„Wenn du gerne Vater sein möchtest und ein Kind mit einer Frau hast, die partout nicht mit dir klarkommt, lass sie ziehen, zeug ein anderes“

Antje Schruppe und Enno Park halten anscheinend nichts von einem gemeinsamen Sorgerecht ab Geburt für unverheiratete Väter und drücken das auf eine gegenüber Vätern sehr gefühlskalte Art aus:

Antje Schrupp:

Automatisches Sorgerecht für unverheiratete Spermageber ist genau betrachtet eigentlich die Wiedereinführung der Zwangsehe: Wer schwanger wird, „muss heiraten“.

Die Zeit, in der Frauen in Freiheit und ohne sich in eine Dauerbeziehung zu einem Mann zu begeben, Kinder bekommen können, war also nur recht kurz. Ein paar Jahrzehnte.,

Ich verstehe nicht, die Logik dahinter. Dass man nicht heiraten muss, um Kinder zu haben, war doch mal eine Errungenschaft. Und jetzt wird das quasi durch die Hintertür wieder eingeführt: Wer gemeinsame Kinder hat, muss gefälligst miteinander klarkommen.
Ich finde dieses ganze Gesetzesvorhaben so dermaßen krass, dass ich mich wirklich wundere, warum sich hier nicht mehr feministischer Protest regt. Sind wir alle schon verväterrechtlert im Kopf?
Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass die Erkenntnis, im Fall einer Schwangerschaft „nicht heiraten zu müssen“ die große feministische Befreiung für mich war. Ich kannte noch GLeichaltrige, die „heiraten mussten“:
Ihre Gleichsetzung von „Sorgerecht für Unverheiratete ist wie Heiraten müssen“ ist natürlich ziemlicher Blödsinn.
Sorgerecht hat etwa nichts mit dem Umgangsrechts zu tun, das hätte der Vater sowieso. Und das gemeinsame Sorgerecht betrifft ohnehin nicht Entscheidungen des täglichen Lebens, sondern nur Fragen von erheblicher Bedeutung:
§ 1687 Ausübung der gemeinsamen Sorge bei Getrenntleben
(1) Leben Eltern, denen die elterliche Sorge gemeinsam zusteht, nicht nur vorübergehend getrennt, so ist bei Entscheidungen in Angelegenheiten, deren Regelung für das Kind von erheblicher Bedeutung ist, ihr gegenseitiges Einvernehmen erforderlich.
Der Elternteil, bei dem sich das Kind mit Einwilligung des anderen Elternteils oder auf Grund einer gerichtlichen Entscheidung gewöhnlich aufhält, hat die Befugnis zur alleinigen Entscheidung in Angelegenheiten des täglichen Lebens. Entscheidungen in Angelegenheiten des täglichen Lebens sind in der Regel solche, die häufig vorkommen und die keine schwer abzuändernden Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes haben.
Solange sich das Kind mit Einwilligung dieses Elternteils oder auf Grund einer gerichtlichen Entscheidung bei dem anderen Elternteil aufhält, hat dieser die Befugnis zur alleinigen Entscheidung in Angelegenheiten der tatsächlichen Betreuung. § 1629 Abs. 1 Satz 4 und § 1684 Abs. 2 Satz 1 gelten entsprechend.
(2) Das Familiengericht kann die Befugnisse nach Absatz 1 Satz 2 und 4 einschränken oder ausschließen, wenn dies zum Wohl des Kindes erforderlich ist.
Bei einem jungen gesunden Kind ist die erste Entscheidung von erheblicher Bedeutung üblicherweise die Frage, in welchen Kindergarten es kommt, danach noch die Frage auf welche Schule es kommt, vielleicht wird dazwischen noch ein Pass beantragt.
Wenn die Mutter umziehen will, dann wäre das auch von erheblicher Bedeutung, zumindest wenn es nicht im gleichen Ort ist.
Die Absprache beim gemeinsamen Sorgerecht kann also minimal sein, weit aus mehr Absprache erfordern Umgangsrecht etc.
Schrupp wäre vielleicht auch entsetzt, wenn sie wüßte, dass man das gemeinsame Sorgerecht auch bereits jetzt gegen den Willen der Mutter einklagen kann und das man das auch noch machen kann, wenn man es nicht hat und erfährt, dass die Mutter etwas machen will, was man nicht gut findet.
Die von ihr angenommene „Zeit, in der Frauen in Freiheit und ohne sich in eine Dauerbeziehung zu einem Mann zu begeben, Kinder bekommen können“ war also nach ihren Kriterien nie vorhanden. Wobei eine Frau sie natürlich immer noch leicht haben kann: Sie muss sich nur von jemanden schwängern lassen, den sie danach nicht mehr sieht und dann auf die Frage nach dem Vater antworten, dass es eben eine Karnevalsbekanntschaft oder ein Fremder bei einem One-Night-Stand war. Würde aber natürlich dann auch keinen Unterhalt bedeuten (den Schrupp aber meine ich eh nicht gut findet und auf den Staat verlagern würde).
Den Text finde ich neben seiner Verkennung von Fakten auch schon deswegen ziemlich bescheuert. Alleine schon die Bezeichnung „Spermageber“.
Enno Park, der wegen eines Cochleaimplantats selbsternannte Cyborg, dachte allerdings „Hold my Beer, das kann ich noch verächtlicher und gefühlsloser“
1/ Erwartbar, wie sehr sich die Leute über @antjeschrupp
’s These aufregen. Ich denke derweil an einen konkreten Fall in meinem Bekanntenkreis. Kurzer Thread:
2/ Gemeinsames Sorgerecht heißt, du kannst nichts alleine entscheiden, sobald es um das Kind geht. Heißt weiter: Du kannst auch nicht über den Wohnsitz des Kindes ohne das andere Elternteil entscheiden. Heißt weiter:
3/ Papi kann Kind und Mutter *verbieten* umzuziehen. So geschehen in meinem Bekanntenkreis, als eine Mutter eine Immobilie in einer Nachbarstadt erbte und diese jetzt nicht beziehen kann, weil der Vater ein Veto einlegt, weil er die Entfernung nicht convenient findet.
4/ Es geht also am Ende doch wieder um die Ausübung von Macht, insbesondere wieder eine patriarchale Machtstellung des Mannes, über Whereabouts von Frau und Kind bestimmen zu können. Antje hat leider recht, wenn sie automatisches Sorgerecht als Form von „Zwangsehe“ bezeichnet.
5/ P.S.: Und nein, „Spermageber“ ist hier keine Herabwürdigung aller Väter, denn sie meint ja gerade nicht soziale Väter sondern die Frage, ob Leuten, die ihr Sperma dagelassen haben, daraus eine solche Machtposition automatisch und gegen den Willen der Mutter zukommt.
6/ Wer das bejaht, denkt halt immer noch in patriarchalen Mustern. Denn letztlich geht es doch wieder nur darum, dass die Kontrolle über den weiblichen Körper und die biologische Reproduktion schön beim Mann
7/ Und ganz praktisch an meine Co-Männer: Wenn du gerne Vater sein möchtest und ein Kind mit einer Frau hast, die partout nicht mit dir klarkommt, lass sie ziehen, zeug ein anderes oder gehe eine Beziehung mit einer Alleinerziehenden ein, aber einer DIE DICH IN IHREM LEBEN WILL.
8/ Alles andere ist nicht das Denken in Liebe und Beziehungen sondern das Denken in Kontrolle, Eigentum, Anspruchsdenken und Blutsabstammung. Kann man machen, ist aber scheiße.
Ein unglaublicher Text. Merkt er gar nicht, dass er da gleichzeitig der einen Seite vorwirft Macht auszuüben, in Eigentum zu denken, ein Anspruchsdenken zu haben und Kontrolle auszuüben (den Vätern) und dies dann ganz selbstverständlich der anderen Seite zuzugestehen.

Und das so weitgehend, dass er sagt „Wenn sie dich nicht mehr mag, dann gehört das Kind ihr, und wenn sie mit ihm wegziehen will, dann hast du die Klappe zu halten, zeug doch ein anderes Kind“

Zeug doch ein anderes
Zeug doch ein anderes 
Zeug doch ein anderes 
Ich kann es immer noch nicht wirklich glauben.
Mir ist wirklich nicht ganz klar wie ein auch nur annähernd zur Empathie fähiger Mensch so etwas schreiben kann. Selbst wenn er keine Kinder hat sollte ihm doch das grobe menschliche Konzept eines Elternteils, welches sein Kind liebt, verständlich sein.
Aber auch abgesehen davon ist „Man kann gar nichts mehr machen, noch nicht einmal mit dem Kind in eine andere Stadt ziehen“ falsch:
Natürlich kann man das auch mit dem gemeinsamen Sorgerecht, die Frau sowieso, sie muss nur ihr Kind zurücklassen und dann eben ein anderes machen (was ist schon dabei?) und auch mit dem Kind, wenn sie den Anspruch bei Gericht geltend macht und die Hauptbezugsperson des Kindes ist und das auch noch mit will.
Ein Gericht fragen ist natürlich eine absolute Unzumutbarkeit. Wie kann man das nur verlangen, wenn man einen Elternteil räumlich von seinem Kind trennen will und dieses von ihm?
Dieses miese Patriarchat, da lässt es nicht einfach Frauen die absolute Macht über das Kind, sondern überlegt (umgesetzt ist es ja noch nicht) ob unverheiratete Väter zumindest in Fragen von erheblicher Bedeutung von Anfang an mitreden dürfen. Wie patriarchalisch kann ein System sein? Frauen werden da wirklich zwangsverheiratet und quasi aller Rechte beraubt, es ist unglaublich.
Noch ein paar Tweetreaktionen, die ich passend fand:

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