Einer Gruppe die Verantwortung für schlechtes Verhalten Einzelner oder gesellschaftliche Probleme zuweisen: Wie reagiert die Gruppe?

Einer der größten Schwachpunkte von Identitätstheorien, die gesellschaftliche Gruppen in „Die Guten“ und „Die Schlechten“ einteilen und meinen, dass die „schlechte Gruppe“ sich aus Scham ändern sollte ist aus meiner Sicht, dass damit keineswegs zu rechnen ist, sofern nicht tatsächlich eine persönliche Schuld des Einzelnen zu sehen ist.

Wenn man eine Gruppe abwertet, und der Einzelne dort gar nicht einsieht, dass er sich den Schuh anziehen soll, weil er persönlich nichts falsch macht, dann stärkt das allenfalls die Gruppenidentität und lässt die Gegenpositionen attraktiver erscheinen.

Erst wenn man die Gruppenschuld als Eigene akzeptiert bleibt Raum für Scham. Aber dazu muss man bereits Mitglied der „Glaubensgemeinschaft“ sein. Die meisten werden die Vorwürfe und die Abwertungen schlicht als Angriff sehen und sich ungerecht behandelt fühlen.

Damit erreicht man insofern zwar eine Reaktion, aber keine positive.

Ich sehe nicht wirklich, wie diese Theorien etwas zum Besseren bewegen können, sie spalten im Wesentlichen und erzeugen ein Gefühl der Angegriffenheit.
Allenfalls dadurch, dass sie mit einer „Call Out Culture“ verbunden werden erzeugen sie eine gewisse Wirkung, weil jeder, der dagegen handelt Konsquenzen befürchten muss. Aber das verlagert die Gegenbewegung ja auch nur in den Untergrund.

 

15 Gedanken zu “Einer Gruppe die Verantwortung für schlechtes Verhalten Einzelner oder gesellschaftliche Probleme zuweisen: Wie reagiert die Gruppe?

  1. Die identitäre Gruppenauffassung, die dahinter steckt, läuft buchstäblich auf ein regressives Stammesdenken hinaus:

    »Tatsächlich ist in allen primitiven Gesellschaften, die von Riten gelenkt und beherrscht werden, individuelle Verantwortung eine unbekannte Sache. Was wir hier finden, ist nur eine kollektive Verantwortung. Nicht das Individuum, sondern die Gruppe ist das wirkliche ›moralische Subjekt‹. Der Klan, die Familie und der ganze Stamm sind für die Handlungen aller ihrer Mitglieder verantwortlich. Wenn ein Verbrechen verübt wird, legt man es nicht einem Individuum zur Last. Durch eine Art Befleckung oder soziale Ansteckung breitet sich das Verbrechen über die ganze Gruppe aus. Niemand kann der Infektion entgehen. Rache und Strafe sind ebenfalls immer gegen die Gruppe als Ganzes gerichtet. In denjenigen Gesellschaften, in denen Blutrache eine der höchsten Verpflichtungen ist, ist es keineswegs nötig, die Rache am Mörder selbst zu vollziehen. Es genügt, ein Mitglied seiner Familie oder seines Stammes zu töten.« (Ernst Cassirer, Vom Mythus des Staates)

    • Und ist das in diesen primitiven Gesellschaften auch so, dass nur die schlechten Taten Einzelner aus der anderen Gruppe der ganzen Gruppe angelastet werden, nicht aber die schlechten Taten Einzelner aus der eigenen Gruppe der eigenen ganzen Gruppe und das diese schlechten Taten Einzelner aus der eigenen Gruppe auch nie zum Thema gemacht werden, genau so wenig wie die guten Taten Einzelner aus der anderen Gruppe?

      • @Matze:

        »… die schlechten Taten Einzelner aus der eigenen Gruppe der eigenen ganzen Gruppe …«

        (a) hängt das vom Verhältnis der fremden zur eigenen Gruppe ab: wenn die fremde Gruppe den Schaden, der ihr entstanden ist, glaubhaft machen kann (oder über ein hohes Drohpotential verfügt), dann kann der Missetäter durchaus ausgeliefert werden (oder gibt ein Prinzip des Wergeldes, also materiellen Schadensersatz).

        (b) Wenn das Vergehen des Einzelnen schwerwiegend genug ist, wird er aus der eigenen ausgestoßen, und die Gruppe ist damit wieder »clean«.

      • Meines Wissens gibts in Gesellschaften, die Blutrache üben, ein durchaus komplexes Regelwerk, das auch die eigene Verantwortung thematisiert. Die stehn ja oft vor der Entscheidung: eine eventuell hunderte Jahre(!) währende Fehde, die die ganze Sippe auslöschen kann…oder eine Entschädigung an die andere Partei, also Friedensschluß.

        Interessant in dem Zusammenhang der Kanun der Albaner:
        https://de.wikipedia.org/wiki/Kanun_(Gewohnheitsrecht)

        Oder auch die Hatfield & Mc Coys
        https://de.wikipedia.org/wiki/Hatfield-McCoy-Fehde

        Bei solchen Konflikten beziehn sich die Partein auch noch auf eine gemeinsame Realität, sie wissen jeweils, wie die andere Familie tickt, können also auch trotz Hass noch miteinander kommunizieren.
        Mit linken Identitären geht das ja fast nicht mehr, für die ist man ein Anderweltler.

      • Um Gottes Willen! Wenn der Rassismus verschwunden ist, dann auch das gesamte business model.
        Aus dem Grund hat Achille Mbembe eine Innovation zu bieten – micro aggression ist so was von gestrig – nämlich den Nanoracism.

        Ich finde das supi.
        Umso schwerer seine Existenz nachzuweisen ist, desto sicherer kann man sein, dass er existiert.
        Würde jemand bspw. die Existenz von Atomen bestreiten?!
        Na???
        Seht ihr, deshalb sind sie rassistisch!
        Jeez, bin ich gut, ich sollte irgendwas mit Postkolonialismus machen. 🙂

        • @crumar:

          Mbembe ist mir auch schon mal über den Weg gelaufen, aber ich hatte mir noch keine Meinung gebildet, was ich von ihm halten soll. Ich dachte ja immer, wer bei Suhrkamp verlegt wird, kann so schlimm nicht sein, aber seit Mannes »Down Girl« bin ich auch um diese Illusion ärmer …

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