Demokratischer Repräsentationsbegriff und identitätspolitischer Repräsentationsbegriff

Auf dem Blog Homoduplex werden in einem interessanten Artikel noch einmal die Probleme einer Identitätspolitik und die Probleme des „richtigen Denkens“ und seiner Sicherstellung angesprochen:

Der Gedanke verläuft etwa so:

Ich bin gegen Herrschaft, gegen Hierarchie, gegen Unterdrückung und Ausbeutung. Ich will Gleichheit. Ich will, dass alle Menschen selbst über ihr Leben bestimmen können und nicht die Wenigen über die Vielen. Ich will eine Revolution, durch die die Vielen ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen.

Bis hierher scheint die Sonne in Utopia. Doch dann ziehen vom Realitätssinn her Wolken auf.

Wenn jetzt aber alle gleichberechtigt mitentscheiden würden … ich meine, wir haben ja Wahlen und Meinungsumfragen … dann würden sie sich nicht für meine Utopie entscheiden. Da wären Linke dabei, aber auch Rechte und viele relativ Indifferente, die im Wesentlichen nur ihre Ruhe wollen und gar nicht revolutionär denken. Wenn alle mitbestimmten, würde etwas Mittiges dabei herauskommen, wie wir es jetzt auch schon haben, oder sogar etwas gefährliches Rechtes.

An dieser Stelle wird kognitive Dissonanz fast unumgänglich.

Ich will die Menschen befreien, doch mir dämmert, dass die befreiten Menschen sich nicht so verhalten würden, wie ich mir die befreite Gesellschaft vorstelle.

Bevor mir nun weiter dämmert, dass ich ihnen die Freiheit eigentlich nicht geben will, ihre Freiheit anders zu nutzen, als mir vorschwebt, und bevor das die Frage aufwirft, ob es unter diesen Voraussetzungen überhaupt Freiheit ist, die ich ihnen geben will – Dissonanz! -, reiße ich das Steuer herum und zeichne ein anderes Bild.

Ich weiß ungefähr, wie eine befreite Gesellschaft aussehen würde, aber die Massen wissen es nicht. Die würden immer wieder zum selben Mist zurücksteuern. Aber Zwang und Gewalt kommen nicht in Frage. Wir brauchen also Aufklärung, Überzeugungsarbeit, zunächst einmal die Befreiung des Diskurses von Herrschaft. Wenn sie voll aufgeklärt und befreit sind, werden die Menschen von selbst ein System formen wollen, wie ich es mir vorstelle. Ganz ohne Zwang und Gewalt.

Das ist im Endeffekt zB die internalisierte Mysogynie im Feminismus, das Problem, dass innerhalb der Gruppe das „falsche Denken“ herrschen kann und natürlich die Idee, dass man die Leute noch umerziehen muss, sie noch „erwachen“ müssen (Woke werden müssen) bevor sie eigentlich überhaupt wirklich ihre Gruppe vertreten müssen

  • Die Frauen müssen lernen, dass sie unterdrückt werden und an allem die Männer schuld sind
  • Die PoCs müssen lernen, dass sie von den Weißen unterdrückt werden
  • etc

Und auch dieser Absatz fasst es noch einmal gut zusammen:

Der beschriebene Zielkonflikt ist auch in den Repräsentationsbegriff der Identitätspolitik eingebaut, der gebraucht wird, wenn es heißt, Frauen, Migranten oder andere Gruppen seien irgendwo nicht »repräsentiert«.

Zuerst müssen wir diesen sorgfältig von demjenigen Repräsentationsbegriff unterscheiden, der in »repräsentative Demokratie« vorkommt. Diese sieht vor, dass die Repräsentanten Interessen repräsentieren, die die Bürger durch Wahlen zum Ausdruck bringen. Repräsentation im Sinne von »Diversity« sieht vor, dass demographische Merkmale wie Geschlecht, Hautfarbe usw. repräsentiert werden. Das ist keine Fortschreibung, Verfeinerung oder Weiterentwicklung demokratischer Repräsentation, sondern eine völlig andere Idee.

Der demokratische Repräsentationsbegriff geht von mündigen Individuen aus. Du kannst deinen Willen äußern, und wenn du das getan hast, gilt die Äußerung als dein Wille.

Von der Warte des neuen Repräsentationsbegriffs aus gibt es keine autonome Willensbildung. Dein Wille ist Funktion deines Geschlechts und deiner Hautfarbe. Wir wissen von vornherein aufgrund deines Geschlechts und deiner Hautfarbe, was dein Wille ist und sein muss, und wenn er das nicht ist, dann bist du einer Täuschung aufgesessen oder geistig verwirrt und deine Willensäußerung ist ungültig.

Der Zielkonflikt sieht am Beispiel Frauen etwa so aus: Ich will, dass mehr Frauen politische Macht erhalten. Wenn es nun aber konservative Frauen sind, die nach Ämtern greifen, will ich das dann immer noch? Oder: Will ich immer noch Gendersprech durchsetzen und behaupten, das sei im Interesse der Frauen, während die Mehrheit der Frauen dagegen ist (was zufällig der Fall ist)?

Kann ich behaupten, zu wollen, dass Frauen ihre Meinung einbringen, wenn das nur gilt, solange ihre Meinung meiner Meinung entspricht?

In der Tat werden Repräsentanten in dieser Hinsicht von Individuen zu Platzhaltern von vermuteten Gruppeninteressen. Sie sind dort als Männer, als Frauen, als Schwarze oder Weiße. Ihre Meinung ergibt sich aus der Summe ihrer Gruppenzugehörigkeiten und ist nach diesen zu bewerten. Eine falsche Meinung ist nicht Ausdruck des Individuums, sondern Verrat an der Gruppe.

Ich finde es gut dargestellt. Schaut euch den Rest des Artikels auch noch an

15 Gedanken zu “Demokratischer Repräsentationsbegriff und identitätspolitischer Repräsentationsbegriff

  1. Finde ich auch gut. Sollte jeder Politiker sich mal durchlesen und bei einigen würde mich dann echt mal deren Stellungnahme zu diesem Text interessieren-

  2. Das erinnert einerseits stark an Sozialismus/Kommunismus. Insbesondere, was die Annahme der Gleichheit der Menschen angeht. Und auch dort war das eine der wesentlichen Fehlannahmen. Menschen sind nicht gleich. Und wenn man sie mit dem Ziel einer Ergebnisgleichheit (z. B. alle verdienen gleich viel) behandelt, wird das Ergebnis immer ungerecht sein. Und gerne auch eine erhebliche Bürokratie als Scheingerechtigkeit anbieten. Die dann auch betrieben werden muss, und letzten Endes dafür sorgt, dass durch das Aufrechterhalten der Gerechtigkeitsillusion weniger für alle da ist. Denn der Betrieb der Bürokratie verursacht Kosten.

    Auf der anderen Seite erinnert der Artikel an eine Kasten- oder auch Ständegesellschaft. Man kann fast niemals aus dem Korsett ausbrechen, das einem mit der Geburt angelegt wurde. Ein Korsett aus Hautfarbe, Religion, Geschlecht und sexuellen Präferenzen. Da dies hoffnungslos rückständig ist, sexistisch und rassistisch, muss man sich mit dem Kunstgriff behelfen, dass diese Dinge angeblich frei wählbar seien. Also nicht biologisch determiniert. Dies ist allerdings auch nur solange der Fall, bis jemand tatsächlich wählen möchte. Denn sobald jemand vom unteren Teil der Unterdrückungspyramide (weisser, heterosexueller Mann) in den oberen Teil (farbige, homosexuelle Frau) vordringen möchte, muss das verhindert werden. Dazu benutzt man die Anklage „cultural appropriation“.

    Es ist schon ein absurde Theater.

  3. Man sollte sie halt, da genießt sich absolute menschliche Freiheit einfach am besten, im nächsten Zoo in die Großkatzengrube werfen. (virtuell natürlich nur)

    Ich dachte ja immer, wir schicken hier nen Repräsentanten nach ̶b̶̶o̶̶n̶̶n̶ Berlin, weil der da den Wald hier repräsentiert, und all das was da so drin angesiedelt ist.

    „Migranten oder andere Gruppen seien irgendwo nicht »repräsentiert«.“
    Klar, die fehlen ja bei sich zu Hause.

    Wär man nett, und würde ihm den Text zutrauen, wären vermutlich die drei Kapitel nährreich.

    https://genius.com/Unabomber-the-psychology-of-modern-leftism-annotated

    https://genius.com/Unabomber-feelings-of-inferiority-annotated

    https://genius.com/Unabomber-restriction-of-freedom-is-unavoidable-in-industrial-society-annotated

  4. „Ich bin gegen Herrschaft, gegen Hierarchie, gegen Unterdrückung und Ausbeutung. Ich will Gleichheit.“

    In einer beliebig zusammengewürfelten Menschengruppe wird sich aber immer eine Hierarchie ausbilden, woraus Ungleicheit resultiert. Und Menschen sind sowieso nicht gleich. Und abgesehen davon, dass das Denken in Kategorien wie links und rechts vollkommen sinnlos ist, sind die Begriffe links und rechts nicht auch schon längst zu Floskeln der Identitätspolitik geworden? Links ist gut und rechts ist böse. Begründung: keine.

  5. Das Denken selbsterklärter „Guter“ ist im ersten Zitat sehr gut dargestellt. Eigentlich ist es die geistige Grundlage aller durch welche Ideologie auch immer verursachten Katastrophen der Menschheitsgeschichte. Sobald solche Leute zu viel Einfluss bekommen, ist ein Desaster nicht mehr abzuwenden.

    Ich habe aber in Diskussionen schon öfters festgestellt, dass es nichts bringt, sie mit Hinweisen auf die Geschichte zum Hinterfragen eigener Überzeugungen zu bewegen, selbst wenn es noch so offensichtlich ist. Im Endeffekt wird es immer damit rationalisiert: „JAAAAA, das waren doch aber Böse. Wir sind doch die Guten!!!“

    Der Hinweis, dass sich die „Bösen“ auch beständig selbst für die „Guten“ hielten, der wird dann einfach kommentarlos übergangen. Gespräch beendet, denn spätestens in dem Moment hat man sich auch als einer von den Bösen geoutet und mit den Bösen reden die Guten nun einmal nicht.

  6. „Zuerst müssen wir diesen sorgfältig von demjenigen Repräsentationsbegriff unterscheiden, der in »repräsentative Demokratie« vorkommt. Diese sieht vor, dass die Repräsentanten Interessen repräsentieren, die die Bürger durch Wahlen zum Ausdruck bringen. Repräsentation im Sinne von »Diversity« sieht vor, dass demographische Merkmale wie Geschlecht, Hautfarbe usw. repräsentiert werden. Das ist keine Fortschreibung, Verfeinerung oder Weiterentwicklung demokratischer Repräsentation, sondern eine völlig andere Idee.“

    Wie immer wenn Paritätskritiker sich äußern hat man den Eindruck: da kennt sich jemand nicht aus; weiß also überhaupt gar nicht, dass es eine Regionalquote für die Zusammensetzung des Bundestags gibt. Wofür man nicht mal das GG zur Begründung heranziehen kann (anders als bei der Forderung nach Geschlechterparität in unseren Repräsentativorganen)… zumal ja mit dem Bundesrat noch ein weiteres, staatliches Organ eingerichtet wurde, um ebenfalls mutmaßliche regionale Interessen zu wahren.
    Also doch: es geht hier um eine Fortschreibung, Verfeinerung und Weiterentwicklung hin zu einer wahrhaft GG-gemäßen Demokratie.

    • only_me weiter oben:
      „Lies die Antworten von Semikolon (auf was-auch-immer) und du kennst das Muster der Politikerantwort.
      Es gibt kein Argument, und sei es noch so schlüssig, das ein geübtes Weltbild durcheinander brächte.“

      Eindrucksvoll bestätigt semi. Dass dir das nicht peinlich ist…

    • >> weiß also überhaupt gar nicht, dass es eine Regionalquote für die Zusammensetzung des Bundestags gibt.

      Weil jeder Wahlkreis einen Direktkandidaten schickt?
      Ansonsten ist das Blödsinn. Gerade mal in Bayern hält die Regierung einen Regionalproporz für die Ministerposten, weil der Freistaat so groß und inhomogen ist.

    • „… (anders als bei der Forderung nach Geschlechterparität in unseren Repräsentativorganen)…“

      Du kannst auch sicher aufzeigen, wo das in unserem Grundgesetz steht?! Bevor du dich wieder blamierst: versuch es gar nicht mit Art. 3. Da steht ausdrücklich und absichtsvoll „Gleichberechtigung“ und die ist in der gesamten Konsequenz des Grundgesetzes wie seiner Auslegung immer auf das einzelne Individuum und nicht auf irgendwelche Gruppen ausgelegt.

      Und im von dir vorgebrachten Beispiel würde per Quote erzwungene Parität der Geschlechter in Parlamenten nur bedeuten, dass weibliche Politikerinnen nur aufgrund des verglichen mit Männern deutlich geringeren Engagements ihrer Geschlechtsgenossinnen eine bis zu doppelt so hohe Chance haben, in hohe Ämter und an fett Kohle zu kommen wie Männer. Und das ist das ganze Gegenteil von Gleichberechtigung oder, wie man es neudeutsch zu verwässern versucht, „Chancengerechtigkeit“. Wie gesagt: die Chancen männlicher Politiker wären so teils nur halb so hoch. Wer das als Gerechtigkeit empfindet, hat sich, damit erwiesen, komplett von jeglicher Form von Ethik verabschiedet.

  7. Entweder die Abgeordneten werden durch freie Wahlen bestimmt, oder nach demographischen Merkmalen. Man muss sich klarmachen dass die beiden Ansätze sich widersprechen, denn wenn die Zusammensetzung des Parlaments nach Demographie entschieden wird, ist eine Wahl unmöglich und überflüssig. Es gibt damit 3 Probleme.

    1. Ist eine Zusammensetzung nach Demographie irgendwie hohl und inhaltsleer, wer das will gilt von falschen Voraussetzungen aus. Also dass zB die wichtigsten Interessen nach Geschlechtern sortiert seien, was Unsinn ist.

    2. Wäre das Prinzip dann auf alle demographischen Merkmale auszudehnen. Es nur beim Geschlect zu belassen ist widersinnig: Hautfarbe, Haarfarbe, Schuhgröße, Berufsgruppe, Einkommensgruppe, Vermögen, soziale Schicht, Sprache, Religion, Vereinszugehörigkeit, Hobbys … Das aber scheitert an der praktischen Durchführbarkeit.

    3. Ist es verfassungswidrig.

    • Dahinter verbirgt sich auch der vollkommene Irrglaube, dass eine Gruppe auch nur von eigenen Angehörigen vertreten werden kann. Diese Annahme, auf Geschlechter bezogen, wird jedoch von der politischen Realität Lügen gestraft. Was man konstatieren muss: Männliche Politiker machen Politik für alle, aber bei geschlechterrelevanten Themen mit klarem Schwerpunkt auf Frauen. Weibliche Politiker machen heuer, wenn man sich mindestens 90 % derer in unseren Parlamenten anschaut, immer und ausschließlich, bei absolut jedem Thema, Politik für Frauen. Und wenn ein Thema nun wirklich beileibe kein Frauenthema ist, wird es dennoch geradezu obsessiv zu einem gemacht.

      Vor diesem Hintergrund wäre eine Frauenquote im Parlament eigentlich nichts anderes, als eine Feministinnenquote und um nichts anderes geht es den „Paritäts“-Plärrtanten. Ein Parlament zu mindestens 50 % besetzt von Leuten, die genauso durchideologisiert sind, wie sie selbst, womit man dann, unter der Berücksichtigung willig wedelnder lila Pudel, davon ausgehen kann, dass auch jeder feministische Vorstoß, sei er auch noch so absurd und noch so offen verfassungswidrig, auf jeden Fall zumindest erst einmal die Parlamente passiert.

      Verfassungswidrig demokratische Prozesse aushebeln, um dann noch einfacher weitere Verfassungsbrüche begehen zu können. Aber Feminismus ist auf jeden Fall für uns alle gut!!!

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