Wie elitär ist politisch korrekte Sprache?

In der Zeit fand sich eine Kritik an politisch korrekter Sprache, die leider hinter einem Paywall war

Bento veröffentlichte Thembi Wolf eine Replik darauf, in der der Artikel wie folgt dargestellt wird:

Die Autorin Eva Marie Stegmann, die auch manchmal für bento schreibt, erklärte jetzt in der ZEIT: Sie gehört zu den 63 Prozent. Der Diskurs über die Frage „Was man heute noch sagen darf“ sei ihr zu abgehoben. Warum sollte sie sich Begriffe verbieten lassen, die sie gar nicht schlimm findet? Wir sollten nachsichtig sein, wenn jemand ein falsches Wort benutzt – vielleicht habe er nicht studiert, komme vom Land, wisse es eben nicht besser.

Im Text beschreibt Eva Marie Stegmann, wie sie zum ersten Mal in eine größere Stadt gezogen sei und im Bus gedacht habe: „Sind das viele Ausländer!“ Die Debatte um Sprache ist ihrer Meinung nach ein Kampf der Milieus: „Intellektuelle gegen Arbeiter, Großstädte gegen Kleinstädte und Dörfer.“ „Eliten“ schlügen mit ihren „rhetorischen Waffen auf Unbewaffnete“ ein – die dann „ihr Kreuz bei der AfD“ machen würden.

Die Meinung in dem Bento-Artikel ist:

Ich verstehe die Autorin – und glaube, sie liegt falsch. Auf faire Sprache zu bestehen ist richtig. Fehltritte sind keine Frage des Milieus. Wenn sie uns passieren, sollten wir uns entschuldigen – nicht verteidigen.

Eva Marie Stegmann schreibt, wie froh sie ist, dass es Twitter noch nicht so lange gibt. Dass nicht auf ewig im Internet festgehalten ist, wie sie über „Ausländer“ dachte. Online stehen unsere Fehler, Entgleisungen und Wissenslücken jedem zur Verfügung. Wir sind einem Tribunal aus Millionen Userinnen und Usern ausgesetzt. Immer ist jemand mit einem besseren moralischen Kompass unter ihnen, mit einem feineren Sinn für Konnotationen. Das kann Angst machen.

Die schwarze Autorin Loretta Ross schlägt deshalb vor, dass wir unsere Kritik besser verpacken. Statt einer „Call Out“-Kultur des öffentlichen Niedermachens für sprachliche Fehltritte, könnte ein „Call In“ nützlich sein: Manche Fehler sollten besser im Zwiegespräch angesprochen werden. Andere müssen öffentlich gemacht werden – aber respektvoll. (New York Times)

Und das ist der andere Teil der Wahrheit: Welcher der Menschen in dem bayerischen Dorf, von denen Eva Marie schreibt, muss mit öffenlicher Demütigung für unbedachte Wortwahl rechnen? Wer wird angefeindet oder vorgeführt – außer denen, die eine Rolle in der Öffentlichkeit gewählt haben, und damit besondere Verantwortung tragen?

Die meisten bekommen, wenn sie statt Schaumkuss „Mohrenkopf“ sagen, keinen Shitstorm. Ob sie das Wort nun unwissend oder böswillig gewählt haben. Sie bekommen keinen Besuch von der Sprachpolizei und die intellektuelle Elite klingelt nicht, um Selbstjustiz zu üben. Es merkt einfach niemand: Denn ihre Umgebung weiß es vielleicht auch nicht besser. Unbescholtene Bürger stehen nicht in der Gefahr, plötzlich überall als Rassisten beschimpft zu werden. Mit dieser Angst vor Verurteilung die Wahlentscheidung für die AfD zu erklären, ist fahrlässig.

Die Unwissenden muss man abholen – da hat die Autorin recht. Wer nicht weiß, was an seiner Wortwahl verletzend war, muss fragen dürfen. Dann aber sollte er sich entschuldigen und die Verantwortung übernehmen. Und wir müssen das gelten lassen.

In genau diesem Moment zeigt sich auch: Hat jemand versehentlich verletzt und bereut – oder beharrt er auf seinem Recht, zu verletzen?

Sie nennt die „N-Worte“ und (vermutlich) Bezeichnungen wie „Schwuchtel“ als Beispiele dafür, dass man da politisch korrekt sein soll.

Allerdings bewegen sich da beide dann am oberen Bereich der korrekten Sprache. Da ist sicherlich ein gesellschaftlicher Konsens vorhanden gewisse Worte zu meiden, weil sie abwertend sind.

Problem ist aber, dass es auch darunter Ebenen gibt, bei denen politisch korrekte Sprache eingefordert wird.

Beispiele wäre:

  • Die Benutzung irgendwelcher Ponomen, die frei erfunden sind
  • alles zu vermeiden, was ausdrücken würde, dass zB nur Männer einen Penis haben oder nur Frauen Perioden und damit Transfeindlichkeit
  • die Hinnahme der Zuweisung alles Schlechten zu „alten weißen Männern“, weil das eben ganz woke deutlich macht, dass PoCs natürlich außen vor

Und in diesen Verrücktheiten spielt häufig das Elitäre.

Ist politisch korrekte Sprache aus eurer Sicht elitär bzw in welchen Bereichen?

Was wären gute Beispiele dafür?

 

61 Gedanken zu “Wie elitär ist politisch korrekte Sprache?

  1. Das Binnen-I, Gender Sternchen und Konstrukte wie das singuläre „they“ mit dem Transpersonen im englischen identifiziert werden, sind elitär.

    Diese Konstrukte brechen bewusst bestehende Regeln. Sie oktroyieren dem Leser auch bewusst ihre Ideologie auf. Denn wer sich daran stört, der wird bewusst in die Lage versetzt, den Text nur unter innerem Unwohlsein lesen zu können. Man muss zum Konsum des Textes also der Sprachvergewaltigung positiv gegenüberstehen oder die Schmerzen ertragen.

    Das Gleiche gilt auch bei den Rechten mit ihren nationalsozialistischen oder rechtsextremen Hinweiswörtern. Der „Staatsfunk“, die „grosse Vorsitzende“, das „1000-jährige Deutschland“, „System Parteien“, „Lügenpresse“ oder „Mitteldeutschland“ usw. sind ja auch elitär. Dadurch, dass sie fälschlich Anschuldigungen mit Namensgebung zur Tatsache machen und dem Zuhörer oder Gesprächspartner die eigene Ideologie aufs Auge drücken wollen. Da man gar nicht versteht, was gemeint ist, wird man auf dem Umweg gezwungen, eine Ideologie Lektion zu erhalten. Und jedesmal, wenn so ein Wort unwidersprochen hingenommen wird, ist das ein ideologisches Sieg.

    Zusammenfassend meine ich, dass eine Wortwahl, die das Gegenüber von Vornherein bewusst in einen Zustand des Unwohlseins versetzt, elitär ist. Und oft auch radikal.

    • Ich denke die Verwendung von Binnen-I oder Gender Sternchen und solcher Wörter wie Lügenpresse und Staatsfunk kann man nicht vergleichen. MMn ist es ein Fakt, dass die Medien sehr tendenziös und politisch korrekt berichten oder auch mal nicht berichten. Daher entsprechen die Wörter schlicht der Wahrheit, auch wenn sie populistisch sind. Aber Halbwahrheitenpresse oder so klingt halt nicht so gut. Hinter gendergerechter Sprache steht aber keine Wahrheit, sondern schlicht eine Ideologie.

  2. „Die meisten bekommen, wenn sie statt Schaumkuss „Mohrenkopf“ sagen, keinen Shitstorm. Ob sie das Wort nun unwissend oder böswillig gewählt haben. Sie bekommen keinen Besuch von der Sprachpolizei und die intellektuelle Elite klingelt nicht, um Selbstjustiz zu üben.“

    Niemand kannte die Frau, doch bevor sie aus ihrem Afrika-Urlaub zu war, hatte sie schon ihren Job verloren.

    Die meisten bekommen keinen Ärger, aber welche bekommen es und nur weil einen niemand kennt, heißt das nicht, das man nicht doch getroffen wird – in der Regel ohne Gelegenheit sich selbst zu verteidigen oder erklären.
    Bentos Argument ist demnach: es trifft doch nur ganz wenige, also ist es nicht so schlimm.

    Ein Unschuldiger wurde zum Tode verurteilt… naja, macht nichts, passiert ja nicht so oft ;-P

  3. aufgeführt.

    Die Tafelrunde Friedrichs II. in Sanssouci
    Voltaire (3. v. links) spricht zu Friedrich (Mitte); Ölgemälde von Adolph von Menzel, 1850 (1945 im Flakturm Friedrichshain verbrannt)
    Elite (urspr. vom lateinischen eligere bzw. exlegere, „auslesen“) bezeichnet soziologisch eine Gruppierung (tatsächlich oder mutmaßlich) überdurchschnittlich qualifizierter Personen (Funktionseliten, Leistungseliten) oder die herrschenden bzw. einflussreichen Kreise (Machteliten, ökonomische Eliten) einer Gesellschaft.

    hmmmmm

    Es knarrt in meinem Kopf bei dem Versuch, den Begriff „Elite“ mit der Idiotin, die meint „Studierende“ sei fairer als „Student“, unter einen Hut zu kriegen.

    Sicher, das ist ein In-Group-Spiel, aber doch bitte kein elitäres. Mein Sprachgefühl beharrt darauf, dass ich vor jemandem aus der Elite Respekt haben könnte. Und das ist Sprachpolizisten schlichtweg nicht möglich.

    • huch, was ist denn da im Clipboard gelandet?

      Gemeint war „Elite (urspr. vom lateinischen eligere bzw. exlegere, „auslesen“) bezeichnet soziologisch eine Gruppierung (tatsächlich oder mutmaßlich) überdurchschnittlich qualifizierter Personen (Funktionseliten, Leistungseliten) oder die herrschenden bzw. einflussreichen Kreise (Machteliten, ökonomische Eliten) einer Gesellschaft. “

      Womit klar ist, dass ich auch nicht dazu gehöre 😀

      • @only me:
        Du schreibst, was ich mir gedacht habe…
        Die eigentlich prekär beschäftigten Journalistendarsteller sind sicherlich keine Elite im eigentlichen Sinne.

    • Naja, man beachte das oder in der Definition von Elite. Die Vertreter der herrschenden Kreise waren weiß Gott nicht immer die auch kognitiv begabtesten.

      Und genau dieser rein feudalistische Elitarismus trieft in den von Chrissy zitierten Textpassagen aus jeder Silbe. Ich meine, man muss sich nur mal die selbstgerechte Benevolenz zu Gemüte führen, wie das Mädel da über jene schreibt, die „Fehler“ machen. Denen müsse man schließlich die Möglichkeit geben, sich für ihre Fehler zu entschuldigen und Buße zu tun. Da darf dann der Delinquent, dafür dass man ihm nur die Zunge rausschneidet, statt ihn gleich zu häuten und in siedendem Öl zu frittieren, noch dankbar vor Eurer Exzellenz auf die Knie sinken und den Siegelring küssen.

      Da wird kein einziger Gedanke mehr daran verschwendet, dass man selbst vielleicht nicht derjenige ist, der im Besitz der einzigen und reinen Wahrheit ist und über andere zu richten befugt ist, dass man vielleicht gar selbst ein mit dem Kopf voraus durch jede Wand rennen wollender Ideologe ist, der sich weit abseits dessen bewegt, was weniger ideologisch vernagelte Menschen noch als „geistig normal“ betiteln würden.

      Das sind im Übrigen dieselben Leute, die, wenn man ihre ideologischen Dogmen mal mit ein Bisschen Empirie und wissenschaftlicher Erkenntnis auseinander nimmt, sich gerne auf vorzugsweise französische Philosophen zurückziehen und darauf pochen, dass es so etwas wie Wirklichkeit nicht gibt und alles nur ein andauernder Prozess des täglichen Aushandelns ist. Das gilt aber natürlich keinesfalls für „ihre Wirklichkeit“. Das haben gefälligst alle anderen so zu schlucken.

      Das ist feudalistischer Elitarismus in Reinkultur.

      • @Billy,

        ich vermute ja auch, dass Gendersprech die Rolle von Upper Class English (siehe Pygmalion) spielen soll.

        Die Vertreter der herrschenden Kreise waren weiß Gott nicht immer die auch kognitiv begabtesten.

        Hier steckt, meine ich, eine Fallacy: Natürlich ist nicht jeder Eton-Schüler ganz doll intelligent. Aber sicherlich ist der durchschnittliche Eton-Schüler deutlich über dem Bevölkerungsdurchschnitt intelligent.

        Insofern funktioniert Upper Class Englisch als costly Signal, weil man so nur spricht, wenn man einige Zeit an einer anspruchsvollen Bildungsinstitution durchgehalten hat.
        Wohingegen Gendersprech weniger anspruchsvoll ist als Dummdeutsch.

        Insofern ist dein Hinweis auf den neuen, diesmal tatsächlich selbsternannten, Adel durchaus angemessen..
        Sie halten sich für bessere Menschen, sind es aber nicht.
        Deswegen weigere ich mich, in diesem Kontext das Wort Elite zu verwenden.

        Zu „Elite“ gehört m.E. notwendigerweise, dass die so bezeichneten tatsächlich in irgendwas relevantem besser sind als der Durchschnitt, die Masse.

        Worin sind Genderschwätzer besser? In Dummheit, Scheuklappigkeit, Ignoranz, Empirieresistenz.
        Das konstituiert keine „Elite“.

  4. Die Studierenden, die auch Wählerinnen und Wähler sind, haben die Geflüchteten am Innengleis des Bahnhofs mit Teddybärinnen und Teddybären begrüsst und sind als Aktivistinnen und Aktivisten neuerdings als Demonstrierende bei dem Klimastreik ganz mutig dabei. Zivilgesellschaft (ende) eben …

  5. Wann wurde der breiten Masse denn keine Begriffe und Bedeutungen von oben diktiert?

    Ist geschichtlich nicht lange her, da wurde die Messe noch auf lateinisch gelesen. Sieger vernichteten unliebsame Schriften, selbst Menschen.

    Heute geht das nicht mehr so einfach. Jetzt ist der der Herrschende, der mehr Nachrichtenkanäle kontrolliert. Wir befinden uns IMHO vor einem Wendepunkt. 2020 werden IMHO die ersten KIs aktiv werden, die fließend Texte schreiben können, ununterscheidbar von echten Menschen. Die werden so tun können, als wären sie 20k, 100k oder gar eine Millionen Menschen. Diese KIs werden darin geschult sein Empörung auszulösen und Beschwerden auszufüllen. Sie werden die Macht haben Staaten zu stürzen

    Elitär ist es mAn wenn:

    + eine Kundin sich bis zur höchsten Instanz klagt, wenn ihre Bank nur „Kunde“ in Verträgen verwendet, statt „Kundin oder Kunde“. Selbst wenn der ohnehin schon schwierig zu lesende Vertrag mehr als eine Seite länger werden würde (sie hat verlohren)

    + wenn ein politischer Antrag nicht bearbeitet wird, weil das Binnen-I nicht verwendet wurde (geschehen in einem Nachbarland)

    + wenn eine Regierung vorschreibt „Bürgerinnen und Bürger“ und „Schülerinnen und Schüler“ solle benutzt werden, statt der Generika wie „Bürger“

    + wenn eine Regierung in ihrem Schriftverkehr zum Bürger hin, eine Sprache verwendet die für die meisten unverständlicher, ungewohnt und komplizierter erscheint.

    + wenn Sprachregelungen den einfachen Bürger ausgrenzen

    + wenn das Binnen-I dazu führt, dass nur noch weibliche Formen verwendung finden, weil „nur männliche Formen verwenden ist ungerecht“

    + wenn einem Schüler verboten wird, seine Meinung, „es gibt nur zwei Geschlechter“, zu vertreten (geschehen in USA)

    ps.: Du hast „Ponomen“ gesagt 😉 und Dein letztes Beispiel ist etwas schwer verständlich (Hinnahme/Zunahme? PoC außen vor?)

  6. Ich denke schon, dass politisch korrekte Sprache auch „elitär“ ist, also eben gerade als Distinktionszeichen „unbewusst“ eingesetzt wird (ich bin ein guter Mensch [Selbstvergewisserung] bzw. als symbolisches Kapital gebraucht wird [Anerkennung, Prestige] und vieles andere mehr.
    Dann bin ich tatsächlich auch der Meinung, dass politisch korrekte Sprache teilweise gerade das Gegenteil bewirkt (Verschlimmbesserung, kontraproduktiv), als was es eigentlich möchte, da verweise ich mal auf das Buch von Bernd Stegemann hin „Die Moralfalle. Für eine Befreiung linker Politik.“

    Ausserdem verkürzt politisch korrekte Sprache soziale Phänomene wie Rassismus etc. auf die Sprache und meint, das Bewusstsein (Sprache) bestimmt das Sein (rassistische Praxis) und verkommt dann hier eben zu einer reinen Strategie der Moralisierung. Gerade bei Rassismus sind doch viele andere Ursachen wesentlich wie relative Deprivation, ökonomische und politische Deprivation, Deklassierung, Abstiegsängste, Kontakthypothese und vieles andere mehr, das eben nicht auf Sprache zurückgeführt werden kann.
    Völlig aberwitzig finde ich beispielsweise, wenn gefordert wird, man dürfte nicht mehr fragen, woher ein Mensch eigentlich komme bzw. „eigentlich wirklich komme“. 🙂
    Kleines Beispiel: In unserem nächsten Lebensmittelladen ist ein Tamile der Verkäufer. Nun ist der bestimmt schon mindestens 20 Jahre in der Schweiz, aber seine Deutschkenntnisse sind immer noch unter Anfängerniveau. Den darf ich also ev. noch fragen, woher er kommt bzw. woher er wirklich kommt, weil nicht nur „Ethnie“, sondern auch Nichtbeherrschung der deutschen Sprache sind Anzeichen dafür, dass er ursprünglich nicht aus der Schweiz kommt. Seine Söhne hingegen, die perfekt Schweizerdeutsch sprechen, darf ich dann schon nicht mehr fragen, woher sie kommen, weil das ist nun ein ganz, ganz grosser Unterschied. 🙂

  7. „Elitär“ ist ein zu schwacher Ausdruck. Politische Korrektheit ist eine Waffe, eine Machtdemonstration einer bestimmten Gruppe, deren Zweck es ist, mit vorgeschobenen Scheingründen anderen den Mund zu verbieten. Und sie ist ein Marker, mit der sich Zugehörige dieser Gruppe untereinander erkennen und von Außenstehenden unterscheiden. Sie ist außerdem kein Ausdruck von Höflichkeit, wie ihre Verfechter gern für sich in Anspruch nehmen, da Nichtbefolger beschimpft und beleidigt werden/wurden(?).

    Der „Vorwurf“, wer nicht PC-Sprache anwendet sei Rassist/XYZ-feindlich ist logisch nicht haltbar. Die PC-Crowd entscheidet im stillen Kämmerlein, ein bisher harmloses Wort sei über Nacht „rassistisch“ geworden, und wer es danach noch unbedarft verwendet – oder gar, Schock Horror, aus Trotz dabei bleibt -, wird mit Schimpf und Schande überzogen. Das ist natürlich Quatsch, da Rassismus/XYZ-Feindlichkeit/whatever nicht in der Wortwahl begründet ist, sondern in der Absicht des Sprechers. Ohne Absicht kein Rassismus, egal welche Sprache derjenige anwendet.

    An dieser Stelle kommen PC-Verfechter gern und führen unzweideutige Schimpfwörter an, (wie oben „Schwuchtel“, oder das amerikanische N-Wort), und ich stimme zu dass man diese in der Tat nicht verwenden soll. Das bedeutet aber nicht, dass die PC-Fraktion auf voller Breite Recht hätte, denn: Zwar gibt es Schimpfwörter die nicht „harmlos“ verwendbar sind, aber der Witz bei politische Korrektheit ist ja dass ein bisher harmloses oder mehrdeutiges Wort von den PClern anlasslos als böswillig gedeutet und daraus ein falscher Vorwurf gedrechselt wird.

    PS Bei uns heißt die schaumgefüllte Industriesüßware „Negerkuss“. „Mohrenkopf“ ist ein ähnlich aussehendes Gebäck aus der Konditorei, es ist innen aber mit Teig gefüllt. Und „Super Dickmanns“ ist keine Alternative, da Feministinnen davon getriggert werden.

  8. Im Grunde ist das die falsche Frage. Natürlich ist politisch korrekte Sprache elitär, weil sie ausschließlich in der akademischen Ausbildung und dem dortigen Umfeld erworben und gelernt wird. Aber: das akademische Milieu hatte schon immer eine eigene Sprache, die als Distinktionsmerkmal gegenüber den weniger Gebildeten taugte. Der Unterschied ist, dass die frühere akademische Sprache Ausdruck von Kompetenz war, nämlich der Kompetenz zu präzisem sprachlichen Ausdruck und der damit verbundenen Fähigkeit zur präzisen Beschreibung von Problemstellungen und -lösungen. Politisch korrekte Sprache dagegen ist nur Ausdruck der Kompetenz sich als moralisch hochstehend zu inszenieren. Die Verschiebung von Problemlösungskompetenz zu moralischer Inszenierung ist daher eigentlich nur Ausdruck der Verweiblichung des Akademischen.

  9. Wie kaputt ist denn die Sprache, wenn sie nur noch teilweise dazu genutzt wird, Gedanken und Geschehnisse wiederzugeben. Wenn nicht mehr gehört wird, was jemand sagt, sondern der Mensch zuerst bewertet wird danach, welches Wort er benutzt hat. Wenn es egal ist, was er meint, weil er ein Reizwort ausgesprochen hat. Wenn Märchen umgeschrieben werden. Wenn Begriffe hinrissig und schwammig werden. Wenn Sprache nur noch schwer lesbar und gar nicht mehr vorlesbar ist.

    Dann ist nicht die Sprachpolizei, sondern vor allem die Gedankenpolizei unterwegs. Wen diskriminiere ich gerade, wenn ich einfach Mörder statt Mordender sage? Der mordet ja gerade nicht, genauso wie der Radfahrende gerade schläft oder der Studierende vor Netflix sitzt.

    Wenn ich im Supermarkt durch die Regale brülle: „Svenja, hast du auch an die Negerküsse gedacht?“, bin ich dann ein Rassist? Ist es dann nicht eher elitär, sich davon freimachen zu können und zu denken: „Der will sicher heute Abend Süßes essen“ statt „Der reduziert die armen unterdrückten Schwarzen auf einen braun überzogenen Glukosehaufen“.

    Und dann kommt bento und gibt den Tipp, man könne sich ja entschuldigen. Ja toll. Bei wem denn? Soll ich dann eine Entschuldigung durch die Regale brüllen? Dafür, dass sich eigentlich keiner beleidigt fühlen kann. Sondern an die Moralwächter, die da alle rumstehen? Oder die beiden dunkelhäutigen Rapper, die gerade reinkommen und sich gegenseitig „Nigger“ nennen?

    Hey Leute, ich mache das nicht mit. Und damit bin ich Elite.

    • Hey, läuft hier eine Blacklist im Hintergrund, die Kommentare mit bestimmten Begriffen erstmal in die Moderationsschleife schiebt? In den letzten Tagen wurden meine Kommentare live gestellt, jetzt muss er moderiert werden. Passt super zu dem Thema…

  10. Für mich ist das eher ein Zeichen für unsere enorm verweichtlichte und verdummende Gesellschaft. Jeder noch so kleine Begriff oder Satz der „triggern könnte“ wird angesprochen oder bestraft. Jene „Möchtegern-Intellektuelle“ sind deshalb oft nicht in der Lage zu diskutieren.
    Für mich ist das ein wunderbarer Filter. Die Menschen die beispielsweise auf gendergerechte Sprache pochen, sind für mich keine ernst zu nehmenden Gesprächspartner.

      • Nein, das ist zu einfach. Sicher sind Frauen tendenziell angepasster als Männer, aber schau mal z.B. unsere Moralaposteln wie die Grünninnen an, da sind auch genug Männer dabei. Lese die Kommentare von P̵u̵d̵e̵l̵n äh Männern unter Artikeln der Zeit oder des Spiegels…

      • Jordan Peterson hat berichtet, dass er mit seinen Studenten mal eine Studie gemacht hat, was a) political correctness überhaupt bedeutet und b) mit welchen Eigenschaften das korreliert.

        Überraschendes Ergebnis was, dass das nicht nur mit Big Five Eigenschaften korreliert, die bei Frauen öfter auftreten, sondern tatsächlich mti dem Geschlecht.
        Sprich: Frau ist, unabhängig ihres Big Five Profils, mit höherer Wahrscheinlichkeit politisch korrekt als Mann.

        Da die meisten pc Männer vermutlich Pudel sind, kann man mit der üblichen verfälschend-vergeallmeinernden Abweichung tatsächlich sagen, dass das von Frauen ausgeht.

  11. Am besten erklärt uns das doch Anatol Stefanowitsch: Politisch korrekte Sprache ist ein Erkennungszeichen bestimmter Communities.

    Binnen-I, Gendersternchen usw. werden dagegen mit bestimmten „Communities of Practice“ in Verbindung gebracht: Gruppen von Menschen mit ähnlichen Zielen und Wertvorstellungen, wie eben die queere Community, die Frauenbewegung und andere.

    Indem man die Bediensteten der Stadt Hannover zum Gendersternchen verpflichtet, zwingt man sie kurzfristig in eine Community of Practice, zu der sie eigentlich nicht gehören. Mittelfristig löst man damit dann die Verbindung des Markers zu dieser Gemeinschaft auf: Solange ich das Gendersternchen freiwillig – vielleicht sogar gegen gewisse Widerstände – verwende, kommuniziere ich damit auch, dass ich mich zu einer Gruppe von Menschen mit bestimmten Vorstellungen über Geschlecht rechne. Je mehr Menschen eine bestimmte Form verwenden, weil sie dazu gezwungen sind, desto schlechter lassen sich solche Rückschlüsse ziehen. Das Gendersternchen verliert so nicht nur seine Bedeutung im engeren Sinne, sondern auch seine Fähigkeit, die Weltsicht derjenigen zu vermitteln, die es verwenden.

    (https://www.zeit.de/kultur/2019-01/gender-sprache-geschlechtergerechtigkeit-hannover-leitfaden-gleichstellung/komplettansicht)

    • Mit anderen Worten: Wenn man diese Sprache verpflichtend macht, taugt sie nicht mehr zum Virtue Signalling. Und man kann Freund und Feind nicht mehr einfach an der Wortwahl erkennen, sondern müsste, pfui, wie babarisch – den Inhalt oder sowas beachten. Furchbar! Was ist, wenn der sich nicht unterscheidet….?!?!11

  12. Viele interessante Beiträge, ein paar Anmerkungen dazu.

    Die Eliten, die historisch gesehen die Aufklärung vorangetrieben haben, waren weder Bauern und Arbeiter noch der herrschende Feudaladel. Die französischen Aufklärer, die letztlich für die Revolution und den Sturz des Feudalismus verantwortlich waren, stammten aus der Mittelschicht, sie waren Kinder von Handwerkern, Händlern oder aus dem niederen Adel. Der Unterschied zur heutigen „Elite“, die uns die PC-Sprache aufzwingen will, liegt darin, dass die Franzosen gegen die Herrschenden standen und das System stürzen wollten, während die heutigen PC-Ideen das System stützen und in seinem Sinne agieren. Das zeigt sich auch darin, wie ihre Ideen in Politik und Medien übernommen und durchgesetzt werden. In der Tagesschau ist wie selbstverständlich von „Studierenden“ und „sexualisierter Gewalt“ die Rede, als wenn das allgemein anerkannte Begriffe wären und nicht ideologische Floskeln. Die Stadtverwaltung von Hannover hält ihre Angestellten an, die Gendersprache zu verwenden und sie haben sicher mit Sanktionen zu rechnen, wenn sie sich weigern. Ebenso wenn Studenten vorgeschrieben wird, diese Sprache zu verwenden in ihren Examensarbeiten bei Gefahr, durch zufallen wenn sie es nicht tun. Dies ist nun wirklich ein Fall, in dem es um Machtverhältnisse geht; die Mächtigen versuchen uns zu zwingen, in gewisser Weise zu sprechen, und wenn wir es nicht tun, drohen uns Sanktionen.

    Die beste Gegenwehr ist (sofern man kein Student oder Angestellter in Hannover ist), die Vorschriften einfach zu ignorieren und so zu sprechen wie man es gewohnt ist. Sprache ist zwar in gewisser Weise willkürlich („sozial konstruiert“), aber der Prozess der Sprachentwicklung vollzieht sich spontan, nicht von oben gesteuert. Im III. Reich mussten alle mit „Heil Hitler“ grüßen, aber es hat sich nicht durchgesetzt.
    Nicht umsonst hat man den Vertretern der Gendersprache nachgewiwsen, dass sie selber wieder in die alte Sprache zurückfallen, wenn sie sich nicht konzentrieren.

  13. Eliten sind kleine Gruppen, die Spezielles verrichten können/dürfen. Sie werden immer ihre „eigene Sprache“ sprechen. Wer aber eine eigene Sprache spricht, ist nicht immer elitär.
    Politisch korrekte Sprache ist erst einmal links. Jeder Depp könnte sie verwenden und verstehen und damit scheidet das Elitäre schon mal aus. Sie ist ab einer gewissen Ausprägung eher ein Zeichen dafür, dass der Verwender ein Nichtsnutz ist. Er will fehlende Alleinstellungsmerkmale damit kompensieren, indem er mühselig ausgedachte Begriffe verwendet, um sich scheinbar von der Masse abzusetzen, oder sich eben deutlich einer gewissen Gruppe zugehörig zu zeigen.
    Mit gewisser Ausprägung meine ich, wie Christian schon erwähnte, dass es verschiedene Bereiche gibt.
    Von gesellschaftlich akzeptiert bis hin zu exotisch durchgeknallt.
    Ab einem gewissen Grad der Durchgeknalltheit sind aber auch positive Aspekte zu nennen:
    Bei Texten mit Binnen-I, Sternchen, oder Unterstrichen brauche ich den Autorennamen (wenn unbekannt) nicht zu googlen, um zu wissen, dass es Zeitverschwendung ist, ihn zu lesen. Da muss mir schon sehr langweilig sein, damit ich mir das antue. Ja, ich schließe dann auch auf seine Intelligenz, so wie ich das bei Verwendern des Deppenapostrophs tue.
    Twitterprofile, in denen die zu verwendenden Pronomen gelistet sind, sind auch so etwas wie grün, blau, oder lila gefärbte Haare: Ein Warnsignal.
    Ein echtes Problem der übertriebenen PC ist es aber, dass sie denen oft einen Bärendienst erweist, die sie zu schützen vorgibt. Das man Schwarzafrikaner nicht Neger nennen soll, ist den Meisten bekannt. Wenn man auf der Straße eine Umfrage machen würde, wie man diese Menschen denn nun korrekt nennt, würde es sicher interessant werden. Schwarze? Farbige? Dunkelhäutige? PoC?
    Letzteres werden die Meisten nicht mal kennen. Erstere sind aber auch heikel, man weiß nie, ob das nicht jetzt auch als Schimpfwort gilt. Also doch wieder Neger (mit dem Anhang, dass man das ja jetzt nicht mehr sagt)? Hat ja auch etwas Rebellisches und man gerät nicht in den Verdacht „linksgrünversifft“ zu sein. Oder man vermeidet es generell von und mit diesen Menschen zu sprechen. Oder man umgeht umständlich eine Bezeichnung und im Kopf entsteht für diese Leute wieder eine (negativ konnotierte) Sonderstellung, die eine Integration oder einen aufgeschlossenen Umgang mit ihnen erschwert.

  14. Christian ist mit seinem Blog sehr elitär unterwegs. Wer Regen falsch herum schreibt, muss erst auf Freischaltung des Kommentars warten. Auch hier gilt:
    Politische Korrektheit richtet mehr Schaden als Nutzen an.
    Idiotischer vorauseilender Gehorsam.

    • Ich hatte das auch manchmal, aber bei Posts, in denen nicht ein einziger „kritischer“ Begriff drin stand. Andererseits habe ich kürzlich einen Kommentar zu dem Standing von Männern innerhalb der Grünen geschrieben, in dem ich als Hyperbel gar das amerikanische und zweifelsfrei von vornherein massiv abwertend gemeinte N-Wort benutzt, weswegen ich eigentlich von ausgegangen bin, dass dieser Kommentar aufgrund des Begriffes erst einmal zur manuellen Freischaltung durch Christian zurückgestellt werden würde, der ging aber instant durch.

      Damit scheint es also nichts zu tun zu haben, dass hier manche Kommentare nicht sofort in der Diskussion erscheinen.

        • Und wie zur Bestätigung meiner Aussage ist obiger Kommentar von mir minutenlang nicht erschienen, obwohl sich darin meines Erachtens keine Formulierung findet, die einer Moderation bedürfte. Das scheint mir hier eher zufällig zu sein, was direkt durchgeht und was hängenbleibt. Vielleicht kann ja Chrissy mal seine Erfahrungen mitteilen, welche Kommentare ihm WordPress zu manuellen Freischaltung zusendet und ob er da schon irgendeine Regelmäßigkeit hat erkennen können.

  15. Von wegen, in alltäglichen Situationen kommt eine Einschränkung praktisch nicht vor. Ich war letztens am Wochenende in einem Workshop, in dem Freiwillige an einem Thema arbeiteten. Es ging um die Darstellung der Ideen eines Brainstormings. Der Dialog war ungefähr folgender:

    A: „Der Stift schreibt nicht mehr.“
    B: „Welcher?“
    A: „Da, der Schwarze.“
    B: „Das darf man aber eigentlich nicht mehr sagen!“
    A: „Was?“
    B: „Der Schwarze“

    Und eine Woche später in einer anderen Diskussion im privaten Umfeld:

    A: „Durch die Ideologie von Karl Marx sind sogar mehr Menschen gestorben, als durch den Faschismus.“
    C: „War, spinnst Du?“
    A: „Stalin: 60 Mio, Mao: 50 Mio, Pol Pot: 2 Mio, Lenin:???, Hitler: 66 Mio inkl. Kriegstote“
    C: „Das hat doch nichts mit Marx zu tun!“
    A: „Hat der nicht die Diktatur des Proletariats ins Spiel gebracht?“
    C: „Du Nazi.“

    Ich denke, die Bereitschaft, abweichende Meinungen nur noch als „böse“ zu beschriften und dann die Diskussion zu beenden – und nichts anderes ist die Strategie der PC – hat sich schon sehr weit in die Gesellschaft reingefressen. So harmlos, wie Bento tut, ist das nicht mehr.

  16. Wäre schön, wenn Linke in wichtigen Dingen mitreden dürften: Rüstung, Transaktionssteuer, Niedriglohnsektor, Renten…

    Aber nein: Sie dürfen sich nur dort austoben, wo sie den tatsächlichen Machthabern der neoliberalen Oligarchie nicht in die Quere kommen, zum Beispiel also, ob man noch „Zigeunerschnitzel“ sagen darf oder nicht. Und sie merken es nicht.

      • „Die Linken“ gibt es nicht, da gibt sich auch uepsilonniks einer (schönen) Illusion hin. Ich kann dir sagen, was ich umsetzen würde, ich sehe mich selbst als links-liberal:
        1. Parteispendenverbot
        DER Ansatzpunkt um dem System die Korruption auszutreiben. Es muss zwingende Gefängnisstrafen bei Zuwiderhandlung geben.
        2. Rückgängigmachen/modifizieren/beenden von verdammt vielen Maßnahmen, die den Steuerzahler unnötig Geld kosten und unsere Infrastruktur kaputt machen: Public-Private-Partnerships im Bereich Schule, Straßenbau etc., Bahnreform der 90er, Aufteilung der Mobilfunkgrundausstattung (Sendemasten) auf mehrere Anbieter,…
        3. Schließen der Steuerschlupflöcher für a) Großkonzerne: Gewinne sollen da besteuert werden, wo sie tatsächlich anfallen, bevor sie durch konzerninterne Verschiebungen wie Lizenzgebühren etc. in Niedrigsteuerländer verlegt werden. Das ist ein Gebot des fairen Wettbewerbs: Der Cafebetreiber um Markt kann anders als Starbucks keinen Steuersatz im Promillebereich für sich erzeugen. b) Privatpersonen, und zwar nach amerikanischem Vorbild: Verlegen des Wohnsitzes bringt nichts, da im Ausland gezahlte Steuern auf die persönliche Steuerlast nur angerechnet werden können (jeder Amerikaner im Ausland muss eine Steuererklärung bei seinen Heimatbehörden abgeben!). Abgabe der Staatsangehörigkeit ist möglich, aber bei einem Jahreseinkommen von 100.000 € aufwärts nur gegen eine Vorauszahlung der geschätzten Steuern für die nächsten fünf Jahre. (Und ja, das praktizieren die Amis so (sinngemäß, nagelt mich nicht auf Details fest. Es ist 23 Uhr.)! Ist nicht alles schlecht da drüben.)
        4. Stärkung der gesetzlichen Rente.
        Verbunden mit einer politischen Diskussion, die die furchtbar platte Demographiedebatte auf ein Niveau hebt, auf dem Entwicklung der Produktivität, Versorgung ALLER nicht erwerbstätigen Menschen (auch Kinder, von denen es immer weniger gibt!) und generell die Verteilungsfrage wieder eine Rolle spielen.
        5. Hartz IV: Das System wird so reformiert, dass Arbeitslose nicht mehr als faule Bittsteller betrachtet werden sondern als Menschen, die grundsätzlich arbeiten wollen – nur nicht unbedingt für jeden Hungerlohn.
        6. Ein weiterer ganz wichtiger Punkt ist die Herstellung des außenwirtschaftlichen Gleichgewichts, um a) dafür zu sorgen, dass wir nicht jedes Jahr im Wert von 100 Milliarden Euro Produkte ans Ausland VERSCHENKEN b) die Handelsstreitigkeiten mit den USA einzudämmen c) die Eurozone nicht langfristig implodieren zu lassen. Zu diesem Zweck muss eine Politik der staatlichen Nachfrage zusammen mit einer Stärkung der Arbeitnehmerposition in Gehaltsverhandlungen, sei es individuell (s. Punkt 5) oder durch Gewerkschaften (weg mit dem Tarifeinheitsgesetz!) für eine überdurchschnittliche Lohnentwicklung sorgen. Und auch wenn ich mich unbeliebt mache: Eine leicht überdurchscnittliche Inflation (3%) ist dabei hinzunehmen.
        7. Außenpolitisch hören wir auf, den Wackeldackel der Amerikaner zu geben, beenden den Konflikt mit Russland und bemühen uns um ein sicheres Europa durch eine Politik der guten Nachbarschaft. Wenn man sich die Resultate der (EU-)Außenpolitik der letzten drei Jahrzehnte anschaut, ergibt sich ein katastrophales Bild der EU-Nachbarschaft: Staaten, deren innere Verfassung von fragil wie Bosnien-Herzogowina über instabil/hochgradig kriminell wie Albanien oder Tunesien bis zu Bürgerkrieg reicht: Algerien, Libyen, Ukraine, Syrien, Irak. Die stabilsten Staaten sind Diktaturen oder auf dem Weg dahin: Weißrussland, Ägypten, Marokko, oder wir liegen mit ihnen im Clinch: Russland oder die Türkei, von der wir uns erpressen lassen (müssen). Das hat verdammt viel mit dem destruktiven Einfluss der Amerikaner in unserer Nachbarschaft zu tun.

        Das waren jetzt sieben Punkte, aber sei’s drum.
        Die Herstellung von Geschlechtergerechtigkeit (und ich meine das Aufheben von Benachteiligungen hauptsächlich von Männern) erscheint mir dagegen zwar nicht unwichtig, aber untergeordnet.

        • Ich sehe Antiamerikanismus nicht als linken Wert, und europäische Probleme sind hausgemacht. Z.B bei aggressiven Töne Richtung Russland war Flinten-Uschi nicht gerade zurückhaltend. Ein anderer wichtiger Punkt ist die ersatzlose Beendigung der „Energiewende“.

      • UNDO von Hartz, Verbot von Leiharbeit und grundloser Befristung, Senkung des Rentenalters, Erhöhung der Rentenformel, Verlängerung der Schulzeiten, Senkung der Mehrwertsteuer, Gegenfinanzierung durch Erhöhung von Einkommens- und Vermögenssteuern. Klassisch keynesianische Konjunktupolitik. Beendigung alle Auslandseinsätze. Wer sich über Kaliningrader Klopse und Sinti-und-Roma-Schnitzel echauffiert kommt von einem ganz anderen Stern.

      • Leider wahr. Einzelne Ausnahmen wie Sara Wagenknecht können den Eindruck der gesamten Linken da nicht ändern.
        Wobei es im bürgerlichen Lager auch nicht besser aussieht.

        • Zustimmung.

          Die Zersetzung der Linken – eigentlich jeder Richtung außer der Neoliberalen – war ein voller Erfolg. Ehrlich gesagt halte ich den ganzen Geschlechterkrieg ebenfalls für einen Teil einer Teilen-und-Herrschen-Strategie. Da sitzt dann der Linke und regt sich darüber auf, dass Frauen diskriminiert seien, und verliert darüber das Wesentliche aus Blick und mobbt die echt Guten wie Wagenknecht weg…

          Mit Feminismus haben sie schon die Piratenpartei zerlegt, die anders als die AfD der neoliberalen Agenda in die Quere kam. Letztere fügt sich nahtlos ein und darf deshalb ihren Scheiß durchziehen.

          • Es würde mich sehr überraschen, wenn es Menschen gibt, die Feminismus gezielt fördern, um linke Bewegungen/Positionen kaputt zu machen. Das Thema hat in der breiten Bevölkerung längst nicht die Bedeutung wie in diesem Blog oder auch nur in den Medien.
            Üblicher sind die Förderung von Parteien und Politikern, die genehme Positionen vertreten. Mobbing von nicht genehmen Politikern ist nicht vorrangig; wichtiger das Beeinflussen der politischen Debatte z.B. durch Studien und Pressemeldungen, Füttern von Journalisten mit bequem aufbereiteten Informationen oder auch Einflussnahme auf Bildungsinhalte an den Schulen.
            @uepsilonnkis: Mich würde interessieren, ob du irgendwelche Belege für die von dir vermutete Strategie siehst. Mehr als ein „könnte ich mir vorstellen, würde passen“. Zumindest, ob du ein genaueres Bild zeichnen könntest.

          • Ergänzung: Ich frage mich, ob ich meine Meinung ändern sollte. Bisher halte ich den ganzen Feminismusquatsch für einen Selbstläufer, der vor allem auf Dummheit, Naivität und (männlicher) Fürsorge fußt, und in zweiter Linie auch auf dem Egoismus einzelner Akteurinnen, die von ihm profitieren.

          • @Renton:

            Finde es gerade nicht, aber darüber, wie der Feminismus ein Instrument ist, um unerwünschte Bewegungen zu zerstören, hatte Danisch mal was. Ging um die Piratenpartei.

            Ansonsten empfehle ich dir „Warum schweigen die Lämmer?“ von Rainer Mausfeld. Der schlüsselt das ganz genau auf, wie der Neoliberalismus seinen undemokratischen Willen durchsetzt.

          • @uepsilonniks
            Der Danisch raunt eigentlich immer nur genau nach dem Motto „könte ich mir vorstellen, würde passen“.

            Hat Rainer Mausfeld denn Bezug auf den Feminismus genommen? Eine kurze Googlesuche zu seinem Buch ergibt keine Spur von dem Thema.

          • Mausfeld behandelt nicht das Thema Feminismus sondern beschreibt die verborgenen Formen der Machtausübung in der Scheindemokratie. Ich empfehle dir noch mal das Buch „Warum schweigen die Lämmer?“.

  17. Aber Nachsicht ist doch unser oberstes Prinzip!

    „Warum sollte sie sich Begriffe verbieten lassen, die sie gar nicht schlimm findet? Wir sollten nachsichtig sein, wenn jemand ein falsches Wort benutzt – vielleicht habe er nicht studiert, komme vom Land, wisse es eben nicht besser.“

    Nachsicht für die einen, Sippenhaft für die anderen.

  18. Politisch korrekte Sprache ist immer elitär, da sie den Untertanen verordnet wird. Regeln und Richtlinien sind Instrumente politischer Macht. Sie nimmt den Menschen Menschen die Freiheit zu reden wie sie wollen. Deswegen ist sie niemals „faire Sprache“. Die Hüter der PC maßen sich eine Macht an, die sie nicht besitzen, die über das hinausgehen, was Gesetze und staatliche Macht fordern. Ein korrekter Staat, der sein Machtmonopol schützt, müsste die selbsternannte Sprachpolizei unterdrücken. Die Eliten benutzen informelle „Gesetze“, die sie nicht formalisieren können.

  19. Pingback: Billy Coen und El_Mocho über Eliten | uepsilonniks

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