Jessica Valenti über Doppelstandards (Gastbeitrag)

Es folgt ein sehr langer Gastbeitrag mit dem Thema

Jessica V. über Doppelstandards von Jochen Schmidt

Gastbeitrag auch als PDF:

Jochen_Schmidt__Gastbeitrag__Jessica_Valenti_ueber_Doppelstandards__03-11-2019 (2)

Wir kommen, um uns zu beschweren (Tocotronic, CD bei L’age d’or, 1996)

1 « Die Sache mit der Team Dresch Platte »

In unserem kleinen, feministischen Kolloquium sind wir mehrfach auf diverse Doppelstandards gestoßen. Diese Phänomene sind so folgenträchtig, dass es ratsam ist, sich genauer damit zu befassen. Glücklicherweise müssen wir bei dieser Auseinan dersetzung nicht bei Null anfangen – vielmehr können wir dabei auf einer Sammlung diverser Doppelstandards aufbauen, die von Jessica Valenti [Link1, Link2, Link3, Link4] veröffentlicht worden ist. Diese Sammlung ist auch deswegen brisant, weil hier soziale Ungleichheit zwischen den Geschlechtern thematisiert wird, ohne den Umweg über statistische Erhebungen zu nehmen, bei denen die betroffenen Personen gar nicht mehr in den Blick kommen, sondern nur noch Mittelwerte und Prozentpunkte.

Aus Valentis Sammlung wollen wir in den nächsten Monaten einige besonders gewichtige Brocken herausgreifen und gemeinsam bewältigen. Dabei werden wir durchaus auch ein wenig in die Tiefe gehen und wesentliche Aspekte im Detail besprechen. Relevante Fragen hierbei sind z. B.: Worin bestehen derartige Doppel standards genau, wie wirken sie sich im Einzelnen aus, und wie weit sind sie in der Gesellschaft verbreitet?

Für den Anfang habe ich einen eher untergewichtigen Doppelstand ausgewählt. Mit diesem ‘Leichtgewicht’ können wir einen bequemen Einstieg in die so komplexe Problematik der Doppelstandards wagen . . .

Noch ein rechtlicher Hinweis in eigener Sache: Der vorliegende Text wird publiziert unter der “Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland”Lizenz (CC BY-NC-ND 3.0 DE, [Link5]).

2 Wenn zwei das Gleiche tun, . . .

. . . dann ist es noch lange nicht dasselbe? Im zweiten Kapitel ihres Buches “He’s a Stud, She’s a Slut and 49 Other Double Standards Every Woman Should Know” umreißt Valenti den Streitpunkt folgendermaßen:

« There’s no doubt that women will always have a disproportionate amount of responsibility when it comes to sex, because we’re the ones who get pregnant – and if we do get pregnant it’s going to be up to us to decide what to do about it. But the way that birth control is automatically considered a woman’s domain is just irksome, not only from a theoretical feminist perspective – why should it only be up to us!? – but also from a practical one. » [Valenti, 2008, p. 17]

So mancher Leser wird bereits über den ersten Satz dieser Passage die Stirn runzeln – doch gemach, wir befinden uns in einem feministischen Kolloquium und wollen nicht aufmucken. Soweit ich sehe, befasst sich Valenti im zweiten Kapitel ihres Buches mit drei Phänomenen:

A. Behavioural (‘verhaltensmäßig’):

Wenn es einen Mann Y gibt, mit dem eine Frau X Sex haben sollte, und wenn beide, X und Y, eine Schwangerschaft der Frau vermeiden wollen, dann betreibt die Frau einen wesentlich höheren Aufwand als der Mann, um die Verhütung sicherzustellen.

B Psychisch:

Wenn es einen Mann Y gibt, mit dem eine Frau X Sex haben sollte, und wenn beide, X und Y, eine Schwangerschaft der Frau vermeiden wollen, dann besteht die Auffassung oder die Vorstellung, dass es hauptsächlich in der Verantwortung der Frau liegt, die Verhütung sicherzustellen.

C Normativ:

Wenn es einen Mann Y gibt, mit dem eine Frau X Sex haben sollte, und wenn beide, X und Y, eine Schwangerschaft der Frau vermeiden wollen, dann besteht der Doppelstandard, dass es hauptsächlich in der Verantwortung der Frau liegt, die Verhütung sicherzustellen – obwohl Mann und Frau etwa in gleichem Umfang am Sex beteiligt sind und etwa im gleichen Ausmaß an dessen Ergebnis mitwirken (vor allem Konzeption / Empfängnis).

Wie wir im weiteren Verlauf feststellen werden, sollten alle drei Phänomene voneinander unterschieden werden, auch wenn es mitunter Zusammenhänge gibt. Z. B. zieht (C) notwendigerweise (B) nach sich, doch (B) zieht nicht notwendigerweise (C) nach sich. Und weder (C) noch (B) ziehen notwendigerweise (A) nach sich. Dazu später mehr.

Ich habe (A) bis (C) zunächst mal so formuliert, dass sie auch auf einzelne Personen zutreffen können – Valenti möchte diese Phänomene jedoch allgemein verstanden wissen: Sie bestehen angeblich bei den meisten Frauen und Männern, die miteinander Sex haben – womöglich sogar in der ganzen “Gesellschaft” (wegen Patriarchat und so). Auch diese Unterscheidung wird sich später als hilfreich erweisen: Phänomene, die bei einzelnen Personen auftreten (bspw. eine “birth control disparity”), treffen nicht notwendigerweise auf die gesamte Gesellschaft zu.

Soweit ich sehe, entspricht Valentis Passage oben am ehesten dem Phänomen (B) (“. . . is automatically considered . . . ”).

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