Margarete Stokowski findet Weihnachtsgeschenksvorschläge sexistisch

Margarete Stokowski findet mal wieder alles sexistisch. Ihr neustes Problem: Verschiedene Vorschläge für Weihnachtsgeschenke für Männer und Frauen. Wird auch diesmal wieder das Patriarchat dahinter stecken?

Man sagt ja immer, wenn man sich sehr viel vorgenommen hat, dann soll man immer schön eins nach dem anderen abarbeiten, aber für die Abschaffung von Patriarchat und Kapitalismus funktioniert das leider nicht. Beides muss zusammen weg. Onlineshopping von Weihnachtsgeschenken ist ein Phänomen, an dem man diesen Zusammenhang sehr gut erkennen kann.

Die meisten Shops, die eine Kategorie führen, die „Geschenke“ heißt, teilen die Produkte darin nach Geschlechtern auf: „für sie“ und „für ihn“. Die Tendenz: Männer sollen praktische Dinge aus Holz, Stahl, Leder bekommen. Die dominierenden Farben sind Schwarz, Silber, Braun. Frauen bekommen hauptsächlich Dinge ohne praktischen Nutzen jenseits von Dekorationszwecken (Schmuck, Parfüm, „Wohnaccessoires“ aus Glas und Federn) oder mit praktischem Nutzen für die von ihnen erwarteten Tätigkeiten (Haushaltsgegenstände, kosmetische Geräte). Die dominierenden Farben sind Pastelltöne und Glitzer.

Eine Auswahl. Ein bekanntes deutsches Versandhaus bietet unter „Geschenke für Damen“: Ringe und Ohrringe, Schminke, Hausschuhe „im Einhornlook“ (man hat dann jeweils ein Einhorn aus Plüsch am Fuß, sehr damenhaft). Für Herren: Whiskygläser, ein Bier plus Bierglas, eine Grillschürze „mit coolem Spruch“ (der Spruch: „Chef am Grill. Bier bringen, Abflug!“).

Der Skandal also:

  • Männer bekommen praktische Sachen in Schwarz, Silber, Braun
  • Frauen dekorative Sachen in Pastelltönen und Glitzer oder Haushaltsgegenstände und kosmetische Geräte

Also eine patriarchalische Beibehaltung der Geschlechterrollen! Pfui!

Woran könnte es nur liegen, dass die Onlinehändler sich so klischeehaft verhalten?

Eine Erklärung wäre natürlich, dass ihnen ihre Daten sagen, dass genau das von den jeweiligen Geschlechtern selbst gekauft wird oder gerne auf entsprechende Suchanfragen etwa „Geschenk für Frau“ gekauft wird. Onlinehändler haben ja recht genaue Profile derjenigen, die bei ihnen einkaufen, sei es über eigene Angaben oder über Datensammler wie Google und Co. Sie können Alter und Geschlecht des Kunden zuordnen und haben insofern einiges an Daten vorhanden, aus denen sie Kaufenpfehlungen aussprechen können.

Natürlich kann man, wenn es nur ums Geld geht, sagen: „Aber wenn die Leute das so wollen, dann ist es doch okay, wenn Produkte nach Geschlecht unterteilt werden.“ Naja. Nur ist es eben so, dass der Markt nicht nur Bedürfnisse befriedigt, sondern auch welche schafft, was mindestens jeder weiß, der mal einem Kind grüne Pupsknete kaufen musste. Und wenn bestimmte Produkte als „männlich“ oder „weiblich“ gelten, dann ist das ein Problem.

Da hat sie sich um den eigentlichen Beleg herum gedrückt. Der Markt schafft Bedürfnisse, also hat er auch hier Bedürfnisse nicht befriedigt, sondern geschaffen. Aus der Möglichkeit folgt quasi der Beweis.

Die andere Möglichkeit, nämlich das Mann und Frau eben im Schnitt sehr verschieden sind und man ihnen daher auch eher mit anderen Dingen eine Freude machen kann, ist zwar ebenso möglich, aber daraus folgt eben für sie nichts.

(Ich persönlich verstehe nicht, wie Leute ohne Schweizer Taschenmesser aka „Multitool“ aus dem Haus gehen können, egal ob Männer oder Frauen, aber ich will die Grenze Journalismus/Werbung nicht überreizen.)

Das versteht sie vielleicht nicht, weil sie selbst wie Feministinnen im Schnitt auch näher am männlichen Spektrum ist als viele andere Frauen, weswegen ihr auch die Unterscheidungen falsch erscheinen. Der Anteil der Frauen, die ein Schweizer Taschenmesser als Utensil zu schätzen wissen ist nach meiner Kenntnis deswegen auch deutlich kleiner als der Anteil der Männer.

Patriarchat und Kapitalismus sind in diesem Sinne ein match made in heaven. Denn im Patriarchat gibt es ein Interesse daran, die Geschlechter möglichst sorgfältig zu trennen. Ordnung muss sein: Frauen, die irgendwie hart wirken, gelten als unweiblich, Männer mit Gefühlen sind eventuell schwul. Menschen, die sich nicht exakt als weiblich oder männlich einordnen lassen, machen diejenigen, die sich ans Raster halten, wahnsinnig. Und im Kapitalismus gibt es ein Interesse daran, Sehnsüchte an Produkte zu koppeln, die vermeintlich die eigene Identität aufwerten oder auch nur stabilisieren.

„Im Patriarchat gibt es ein Interesse daran, die Geschlechter möglichst sorgfältig zu trennen“ sagt eine Vertreterin einer Ideologie, die innerhalb der Kategorie Geschlecht binär nach Privilegierte (Männer) und Unterdrückte (Frauen) einteilt und mit dem Schlagwort #yesallmen jeden Versuch eines Ausbruchs aus der Kategorie unmöglich macht. Von Frauenquoten und „Nur Frauen können Frauen vertreten“ mal ganz abgesehen

Natürlich besteht auch ein „biologisches Interesse“ an Geschlechterzuordnung: Wer nicht dem richtigen Geschlecht zugeordnet worden ist, der hatte erhebliche Schwierigkeiten bei der Fortpflanzung und konnte damit seine Gene schwerer weitergeben.

Und wie man an unseren stark abweichenden Körpern sieht gab es auch einen sehr stark unterschiedlichen Selektionsdruck: Männer sind im Schnitt großer, stärker, härter, eher auf Dinge ausgerichtet als auf Personen, eher lösungsorientiert als gefühlsorientiert etc. Es verwundert wenig, dass sie eher praktische Dinge bekommen bzw sich auch eher wünschen.

Und im Kapitalismus gibt es ein Interesse daran „Sehnsüchte an Produkte zu koppeln, die vermeintlich die eigene Identität aufwerten oder auch nur stabilisieren“. Auch das wieder von einer Feministin, die eine Identitätspolitik vertritt, in der beständig ein Produkt verkauft wird, dass die eigene Identität aufwerten oder auch nur stabilisieren soll. Etwa die Geschichte, dass man Anrecht auf Gleichstellung hat, weil man nur unterdrückt wird.

Natürlich kann die Verknüpfung eines Produktes mit einer Identität interessant sein, weil sie die Konsumentscheidung erleichert und das Produkt als „wie für einen gemacht“ erscheint. Aber Dazu muss das Produkt eben auf bestimmte Weise mit der Identität verbunden werden, es muss Punkte aufgreifen, die für viele mit dieser Identität interessant sind und es ist wesentlich mühsamer so etwas zu entwickeln als einfach das vorgefundene zu nehmen und das Produkt danach zu gestalten. Der Kapitalismus muss keine Geschlechteridentität erfinden, er kann sie einfach aufgreifen und bedienen.

Je ausdifferenzierter die Produktpalette ist, desto besser, deswegen gibt es Gendermarketing: Wenn es von Produkten eine „männliche“ und eine „weibliche“ Version gibt, kann der Hersteller hoffen, insgesamt mehr zu verkaufen, als wenn es nur eine Unisexversion gibt.

Sicherlich, aber eben nur wenn er den Mehrwert auch tatsächlich darstellen kann. Was einfach mit den Geschlechterrollen und deren biologischer Grundlagen ist, aber schwierig gegen sie.

Kein Make-up = keine Frau?

Was ist schlimm daran? Es ist – erst einmal allgemein – schlimm, wenn die Vorstellung von Geschlechtern sich mit bestimmten Eigenschaften verbindet, die VertreterInnen dieses Geschlechts aufweisen müssen, um als solche gesehen zu werden. Und zwar schlimm nicht nur im Sinne, dass es Leute nervt und man da als emanzipierte Person „drüber stehen muss“, sondern vor allem schlimm in dem Sinne, dass Leute ganz grundlegend darunter leiden. Besonders absurd wird es, wenn das Benutzen bestimmter Produkte als Beweis gilt, dass man zu einer bestimmten Kategorie gehört.

Merkwürdigerweise haben Kategorien wie Männer und Frauen Bedingungen unter denen man sie zuordnet. Und wenig verwunderlich richten sich diese Nach dem Schnitt und nicht danach, ob es auch Ausnahmen davon gibt. Warum das Überraschend sein soll verstehe ich nicht.

Ein Beispiel: Die Autorin Felicia Ewert beschreibt in ihrem Buch „Trans. Frau. Sein. Aspekte geschlechtlicher Marginalisierung“ den Prozess, den es brauchte, um dem Staat zu beweisen, dass sie eine Frau ist. Nun ist es so, dass sogenannte weibliche Attribute im Kapitalismus oft Dinge sind, die man kaufen kann beziehungsweise kaufen muss. Ewert schreibt, wie ihre Therapeutin, der Richter beim Amtsgericht und die beiden Gutachter, die prüfen sollten, ob sie es ernst meine mit ihrem Frausein, ihr alle unabhängig voneinander immer wieder eine Version der Frage stellten: „Können Sie mir versichern, dass Sie auch zu Hause und im Alltag so auftreten, wie Sie es jetzt hier vor mir tun?“

Sie berichtet dann von einem Gutachten, das detailliert aufzählt, wie sie geschminkt und frisiert ist – und von Untersuchungen, die zeigen, dass „nicht eindeutiges“ Auftreten in diesen Gutachten, die nach dem sogenannten Transsexuellengesetz erstellt werden müssen, negativ bewertet wird. Als wäre eine Frau weniger eindeutig Frau, wenn sie zuhause kein Make-up benutzt. (Ich kenne nur sehr wenige Frauen, die das tun.)

Lustig, dass sie das an Transsexuellen festmacht. Sie wäre ja gleichzeitig ein Terf (also eine Feministin, die Transsexuelle ausschließt) wenn sie nicht bei einer Transsexuellen akzeptieren würde, dass diese eine Frau ist. Und zwar weil sie als Frau denkt, fühlt, sich verhält, die fremden Rollenzuweisungen als nicht passend erlebt.

Transsexuelle klammern sich dermaßen an die Zuschreibungen der Geschlechter, dass sie eine viele tausend Euro teure Operation bezahlt bekommen wollen, weil sie ihren Körper ihrem Empfindungen angleichen wollen. Eben auch, weil sie obwohl dem Äußeren nach ein Mann lieber die dekorativen Gegenstände mit Glitzereffekt interessant finden und nicht die praktischen Sachen.

„Der Weihnachtsmarkt regelt das“, schrieb neulich ein lustiger User namens „brutalheim“ auf Twitter. Der Onlineshopping-Markt zu Weihnachten regelt vor allem das: die Geschlechtertrennung wieder auf einen prä-empanzipatorischen Stand runterzuregeln – hier die Männer mit den Äxten, da die Frauen mit den glitzernden Plüschpantoffeln.

In der Tat regelt es der Markt. Wenn man auf einer Plattform unsinnige, aber geschlechterkonforme Vorschläge macht, die nicht gut ankommen, auf einer anderen aber dann endlich die Bohrmaschine für die Frau, in Schwarz, garantiert ohne Glitzer als das beste Geschenk entdeckt wird, dann wird man die andere Plattform eher bedienen

Man muss sich aber natürlich nicht daran halten. Man kann auch eine Spaltaxt für eine Frau kaufen und irgendwas, was nach Lavendel und Rosenblüten riecht, für einen Mann. Die unsichtbare Hand: Wir müssen sie selbst sein.

Und natürlich kann sie ihren Teil tun und allen Frauen Spaltäxte schenken. Meine Vermutung ist, dass der Großteil des Marktes dennoch geschlechtervorliebenkonform bleiben wird.
Weil männlichere Frauen und weiblichere Männer eben die Ausnahme sind.