Selbermach Samstag 274 (25.01.2020)

Welche Themen interessieren euch, welche Studien fandet ihr besonders interessant in der Woche, welche Neuigkeiten gibt es, die interessant für eine Diskussion wären und was beschäftigt euch gerade?

Welche interessanten Artikel gibt es auf euren Blogs? (Schamlose Eigenwerbung ist gerne gesehen!)

Welche Artikel fandet ihr in anderen Blogs besonders lesenswert?

Welches Thema sollte noch im Blog diskutiert werden?

Für das Flüchtlingsthema gibt es andere Blogs

Ich erinnere auch noch mal an Alles Evolution auf Twitter und auf Facebook.

Es wäre nett, wenn ihr Artikel auf den sozialen Netzwerken verbreiten würdet.

Wer mal einen Gastartikel schreiben möchte, der ist dazu herzlich eingeladen

„Was haben die Deutschen nur dagegen, dass man sie Kartoffel nennt?“

Im Spiegel erschien ein Artikel zur „Kartoffelproblematik“ und er enthält die klassische intersektionale/identitätspolitische  Argumentation, weswegen ich ihn für eine Besprechung interessant finde:

„Immer dieses ihr und wir, muss man das so betonen?“ Diesen Satz höre ich in letzter Zeit oft – interessanterweise von weißen Deutschen, nachdem ich sie als „weiße Deutsche“ bezeichnet habe. „Hautfarbe und Herkunft spielen für mich keine Rolle“, erklären sie. Guter Punkt. Nur warum fällt ihnen das nicht ein, wenn sie Leute mit Zuschreibungen wie „Russlanddeutsche“ oder „Deutschtürken“ versehen? Wer diese Begriffe verwendet, müsste sich selbst konsequenterweise auch als Deutschdeutsche(r) bezeichnen. Aber die meisten finden, sie selbst seien einfach nur Deutsche.

Da ist erst einmal das typische Unbehagen, wenn „Privilegierte“ meinen, dass sie der „Normalfall“ sind. Wie schon bei Cis und Trans kann das in den intersektionalen Theorien nicht ertragen werden.

Dabei ist es ein sehr weit verbreitetes Phänomen. Wer etwa als (weißer) Deutscher nach Namibia ausreist wird selbst dann, wenn er inzwischen die namibianische Staatsbürgerschaft angenommen hat, immer „der Deutsche“ sein. Und nicht „der Namibianer“. Und Und man wird von den Nambianern auch nicht erwarten, dass sie von sich als den „schwarzen Nambianern“ sprechen.

Das Konzept, dass ein Zusatz etwas erklärt, eine Zusatzinformation bereitstellt, und das nicht notwendig ist, wenn es schon der Standard ist, dass wird man in den Theorien wohl nie verstehen.

Offenbar tun sich viele Germanennachfahren schwer damit, eine Fremdzuschreibung für ihre eigene Gruppe anzunehmen – etwas, das „ausländischen Mitbürgern“, „Migranten“ und „Personen mit Migrationshintergrund“ am laufenden Band zugemutet wird. Die Anderen werden ständig nach Wurzeln, Religionen und Stämmen sortiert. Aber wenn Deutsche ohne Migrationshintergrund in eine Gruppe eingeordnet werden, reagieren viele empfindlich. Sehr empfindlich sogar.

Auch da passt das Beispiel eigentlich nicht, denn Russlanddeutscher und Deutschtürke sind ja durchaus nicht lediglich Fremdbezeichnungen. Viele mit solchen Hintergrund sehen das ja gerade als wichtigen Teil ihrer Identität, leben eben in einer Mischung beider Kulturen, mit aller Zerrissenheit und Abgrenzung, die das mit sich bringen kann.

Aber was eigentlich der wichtigere Unterschied ist, dass hier wieder nur in Gruppen gedacht wird.

Wenn bestimmte Deutsche von Russlanddeutschen oder von Deutschtürken sprechen, dann spricht nicht jeder davon und kann sich damit auch genauso dagegen verwehren, dass andere ihn mit einer nicht gewünschten Fremdbezeichnung ansprechen. Genauso wie Deutscher mit russischen oder türkischen Familienhintergrund sich dagegen verwehren kann, kann es eben auch ein Deutscher.

Aber in Identitätspolitiken denkt man eben nicht auf das Individuum bezogen. Man denkt in „Machtstrukturen“ und da ist der Alman oder die Kartoffel eben der mit Macht und dagegen muss man kämpfen, ihn abwerten, verächtlich werden, weil das dann die Lage schlagartig besser für alle macht.
Immerhin, das dann ohne Sarkasmus, macht es die Lage vielleicht besser für den, der mit solchen Bezeichnungen provozieren kann, um so mehr, wenn der andere sich nicht wehren darf. Dann kann man sich groß fühlen, als Kämpfer für die gerechte Sache. Narzissmus eben.

„Ich will nicht als weiße Deutsche bezeichnet werden, das ist auch Rassismus“, schreiben mir Leute auf Twitter. Das ist inhaltlich Quatsch und relativiert strukturelle Benachteiligung. Aber selbst Zeitgenossen, die sich als weltoffen und liberal sehen, mutieren mitunter zu dünnhäutigen Emodeutschen, wenn sie als Weiße*rAlman oder Kartoffel bezeichnet werden. Erstaunlich viele werten das als beleidigende Diskriminierung. Warum nur?

Natürlich ist eine Form des Rassismus jemanden auf seine Hautfarbe zu reduzieren und deutlich zu machen, dass man diese Gruppe nach Hautfarbe meint abwerten zu können.

Wenn das jemand in einem Zeitungsartikel kann, aber ein Deutscher nicht schreiben könnte, dass die Autorin sich mal nicht so anstellen sollte, wenn er sie als Kanakin bezeichnet, dann ist Macht auch so eine Sache und strukturelle Benachteiligung auch.

Das Ferda Ataman aus ihrer gehobenen sozialen Stellung (sie ist Referentin für NRW-Integrationsminister Armin Laschet und war Referatsleiterin für Öffentlichkeitsarbeit in der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, dazu Mitbegründerin und Ko-Vorsitzende des Vereins „Neue Deutsche Medienmacher) heraus meint, dass sie unterdrückt wird geht wohl auch eben nur in der intersektionalen Theorie.

An den Begriffen selbst kann es eigentlich nicht liegen. „Alman“ ist das türkische Wort für Deutsche*r und Kartoffel ein international beliebtes Gemüse. Nimmt man noch Biodeutsche und die altmodischen Krauts und Piefkes dazu, sind die Nachfahren der Teutonen vermutlich mit den harmlosesten und niedlichsten „Schimpfwörtern“ versehen, die ein Volk bekommen kann.

Wirklich? Ist ihr das Argument (welches man aber immer wieder hört) echt nicht selbst zu dumm? N*gger ist ja auch nur eine Beschreibung der Hautfarbe, Kanake bezeichnet nur den Angehöriger einer anderen, fremden Ethnie, historisch gesehen von den Ureinwohner der Südseeinseln hergeleitet, und das sind ja ganz feine Menschen, so dass es nicht beleidigend sein kann, Froschfresser kann nicht beleidigend sein, weil Froschschenkel eine Delikatesse sind und Itaka betont doch gerade die Kameradschaft, also die Verbundenheit. Kümeltürke verweist auch nur auf ein international beliebtes Gewürz und „Nafri“ ist eine Verkürzung von Nordafrikaner. Selbst Maximalpigmentierte ist nur eine Beschreibung der Haut und im Geschlechtlichen Bereich ist Fotze auch nur das allseits beliebte Sexualorgan.

Schließlich wären Zuschreibungen wie Spargelfresser, Leberwurst oder Weißbrot kulinarisch und semantisch genauso naheliegend. Oder politisch fieser und ironischer: Deutsche mit Nationalsozialismusgeschichte oder germanische Ureinwohner oder Monokulturdeutsche – in logischer Anlehnung an die Begriffe, die man den „Anderen“ gibt. Aber nach zwei Weltkriegen will vielleicht niemand mehr Deutsche provozieren. Jedenfalls: Harmloser kann man es mit Fremdzuschreibungen kaum treffen.

„Wir könnten euch auch noch viel schlimmere Nammen geben“ ist das ernsthaft ihr Argument? „Wir sind ja gar nicht richtig ausfallend, wir könnten schlimmer sein“.

Auf dem Diskussionsniveau von:

„Was regst du dich über die Backpfeife auf, ich hätte dir auch beide Beine brechen können“.

Mitunter will man eben eine Welt auch ohne Backpfeifen. Und warum auch nicht?

Trotzdem meldete sich vor zehn Jahren die damalige Familienministerin Kristina Schröder und erklärte, wenn nichtbiodeutsche Kinder andere Kinder auf dem Schulhof „deutsche Kartoffel“ nennen, sei das Deutschenfeindlichkeit und ein bundespolitisch ernst zu nehmendes Thema. Spätestens seit damals steht die Knolle unter einem diskursiven Diskriminierungsverdacht. Zu unrecht, wie ich finde. Natürlich ist es völlig inakzeptabel, wenn Kinder so gemobbt werden. Aber es werden auch Schüler*innen als „Jude“, „Türke“ oder „schwul“ beschimpft und wir schreiben die Begriffe nicht gleich ab.

Meine Fresse, es wird immer bescheuerter. Natürlich kann man Begriffe nicht abschaffen. Schon gar nicht auf einem Schulhof. Aber deswegen muss man sie zum einen nicht als vollkommen okay darstellen und zum anderen nicht in einem Artikel in einem der größten Magazine Deutschlands verteidigen.

In beiden Fällen sollte man vielmehr das Trennende zu reduzieren versuchen und das verbindende Stärken. Mit einer Freigabe errichtet man aber nur neue Gräben.

Außerdem geht es nur um Alltagssprache. Niemand würde in einem amtlichen Papier oder Parteiprogramm „Almanis“ schreiben oder bei der Polizei „kriminelle Kartoffel“ vermerken. Anders bei den Fremdzuschreibungen, die Millionen von Menschen ungefragt zu Nafris, Flücht-„lingen“, Migranten  oder Muslimen erklären: sie sind oft amtlich und finden sich in Studien, Statistiken und den Medien wieder.

Da kann es ja auch sehr sinnvoll sein und da wäre in einigen Fällen die Unterscheidung zwischen Deutschen mit und ohne Migrationshintergrund ja auch durchaus interessant. Aber das ist doch gar nicht das Problem um das es geht. Man scheibt in die Studien und Statistiken ja eben gerade nicht „N*ggerdeutsche“ oder „Deutsche mit Kümeltürkenhintergrund“.

Ich würde auch gern anmerken, dass ich Deutsche kenne, die sich selbst als Kartoffel oder Alman bezeichnen.

Klar, in den intersektionalen Theorien  muss man ja auch seine Schuld anerkennen und wer das machen will, der kann das machen.

 

Nicht nur privat, auch öffentlich, wie Sina und Marius vom extrem beliebten Instagram-Account „Alman Memes“ oder im aktuellen Werbespot von Edeka „Mach auch du Geschäfte mit Kartoffeln“, der für Ausbildungsplätze wirbt. Manche nennen sich doch selber so – dieses Argument kommt oft in Debatten über das N-Wort oder die „Zigeunersoße“. Aber es geht hier nicht darum, wie man sich selbst bezeichnet, sondern um Fremdzuschreibungen.

Eben.

Und wer schon ein Nachtschattengewächs als kränkende Zuschreibung empfindet, müsste eigentlich sofort verstehen, dass bei kolonialgeschichtlichen und anderen historischen Schimpfwörtern eine rote Linie überschritten wird. Trotzdem sind bei Kartoffel und Alman vor allem diejenigen schnell beleidigt, die sich sonst über die politisch korrekte „Moralkeule“ beklagen.

Da ist es wieder: Wir dürfen euch beleidigen, weil wir die Unterdrückten sind. Denn Kolonialzeit. Wobei Türken und Kolonialzeit wenig Sinn macht.

In der Tat hätte ich auch nichts dagegen, wenn jemand, der Abwertungen gegen andere Ethnien vornimmt, dann als Kartoffel bezeichnet wird. Aber zusammen mit „euch kann man nicht beleidigen, ihr habt die Macht“ macht es eben schlicht die Gräben tiefer und das auch bei vielen Leuten, die vorher gar keine Gräben hatten.

Bei der Empörung über „Kartoffeldeutsche“ geht es also um etwas anderes. Es geht um den inneren Widerstand, sich mit sich selbst und den eigene Privilegien zu beschäftigen. Und es geht um Macht: manche wollen einfach nicht die Deutungshoheit abgeben. Wer in Deutschland wen als was bezeichnen darf, soll immer noch die „Mehrheitsgesellschaft“ bestimmen, also die weißen Deutschen.

Es geht um die Macht jemanden abwerten zu können in der Tat. Ihm etwas vorhalten zu können, angebliche Privilegien und ihn dann zurechtstutzen zu können. Es geht um Rache, nicht um Verbesserung des Miteinanders. Es geht darum sich überlegen zu fühlen für etwas, für das der andere nichts kann.

Es ist eigentlich sehr einfach das von einer „Mehrheitsgesellschaft der weißen Deutschen“ zu trennen, weil man es als allgemeinen Grundsatz formulieren kann:

Niemand sollte den anderen wegen seiner Hautfarbe oder seiner Gruppenzugehörigkeit abwerten.

Ein sehr einfacher Grundsatz. Er umfasst den Kümmeltürken oder den Spaghettifresser genau so wie die Kartoffel.

Doch so läuft das nicht mehr. In einer Einwanderungsgesellschaft kann nicht eine Gruppe allein bestimmen, wie alle bezeichnet werden. Das Suppengemüse redet im Knollendiskurs jetzt mit und nennt die Kartoffeln auch mal Alman(i)s oder Biodeutsche. Sollte eines Tages endlich die „Zigeunersoße“ aus den Regalen verschwinden und ein Kartoffeldeutschendip reinkommen, können wir darüber nachdenken, ob wir lieber alle auf Zuschreibungen verzichten. Wegen politischer Korrektheit und so.

Euch zeig ich es, ich beleidige euch, weil einige immer noch Zigeunersoße sagen! Ha, das gibt mir das Recht stellvertretend euch abzuwerten. Denn ihr habt ja die Macht. Wenn der türkische Imbiss ein Schnitzel mit Zigeunersoße anbietet, dann liegt das übrigens auch nur an eurem Rassismus und gibt mir noch eher das Recht euch als Kartoffeln zu bezeichnen. Ach fühlt sich das gut an einfach eine Gruppe abwerten zu können! Kartoffeln, Kartoffeln, Kartoffeln! Har Har har, was bin ich für ein toller Widerstandskämpfer!