Zur Funktion des Feminismus in Hinblick auf Identität etc

In einer Diskussion  darüber, dass Feminismus eben erlaubt, ohne Fähigkeiten eine gewisse Position zu erreichen, weil sich diese aus der Identität als Frau ergibt, gab es einige interessante Kommentare:

Seerose schrieb:

Bekanntlich ist der Mensch Individuum (Unabhängigkeits-Bedürfnis) UND Sozialwesen (Afiliations-Bedürfnis) zugleich, wobei es „in der Natur der Sache“ liegt, daß es nicht unproblematisch ist, beide Notwendigkeiten in einer angemessenen Balance zu halten.
War es historisch in der Stände-Gesellschaft das Hineingeboren-Sein in seine soziale Zugehörigkeit, die bei beruflich tätigen Menschen die Identität (Soziale Identität) nachhaltig prägte (Berufung), so entstand in der Neuzeit zunehmend die Herausforderung, sich selbst erkennen zu können, mit seinen eigenen Bedürfnissen, Interessen, Fähigkeiten und Zielsetzungen (Personale Identität).
Die Möglichkeit, auf den individuellen Gegebenheiten beruhende Personale Identität erkennen und entwickeln zu können, überfordert Viele, zumal in einer Zeit zunehmend wegbrechender früherer sozialer Gewißheiten („Beruf“ gestern, Projekt-„Job-hopping“ heute, Familie, Heimat, Volk).
Dieser Auflösungsprozeß, soziologisch verniedlichend gerne als „Individualisierung“ bezeichnet, stellt das Individuum in der Tat vor ganz neue Herausforderungen, zumal es der angemessenen Gratwanderung des Menschen als Individuum und Sozialwesen ja nach wie vor bedarf.
In dieser Situation wurde der politische Feminismus, und zunehmend in Verbindung damit Gender-Mainstreaming, top-down propagiert und großzügigst allumfassend gefördert. Er bietet orientierungslosen Frauen eine komfortable Hängematte der pseudo-selbstwertdienlichen Aufwertung und der „Geborgenheit“ suggerierenden Zugehörigkeit zur Zählgemeinschaft und vermeintlich übereinstimmenden Interessen-Gemeinschaft der Frauen.
Dieser Mechanismus entbindet dann anscheinend von der Notwendigkeit, sich selbst erkennen zu können und zu müssen, sofern man nicht beabsichtigt, sein Leben weitestgehend Selbst-bestimmt angehen zu können.

also eine Betonung gerade der Zugehörigkeit zur Gruppe. Es wäre interessant, ob das auch erklärt, warum gerade viele lesbische und abweichende Frauen sich dort geborgen fühlen. Er männliche Frauen empfinden vielleicht auch, dass sie abweichend von den Frauen sind. Im Kampf für die Frauenrechte und die Befreiung der Frauen von der einschränkenden Rolle können sie ihre Identität ausleben und sich zum Thema Frau verkennen, weil er gerade anderen ermöglichen wollen freier zu leben und ihre eigene Abweichung dementsprechend definieren. Sie sind bereits von der Unterdrückung befreit und können sich daher auch männlicher Benehmen. damit können sie Identitätsprobleme mit der Frauenrolle auflösen.

Carnofis meinte dazu:

„Er bietet orientierungslosen Frauen eine komfortable Hängematte der pseudo-selbstwertdienlichen Aufwertung und der „Geborgenheit“ suggerierenden Zugehörigkeit zur Zählgemeinschaft und vermeintlich übereinstimmenden Interessen-Gemeinschaft der Frauen.“

Interessanter Gedankengang.
Damit wäre der Feminilismus nichts anderes, als eine Identitäre Bewegung der Frauen. Sie ist nicht auf Kultur und Region begrenzt, sondern auf Geschlecht.
Aber letztlich ist sie dasselbe, wie all diese „Mir san mir!“-Bewegungen, eine Ausgrenzung der NIchtzugehörigen, verbunden mit deren Kriminalisierung.

Und Crumar schrieb dann:

Ja, Feminin-ismus.
Wobei es sich um einen bürgerlichen Feminismus handelt, der rückwirkend die Identität „Frau“ konstruiert hat, die mit den Erfahrungen der Mehrheit aller Frauen wenig, mit den Frauen einer bestimmten sozialen Schicht alles zu tun hat (Stichwort: Revisionismus).

Aus diesem Grund entstanden die Selbstbilder von „Frauen“ in diesem Feminismus, welche Christina Hoff Sommers veranlassten, vom „fainting couch feminism“ zu sprechen.
Die Betonung und Darstellung emotionaler Überempfindlichkeit, das Einfordern einer generellen Rücksichtnahme auf die sensible Seele, die sich nur in Schutzräumen (safe spaces) entfalten kann, ansonsten sackt das holde Weib bei Ungemach ohnmächtig auf der Couch zusammen.
Diese „reine Emotion“ als Darstellung des Unvermögens, mit der harten Realität zurecht zu kommen muss eine Frau sich erst einmal leisten können…

(Ich habe keine Ahnung wie es euch gegangen ist, als die „emotionalen Reaktionen“ des „progressiven“ Bevölkerungsteils auf die Wahl Trumps in den USA im TV gezeigt wurden, aber mir fiel Angesichts des „performativen“ Entsetzens, der Trauer und natürlich des „outrage“ nicht nur die Kinnlade auf den Tisch, ich war geneigt, sie für psychisch gestört zu erklären)

Seerose schrieb zutreffend, die „Stände-Gesellschaft (und) das Hineingeboren-Sein in seine soziale Zugehörigkeit“ stünde der modernen „Herausforderung, sich selbst erkennen zu können, mit seinen eigenen Bedürfnissen, Interessen, Fähigkeiten und Zielsetzungen“ gegenüber.
D.h. das identitäre „Hineingeboren-Sein in seine soziale Zugehörigkeit“ per Geschlecht, Hautfarbe und sexueller Orientierung hätte eine Entlastungsfunktion gegenüber den Zumutungen der Selbstbestimmung.
Indem man sich und andere vorwiegend in biologistischen Kategorien sieht und sich „Bedürfnisse, Interessen, Fähigkeiten und Zielsetzungen“ quasi „naturwüchsig“ aus diesen ergeben, bzw. der Feminismus das Leitbild vorgibt, um welche es sich handelt.

Folgt man Schoppes These, es handle sich um bei der aktuellen um „neo-feudale Politik“ eher als um eine neoliberale, dann könnten man ihm folgend diesen Feminismus als „Teil einer Ideologie, die ständische Distinktionsinteressen orchestriert“ bezeichnen.
Deprimierend ist an diesem Befund, die Reaktion auf die offensichtliche Überforderung durch die neoliberale Art der „Individualisierung“ ist die Sehnsucht nach einer neuen „ständischen Ordnung“. 😦

Und danach nochmal Crumar:

„Neoviktorianismus“ ist in Sachen Sexualfeindlichkeit eine ebenfalls treffende Charakterisierung.

Die ökonomische Logik dahinter ist, die Ausbildungszeiten verlängern sich qua Studium, demzufolge sinkt der SMV einer Frau in genau dem Augenblick, wo sie gedenkt, vom SMV zu MMV (marriage market value) überzugehen.
Die „sexuelle Revolution“ (die tatsächlich nie stattgefunden hat) hat erst die Entkopplung von SMV und MMV ermöglicht.
Nun könnte man denken, der Mehrheit der Frauen, die sich nicht in diesen Zwängen befinden, wäre das egal. Es ist jedoch genau anders herum: Die Minderheit der Frauen, die diese Konkurrenz empfinden, diktieren allen anderen Frauen, wie sie diese zu empfinden haben und wie sie agieren müssen.

Bestandteil der Kontrolle über Sexualität ist, Sexualität überhaupt zu einem rein männlichen Nachfragemarkt werden zu lassen. D.h. es gibt ein weibliches Angebot an Sexualität und keineweibliche Nachfrage nach männlicher. Nur so ist das Narrativ des männlichen „sex predators“ oder „sex demons“ überhaupt durchhaltbar. So lange mit Inbrunst erzählt wird, Pussy zu erringen habe einen Preis, der zu erringen ist und errungen werden muss, hat Pussy einen Preis.

Sie kommen aus dieser Nummer auch nicht raus mit #metoo.
Denn in jedem offensichtlichen quid pro quo deal schwingt #pricetag mit.

Feministinnen werden. Der sicherlich anders sehen. Für sie geht es nicht um einen Preis für die Sexualität, sondern schlicht um eine Abwehr einer Unterdrückung und eine Verbesserung einer Gesellschaft, die einseitig zu Gunsten von Männern geprägt ist. Sie gehen davon aus, dass eine Vergewaltigungskultur geschaffen worden ist und darunter Frauen leiden.

Ich stelle die Kommentare hier noch mal zur Diskussion.