Karl Marx

 

Es folgt ein Gastbeitrag von ElMocho

Karl Marx wurde 1818 geboren und studierte von 1835 bis 1841 Jura in Bonn und Berlin. Wie alle Studenten seiner Zeit in Deutschland war er stark von der idealistischen Philosophie Hegels beeinflusst.
Hier müsste jetzt eigentlich eine Rekapitulation der Geschichte der idealistischen Philosophie seit Descartes im 17. Jahrhundert erfolgen, aber dazu habe ich weder Zeit noch Lust. Lenin sagte, dass niemand, der Hegels Philosophie nicht kenne, Marx verstehen könnte. Womit er wohl recht hat.
Fesgehalten sei, dass Hegels Philosophie das Verhältnis des menschlichen Geistes zur Welt so bestimmt, dass der Geist primär ist (anders als im Materialismus, der den Geist als Hervorbringung der Materie verstehen will), aber es ist nicht der subjektive menschliche Geist, sondern ein „objektiver Geist“, der die Welt (und dann auch den Menschen) aus sich hervorbringt.
Der Geist entäußert sich zur Welt und damit auch zum Menschen. Indem der Mensch sich die Welt erkennend und handelnd aneignet, kommt der Geist wieder zu sich selbst.
„Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen. Es ist von dem Absoluten zu sagen, dass es wesentlich Resultat, dass es erst am Ende das ist, was es in Wahrheit ist; und hierin eben besteht seine Natur, Wirkliches, Subjekt oder Sichselbstwerden zu sein.“ So heißt es in der „Phänomenologie des Geistes“, seinem Hauptwerk von 1806. Man sieht eine extrem schwierige und verschwurbelte Sprache, in die man sich erst hineinlesen muss.
Man erkennt hier auch unschwer das Vorbild der Erschaffung der Welt aus dem Nichts durch Gott. Im menschlichen Geist, der die Welt und Gott erkennt, kommt Gott gewissermaßen zu sich selbst.
Dieses zu sich selbst kommen geschieht aber nicht nur theoretisch durch die Erkenntnis, sondern auch praktisch, und zwar durch Arbeit. In der Arbeit eignet sich der Mensch für Hegel die Welt an, indem er sie seinen Zwecken dienstbar macht. Menschen töten Tiere, um sie zu essen, sie nehmen Pflanzen ihre Früchte, sie graben Kohle aus der Erde, um sich am Feuer zu wärmen usw. In der Arbeit wird die Natur vom Menschen verarbeitet und damit „humanisiert“.
Hegel bewertet diesen Prozess der Erkenntnis und Aneignung der Welt durch den Menschen uneingeschränkt positiv.
Marx hingegen weist darauf hin, dass Arbeit eben nicht nur Aneignung der Natur ist, sondern auch Verausgabung der menschlichen Kräfte bedeutet. Arbeit ist zwar unerlässlich, aber sie ist auch eine Last für den Arbeiter (Zumal in der modernen Wirtschaft Arbeit immer auch Arbeitsteilung bedeutet). Der Arbeiter in einer Fabrik produziert nichts für seine eigenen Bedürfnisse, er vollzieht einfach stupide immer gleiche Vorgänge, die eigentlich keinen Sinn haben (Marx hat hier die Industriearbeit des 19. Jahrhunderts vor Augen), und das Produkt der Arbeit ist nicht seines, sondern es gehört dem Kapitalisten der ihm im gegenzug den Arbeitslohn bezahlt, von dem er lebt.
Der wichtigste philosophische Text von Marx sind die „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte“ von 1844, die Marx nie selber veröffenticht hat und die erstmals 1932 erschienen. Viele wichtige Marxisten, z.B. Lenin, kannten diese Texte also garnicht, und ihr Marxbild ist entsprechend zu relativieren.
https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96konomisch-philosophische_Manuskripte_aus_dem_Jahre_1844
Für den Industriearbeiter ist die Arbeit also keine Aneignung der Welt (wie für Hegel), sondern nur eine Plackerei, der er sich unterwirft, um leben zu können:
„Der Arbeiter fühlt sich daher erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich. Zu Hause ist er, wenn er nicht arbeitet, und wenn er arbeitet, ist er nicht zu Haus. Seine Arbeit ist daher nicht freiwillig, sondern gezwungen, Zwangsarbeit. Sie ist daher nicht die Befriedigung eines Bedürfnisses, sondern sie ist nur ein Mittel, um Bedürfnisse außer ihr zu befriedigen. Ihre Fremdheit tritt darin rein hervor, daß, sobald kein physischer oder sonstiger Zwang existiert, die Arbeit als eine Pest geflohen wird. Die äußerliche Arbeit, die Arbeit, in welcher der Mensch sich entäußert, ist eine Arbeit der Selbstaufopferung, der Kasteiung. Endlich erscheint die Äußerlichkeit der Arbeit für den Arbeiter darin, daß sie nicht sein eigen, sondern eines andern ist, daß sie ihm nicht gehört, daß er in ihr nicht sich selbst, sondern einem andern angehört.“
https://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1844/oek-phil/1-4_frem.htm
Der Arbeiter produziert nicht um seine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, sondern nur um des Lohnes willen, mit dem er das Lebensnotwendige für sich und seine Familie auf dem Markt erwirbt.
Die Arbeit ist daher nicht mehr die Betätigung der menschlichen Kräfte zur Aneignung der Welt wie bei Hegel, sondern sie ist zu einem bloßen Lebensmittel geworden. Marx spricht in diesem Zusammenhang von „entfremdeter Arbeit“. (https://de.wikipedia.org/wiki/Entfremdete_Arbeit)
Das Geld ist gewissermaßen an die Stelle der menschlichen Wesenskräfte getreten, mit denen er sich die Welt aneignet. Geld steht für alles andere:
„Was durch das Geld für mich ist, was ich zahlen, d.h., was das Geld kaufen kann, das bin ich, der Besitzer des Geldes selbst. So groß die Kraft des Geldes, so groß ist meine Kraft. Die Eigenschaften des Geldes sind meine – seines Besitzers – Eigenschaften und Wesenskräfte. Das, was ich bin und vermag, ist also keineswegs durch meine Individualität bestimmt. Ich bin häßlich, aber ich kann mir die schönste Frau kaufen. Also bin ich nicht häßlich, denn die Wirkung der Häßlichkeit, ihre abschreckende Kraft ist durch das Geld vernichtet. Ich – meiner Individualität nach – bin lahm, aber das Geld verschafft mir 24 Füße; ich bin also nicht lahm; ich bin ein schlechter, unehrlicher, gewissenloser, geistloser Mensch, aber das Geld ist geehrt, also auch sein Besitzer.“
Man kann sich hier fragen, wie denn eine nichtenfremdete Arbeit, ohne Arbeitsteilung und ohne Warenaustausch über Geld auf dem Markt denn aussehen könnte? Doch wohl nur, indem jeder das, was er für sein Leben braucht, selber herstellt und konsumiert, also etwa wie die Amazonas-Indianer, die jagen, Früchte sammeln, und den Rest des Tages frei haben.
Das will Marx natürlich nicht. Seine Vorstellung ist vielmehr, dass der Fortschritt von Gesellschaft und Technik erhalten bleibt, aber die Entfremdung aufgehoben wird, indem das Privateigentum an dem Produktionsmitteln aufgehoben und die Lohnarbeit abgeschafft wird. Wie das nun genau geschehen soll, darüber hat er sich wenig geäußert, klar war für ihn nur, dass die notwendge Veränderung eine revolutionäre sein müsste und keine allmähiche Verbesserung der Lebensverhältnisse der Arbeiter durch Reformen.
Seine Anhänger wussten also, dass sie den bürgerlich-kapitalistischen Staat gewaltsam zerschlagen mussten, aber was danach zu geschehen hatte, das war unklar. Dies wurde Marx schon zu seinen Lebzeiten vorgeworfen, z.B. von dem Anarchisten Bakunin.Leszek Kolakowski schreibt dazu in seiner Geschichte des Marxismus:
„Bakunin nahm ein Problem in Angriff, das Marx nicht erwogen hatte und das alles andere als ein imaginäres war: Auf welche Weise hat man sich eine zentralisierte Wirtschaftsmacht ohne politischen Zwang vorzustellen? Und wenn die Zukunftsgesellschaft die Scheidung in Regierte und Regierende aufrechterhalten sollte, wie kann dann die Entstehung eines neuen Privilegiensystem verhindert werden, sofern bekannt ist, daß das Machtprivileg eine natürliche Tendenz zur Selbstverewigung aufweist? Diese Fragen sollten sich von nun an häufig in den Kritiken wiederholen, die Anarchisten und Syndikalisten gegen den Marxismus richteten. Daß Marx sich den Sozialismus nicht als eine despotische Herrschaft vorgestellt hat, in der der politische Apparat seine Privilegien auf der Grundlage des Monopols an der Verwaltung der Produktionsmittel sichern würde, scheint mehr als evident. Und doch stellte Bakunin ihm zu diesem Problem Fragen, die Marx nicht beantwortete. Man kann sagen, daß Bakunin der erste gewesen ist, der den Leninismus gewissermaßen aus dem Marxismus deduziert hat, womit er einen außergewöhnlichen Scharfsinn bewies.“
Und, so könnte man ergänzen, worin er von der Geschichte der Sowjetunion bestätigt wurde, die einen Versuch darstellte, die Marxschen Vorstellungen mit Hilfe der Staatsgewalt (Verwaltung der Produktionsmittel durch den Staat) in die Tat umzusetzen.
Alexander Solschenizyn führt das System der Zwangsarbeitslager, in dem unter Stalin Millionen Menschen inhaftiert waren, in sofern direkt auf Marx (und seinen Freund und Mitarbeiter Engels) zurück. Er schreibt:
„Friedrich Engels forschte und befand, dass der Mensch nicht mit der Geburt der sittlichen Idee , auch nicht mit dem Bweginn des Denkvorgangs seinen Ursprung genommen hat, sondern mit einem zufälligen und sinnlosen Arbeitsakt: Der Affe griff nach einem Stein – und damit begann´s. Karl Marx wiederum bezeichnete in seiner „Kritik des Gothaer Programms“ (1875) ohne zu zögern die Produktive Arbeit als einziges Mittel zur Besserung von Verbrechern; wieder stand die Arbeit vor dem Denken und Grübeln, der sittlichen Selbsterkenntnis, vor Reue, vor der Sehnsucht. Er selbst hatte sein Lebtag nicht die Spitzhacke geschwungen, auch nicht mit dem Schubkarren Bekanntschaft gemacht, weder Kohle gefördert noch Holz geschlagen, und ob er Kleinholz für die Küche machen konnte, wir wissen es nicht; was tut´s, er schreib es nieder, und das Papier wehrte sich nicht.“
(Solschenizyn, Archpel Gulag)
Man sieht also dass der Marxismus eine hochkomplizierte Theorie ist, in der es keineswegs darum geht, einfach alles zu zerstören (wie z.B. Danisch meint). Der humanistische Impuls von Marx, der auf die Befreiung des Menschen von Ausbeutung und Unterdrückung zielt, ist durchaus glaubhaft, allerdings führt das Fehlen jeder konkreten politischen Strategie zur Umsetzung des Programmes dazu, dass die Versuche dazu immer wieder in Diktaturen und massiver Naturzerstörung enden.