Eine Frau berichtet, was Frauen in Bezug auf die Karriere nach ihrer Meinung wirklich wollen:
Mit 40 Jahren sollte man am höchsten Punkt seiner Karriere angekommen sein, heißt es oft. Nun ja, mit 42 bin ich ausgestiegen. Das Phänomen nennt sich, wie die FAZ schreibt, Opting Out: Frauen zwischen 40 und 50 schmeißen hin, geben ihre eigentlich gutlaufende Karriere auf und, aus Sicht der Personalverantwortlichen der Unternehmen, verschwinden einfach von der Bildfläche. Frauen, die erfolgreich sind und niemandem mehr etwas beweisen müssen, steigen aus.
Im Feminismus wäre die Antwort, was zu dem „Opting out“ führt, simpel: Sexismus und Diskriminierung.
Was ist da los?
Warum gehen sie gerade dann, wenn sie in Ruhe die Früchte ihrer Arbeit ernten könnten?
In meinem Fall habe ich irgendwann festgestellt, dass ich da, wo ich gelandet war (im Management einer Versicherung), gar nicht hingehöre. Mein Alltag machte mir keinen Spaß mehr. Es war nie mein Ziel gewesen, den ganzen Tag unbequeme Business-Outfits zu tragen, in klimatisierten Räumen herumzusitzen und von Meeting zu Meeting zu rennen. Soviel zu den äußeren Bedingungen. Viel schwerer wogen die Strukturen, die Hierarchien, in denen ich mich täglich bewegen musste, der ständige Kampf, mit neuen Ideen überhaupt gehört zu werden. Und am schwersten wog das Gefühl, eine Maske tragen zu müssen, nicht ich selbst sein zu dürfen.
Natürlich gibt es Männer, denen das genau so geht. Aber es sind wahrscheinlich weniger als Frauen (von den wenigen Personen, die überhaupt bereit sind so viel Zeit ihres Lebens in einen Job zu stecken). Für Frauen fallen eben viele der Vorteile weg, die Männer evtl mitnehmen, wenn sie einen solche Position besetzen: Sie steigen sowohl in der intrasexuellen Konkurrenz eher höher und nehmen in der intersexuellen Selektion einen höheren Platz ein als ohne diese Position.
Wenn man die Business Outfits, die wichtigen Meetings, den Platz in der Hierarchie und den ständigen Kampf um diesen als Pfauenschwanz sieht, dann ist klar, warum die „Hennen“ (hier also die Frauen) sich weit eher als die Männer fragen, warum sie so ein schweres Ding mit sich herumtragen sollen während dies den Männern weit eher einleuchtet.
Natürlich gab es auch Dinge in meinem Job, die mir Spaß machten: mein Team, der kreative Part der Arbeit, die Interaktion mit Kunden, Dienstleistern, Wettbewerbern, Journalisten. Ich hatte sehr viel Freiheit und Flexibilität, konnte eigene Projekte umsetzen. Aber trotzdem: Die Balance stimmte nicht. Das war nicht das Leben, das ich mir vorgestellt hatte. Ich wollte weniger Stress und mehr Erfüllung, weniger Routine und mehr intellektuelle Stimulation, weniger Bohei und mehr Wirksamkeit. Ich wollte ein authentischeres und entspannteres Leben, in dem alles zusammenpasst.
„Ich wollte nicht dauernd diese schweren Federn mit mir herumtragen, die mir eigentlich nichts bringen“. Wäre eine sehr verständliche Aussage eines weiblichen Pfaus.
Das Bild stimmt natürlich nicht ganz, weil menschliche Frauen auch Status aufbauen und Geld natürlich für beide Geschlechter interessant ist. Aber der Zusatznutzen ist eben für Männer in gewisser Weise höher. Für sie lohnt es sich ein solches Signalling auch über den Betrag hinaus, mit dem sie sich ein bequemes, entspanntes Leben machen können.
Offensichtlich bin ich mit diesem Gefühl nicht allein. Am Ziel oder kurz vor dem Ziel stellen viele Frauen fest, dass der berufliche Erfolg ihnen nicht das bietet, was sie sich erhofft haben. Oder dass sie dafür Dinge tun müssen, die sie nicht tun wollen. Man zahlt einen Preis für Macht und Geld – und nicht jede Frau will das. Das ist legitim, denn im Gegensatz zu unseren Vorfahrinnen haben wir die freie Wahl, ob wir in dem (von Männern für Männer designten) Businesstheater mitspielen wollen.
„Man zahlt einen Preis für Macht und Geld“ – das wäre mal eine Erkenntnis, die im Gender Pay Gap leider eine viel zu kleine Rolle spielt.
Dort scheint Geld schlicht das Maß aller Dinge zu sein – Der Artikel gibt weit eher wieder, dass es nicht der einzige Faktor ist sondern viele weitere Faktoren dazukommen.
Schon 1995 berichtete das Fortune Magazine über die Midlife Crisis von Top-Managerinnen: Ob Burnout, Langeweile oder eine wachsende Abneigung gegen den „Corporate Bullshit“ –Frauen in den besten Jahren verließen schon damals in großer Zahl ihre hochdotierten Jobs auf der Suche nach mehr Erfüllung.
Man könnte auch sagen: Sie kamen, sahen und gingen wieder. Auch wenn Männer ähnliche Erfahrungen machen, ebenfalls eine Midlife Crisis bekommen können und sich umorientieren, so scheinen Frauen sich eher bewusst zu sein, was nicht auf ihrem Grabstein stehen wird: „Ich habe alles für die Firma gegeben.“
Es läuft natürlich mal wieder darauf hinaus, dass Frauen da eigentlich die schlauere Wahl treffen – was ja durchaus nicht falsch ist.
Ich hatte hier schon mal einen klassischen Weg vieler Diskussionen mit Feministinnen dargelegt:
1. Frauen werden benachteiligt durch die männliche Gesellschaft bzw das Patriarchat bzw die Männer bzw die hegemoniale Männlichkeit, die sich alle Macht sichert
2. Frauen sind benachteiligt aufgrund der Erziehung und daran ist auch das Patriarchat schuld und sie müssen daher Hilfen bekommen
3. Der Weibliche Weg ist besser für die Gesellschaft und muss daher nach vorne gebracht werden
Das wäre eine klassische Argumentation nach Nr. 3, gleichzeitig ist es vollkommen verpönt aus dieser Sicht solche Argumentationen unter Nr. 1 zu bringen, etwa in Diskussionen über den Gender Pay Gap.
Wohlgemerkt geht es nicht ums Aufgeben oder um einen Rückzug aus dem Arbeitsleben, wie eine von Fortune in Auftrag gegebene Umfrage unter 300 Managerinnen zwischen 35 und 49 Jahren ergab. Nur eine geringe Anzahl wählt ein Leben als Hausfrau. Viele nehmen eine Kurskorrektur vor in Richtung altruistischer Jobs und einer besseren Work-Life-Balance. Ein hoher Anteil macht sich selbstständig. Aber auch ein neues Studium oder ein Sabbatical sind häufig gewählte Wendepunkte. Dies gilt übrigens für Mütter und kinderlose Frauen gleichermaßen.
Sie ziehen sich aus den besonders stressigen Jobs zurück auf die Jobs, die eine bessere Balance von Arbeit und Privatleben erlauben, wo man zwar noch sehr gut verdient, aber damit eben auch noch sehr gut leben kann.
Eben weil der Status und das Hochstehen in der Hierarchie sich nicht in gleicher Weise lohnt.
Nachdem Frauen sich in die Arbeitswelt gekämpft haben, kämpfen sie sich jetzt wieder heraus – bzw. definieren Arbeit und Erfolg neu. Es muss nicht das eine Ziel geben, dem alles untergeordnet wird. Frauen haben gern mehrere Eisen im Feuer. Neben der Familie sind das u. a. Freunde, Bildung, Ehrenamt und Hobbys.
Sowohl weiter gefasste Vorstellungen vom Leben als auch eine gründliche Unzufriedenheit im Job sind also die Treiber für den Exodus hochqualifizierter Frauen in der Mitte des Lebens. Doch was wollen Frauen? Was suchen sie in der Arbeit?
Das sind dann aber eben Positionen, die eben keine „Gesellschaftliche Macht“ bringen und damit zeigt sich aus Sicht von Feministinnen eben nicht eine Befreiung, sondern für Sexismus und Diskriminierung.
Sylvia Ann Hewlett und Melinda Marshall vom Center for Talent Innovation beschreiben in ihrer Studie „Women want five things“, was hochqualifizierten Frauen zwischen 35 und 50 bei der Arbeit wichtig ist:
- Entfaltung: Frauen entfalten sich, wenn sie etwas bewirken können und Einfluss haben, wenn sie sich selbst verwirklichen können. Voraussetzungen für Entfaltung sind Gesundheit und Wohlbefinden, Freiheit und Autonomie. Mit einem echten Maß an Kontrolle können Frauen konkurrierende Anforderungen managen – und zwar so, dass ihr physisches Wohlbefinden erhalten wird, sie ihre Energie aufladen und ihre emotionalen und spirituellen Bedürfnisse erfüllen können.
- Exzellenz: Frauen suchen die intellektuelle Herausforderung, um daran zu wachsen, sich zu verbessern und Expertin auf einem Gebiet zu werden. Dafür ist eine wertschätzende Umgebung wichtig. Deshalb brauchen Frauen Anerkennung.
- Sinn: Frauen finden Arbeit bedeutsam, wenn sie Erwartungen übertreffen können – ihre eigenen und die ihrer Familie oder Community. Es ist ihnen wichtig, ehrgeizige Ziele zu erreichen und eine langfristige Wirkung mit ihrer Arbeit zu erzielen.
Frauen finden Arbeit besonders sinnvoll, wenn sie hilft, die Gesellschaft auf Gebieten voranzubringen, die ihnen wichtig sind, z. B. Gesundheit und Bildung, soziale Gerechtigkeit, Umwelt.
- Förderung: Frauen suchen Mentoren, die an sie glauben und ihnen helfen, die nächste große Chance zu ergreifen. Doch sie helfen auch selbst, indem sie talentierte jüngere Kolleginnen und Kollegen fördern.
- Finanzielle Sicherheit: Frauen wollen gut verdienen, finanziell unabhängig sein und ihre Familie unterstützen.
Das findet sich auch in anderen Studien: Eine angenehme Arbeitsatmosphäre, Zusammenarbeit und Anerkennung, an etwas emotioanl positiv besetzten und deswegen wichtigen Arbeiten. Arbeiten unter gleiche, aber nicht mit Stress und in einem Kampf um die Spitze, sondern eher in einer Umgebung, in der sich alle Wohlfühlen etc.
Überraschenderweise zeigt die Studie ebenfalls, dass hochqualifizierte Männer im Alter von 35 bis 50 die gleichen fünf Dinge wollen. Frauen legen lediglich mehr Wert darauf. Im Unterschied zu Frauen sind Männer sich aber der Bedeutung von Macht stärker bewusst und verfolgen sie hartnäckiger. Frauen hingegen starten ihre Karriere machthungrig, verlieren aber mit den Jahren den Appetit. Die Forscherinnen schlussfolgern: Frauen verstehen nicht, dass Macht ihnen das gibt, was sie wollen.
Diese Schlussfolgerung der Forscherinnen verstört mich. Wieder einmal liegt das Defizit bei den Frauen, wieder einmal sollen sie endlich lernen, in männlich geprägten Strukturen zu funktionieren.
Meine Wahrnehmung ist eine andere: Frauen verändern gerade die Arbeitswelt. Sie finden Möglichkeiten jenseits der konventionellen Karriere, um das zu bekommen, was sie wollen. Und ebnen damit den Weg für Männer, es ihnen gleich zu tun
Oder: Männer und Frauen haben eben verschiedene Prioritäten und Männer finden Macht etc interessanter. Siehe Pfauenschwanz. Frauen ebnen insofern nicht den Weg, sie haben andere Interessen (eine Abweichung im Schnitt, die sich gerade in der Spitze auswirkt)