Warum ist nichts vor Babys sicher und alles droht herunter geschmissen zu werden?

Fräulein Schmidt ist wesentlich mobiler geworden. Sie zieht sich an allem hoch, steht noch mit einer Hand unterstützend und versucht mit der anderen alles zu greifen, was wir nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht haben. Ein vor ihr abgestelltes Glas ist blitzschnell vom Tisch gewischt. Ein Bild auf dem niedrigen Wohzimmertisch oder eine Tasse in erreichbarer Nähe landet ebenfalls schnell auf dem Boden. Einiges wird gegriffen und begutachtet, aber der „Falltest“ scheint dabei ein wichtiges Kriterium dieser Begutachtung zu sein.

Das ist natürlich auch nicht ungefährlich für die Kleine, man will ja nicht, dass sie sich an Scherben verletzt oder sie, weil sie versucht etwas höheres zu greifen, sich etwas direkt auf den Kopf fallen lässt oder bei dem Versuch etwas hohes zu erreichen ihre Standfestigkeit überschätzt und fällt.

Die interessante Frage natürlich: Warum ist gerade dieses Verhalten, welches ja so ziemlich alle Babys in diesem Alter zeigen, evolutionär vorteilhaft gewesen?

Sicherlich: In der Steinzeit und davor wird wesentlich weniger Glas herumgestanden haben, aber in einer Höhle rumzukrabbeln und allerlei Dinge um- und herunterzuwerfen dürfe auch damals problematisch gewesen sein.

Ein Vorteil wäre sicherlich: Es fördert den Wunsch aufzustehen und seine Geh- und Stehfähigkeiten zu enwickeln. Auch Greiffähigkeiten dürften gefördert werden.  Und Neugier fördert sicherlich auch verstehen etc. Wobei diese Neugier ja nur bedingt produktiv und eher gefährlich ist. Denn dem „Falltest“ geht meist der „Geschmackstest“ voraus, es wird also alles erst einmal in den Mund genommen.

Was ich mir auch vorstellen könnte: Es macht eine gute Betreuung des Kindes erforderlich, wenn sie sich so verhalten. Dann wäre das Verhalten vorteilhaft, weil es die Eltern zu einer Betreuung animiert und man die Kinder nicht alleine lassen kann. Quasi die Gefährlichkeit für das Baby selbst als Druckmittel es besser zu beschützen.

Das wäre der gleiche Grund, warum einige Vogelbabys lautstark essen fordern: Sie machen damit zwar Fressfeinde auf sich aufmerksam aber die Eltern, die ja auch ihre Gene in die nächste Generation bringen müssen, sind um so motivierter sie so mit Essen zu versorgen, dass sie ruhig sind.

Dann wäre auch die Gefährlichkeit eher ein Bonus – sehr zu unserem Leidwesen.

27 Gedanken zu “Warum ist nichts vor Babys sicher und alles droht herunter geschmissen zu werden?

  1. Unsere Kinderärztin hat erzählt, dass Kinder experimentell die Fallhöhe testen, um so ein Gefühl für Höhe zu entwickeln. Schließlich sehen sie auf zwei Beinen alles aus einer neuen Perspektive.
    Ist natürlich nur mein Gedächtnisprotokoll…

  2. „Krabbeln & Grabbeln“ – alles anfassen, um es zu be-„greifen“. Dabei geht auch schon mal einiges zu Boden, was solange Spaß macht, solange es nicht weh tut…

  3. Aus der Perspektive eines Kindes erscheint es mir reizvoll, dass Gegenstände, welche sich nicht bewegt haben, sich auf einmal vom eigenen Blickfeld ganz alleine wegbewegen, wenn man sie fallen lässt.

    Passiert dies jedesmal? Mit allen „Sachen“ ?
    Let‘s find out!

    P.S. Ich hoffe, Ihr habt keinen Hamster.

      • @ Christian:

        Der Reiz besteht einerseits darin, etwas Starres (was ggf. vorher „erschmeckt“ worden ist) selbst in Bewegung zu bringen.

        Das Kind muss noch nicht einmal werfen können. Der Gegenstand hat sich vorher nicht bewegt. Jetzt schon! Es ist eine selbst herbeigeführte Wirkung.

        Andererseits ist es doch wie Magie, dass sich der Gegenstand durch Loslassen scheinbar selbst wegbewegen kann (wenn man von Schwerkraft nichts wissen kann).

        Genau wie das „ Guckguck“ Spiel oder das Auftauchen eines Gegenstandes auf der anderen Seite eines Hoodies mit von beiden Seiten zugänglicher Tasche (beides Magie, da vor dem Hintergrund der eigenen Erfahrung nicht erwartbar).

        Wieviele Gegenstände würden wir loslassen, wenn sie auf einmal nach oben fallen würden? Einige würden das mit der eigenen Kacke ausprobieren, nur um zu sehen ob das auch funktioniert.

  4. Kinder lernen noch nicht durch theoretische Modelle in dem Alter, sondern „original-evolutionär“, also durch „Realitätstest“. Und natürlich trainieren sie die Großen dabei, was gleichzeitig die erste Form von Rückschlussermittlung ist. Dabei sind Geschmacks- und Falltest gute Methode.
    Beispiel: „Ich schmeiße den Teddy runter, Papa gibt ihn mir wieder, damit ich ihn nochmal runterschmeißen kann“
    Oder: „Ich schmeiße die Plastiktasse runter, werde klatschnass, Mama kleidet mich neu ein“.
    „Ich schmeiße ein Glas runter, beide Großen werden total hektisch“.

    Das ist nix als reine Wissenschaft. Wartet mal ab, wie das läuft, wenn sie den Sinn einer Backofenbeleutung und der dazugehörigen geschlossenen Tür ausprobiert …. ( doch, das kommt, versprochen ). Ab da lernen die Eltern auch was neues, nämlich, daß Kinder besser lernen, wenn sie eine unmittelbare Erfahrung machen, die direkt rückmeldet, evtl. i.V.m. mit Parallelreaktion der Eltern. Erkenntnis: „Heiß ist interessant, aber eher nicht lustig und wirkt u.U. unangenehm nach“. Das kommen dann auch Erkenntnisse über „Vorwarnung kann sinnvoll sein“.

    Übrigens: Alle möglichen Kindersicherungen beschleunigen den Forscherdrang noch, was eigentlich stinkenlangweilig ist ( z.B. Schranktür, ist eigentlich viel zu einfach ), wird dadurch zur sportlichen Aufgabe ( die großen knacken das Ding, will ich auch ).
    Das gute daran ist, daß in der Phase auch die Einsichtfähigkeit gute Fortschritte macht, wenn Elterns möglichst wenige, klare und gut abgrenzbare Reaktionsmuster entwickeln. Wobei die freundlich-bestimmten am besten hinhauen.
    Also immer schon dran denken, daß der Lernprozess stets interaktiv in beide Richtungen funktioniert!

  5. Vielleicht ein evolutionärer Test für die Eltern? Keine Ahnung….
    Ich kenne das von meinen Beiden: Kurz umgedreht – schwupp, liegt was auf dem Boden. An Tischdecken wird auch mal gerne gezogen und somit die Reaktionsfähigkeit der Eltern überprüft. Das nächste Level besteigt man dann als Elternteil, wenn man zwei oder sogar mehr von diesen Würmern in der Wohnung herumkrabbeln läßt. Auch interessant: Steckdosen in Fußbodennähe, man kommt gar nicht auf die Idee, wie schnell Kleinkinder ungesicherte Steckdosen mit den unmöglichsten Dingen vollstopfen wollen.

  6. He, he, ich erinnere mich. *schadenfrohes Grinsen*

    Das wird noch viel besser. Frl. Schmidt kommt bald in das Alter, wo ihr zweiter Vorname „search and destroy“ sein wird. Und du glaubst gar nicht, mit welcher schlafwandlerischen Sicherheit kleine Kinder den einzigen neuralgischen Punkt weit und breit finden können.

    Aber ihr schafft das schon. Schließlich wächst man mit seinen Aufgaben.

    • Haha, „SAD“ (Search and Destroy) passt….
      Habe gerade ein Beispiel gefunden, allerdings mit etwas älteren Kindern:

      „Eine regelrechte Schneise der Verwüstung haben zwei kleine Brüder im oberfränkischen Kulmbach hinterlassen. Die beiden Brüder, vier und sechs Jahre alt, hätten zunächst „ihre Mutter ausgetrickst“, seien von zu Hause „ausgebüxt“ und hätten Dinge von Grundstücken geklaut, sagte ein Polizeisprecher am Dienstag.

      Mit einem Gasbrenner und brennbaren Flüssigkeiten hätten die Jungs zunächst einen Carport angezündet. Auf der Suche nach Löschwasser öffneten sie anschließend einen Keller in der Nachbarschaft „und setzen den geöffneten Keller unter Wasser“. Dann bewaffneten sich die Brüder „mit den unterschiedlichsten Werkzeugen, die sie in der Nachbarschaft an sich nehmen konnten“, wie die Polizei mitteilte – darunter auch eine Spraydose mit weißem Lack.

      Mit ihr besprühten sie ein Garagentor, eine Haustür und zwei Autos. Den Sachschaden, den die Brüder bei ihrem Streifzug verursachten, schätzte die Polizei auf 15 000 Euro. Anwohner des Ortsteils Ziegelhütten alarmierten am Montagnachmittag schließlich die Polizei, die die Kinder mit Hilfe des Jugendamtes „an ihre hellauf begeisterte Mutter“ übergab, wie es hieß.“

      https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/vier-und-sechs-jahre-alt-brueder-hinterlassen-spur-der-verwuestung/24897796.html

      Aber das machen nur Jungs….;=)

      • Zwei Kumpels erzählten mir im Grundschulalter mal eine nette Geschichte aus ihrem frühen Vorschul-Jugend-forscht-Fundus:
        Einer besuchte den anderen und – wie das so ist – die lieben kleinen durften im Wohnzimmer spielen, weil sie ja ganz brav waren, natürlich bei leicht geöffneter Tür ( Rückmeldungskanal ), während die Mamas sich „eben eine Tasse Kaffee“ ( Küche ) gönnten.
        Als bereits relativ erfahrene Spione und Undercover-Agents hatten die beiden Forscher ( vielleicht so gegen 4Jahre ) natürlich schon mal was von dem tollen Mädchenspiel „Kuchen backen“ gehört, das schien ein lohnendes Experiment zu bieten. Vorwissen war auch schon etwas vorhanden ( von Mama gelernt ). Nur die rein fiktive Forschung war ihnen noch nicht geläufig. Also organisierten sie das notwendige Material:
        Mehl = weißes Pulver = kann man bestimmt auch mit Scheuerpulver ersetzen
        Milch war zur Verfügung ( irgendwie die Dosenmilch abgezockt ), wurde erstmal nicht bemerkt
        Irgendwelches „Backpapier“, geht sicher auch von der Klorolle
        Lecker Saft zum aromatisieren
        Den Rest weiß ich nicht mehr, sollen wohl noch ein paar Zutaten dabei gewesen sein.
        Klar brauchten zwei gestandene Projekteure ordentlich gut erreichbaren Platz, also wurde der Tisch als nicht geeignet befunden, der Teppichboden war deutlich adäquater.
        Als Werkzeug waren nur Teelöffel aufzutreiben, macht nix, geht schon irgendwie.

        Irgendwann in der Zusammenrühr- und Formphase kamen dann technische Diskussionen auf, klappte wohl nicht gleich auf Anhieb.
        Da wurden die Mamas dann irgendwann aufmerksam und machten den Kontrollblick.

        Tja, die Reaktion war die gleiche wie im Vorkommentar:
        Helle Begeisterung!

        • He, he, dass kenne ich auch. Man hatte bei Papa und Mama schon gesehen, wie man Salatsauce macht. Also wurden ALLE Öl- und Essigflaschen auf dem Küchenboden ausgeleert und darüber kam dann der Inhalt sämtlicher Tütchen mit diesen fertigen Salatwürzmischungen. Ist aber nicht uns passiert. Wir hatten „nur“ bemalte Wände, abgerissene Tapeten und ein komplett überschwemmtes Badezimmer

  7. Weil Forscherdrang und Neugier, die in dem Alter entwickelt wird, ein unglaublicher Selektionsvorteil im späteren Leben ist.
    Das ist leider eine wichtige Rolle der Eltern diesem Drang in geschützter Umgebung seinen Raum zu schaffen, was heißt: Alles, was ernsthaft gefährlich werden kann, außerhalb der Kindesreichweite aufstellen.
    Keine Sorge, ab dem zweiten Kind hat man Übung darin.

    • Angebote gehobener Art sind da äußerst praktisch. Meine Lütte bekam mit irgendwas zweiundnKeks eine Metalltafel und ’ne Tüte Magnetbuchstaben geschenkt ( war auch ’ne Rolle Malpapier dran und ein paar Stifte hatte sie schon ). Also malte sie gelegtlich ein wenig.
      Dann kamen ihre großen Freundinnen ( 6 u. knapp 10 Jahre ) zu Besuch. Und zack wurden die Buchstaben und einfache Wörter entdeckt, zumal das den praktischen Vorteil hatte, daß man Papa morgens beim Kaffeekochen und Broteschmieren locker einbinden konnte. Eine Win-Win-Konstellation, das Kind war schön pflegeleicht, Mama konnte noch ein Stündchen pennen, noch besser wäre schon Scheiße.
      Mit gut zweieinhalb habe ich dann ( dank großzüger Angebote von Freunden, Nachbarn, Kunden ) ihren Fuhrpark erheblich erweitert ( mußte alles etwas instandgesetzt u./o. optimiert werden ), was wiederum gut war, da sie so ihren formellen Bildungsdrang etwas dämpfte und von da an viel mit Unimog, Trecker, Dreiseitenkipper, Güllefass, E-Moped, Dreirad, Tretroller etc. unterwegs war, was den Freundinnen auch ganz gut passte.

  8. Wenn erstmal alles, was man machen kann, festhalten und loslassen ist, was macht man sonst mit all der Zeit?
    Irgendwann kommt drehen/kippen dazu. Und die noch feinmotorischeren Sachen.

    Natürlich ist auch das alles Evolution. *g*g

  9. Das Kind lernt Mechanik. „Ding hat nichts worauf es steht -> Fällt runter“ Unterschiedliche Dinge machen unterschiedliche Geräusche und manche Dinge verformen sich während andere Dinge elastisch herumspringen. Das ist völlig faszinierend. Und Wasser erst.

    Da Kinder im evolutionären Zeitraum immer unter Aufsicht waren, ist es auch kein Nachteil wenn sie sich ohne Aufsicht verletzen könnten, weil das demnach nicht passiert. Nur muss man aufpassen keine teuren Sachen rumliegen zu lassen. Das war man früher aber bestimmt vorsichtiger.

    • Stimmt, Wasser ist für sehr viele ein äußerst faszinierender Forschungsgegenstand!

      Folgendes Szenario:
      Winter, es lagen gut 15cm Schnee, wir wollten spazierengehen. Der Graben vor dem Grundstück war auch komplett zugeschneit, fast komplett. Als wir daran vorbeigingen raste das Kind plötzlich los, hin zum Graben und rutschte auf dem Bauch dessen Böschung runter und riß sich dabei die Handschuhe von den Händen. Papa stakste vorsichtig und beruhigend auf das Kind einredend hinterher. Es tellte sich heraus, daß an der Stelle ein vielleicht 30cm durchmessendes Loch im Schnee war und darunter immerhin so viel Wasser floss, daß die Lütte das Plätschern gehört hatte und sofort mit beiden Händen darin herumplantschen mußte, war absolut zwangsläufig, ging quasi gar nicht anders.
      Tja, blieb mir nix anderes übrig, als sie an den Füßen da weg zu ziehen und die Spazierrunde aus aktuellem Anlass zu beenden. Immerhin war das Kind aber ( mit gut 2J. ) geistesgegenwärtig und folgsam genug, die Handschuhe zu retten, an die ich wahrscheinlich nicht so ohne weiteres rangekommen wäre.

    • Auch wahr, den patriarchalen Vorteil, den eigenen Namen in den Schnee pinkeln zu können ( soooo uuuungerecht ) haben Mädchen nicht.

      ( Schade, finde den Link nicht mehr zu dem Femipost, der sich über die Vorteile, die die Jungs dadurch haben echauffiert – könnten Mädchen das auch, wären sie nämlich gans bestümmt mindestens genau so schlau in Fühsiek wie Jungs und würden mindestens Inschinnjöhre werden )

  10. Das soll die Frustration-Schwelle der Eltern schon Mal in weiser Voraussicht nach oben setzt, für die Zeit wenn sie dann richtig Mist bauen können 😉

  11. Ach naja, einfach noch ein paar mehr Kinder kriegen, bei Nr3 regt mich nicht mehr viel auf, ich denke dann oft nur noch „Was soll’s, den kriegen wir auch noch groß.“
    Im Moment sitzt er vergnügt mit einer Schwester im ausgeräumten Küchenschrank, nachdem er vorhin schon in der Salatschüssel Boot fahren musste.
    Das ist jetzt schon ein Stoiker. 😀

    • Daran muß man als Eltern sicher auch erst mal „reifen“, damit angemessen umzugehen, das „Durcheinander“ zulassen, und den Kindern zugleich ihren Entdeckungs- und „Eroberungsdrang“ nicht vorschnell restriktiv einzudampfen, und vielleicht sich auch noch ein wenig von dieser kindlichen Freude anstecken lassen, und über die damit verbundene Komik auch herzhaft innerlich lachen können…

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