Foucault, Macht und Feminismus

Mich würde eure Meinung dazu interessieren, wie Foucault Macht verstand und was davon, sei es verfälscht oder verändert, im (intersektionalen) Feminismus übernommen worden ist oder dortige Ideen beeinflusst hat.

Ich hatte zu Butler mal einen Text geschrieben, wie ich es damals verstanden habe:

2. Foucault

Den Grundgedanken, dass Geschlecht ein Ausdruck der Machtverhältnisse innerhalb der Gesellschaft ist und die zur Erhaltung der Macht errichtenen Geschlechternormen die Geschlechter hervorrufen, hat sie von Foucault.
Dieser geht ebenfalls davon aus, dass unsere Gesellschaft über den Umgang mit Wissen und Macht hervorgerufen wird. Foucault geht davon aus, dass die Mächtigen innerhalb einer Gesellschaft diese so umgestalten, dass sie ihre Macht sichert. Dazu nutzen sie die Möglichkeit Wissensvorsprünge auszubauen und Diskurse zu lenken, indem sie das Wissen kontrollieren. Aus diesem Wissen heraus wird zudem das Gerüst der Gesellschaft aufgebaut. Indem bestimmte Regeln für die Gesellschaft aus der Vergangenheit heraus legitimiert werden, wird den Leuten ein richtiges Verhalten vorgegeben, dass dann von ihnen einzuhalten ist. Dabei stabilisieren sich die Regeln selbst, wenn es gelingt, einen Verstoß gegen die Regeln mit einem gesellschaftlichen Malus zu versehen, eine Befolgung der Regeln aber mit einem Bonus. Sobald das System hinreichend eingerichtet ist, versucht jeder innerhalb dieser Regeln möglichst gut darzustehen und einen Malus nach Möglichkeit zu vermeiden. Dadurch will letztendlich jeder innerhalb der Regeln leben, erkennt dabei aber nicht, dass diese eben reine Kultur sind, keine Basis haben, weil die Zuweisung, was richtig und was falsch ist, beliebig nach den Vorstellungen der Mächtigen gestaltet werden kann. Hier wird der Diskurs wichtig, der bestimmt, was überhaupt vertreten werden darf. Foucault sieht Wissenschaft insofern nicht als objektiv, sondern eben als Teil des Diskurses an: Die Gesellschaft bestimmt, was vertretbar ist und was nicht und was als Meinung präsentiert werden darf und was nicht.

2. Judith Butlers Übertragung

Butler überträgt diesen Gedanken, wie Foucault bereits vor ihr auf das Geschlechterverhältnis, wo nach ihrer Auffassung ebenfalls bestimmte Geschlechternormen errichtet worden sind, die die Errichtung der Geschlechter und deren Verhalten bewirken. Diese knüpfen an die unterschiedlichen Körper von Mann und Frau an, die aber insoweit lediglich das Unterscheidungsmerkmal bilden, dass dann über verschiedene kulturell geschaffene Regeln zur Errichtung der Geschlechterrollen führt. Körper materialisieren sich nie unabhängig von ihrer kulturellen Form, sind also immer an ihre kulturspezifische Wahrnehmung gebunden.
Diese kulturspezifischen Merkmale der Geschlechterrollen werden dann durch beständige Wiederholung gleichsam eingeübt.
Nach dieser Vorstellung gibt es ersteinmal keine Frau als Subjekt, sondern das was als Frau definiert wird ist beständig einer kulturellen Betrachtung und Veränderung unterworfen. Eine „Frau“ mit einem männlicheren Körper ist in dieser Hinsicht teilweise schon wieder den männlichen Regeln unterworfen, ist also nicht per se Frau, sondern irgendwo dazwischen. Ein Transsexueller wäre nach erfolgter Operation über seinen Körper neuen Geschlechternormen unterworfen, die aber wiederum im Fluss sind und wer welchen Normen unterworfen ist, ist ebenso im Fluss, was die Abgrenzung der Geschlechter schwierig macht. Allein der Diskurs kann nach diesen Vorstellungen festlegen, was eigentlich eine Frau und was ein Mann ist. Denn der Diskurs hätte nach diesen Theorien etwa die Macht, einem Mann mit einem zB geringen Bartwuchs die Männereigenschaft abzusprechen und ihn den Frauen zuzuordnen (wenn ich es richtig verstehe). Darauf, dass die Abgrenzung dennoch in den meisten Kulturen abgesehen von den geringen Zahlen der Intersexuellen und Transsexuellen unproblematisch ist, geht sie meines Wissens nach nicht ein.

Das wäre zu den Theorien nach Butler, aber der Machtbegriff von Foucault scheint mit auch in den intersektionalen Theorien zu einem gewissen Teil aufgenommen worden zu sein.

Diese Stelle aus der Wikipedia finde ich dazu ganz interessant:

In seiner Analyse der Macht wirft Foucault der politischen Philosophie mit ihrer Ausrichtung auf die Macht des Souveräns und dessen Legitimität ein Verharren in Kategorien der Monarchie vor. Die großen Machtinstitutionen, die sich aus dem Mittelalter heraus entwickelten – Monarchie und staatlicher Machtapparat –, entwickelten sich inmitten dichter, verschränkter, widersprüchlicher Machtbeziehungen, die zu einer Vielzahl von Objekten gebunden waren. Sie gewannen Akzeptanz dadurch, dass sie sich als außerhalb oder oberhalb dieser Konflikte präsentierten. Das Konzept der Souveränität folgt aus dieser Logik der Repräsentation, ebenso wie die Legitimität ein Konzept außerhalb der Konflikte präsentieren soll, das in der Lage ist, diese zu entscheiden.[12]

Foucault nun wiederum stellte fest, dass zwar viele Formen und Praktiken der Souveränität noch vorhanden sind, diese aber graduell durch Machtbeziehungen ersetzt worden seien, die nicht nach dem Souveränitätsgedanken funktionierten. Sie hingen von disziplinierender und regulierender Macht ab, während sie auch produzierten. Diese Machtbeziehungen würden durch extensive soziale Netzwerke verteilt und übten Macht nicht nur in eine Richtung aus. Gleichfalls seien sie instrumentell in der Produktion wichtiger Güter wie Wissen, Gesundheit, Reichtum oder sozialem Zusammenhalt. Traditionelle Konzeptionen von Souveränität und Legitimität seien nicht in der Lage, diese vielfältigen Machtbeziehungen zu erfassen, Konzeptionen wie Menschenrechte oder Gerechtigkeit seien inadäquate Mittel, um die moderne Macht/Wissens-Verknüpfung kritisieren zu können.[13]

Foucault setzt dafür einen dynamischen Machtbegriff ein. Macht ist nicht etwas, das ein Einzelner erwerben, besitzen, halten oder verlieren kann. Macht liegt verteilt in komplexen sozialen Netzwerken, wobei sie von überall kommt. In Disziplinierungsgesellschaften können Praktiken Macht nur enthalten, wenn eine gewisse Anzahl von Agenten ihre Handlungen auf ein Objekt ausrichten, wobei das notwendige Netzwerk oft auch Instrumente (Gebäude, Dokumente etc.) benötigt wie Praktiken und Rituale.[14] Langfristige Machtverhältnisse können ebenso wie großräumige Machtstrukturen bestehen, doch diese erfordern eine ständige Reproduktion durch kleinste Machtrelationen.[15] Widerstand gehört dabei fest zum System: Das Netzwerk weist zahlreiche Punkte des Widerstands auf, die innerhalb von Machtbeziehungen Gegenpart, Ziel, Unterstützung oder Instrument sein können. Diese Punkte sind genauso veränderlich und variabel wie die gesamten Machtrelationen.[16]

Daraus folgend ist aber auch kein negatives Verständnis der Macht möglich, wie es in vielen Wissenschaften vorherrscht. Macht ist produktiv und produziert Wirkliches: Sie produziert Wissen um das Individuum, Wahrheitsrituale und Gegenstandsbereiche.[17]

Foucault beschreibt Macht oft in Metaphern des Kriegs und in Umkehrung von Carl von Clausewitz als „Politik als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln“. Dabei begreift er die Kriegsmetapher als Gegendbild zur ökonomischen Metapher, die Politik in Begriffen von Regeln und Gesetzen beschreibt. Wie Krieg auch hat die Gesamtheit der Macht keine Bedeutung und kann nur in taktischen Begriffen beschrieben werden; zudem gibt es keinerlei Regeln, die außerhalb der Machttotalität stehen und diese regulieren

Der obige Gedanke:

Macht ist nicht etwas, das ein Einzelner erwerben, besitzen, halten oder verlieren kann. Macht liegt verteilt in komplexen sozialen Netzwerken, wobei sie von überall kommt.

würde ja ganz gut zu einem Patriarchat passen, bei dem nicht der einzelne Mann Macht hat, sondern das Netzwerk der (alten, weißen) Männer das Netzwerk bildet, indem es auf die Macht des Einzelnen nicht ankommt.

Ich habe bisher nur über Foucault gelesen, nichts von Foucault. Er hat auch direkt über Sexualität und Macht geschrieben und er scheint mir da durchaus einen gewissen Einfluss zu haben, den ich gerne näher aufschlüsseln würde.

Aber auch für Hinweise, welche andere Quellen feministische Theorien speisen, wäre ich dankbar

57 Gedanken zu “Foucault, Macht und Feminismus

  1. Dass Macht nicht nur Herrschaftscharakter, sondern auch Ermächtigungscharakter hat, ist ein Gedanke, der in den Sozialwissenschaften nicht nur von Foucoult vertreten hat, ein ähnlicher Gedanke findet sich auch bei Anthony Giddens.

    Der Begriff der »Macht« bezieht sich hier auf die erweiterte Bedeutung der Fähigkeit oder eines Potentials, etwas zu tun. Ein Beispiel ist die Macht »totaler Institutionen« wie der Psychiatrie (Wahnsinn und Gesellschaft) und dem Gefängnis (Erving Goffman), die formal aus der Staatsmacht abgeleitet werden, aber über den Einzelnen eine Macht der Disziplinierung ausüben.

    Auch der staatliche Zwang zur Selbstoptimierung von Arbeitsmarktteilnehmern, der durch die Hartz-IV-Regelungen implementiert wurde, kann in diesem Sinne als Disziplinierungsmacht angesehen werden, hier zudem ausgehend von einem staatlichen Akteur, wodurch sie eine Form von »Gouvernmentalität« darstellt. An den Einzelnen werden hier nicht nur formale Ansprüche gestellt, wieder in Arbeit zu kommen, sondern seine konkreten Handlungen (Bewerbungen, Weiterbildung) werden diszipliniert und sanktioniert.

    Meines Erachtens entstehen aus Foucault erst dann Probleme, wenn man ihn ohne ein theoretisches »Gegengift« liest – das gilt freilich grundsätzlich für alle Sozialtheoretiker, die soziologischen Klassiker inbegriffen, lies niemals Marx ohne Weber 🙂 . Was bei Foucault fehlt bzw. unterentwickelt ist, ist ein Kommunikationsbegriff, der »Verständigung« ins Zentrum rückt, wie das prominenterweise der Ansatz von Jürgen Habermas tut.

    Mit Foucault kann man schon mal auf die Idee kommen, dass menschliche Kommunikation aus nichts als Machtverhältnissen bestünde, die intersektionalen Theorien haben eine solche Lesart zu eigen gemacht. Von Habermas dagegen kann man lernen, dass Kommunikation (und »Diskurse«) eben auch auf Verständigung abzielt, das heißt auf eine Vermittlung von Standpunkten (Lucas Schoppe würde das vermutlich mit John Dewey begründen, der aber auch bei Habermas eine wichtige Rolle spielt).

    Vermittlung von Standpunkten ist in den intersektionalen Theorien praktisch unmöglich, sobald Individuen unterschiedlichen Identitätskollektiven zugeordnet werden, weil die Beziehungen zwischen diesen angeblich ausschließlich in Machtbeziehungen bestehen, die in gesellschaftlichen Positionen der Privilegierung bzw. Unterdrückung gründen.

    • @ Djadmoros

      „Was bei Foucault fehlt bzw. unterentwickelt ist, ist ein Kommunikationsbegriff, der »Verständigung« ins Zentrum rückt, wie das prominenterweise der Ansatz von Jürgen Habermas tut.“

      Foucault geht in einem m.E. sehr guten Text in seinem Spätwerk auf das Thema ein.

      Michel Foucault zum Thema Verständigung:

      „Ich diskutiere gern, und auf Fragen, die man mir stellt, bemühe ich mich zu antworten. Ich nehme nicht gern (…) an Polemiken teil. Wenn ich ein Buch aufschlage, in dem der Autor einen Gegner als „pubertären Linksradikalen“ taxiert, schlage ich es gleich wieder zu. Diese Verhaltensweisen sind nicht die meinen; ich gehöre der Welt derjenigen, die derlei verwenden, nicht an. An diesem Unterschied halte ich als etwas Wesentlichem fest: Es geht darin um eine ganze Moral, diejenige, die die Suche nach der Wahrheit und die Beziehung zum anderen betrifft.

      Im ernsthaften Spiel von Fragen und Antworten, in der Arbeit wechselseitiger Erhellung, sind die Rechte eines jeden gewissermaßen Teil der Diskussion. Sie sind allein an die Situation des Dialogs gebunden. Derjenige, der fragt, macht nur Gebrauch von dem ihm gegebenen Recht: nicht überzeugt zu sein, einen Widerspruch wahrzunehmen, zusätzliche Informationen zu benötigen, unterschiedliche Postulate geltend zu machen, einen Fehler in der Gedankenführung aufzudecken. Und derjenige, der antwortet, verfügt genauso wenig über ein über die Diskussion selbst hinausgehendes Recht; er ist durch die Logik seines eigenen Diskurses an das, was er zuvor gesagt hat, und durch das Akzeptieren des Dialogs an die Befragung durch den anderen gebunden. Fragen und Antworten gehören zu einem Spiel – zu einem sowohl angenehmen als auch schwierigen Spiel -, bei dem jeder der beiden Partner sich darum bemüht, nur von den Rechten Gebrauch zu machen, die ihm durch den anderen und durch die akzeptierte Form des Dialogs gegeben werden.

      Der Polemiker dagegen tritt vor, gepanzert mit Vorrechten, die er von vornherein innehat und die er niemals in Frage stellen lässt. Er besitzt von Grund auf die Rechte, die ihn zur Kriegsführung autorisieren und die aus diesem Kampf ein gerechtes Unternehmen machen; er hat zum gegenüber nicht einen Partner in der Suche nach der Wahrheit, sondern einen Gegner, einen Feind, der Unrecht hat, der schädlich ist und dessen Existenz bereits eine Bedrohung darstellt. Das Spiel besteht für ihn folglich nicht darin, ihn als Subjekt anzuerkennen, das das Recht hat, auch das Wort zu ergreifen, sondern ihn als Gesprächspartner jedes möglichen Dialogs zu annullieren, und sein letztes Ziel wird es nicht sein, sich so gut er vermag einer schwierigen Wahrheit zu nähern, sondern die gerechte Sache triumphieren zu lassen, deren offenkundiger Träger er von Beginn an ist. Der Polemiker stützt sich auf eine Legitimität, von der sein Gegner per definitionem ausgeschlossen ist.

      Eines Tages wird man vielleicht die ausführliche Geschichte der Polemik als parasitärer Figur der Diskussion und Hindernis für die Suche nach der Wahrheit schreiben müssen. Sehr schematisch gesehen, scheint es mir, dass man heute darin das Vorhandensein dreier Modelle erkennen könnte: ein religiöses Modell, ein gerichtliches Modell, ein politisches Modell.

      Wie in der Häresiologie macht es sich die Polemik zur Aufgabe, die Stelle des unberührbaren Dogmas, das fundamentale und notwendige Prinzip zu bestimmen, das der Gegner vernachlässigt, ignoriert oder überschritten hat; und an dieser Vernachlässigung klagt sie das moralische Vergehen an; an der Wurzel des Irrtums entdeckt sie die Leidenschaft, den Wunsch und das Interesse, eine ganze Reihe von Schwächen und uneingestehbaren Bindungen, die ihn schuldig werden lassen.

      Wie in der Praxis des Gerichts eröffnet die Polemik nicht die Möglichkeit einer gleichen Diskussion; sie leitet einen Prozess ein; sie hat es nicht mit einem Gesprächspartner zu tun, sondern behandelt einen Verdächtigen; sie sammelt die Beweise für seine Schuld, und mit der Benennung des von ihm begangenen Verstoßes spricht sie das Urteil aus und führt die Verdammung herbei. Jedenfalls befindet man sich damit nicht in der Ordnung einer gemeinschaftlich durchgeführten Untersuchung; der Polemiker sagt die Wahrheit in der Form des Urteils und gemäß der Autorität, die er sich selbst zugebilligt hat.

      Das mächtigste Modell heute ist indes das politische Modell. Die Polemik legt Bündnisse fest, rekrutiert Parteigänger, führt Interessen oder Meinungen zusammen, repräsentiert eine Partei; sie konstituiert den anderen als einen Feind, der entgegengesetzte Interessen vertritt und gegen den man so lange kämpfen muss, bis ihm, besiegt, nichts anderes mehr übrig bleibt als sich zu unterwerfen oder unterzugehen.

      Selbstverständlich ist die Reaktivierung dieser politischen, gerichtlichen oder religiösen Praktiken in der Polemik nichts mehr als Theater. Man gestikuliert: Anathemata, Exkommunikationen, Verdammungen, Schlachten, Siege und Niederlagen sind schließlich nur Redeweisen. Und doch sind sie in der Ordnung des Diskurses auch Tätigkeitsweisen, die nicht ohne Folge sind. Es gibt Sterilisierungswirkungen: Hat man je eine neue Idee aus einer Polemik hervorgehen sehen? Und wie sollte es auch anders sein können, wenn die Gesprächspartner dazu angestachelt werden, nicht etwa voranzugehen und immer mehr zu wagen bei dem, was sie sagen, sondern sich unaufhörlich auf das gute Recht zurückziehen, das sie einfordern, auf ihre Legitimität, die sie verteidigen müssen und auf die Behauptung ihrer Unschuld.

      Es kommt noch schlimmer: In dieser Komödie mimt man den Krieg, die Schlacht, die Vernichtung oder die bedingungslose Kapitulation; man lässt all das von seinem Todestrieb durch, was man nur kann. Nun ist es aber ziemlich gefährlich, glauben zu machen, der Zugang zur Wahrheit könne auf derartigen Wegen erfolgen und auf diese Weise, und sei es in bloß symbolischer Form, die wirklichen politischen Praktiken bestätigen, die sich dadurch autorisieren lassen könnten.

      Stellen wir uns einen Augenblick lang vor, dass in einer Polemik einer der beiden Gegner durch die Wirkung eines Zauberstabs die Macht erhält, auf den Anderen die ganze Macht auszuüben, die er ausüben möchte. Es ist sicher überflüssig, sich das auszumalen: Man braucht sich nur anzusehen, wie in der UDSSR vor gar nicht so langer Zeit, die Auseinandersetzungen über die Linguistik oder die Genetik abgelaufen sind. Waren das verirrte Abweichungen von dem, was eine richtige Diskussion sein soll? Nein, sondern in Lebensgröße die Konsequenzen aus einer polemischen Haltung, deren Wirkungen gewöhnlich außer Kraft gesetzt bleiben.“

      (aus: Michel Foucault – Polemik, Politik und Problematisierungen. Gespräch mit P. Rabinow, Mai 1984, in: Michel Foucault – Dits et Ecrits. Schriften 1980 – 1988, Vierter Band, Suhrkamp, 2005, S. 724 f.)

        • @ Djadmoros

          „Aber welche Rolle spielt das Deiner Ansicht nach im Gesamtwerk?“

          Du hast natürlich Recht damit, dass Foucault nicht wie Habermas mehrere Bücher speziell zum Thema Verständigung geschrieben hat, sondern in seinem Gesamtwerk andere Themenschwerpunkte hat.
          Aber umso wichtiger scheint es mir darauf hinzuweisen, dass sich Foucault auch zum Thema Verständigung in einem seiner Texte geäußert hat.

          Es gibt auch noch andere interessante Zitate von Foucault, die hierzu passen, hier z.B. noch zwei:

          Michel Foucault:

          „Das Modell des Krieges sitzt wie ein Parasit auf den Diskussionen über politische Themen: Wer abweichende Ideen hat, wird als Klassenfeind identifiziert, gegen den man kämpfen muss bis zum Sieg. Dieses große Thema des ideologischen Kampfes bringt mich zum Lächeln, wenn ich bedenke, dass die theoretischen Bindungen eines jeden, in ihrer Geschichte betrachtet, eher konfus und schwankend sind und nicht die Klarheit einer Grenze haben, hinter die man den Feind zurücktreiben möchte.
          (…)
          Bestünde Ernsthaftigkeit nicht viel mehr darin, dass alle sich der Forschung widmen, einer neben dem anderen, ohne dass sich die Standpunkte genau decken? Wer lange genug proklamiert: „Ich kämpfe gegen den Feind“, wird der diesen „Feind“ dann nicht auch als solchen behandeln, wenn es – was jederzeit geschehen kann – tatsächlich zu einer kriegerischen Situation kommt? Diese Bahn führt geradewegs in die Unterdrückung, sie ist gefährlich. Ich verstehe durchaus, dass ein Intellektueller den Wunsch hegen kann, von einer Partei oder in einer Gesellschaft ernst genommen zu werden, indem er gegen einen ideologischen Gegner Krieg spielt. Aber das scheint mir gefährlich. Man sollte lieber annehmen, dass diejenigen, mit denen man uneinig ist, sich getäuscht haben oder dass man selbst nicht verstanden hat, worauf sie hinauswollten“.

          (aus: Gespräch mit Ducio Trombadori, 1980, in: Michel Foucault – Dits et Ecrits. Schriften 1980 – 1988, Vierter Band, Suhrkamp, 2005, S. 118 f.)

          „Der Meinungsaustausch, die Diskussionen und eventuell sogar die recht lebhafte Auseinandersetzung in bezug auf unterschiedliche Ideen haben keinen Ort mehr, an dem sie sich zum Ausdruck bringen können. (…) Was vergessen worden ist, ist gerade die Funktion der kritischen Arbeit. In den fünfziger Jahren war die Kritik eine Arbeit. Ein Buch lesen, über ein Buch sprechen war eine geistige Übung, der man sich gewissermaßen um ihrer selbst willen hingab, zu eigenem Nutzen, um sich selbst zu verändern.
          Gut über ein Buch zu sprechen, das man nicht liebte, oder mit hinreichender Distanz über ein Buch sprechen, dass man etwas zu sehr liebte – diese Anstrengung arbeitete darauf hin, dass, von Schrift zu Schrift, von Buch zu Buch, von Werk zu Artikel, tatsächlich etwas passierte.
          (…)
          Die Kritik aber hat diese Funktion anscheinend vergessen, um mit politisch-richterlichen Funktionen vorlieb zu nehmen: den politischen Feind anprangern, beurteilen und verdammen oder urteilen und Kränze flechten.
          Das sind die armseligsten, die uninteressantesten Funktionen, die sich denken lassen.“

          (aus: Didier Eribon – Michel Foucault. Biographie, Suhrkamp, 1991, S. 422 f.)

          Ein Umriss einer Theorie der Verständigung von Foucault könnte m.E. potentiell aus seinem Werk rekonstruiert werden, wenn man alle relevanten Zitate diesbezüglich sammeln und einer Analyse unterziehen würde.

  2. Zu Foucault und Butler! Interessant ist ja hier, dass beide mehr oder weniger von der Philosophie kommen und sie von sozialwissenschaftlicher empirischer Forschung nicht viel verstehen und auch nie betrieben haben. Die Begriffe, die sie verwenden, sind somit meist schlecht definiert, man kann alles oder nix darunter verstehen, von Operationalisierung kann schon überhaupt keine Rede sein und somit würde ich das alles unter Sozialphilosophie subsumieren ohne irgendwelchen Anspruch darauf, die empirische Realität angemessen zu erfassen.
    Bei Foucault ist natürlich ein Sozialkonstruktivismus sehr wichtig: also soziale Gegenstände sind nicht bereits da, sondern werden durch gesellschaftliche Prozeduren quasi erst hergestellt. Also Kultur, Wissensordnungen und Diskurse sind zentral sowie Normen im Sinne einer normativen und statistischen Norm (Stichworte sind Disziplinierung, Normalisierung, Anormalität, abweichendes Verhalten, Diskriminierung, Marginalisierung, Ausschluss etc.). Klar, es kommen dann noch Begriffe wie Biomacht (beispielsweise staatliche Massnahmen zur Gesundheitsförderung) oder Gouvernementalität (Technologien der Selbst- und Fremdführung) dazu.
    Probleme bei Foucault sehe ich vor allem darin, dass Vieles sehr schwammig ist, ohne empirische Forschung, dass er die Dialektik von Handlung und Struktur überhaupt nicht richtig erfassen kann, dass er nicht zeigen kann, wie Kultur, Technik, Ökonomie und Politik zusammenwirken, Ontogenese und Phylogenese quasi vollständig ausblendet, auch die intrapersonale Ebene mehrheitlich ausgeblendet wird und vieles mehr. Mit Foucault können die heutigen grossen Trends wie Digitalisierung, Dienstleistungsgesellschaft, Wissensökonomie, Kulturkapitalismus bzw. kognitiver Kapitalismus, aber auch Bildungsexpansion, Klassenstruktur, Ausdifferenzierung von soziokulturellen Milieus, geopolitische Konstellationen und vieles andere mehr überhaupt nicht verstanden werden. Was man mit Foucault verstehen kann, ist teilweise der Wertewandel in der Gesellschaft seit den letzten 50 Jahren.

    • @ Mark Smith (@Markk_Smithh)

      „Zu Foucault und Butler! Interessant ist ja hier, dass beide mehr oder weniger von der Philosophie kommen und sie von sozialwissenschaftlicher empirischer Forschung nicht viel verstehen und auch nie betrieben haben“

      Michel Foucault ist im Gegensatz zu Judith Butler aber auch Historiker und er gilt u.a. als Klassiker der Geschichtswissenschaft. Mit den Forschungsmethoden der Geschichtswissenschaft war Foucault gut vertraut.

      „Die Begriffe, die sie verwenden, sind somit meist schlecht definiert,“

      Foucault gibt präzise Begriffs-Definitionen zwar nicht immer in seinen Hauptwerken, aber dafür oft in seinen Interviews. Daher kann es in dieser Hinsicht ratsam sein, die 4 Bände „Dits et Ecrits. Schriften“ zuerst zu lesen. 🙂

      „Mit Foucault können die heutigen grossen Trends wie Digitalisierung, Dienstleistungsgesellschaft, Wissensökonomie, Kulturkapitalismus bzw. kognitiver Kapitalismus, aber auch Bildungsexpansion, Klassenstruktur, Ausdifferenzierung von soziokulturellen Milieus, geopolitische Konstellationen und vieles andere mehr überhaupt nicht verstanden werden.“

      Jeder Wissenschaftler hat halt so seine Schwerpunkte. 🙂

      Also rein soziologisch betrachtet (nicht geschichtswissenschaftlich) würde ich Foucault in folgenden Bereichen für relevant halten:

      Foucault ist in soziologischer Hinsicht m.E. überall dort hilreich, wo eine Diskursanalyse zum besseren Verständnis sozialer Phänomeme sinnvoll ist, (denn Foucault hat die Diskursanalyse als Methode ja wesentlich mitentwickelt).

      Zudem sind Foucaults Beiträge zur Analyse des Neoliberalismus und zur Gouvermentalität m.E. soziologisch für die Gegenwart bedeutsam.

      Die verschiedenen Formen von Machtanalysen, die Foucault im Laufe seiner Karriere durchgeführt hat, sind in soziologischer Hinsicht überall dort potentiell relevant, wo ähnliche Machtformen, wie die von ihm analysierten, existieren. (Seine Pastoralmachttheorie kann m.E. potentiell leicht zu einer kritischen Analyse der Political Correctness umfunktioniert werden.)

      Das, was wir gewöhnlich meinen, wenn wir von Foucaults Machtbegriff sprechen, also sein nietzscheanisch-inspirierter Machtbegriff, der im ersten Band von „Sexualität und Wahrheit“ – „Der Wille zum Wissen“ voll entfaltet wird, ist aufgrund seines differenzierten und relationalen Charakters gut dazu geeignet ihn gegen das einseitig-schematische Machtverständnis politisch korrekter Linker zu wenden. Darauf hatte ich ja schon mehrfach hingewiesen.

      Michel Foucault:

      „Ich glaube – jedenfalls ist das der Sinn der Analysen, die ich vornehme (…), dass wir Machtbeziehungen nicht schematisch betrachten dürfen, auf der einen Seite jene, die Macht haben, und auf der anderen jene, die keine haben. (…) Dieser Dualismus findet sich bei Marx niemals, wohl aber bei reaktionären und rassistischen Denkern wie Gobineau, (…).
      Die Machtbeziehungen sind überall. Allein schon die Tatsache, dass Sie Studentin sind, versetzt sie in eine bestimmte Machtposition. Andererseits bin ich als Professor gleichfalls in einer Machtposition. Ich bin in einer Machtposition, weil ich keine Frau bin, sondern ein Mann. Und als Frau sind sie gleichfalls in einer Machtposition, nicht in derselben, aber wir sind beide gleichermaßen in einer Machtposition. (…) Interessant ist (…) wie die Maschen der Macht in einer Gruppe, einer Klasse, einer Gesellschaft funktionieren, das heißt, wo sie jeweils im Netz der Macht lokalisiert sind und wie sie Macht ausüben, sichern und weitergeben.“

      (aus: Michel Foucault – Die Maschen der Macht, Vortrag 1976, in: Michel Foucault – Dits et Ecrits. Schriften, Vierter Band 1980 – 1984, Suhrkamp, 2005, S. 244)

          • Foucaults eigene Interpretationen der europäische Geschichte sind allerdings so ziemlich alle als falsch identifiziert worden. Irrenhäuser sind keine Erfindung der Aufklärung, es gab sie schon im 14. Jahrhundert. Das „Panoptikum“, an dem er sich so hochzieht, ist niemals gebaut worden, gängige Strafmethode war vielmehr die Deportation, also genau das Gegenteil der Überwachung. Von seiner Einschätzung der „politischen Spiritualität“ des Ayatollah Chomeini ganz zu schweigen.

          • @ El_Mocho

            Es gab/gibt in der Geschichtswissenschaft sowohl Kritiker als auch Verteidiger von Foucault. (Inzwischen hat sich Foucault aber als Klassiker der Geschichtswissenschaft weitgehend durchgesetzt.)

            Für einen Überblick zu den Debatten über Foucaults Werk in der Geschichtswissenschaft siehe:

            Clemens Kammler, Rolf Parr, Ulrich Johannes Schneider (Hrsg.) – Foucault Handbuch – Leben, Werk, Wirkung, Metzlerverlag, 2014, S. 320 – 330

            sowie

            das Kapitel zu Foucault in dem oben verlinkten Buch von Lutz Raphael (Hrsg.) – Klassiker der Geschichtswissenschaft Bd. 2: Von Fernand Braudel bis Natalie Z. Davis.

  3. Foucault gehört, mit Butler, zweifellos zu den beklopptesten „Denkern“ des 20. Jahrhunderts. Seine Werke sind Ansammlungen geistiger Gülle und intellektuellen Abfalls. Er verkörpert die Degeneration der politischen Linken wie kaum ein anderer.

          • Wenn Du irgendwas Anregendes oder intellektuell Wertvolles bei Foucault findest, sei es Dir gegönnt.
            Aber beschwere Dich dann bitte nie mehr über die Abgründe des intersektionalen Feminismus.

          • @Adrian:

            »Aber beschwere Dich dann bitte nie mehr über die Abgründe des intersektionalen Feminismus.«

            Auch davon verstehst Du nichts.

          • Sowieso. Aus Sicht eines Linken verstehe ich überhaupt nichts. Das meine Hypothesen dennoch näher an der Realität sind, spielt dabei keine Rolle, weil es Realität ja eigentlich gar nicht wirklich gibt 🙂

          • @djadmoros,

            Es ist Adrians geistige Faulheit, die ich so bemerkenswert finde

            Du meinst, das sei Faulheit?

            Mein Eindruck ist eher, dass es sich in seinem Leben als vorteilhaft erwiesen hat, mit klaren Kategorien aufzutreten, weshalb er den Kategoriescharfzeichner halt sicherheitshalber immer gleich auf volle Pulle stellt.
            Das macht ihn für ein Philosophiestudium natürlich ungeeignet.

          • In unserer postmodernen Welt, in der so getan wird, als hätte jeder irgendwie Recht, der es gut meint, ist meine scharfe Meinung über Geschwätz natürlich anstößig.

          • @Adrian:

            »… ist meine scharfe Meinung über Geschwätz natürlich anstößig.«

            Eine Meinung ohne einen Hauch von Begründungsaufwand ist selber Geschwätz.

          • @only me:

            »… weshalb er den Kategoriescharfzeichner halt sicherheitshalber immer gleich auf volle Pulle stellt.«

            Ich wüsste nicht, was Adrians Kommentare scharf zeichnen. Was er macht, ist wie Pixelartefakte für Äcker auf dem Mars halten. Als Ingenieur wäre er mit soviel Gleichgültigkeit ein Totalversagen. Von wegen Realität und so.

    • Zumindest ist er der Hauptverantwortliche für den Niedergang der Sozialwissenschaften. Wenn heute ständig von Machtverhältnissen und Machtstrukturen geredet wird, ist das auf seine Schriften zurück zu führen. Alles wird unter dem Gesichtspunkt der Macht betrachtet, Kooperation und Solidarität kommt im Denken der heutigen Linken praktisch nicht mehr vor.

      Da ist es dann auch nur konsequent, wenn man sich nicht inhaltlich mit der AfD auseinandersetzt, sondern sie einfach nur ausgrenzt; dabei wäre eine inhaltliche Auseinandersetzung gar nicht so schwierig, aber da müsste man sich ja fragen, ob deren Wähler nicht evtl. ein berechtigtes Anliegen hätten.

      • @ El_Mocho

        „Zumindest ist er der Hauptverantwortliche für den Niedergang der Sozialwissenschaften.“

        M.E. gibt es keinen Niedergang der Sozialwissenschaften.

        Die Gender Studies sind unwissenschaftlich und müssen weg:

        https://geschlechterallerlei.wordpress.com/2016/08/04/gastartikel-leszek-zu-der-frage-ob-gender-studies-unwissenschaftlich-sind/

        Aber das ist ein winziger Teil der Sozialwissenschaften. Und in den Gender Studies wird Foucault offenkundig mißinterpretiert.

        „Wenn heute ständig von Machtverhältnissen und Machtstrukturen geredet wird,“

        Erstens gibt es in den Sozialwissenschaften noch viele, viele andere Themen und zweitens sind „Machtverhältnisse und Machtstrukturen“ m.E. ein völlig legitimes Thema der Sozialwissenschaften. Lies doch mal ein paar sozialwissenschaftliche Lehrbücher. 🙂

      • @ El_Mocho

        „Da ist es dann auch nur konsequent, wenn man sich nicht inhaltlich mit der AfD auseinandersetzt, sondern sie einfach nur ausgrenzt; dabei wäre eine inhaltliche Auseinandersetzung gar nicht so schwierig, aber da müsste man sich ja fragen, ob deren Wähler nicht evtl. ein berechtigtes Anliegen hätten.“

        Die poststrukturalistische Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe, die aktuell von Douglas Murray verleumdet wird, schrieb zum Thema des Umgangs mit rechtspopulistischen Parteien und ihren Wählern übrigens:

        „Die sozialdemokratischen Parteien, die in vielen Ländern bei der Implementierung einer neoliberalen Politik eine wichtige Rolle gespielt haben, sind außerstande die Tragweite des populistischen Moments zu begreifen und sich den damit verbundenen Herausforderungen zu stellen. In ihren post-politischen Dogmen gefangen und unwillig, ihre Fehler zuzugeben, können sie nicht erkennen, dass viele der von rechtspopulistischen Parteien artikulierten Forderungen demokratische Forderungen sind, die einer progressiven Antwort bedürfen. Viele dieser Forderungen kommen von Gruppen, die zu den großen Verlierern neoliberaler Globalisierung gehören, und können im Rahmen dieses Projekts nicht erfüllt werden.

        Gerade für die Mitte-links-Kräfte ist es natürlich bequem, die rechtspopulistischen Parteien, als „rechtsextrem“ einzustufen und ihre Attraktivität auf einen Mangel an Bildung zurückzuführen. Auf diese Weise kann man sie leicht abqualifizieren, ohne die Verantwortung einzugestehen, die Mitte-links-Parteien selbst an ihrem Aufstieg tragen. Indem sie eine „moralische“ Front aufbauen, um die „Extremisten“ vom demokratischen Diskurs auszuschließen, glauben die „guten Demokraten“, die Zunahme „irrationaler“ Leidenschaften aufhalten zu können. Eine solche Strategie der Dämonisierung der „Feinde“ (…) mag moralisch beruhigend sein, politisch ist sie jedoch zahnlos.

        Will man den Aufstieg rechtspopulistischer Parteien stoppen, so ist es notwendig, eine wahrhaft politische Antwort in Form einer linkspopulistischen Bewegung zu ersinnen, die alle demokratischen Bemühungen bündelt, die sich gegen die Postdemokratie richten. Anstatt die Wählergruppe rechtspopulistischer Parteien von vorherein als zwangsläufig von primitiven Leidenschaften motiviert abzutun und sie dazu zu verdammen, für immer in diesen Leidenschaften gefangen zu bleiben, tut es not, den demokratischen Kern vieler ihrer Forderungen zu erkennen.

        Ein linkspopulistischer Ansatz sollte versuchen, ein alternatives Vokabular zur Verfügung zu stellen, um diese Forderungen auf egalitäre Ziele umzulenken. Das bedeutet nicht, dass man die Politik rechtspopulistischer Parteien stillschweigend gutheissen sollte, sondern, dass man sich weigern sollte, den Wählern die Verantwortung dafür in die Schuhe zu schieben, wie ihre Forderungen artikuliert werden. Ich bestreite nicht, dass es Menschen gibt, die sich vollkommen mit diesen reaktionären Werten identifizieren, aber ich bin überzeugt, dass andere nur von diesen Parteien angezogen werden, weil sie das Gefühl haben, dass sie die Einzigen sind, die sich für ihre Probleme interessieren.“

        (aus: Chantal Mouffe – Für einen linken Populismus, Suhrkamp, 2018, S. 32 f.)

        • Leszek, ich weiß nicht, welchen Narren du an diesen Postmodernisten gefressen hast. Wenn Chantal Mouffe 2018 einen solchen Text schreibt, ist das sicher ehrenwert und zeigt, dass sie nicht völlig borniert ist. Aber es ist längst zu Spät, seit den 80er Jahren haben ihre Bücher (und die von Foucault usw.) ihre Wirkung getan und den Marxismus als politische Theorie der Linken abgelöst und durch die Macht-Metaphysik ersetzt, sie dominiert bis in die Kommentare der Tagesthemen hinein. Es gibt bessere Theorien für die politische Praxis, die nicht auf solch dubiosen und selbstwiedersprüchlichen Grundlagen beruhen wie diese französischen Philosophendarsteller.

          Was Foucault und die iranische Revolution betrifft, so schreibt die Exil-Iranerin Janet Afary in ihrem Buch „Foucault and the iranian Revolution“ (das ich hiermit wärmstens empfehle):

          „He celebrated the islamist movement as a rejection of a european form of modernity. He hoped that what he called its „insane“ transgressive discourse would fracture the boundaries of a „rational“ modernity. … In this sense, he had no serious qualms about the wa in which the islamists had come to dominate the revolutionary movement, displacing the Marxists and the Left“ S. 105

          Und weiter: „He lapsed into silence on Iran from may 1979 until his death in 1984, making no public declarations of any kind as the iranian people suffered terribly under a regime for which he had helped to buld support.“ S. 133

          Er hat sich also nie ausdrücklich davon distanziert. Für mich indiskutabel.

        • Da hat man mal eine poststrukturalistische linke, die imerhin erkennt, dass ihre Gesinnungsgenossen „außerstande [sind] die Tragweite des populistischen Moments zu begreifen und sich den damit verbundenen Herausforderungen zu stellen“, und „dass viele der von rechtspopulistischen Parteien artikulierten Forderungen demokratische Forderungen sind, die einer progressiven Antwort bedürfen“, und was folgert sie daraus?

          Forderung nach „linkspopulismus“.

          Immerhin lehnt sie die „moralische Front“ und die dämonisierung der „Feinde“ der linken ab. Aber offenbar auch eher, weil sie „politisch zahnlos“ seien, nicht weil sie das irgendwie grundsätzlihch problematisch fände. Jedenfalls kratzt „mag moralisch beruhigend sein“ nicht mal im Ansatz an real beunruhigenden Aspekten dieses Moralismus.

        • @ El_Mocho

          „Er hat sich also nie ausdrücklich davon distanziert.“

          Foucault fiel öffentliche Selbstkritik manchmal nicht allzu leicht, aber sein abschließender Artikel zur iranischen Revolution enthält durchaus klare Distanzierungen vom islamistischen Totalitarismus.

          Der Artikel findet sich auf englisch hier:

          Michel Foucault – Useless to revolt?

          https://primeraparadoja.wordpress.com/publicaciones/foucault-m-mayo-de-1979-useless-to-revolt/

          Ein paar Zitate aus dem Artikel:

          “First there was the rapid success of the movement, reconfirming it in the form it had just taken. There was the institutional solidity of a clergy whose sway over the population was strong, and whose political ambitions were vigorous. There was the whole context of the Islamic movement: with the strategic positions it occupies, the economic keys which Muslim countries hold, and its own expansionary force over two continents, it constitutes an intense and complex reality all around Iran. With the result that the imaginary contents of the revolt did not dissipate in the broad daylight of the revolution. They were immediately transposed to a political scene that seemed fully prepared to receive them but was actually of a completely different nature. This scene contained a blend of the most important and the most atrocious elements: the formidable hope of making Islam into a great civilization once again, and forms of virulent xenophobia; global stakes and regional rivalries. Along with the problem of imperialisms and the subjugation of women, and so on.
          The Iranian movement did not come under that “law” of revolutions which brings to visibility, so it would seem, the tyranny lurking within them, beneath the blind enthusiasm. What constituted the most internal and the most intensely experienced part of the uprising bore directly on an overloaded political chessboard. But this contact was not an identity. The spirituality which had meaning for those who went to their deaths has no common measure with the bloody government of an integrist clergy. The Iranian clerics want to authenticate their regime by using the significations that the uprising had.“

          (…)

          „To be sure, there is no shame in changing one’s opinion; but there is no reason to say one has changed it when today one is against severed hands, having yesterday been against the tortures of the Savak.“

          (…)

          “This is inseparable from another principle: the power that one man exerts over another is always perilous. I am not saying that power, by nature, is evil; I am saying that power, with its mechanisms, is infinite (which does not mean that it is omnipotent, quite the contrary). The rules that exist to limit it can never be stringent enough; the universal principles for dispossessing it of all the occasions it seizes are never sufficiently rigorous. Against power one must always set inviolable laws and unrestricted rights.”

      • @ Adrian

        „Schon allein, die iranische Revolution gut zu finden. Aber na ja, typisch links halt.“

        Foucaults Fehleinschätzung der iranischen Revolution als „egalitäre, spirituelle Volksrevolution“, eine Fehleinschätzumg von Foucault, die nur kurze Zeit bei ihm anhielt und für die Foucault gerade innerhalb der Linken – zu Recht – scharf kritisiert wurde, ist für die Beurteilung seines Werkes irrelevant.

        Zudem ist diese kurzfristige Fehleinschätzung so ziemlich das Einzige, was man speziell in Foucaults Spätphase bei ihm scharf kritisieren muss, davon abgesehen war Foucault in dieser Phase ein Verteidiger von Menschenrechten und Demokratie.

        • „ist für die Beurteilung seines Werkes irrelevant.“

          Sein Werk ist überflüssig.
          Kein Mensch ist klüger geworden, durch das, was Foucault geschrieben hat. Nichts würde der Menschheit ohne Foucault fehlen.

          • @ Adrian

            Es könnte vielleicht hilfreich für dich sein, wenn du mal ein Buch über Logik lesen würdest.

            Als Logik bezeichnet man ein Teilgebiet der Philosophie, das sich u.a. damit befasst, die Struktur von Argumenten hinsichtlich ihrer Gültigkeit zu erforschen, es geht also um den Unterschied zwischen vernünftigem und unvernünftigem Schlussfolgern.

            Meinem Eindruck nach befindest du dich in einem entwicklungspsychologischen Zustand, in dem du diesen Unterschied noch nicht ausreichend verstehst und nicht wirklich nachvollziehen kannst, was ein (gültiges) Argument ist.

            Mal ein Buch über Logik zu lesen, könnte dir vielleicht helfen dich diesbezüglich weiter zu entwickeln. 🙂

          • Hm, interessant. Logik als Eingangstor zum Verständnis von Foucault. Das scheint mir unlogisch zu sein. Nach meiner Einschätzung ist die Argumentation von Adrian dem Gegenstand angemessen.

          • Es würde der Menschheit sogar besser gehen ohne Foucault, denn dann hätten wir mehr ernsthafte,empirisch ausgerichtete Sozialwissenschaft und nicht stattdessen diese verschwurbelten „Diskursanalysen“, mit denen man alles und nichts beweisen kann.

  4. @ Christian

    Du schreibst:

    „Butler überträgt diesen Gedanken, wie Foucault bereits vor ihr auf das Geschlechterverhältnis,“

    Es gibt keine Theorie zum Thema Geschlecht bei Foucault.

    • Wie ich in diesem Thread gelernt habe, hat foucault ein mehrbändiges (!) Werk mit Titel „Sexualität und Wahrheit“ geschrieben. Darf man bei einem solchen Titel erwarten dass foucault sich zum geschlechterverhältnis äußert? Falls ja, inwiefern genau ist christians Aussage dann falsch? Falls nein, wie rechtfertigt ein Philosoph dass er „sexualität“ so prominent im Titel eines großen Werkes platziert, wenn er dann nichts darüber schreibt?

      • @ pingpong

        Foucault entwirft in diesen Büchern keine Theorie der sozialen Konstruktion von Geschlecht, sondern eine Diskursgeschichte der Sexualität.
        Der Begriff Sexualität ist hier nicht im engeren Sinne als Geschlechtlichkeit, sondern im verhaltensbezogenen Sinne zu verstehen, es geht in den Büchern also um soziokulturelle Diskurse zur Regulierung des Sexualverhaltens in verschiedenen Epochen der westlichen Kultur.
        Für Feminismus hat sich Foucault nicht interessiert.

        • Das mag ja alles sein, aber inwiefern hat das etwas mit christians Aussage zu tun?

          Übrigens:
          Der Begriff Sexualität ist hier nicht im engeren Sinne als Geschlechtlichkeit, sondern im verhaltensbezogenen Sinne zu verstehen, es geht in den Büchern also um soziokulturelle Diskurse zur Regulierung des Sexualverhaltens in verschiedenen Epochen der westlichen Kultur.

          Sexualität ist also nicht auf das biologische beschränkt, sondern wird auch durch die jeweilige Epoche, die soziokulturellen Umstände, die Diskurse, kurz: durch die Gesellschaft geprägt. Eigentlich bräuchte man für dieses Verständnis ein anderes Wort, um es von der biologischen sexualität zu unterscheiden. Wie wärs mit „gesellschaftlich beeinflusste sexualität“? Nein, das klingt zu sperrig. Hmmm… gender vielleicht?
          Aber diese Idee die foucault hier entwirft hat bestimmt gaaaar nichts mit dem heutigen genderfeminismus zu tun, klar.

          • @ Pingpong

            Christian suggeriert, es gebe bei Foucault eine Theorie der sozialen Konstruktion von Geschlecht analog wie bei Butler. Foucault entwickelt aber keine Theorie der sozialen Konstruktion von Geschlechtsidentitäten bzw. Geschlechtsrollenidentitäten im Allgemeinen.

            Bei Foucault geht es, wie gesagt, nicht um Geschlechtlichkeit in diesem weiter gefassten Sinne, sondern um den enger gefassten Bereich des Sexualverhaltens und der Sexualmoral, es geht bei ihm nicht darum, inwieweit Geschlechtsidentitäten oder Geschlechtsrollenidenttäten biologisch dispioniert oder sozial konstruiert sind, sondern Foucault analysiert historische Diskurse bzgl. Themen wie Masturbation, Homosexualität, sexuelle Askese, Perversionen usw. in Religion, Wissenschaft und Philosophie.
            Siehe z.B. die kurze Auflistung von Themen in seiner 4-bändigen Geschichte der Sexualität hier:

            https://de.wikipedia.org/wiki/Michel_Foucault#Sexualit%C3%A4t_und_Wahrheit

          • @leszek: Danke für die Klarstellung!

            Ich habe Foucault nie gelesen. ich sehe zwar dass es hier immer wieder diskutiert wird, und im ersten Moment kommt es mir recht interessant vor, so nach dem Motto „Sollte man auch mal gelesen haben, warum eigentlich nicht“.
            Aber einige Kommentare später verläßt mich die Neugier und ich gewinne immer mehr den Eindruck dass sich die Lektüre nicht lohnt, weil es hauptsächlich um Wortgeklingel geht.
            Ich habe Respekt vor deinem Wissen und du kennst dich bestimmt sehr gut in seinen Schriften aus. Aber aus deinen Antworten werde ich einfach nicht schlau. Z.b. konkret hier wo es um eine grobe Einordnung der Bedeutung seiner Schriften geht.

            Du sagst:

            Der Begriff Sexualität ist hier nicht im engeren Sinne als Geschlechtlichkeit, sondern im [weiteren, Anm.] verhaltensbezogenen Sinne zu verstehen[…]

            Eine antwort später sagst du

            Bei Foucault geht es, wie gesagt, nicht um Geschlechtlichkeit in diesem weiter gefassten Sinne, sondern um den enger gefassten Bereich des Sexualverhaltens und der Sexualmoral […]

            Zuerst geht es also nicht um den Begriff im engeren Sinn, sonder eben in einem weiter gefassten Sinn. Kurz darauf geht es dann nicht um den Begriff in einem weiter gefassten Sinn, sondern um einen enger gefassten Bereich. Mit Verlaub, was soll das? Das ist einfach ärgerlich, und wenn es schon auf auf diesem Maßstab, wo es nur um einen groben Überblick geht, solche Unstimmigkeiten gibt, dann verlässt mich jede Neugier und jede Lust Foucault tatsächlich mal zu lesen. Dafür ist mir die Zeit zu schade.
            Vermutlich tue ich ihm damit unrecht, aber diese ewige Haarspalterei um Begriffe geht mir auf die Nerven. Von einem Philosophen (altgriechisch φιλοσοφία philosophía, latinisiert philosophia, wörtlich „Liebe zur Weisheit“) erwarte ich zumindest dass man auf dem Maßstab eines groben Überblicks die Bedeutung seines Werks in klare Worte fassen kann. Ich mache das hier nicht dir zum Vorwurf, sondern Foucault, dessen Werk anscheinend dermaßen ambivalent ist, sodass ebendiese Zusammenfassung in klaren Worten nichtmal für jemanden wie dich, der erwießenermaßen sehr fit in der Literatur ist, möglich zu sein scheint.

          • @ pingpong

            „Zuerst geht es also nicht um den Begriff im engeren Sinn, sonder eben in einem weiter gefassten Sinn. Kurz darauf geht es dann nicht um den Begriff in einem weiter gefassten Sinn, sondern um einen enger gefassten Bereich. Mit Verlaub, was soll das?“

            Ich war gerade etwas in Eile und habe daher versehentlich im ersten Kommentar an dich einen Formulierungssfehler begangen. Mein Fehler, nicht der von Foucault. 🙂

          • @leszek: In diesem Fall nehme ich alles zurück und behaupte das Gegenteil 🙂

            Ich möchte dennoch anmerken, dass es m.M.n. eine gewisse Problematik aufzeigt wenn ein solcher Flüchtigkeitsfehler nicht sofort als solcher erkennbar ist. D.h. wenn das Werk eines Autors eine solche Komplexität aufweist, dass man selbst bei solch offensichtlichen Widersprüchen nicht gleich sagen kann ob sie von einem schlichten Formulierungsfehler herrühren, oder ob der autor einfach so unverständlich schreibt dass man seine Gedanken nicht klar zusammenfassen und wiedergeben kann.

  5. Ich hörte mir gestern kurz eine Diskussion im Schweizer Fernsehen an. Es ging dabei um die Fortpflanzungsmedizin und deren rechtliche Verankerung, kurzum: Was sollte erlaubt sein und was nicht. Ich schaute nur kurz rein und war nicht sehr aufmerksam.
    Eine Diskutantin – eine Grüne, glaube ich – die sich als Vertreterin insbesondere der Lesben ausgab – erwiderte so nebenbei der Gegenseite, dass auch Männer Kinder kriegen könnten, worauf mich eine tiefe Müdigkeit erfasste und ich den Fernseher abschaltete.
    DAS ist Butlers ganzes Geheimnis. Okkupiere etablierte Begriffe und deute sie nach deinem Gusto um. Mit dem veränderten Sprachgebrauch hat sich, so der Wahn dieser Frau, die Realität verändert, die Realität, die ohnehin nur ein geistiges Konstrukt ist und sich in der Sprache widerspiegelt. Ich finde das ausgesprochen albern.
    Wenn hier von Macht die Rede ist: Ein Aspekt von Macht ist es, den grössten Unsinn als gesellschaftlich akzeptierte Wahrheit an prominenter Stelle zu propagieren, ohne sich wegen erwiesenem Schwachsinn zu disqualifizieren. Der butlersche Radikalkonstruktivismus ist in letzter Konsequenz ein Faschismus in modern anmutendem Gewand. Wahrheit ist, was sich mit Macht/Gewalt als solche etablieren und produzieren lässt. Auf diesem Weg sind wir schon sehr weit fortgeschritten, wenn in einer Diskussion behauptet wird, Männer könnten Kinder gebären, ohne dass darauf kritisch eingegangen wird und dieser beliebige Schwachsinn nicht als solcher bezeichnet wird.

    • Ich bezeichne das gerne als Heterosexualisierung des gesellschaftlichen Diskurses. Muster heterosexueller Beziehungen werden auf die Gesellschaft übertragen. Die Frau redet irgendwas, und der Mann hört zu, nickt oder stimmt zu und hofft, dass sie irgendwann zufrieden ist, und Ruhe gibt.

        • Ja, absolut genial.

          Und der Witz an der Sache ist. Philosophen verstehen i.a. wenig von Logik, da dies nicht dem Skillset der Leute entspricht, die sich dafür (als Studium) interessieren.

      • Adrian, du musst jetzt ganz tapfer sein!
        Foucault war schwul.
        Von daher fürchte ich, es handelt sich eher um ein Verschwuchtelung des gesellschaftlichen Diskurses. Da Butler nun auch noch lesbisch ist, hat hier der lesbianische Messianismus die andere Hälfte zum aktuell queeren Diskurs beigetragen.
        „VlM“ ist das „ML“ der Neuzeit!

        Wie immer habe ich einen Rat, der dir weiterhelfen wird: „Friere nicht, organisiere dich!“ 🙂

          • Keine Ahnung. Ich habe mir einfach deine Haltung zu eigen gemacht, irgendeinen spontan assoziierten Quatsch mit maximaler Trollerei in die Tasten zu hauen.
            Und es funktioniert! 🙂

        • Ich würde von einer Feminisierung der gesellschaftlichen Kommunikation sprechen, in der sich Schwule, wie Foucault und Lesben, wie Butler, zu willfährigen Schergen degradieren ließen und Spielarten des feministischen Diskurses bildeten. Insgesamt liegt hier der Fehler vor, Kommunikation als eigenständiges Subjekt zu nehmen und dann dieses Subjekt zu manipulieren. Einer der Vorteile dieser Behandlung der Kommunikation durch Feminismus ist die dadurch entstandene Erkenntnis, dass Feminismus wesentlich Lüge (Diskurs) ist oder wie djadmoros es ausdrückt: „Ich glaube, ich hatte schon mal erwähnt, dass Diskurstheorie sich gut dazu missbrauchen lässt, über jemanden zu reden statt mit ihm, und somit auch dazu, rein deskriptiv zu behandeln, was darüber hinaus zusätzlich eine Wertungsfrage ist.“. Der Diskurs ist das Subjekt und nicht der Mensch, woraus folgt, dass wenn man den Diskurs manipuliert (lügt), vermeintlich nur ein Netz von Bedeutungen manipuliert wird und nicht die Menschen, die in diesem Netz wie Zombies hängen oder anders herum: die Manipulation schade nicht, weil sowieso nur Zombies betroffen seien. Das Interesse an Diskurstheorie hier in diesem Blog rührt vermutlich und hoffentlich nur aus der intellektuell reizvollen Herausforderung, ein komplexes Netz von Bedeutungen als wissenschaftlichen Gegenstand zu nehmen. Allerdings müssen Menschen, die diese Aufgabe angehen, über das notwendige intellektuelle und charakterliche Rüstzeug verfügen, was bei den meisten Anhängern dieser Theorie nicht der Fall ist. Ich denke, die Aussage, gesellschaftliche Kommunikation spiegelt gesellschaftliche Macht ist richtig, aber sie spiegelt nur, sie ist es nicht. Außerdem spiegelt gesellschaftliche Kommunikation auch Werte, wie Treue, Mut, Fleiß, Liebe, etc., sie ist aber nicht diese Werte. Diskurstheorie nimmt den Spiegel und kippt ihn zusätzlich durch einen Filter, so dass nur noch Macht übrig bleibt. Was übrig bleibt ist Diskurs, ein Gerippe, mit der dann Politik oder Erkenntnis betrieben wird. Das Ergebnis dieser Politik oder Erkenntnis ist skelettös und verlogen.

  6. Wie immer man zu Foucaults Theorien stehen mag, wir Männerrechtler haben zwei gute Gründe, sein Werk und seinen Einfluss zu studieren:

    – zum einen ist ein Großteil des aktuellen Geschlechter-Diskurses an Foucaults Theorien oder zumindest an seiner Wortwahl (Terminologie) orientiert – wer hier mithalten will, der sollte sich ein bisschen auskennen, um entsprechend mitreden und vor allem widersprechen / widerlegen zu können.

    – zum anderen ist Foucaults Projekt wirklich interessant und brisant, nämlich: Wie entstehen und entwickeln sich bestimmte Diskurse historisch, wodurch werden sie beeinflusst (Leitbilder usw.), was beeinflussen sie ihrerseits in der Gesellschaft, wodurch werden sie dominant oder hegemonial (wenn sie es denn werden), wodurch werden sie untergraben (Subversion), u. dgl.

    Die Art und Weise, wie Foucault sein Projekt (nämlich Genealogie) durchgeführt hat, und zu welchen Ergebnissen (Theorien, Erklärungen, Bewertungen) er dabei gekommen ist, muss man nicht akzeptieren – aber man sollte schon sehen, welches Potential dieser Ansatz für uns Männerrechtler birgt. Leszek hat oben zwei Punkte angedeutet, ein weiterer Punkt wäre: eine Foucaultsche Analyse von #MeToo.

      • Diskurs ist quasi alles, was mithilfe von Zeichen (Sprache, Schrift, Symbole etc.) irgendiwie Bedeutung und Sinn transportiert, wobei man davon ausgeht, dass der Signifikant wie das Signifikat eben Einfluss auf den Menschen hat. Sei es, dass es die Wahrnehmung beeinflusst, sei es, dass es soziale Tatsachen und Gegenstände konstruiert und somit konstituiert, sei es, dass es auch die Meinungen und Ansichten der Menschen beeinflussen kann. Das ist sicherlich alles richtig. Nur wird m.E. in der Diskurstheorie bzw. Diskursanalyse die Macht der Diskurse überschätzt und es wird unterschätzt, dass Diskurse nur vor allem dann eine Wirkung haben, wenn sie mit vielen anderen Machtmechanismen gekoppelt sind, also mit machtvollen Akteuren wie Legislative, Judikative, Exekutive, Staaten, Nationen, Institutionen, Organisationen, Eliten etc.

        • Außerdem macht man sich unglaubwürdig, wenn man Diskurstheorie immer nur auf die anderen anwendet. Ich glaube, ich hatte schon mal erwähnt, dass sie sich gut dazu mißbrauchen lässt, über jemanden zu reden statt mit ihm, und somit auch dazu, rein deskriptiv zu behandeln, was darüber hinaus zusätzlich eine Wertungsfrage ist.

          Auf diese Weise lässt sich ignorieren, dass Wertvorstellungen, die den eigenen Werten widersprechen, einen Wertkonflikt zwischen im Prinzip gleichrangigen Diskussionsteilnehmern implizieren. Als »Diskurs« wird auf diese Weise alles behandelt, was nicht zum Gegenstand einer Debatte werden soll.

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