Die Diskursverweigerung der Feministinnen und das Schweigen der Männer

Die NZZ hatte einige feminismuskritische Artikel, darunter auch den folgenden:

Doch in der Euphorie gerät die grösste Gefahr für unsere Gesellschaft aus dem Blickfeld: die Entfremdung der Geschlechter, die manchmal sogar mit der Verletzung der Menschenwürde einhergeht und auf die nachwachsende Generation und ihre Identitätsbildung einen negativen Einfluss haben dürfte. Die drei aktuellsten Phänomene sind die belächelte oder negierte Diskussion über die Benachteiligung der Knaben im Bildungssystem; die Diskursverweigerung mancher Frauen, sobald bestimmte feministische Überzeugungen kritisiert werden; und das Schweigen der Männer, wenn es um Geschlechterfragen geht.

Das ist doch einmal eine interessante Zusammenstellung:

  • die belächelte oder negierte Diskussion über die Benachteiligung der Knaben im Bildungssystem;
  • die Diskursverweigerung mancher Frauen, sobald bestimmte feministische Überzeugungen kritisiert werden;
  • und das Schweigen der Männer, wenn es um Geschlechterfragen geht.

Alles Probleme, die hier auch schon diskutiert worden sind.

«Knaben müssen lernen, was es heisst, von den Mädchen überholt zu werden. Und überhaupt, solange Männer auf dem Arbeitsmarkt die Nase vorn haben, muss man nicht aktiv werden und ihnen mehr Aufmerksamkeit schenken. Schliesslich haben Mädchen in der Vergangenheit genug Benachteiligungen erlebt.» Diese aus weiblichem Munde stammende Aussage war kürzlich an einer Veranstaltung eine pointierte Antwort auf die These, die Knaben seien die neuen Sorgenkinder. Obwohl es eine empirische Tatsache ist, dass Knaben im Durchschnitt schlechtere Schulnoten haben, weniger hohe Bildungsabschlüsse erzielen und verhaltensauffälliger sind als Mädchen, will dies manche Frau nicht gelten lassen. Leider werden mit dieser Radikalität genau die Muster genutzt, die der Feminismus überwinden will, um jedem Menschen unabhängig von Herkunft, Kultur und Geschlechtsorientierung gleichermassen zu ermöglichen, sein Potenzial zu verwirklichen.

Man kennt diese Meldungen: „Gleichberechtigung hat sich verbessert, jetzt schneiden Mädchen endlich deutlich besser ab als Jungs“

Natürlich gibt es in der Realität viele rückwärtsgewandte Anti-Feministen. Doch auch für veränderungsbereite Männer ist der Alltag komplex.

In der Tat.

Bedrohlicher fühlt sich das zweite Phänomen an: die zunehmende Empörung, persönliche Wut und Diskursverweigerung von Frauen, wenn Kritik an gängigen Feminismusdiskussionen geäussert wird. Wer dies tut, gilt als rechtsreaktionär; wer sich traut, #MeToo zu durchleuchten, muss mit Empörung rechnen; wer das Gendersternchen kritisch unter die Lupe nimmt, bekommt die Etikette «rassistisch»; wer es sich erlaubt, die Verleugnung von Geschlechtsunterschieden zu relativieren, wird als unwissenschaftlich abgestempelt; und wer darauf verweist, dass es auch alte weisse Männer gibt, die ihre Gender-Einstellungen und ihr Verhalten umgekrempelt haben, wird bezichtigt, die Debatte nicht zu verstehen.

Ja, das irrationale der Diskussion und die Absolutheit mit denen dort teilweise sehr abstruse Thesen vertreten werden, ist schon erstaunlich. Man kann angefeindet werden, wenn man einen Penis als männlich ansieht. Und das Infragestellen, dass der Gender Pay Gap auf etwas anderes als einer Unterdrückung der Frau beruht, überhaupt irgendwelche Punkte, in denen Männer besser abschneiden, nicht das Produkt einer Diskriminierung sind, gilt als unfassbare Frauenfeindlichkeit.

Zwei Beispiele, die stellvertretend für diesen Shitstorm-Trend stehen, sind Jordan Peterson, Psychologe und als einer der einflussreichsten Intellektuellen bezeichnet, sowie Svenja Flasspöhler, Philosophin und Autorin des Bestseller-Büchleins «Die potente Frau». Beide äussern sich kritisch und kämpferisch zu feministischen Themen, und beide sind regelmässig Ziele aggressiven Moralisierens und persönlicher Anschuldigungen. Peterson wurde von Feministinnen als Messias der Schwachköpfe und als Intellektueller der Dummen bezeichnet. Flasspöhler wird vorgehalten, sie beleidige die Frauen, weil ihr Buch trivial, unterkomplex und mit gravierenden Defiziten ausgestattet sei, weshalb es gar nicht verdiene, diskutiert zu werden.

Selbstverständlich kann man mit den Ansichten von Peterson und Flasspöhler überhaupt nicht einverstanden sein und Ungenauigkeiten oder sogar Fehlschlüsse entdecken. Aber dies würde bedingen, sich mit dem Inhalt ihrer Texte und ihren Argumenten auseinanderzusetzen. Stattdessen macht man sich über die beiden lustig oder gibt sich betont wütend, als ob eine seit langem aufgestaute Wut sich unreflektiert Bahn gebrochen habe. Möglicherweise steckt hinter solcher Polemik auch eine Unwilligkeit, die eigene Intoleranz zu erkennen und Interesse an einem Diskurs zu entwickeln.

In der Tat werden dort Passagen stark verfälscht, Positionen unterstellt, die so gar nicht vertreten werden und Abwertungen aller Art vorgenommen, statt sich mit der eigentlichen Kritik und den Argumenten auseinander zu setzen

Vielleicht verbergen sich dahinter die Wurzeln des dritten Phänomens: Männer sind zum schweigenden Geschlecht geworden. Zwar haben manche den Frauenstreik unterstützt und die Euphorie auf sich selbst übergreifen lassen, andere aber nicht. Erstaunlich wenig Männer nehmen öffentlich zur aktuellen Entwicklung Stellung, obwohl sie im geschützten privaten Kreis ihren Frust kundtun und anmerken, dass sie zur Debatte schon noch ein paar Bemerkungen hätten. Manchmal wird dieses Schweigen als männlicher Selbstschutz definiert, doch gibt es auch eine andere Interpretation. Viele Männer fühlen sich in Kollektivhaftung genommen und von der Diskussion ausgeschlossen. Dies gilt nicht nur für alte weisse Männer, sondern auch für junge Gymnasiasten, die kürzlich im Interview mit Michèle Binswanger zu Protokoll gaben: «Wir werden damit bombardiert, dass man sich als Mann schuldig fühlen muss. Wir haben keinen Bock mehr, wenn wir so behandelt werden.»

Das wäre wieder eine Verlagerung der Debatte in den „Untergrund“ bzw aus der Öffentlichkeit heraus und tatsächlich trifft man viele dieser Positionen durchaus im vertrauteren Kreis, aber eben seltener in Zeitungen, Magazinen oder anderen Medien.

Natürlich gibt es in der Realität noch zu viele rückwärtsgewandte Anti-Feministen, die das Ende der weiblichen Emanzipationsbewegung herbeiwünschen und ihre Wut mit massiver Frontstellung in Online-Kommentaren kundtun. Zu Recht fordern deshalb viele Frauen, dass Männer endlich einmal wollen und sich bewegen sollen. Doch für veränderungsbereite Männer ist der Alltag komplex. Wollen sie sich mit Frauen solidarisieren, wird ihnen das Recht dazu abgesprochen, widersprechen sie dem feministischen Mainstream, wirft man ihnen vor, die eigene Machtposition nicht räumen zu wollen, und wenn sie ihre persönlichen Schwierigkeiten in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf erwähnen, werden sie mit Verweis auf die viel grössere Doppelbelastung der berufstätigen Mütter müde belächelt. Welche andere Rolle bleibt ihnen übrig, als zu schweigen, wenn sie in defizitären Kategorien wahrgenommen werden?

 

Rede, aber rede das was wir hören wollen. Du sollst sagen, was dich bedrückt, was du ungerecht findest, aber doch nicht das, sondern du sollst uns nachsprechen.

Unsere Multiplikatoren von morgen sind die nachfolgenden Generationen. Sie dürfen von uns erwarten, dass wir die historische Leistung des Feminismus zu einem erfolgreichen Ende bringen und die Gleichheit der Geschlechter auf allen gesellschaftlichen Ebenen verwirklichen. Eine wichtige Aufgabe ist es deshalb, unseren Moralhaushalt zu renovieren und die Sicht auf das Männliche zu verändern. Dies bedingt eine grundlegende Disziplinierung der Shitstorm-Kultur. Gegenwärtig lernen junge Menschen in erster Linie, dass, sobald von Feminismus, Frauen und Männern die Rede ist, Wut und Ressentiments dominieren, obwohl es eigentlich um Erkenntnis, Widerspruch, Toleranz und Zuhören gehen sollte. Mädchen und Knaben werden in eine Gesellschaft hineinsozialisiert, in der nicht nur Diskursverweigerung sowie mangelnde Selbstdistanz akzeptierte Merkmale sind, sondern sich zudem vor allem Frauen zu den zukünftigen Marschrichtungen der feministischen Grundfragen äussern, während das Gros der Männer schweigt. Dies wirft einen Schatten des Misstrauens auf die Geschlechterbeziehungen.

In der Tat ist es erstaunlich wie sich eine Kultur breit machen konnte, in der Leute nicht mehr bereit sind zu diskutieren, sondern nur noch feindliche Lager sehen, wo eine Streitkultur alles viel interessanter machen würde.

Weil es keine Debatte mehr gibt, an der Männer und Frauen gleichermassen beteiligt sind, haben es junge Menschen zunehmend schwer, sich mit möglichen Rollenmodellen auseinanderzusetzen und zu einer Ich-Identität zu finden. Dass gerade souveräne öffentliche Positionen von Männern rar sind, dürfte mit ein Grund sein, weshalb Orientierungslosigkeit immer häufiger junge Männer überrennt – und zwar nicht nur solche, die als Bildungsverlierer bezeichnet werden, sondern auch gut Gebildete.

Ich weiss, spätestens an dieser Stelle wird man mir vorwerfen, aus einer analytisch-normativen Perspektive zu argumentieren. Nein, ich habe nichts gegen Polemiken, schliesslich können sie Weckrufe sein und Proteste gegen Missstände mobilisieren – wie dies der Frauenstreik gezeigt hat. Ich habe auch nichts gegen die Wut, welche viele Frauen zu Recht empfinden. Wut will Veränderung, und Veränderung heisst Kämpfen, was weh tut. Doch wer Veränderung will, muss streiten können, Positionen aushandeln und sich einmischen. Feministische Diskussionen sollten deshalb rhetorisch abrüsten und sich ein paar neue Standards zulegen: der eigenen Empörung Argumente folgen lassen, welche auch andere Meinungen berücksichtigen; trotz grossen Spannungen Kontakt zum Gegenüber suchen; Ambivalenzen aushalten und den anderen achtsam zuhören. Dann würde vielleicht auch die männliche Courage aufleben, die der aufgeklärte Feminismus dringend brauchen würde. Davon ist die gegenwärtige Auseinandersetzung aber meilenweit entfernt.

Ein frommer Wunsch. Aber weit davon entfernt erfüllt zu werden