen um seine Position zu belegen. Aber es einfach zu ignorieren ist kein Weg auf dem man der Wahrheit näher kommt.

Prämisse Nr. 6: Individuen am Schnittpunkt verschiedener unterdrückter Gruppen erleben Unterdrückung auf einzigartige Weise

Das ist letztendlich das, was von der ursprünglichen Intersektionalität übrig geblieben ist.  Wenn Leute anführen, dass Intersektionalität an sich doch eine gute Theorie ist, dann kommen sie meist mit eben gerade diesem einen Aspekt, dass also verschiedene Diskriminierungen, die zusammen kommen, sich verstärken können oder zu anderen Auswirkungen führen können, die man so nicht versteht, wenn man sie einzeln betrachtet.
Gegen diese Theorie, auch wenn sie häufig die Verbindung zweier „Unterdrückungen“ überbewertet, hauptsächlich aufgrund der Prämissen 1-5, ist wenig zu sagen. Aber es sind eben die übrigen Punkte und ihre Einordnung in ein starres Unterdrückungsszenario, die sie so fatal machen.
Sie erlauben es Beeinträchtigungen zu entwerten („okay, du bist behindert, aber du bist weiß und damit auch ein Unterdrücker, dessen musst du dir bewußt werden“) und Unterdrückungsolympiaden zu gewinnen.