Warum „Ja, alle Männer“ (Yes, all men) so wichtig für den Feminismus ist

Crumar schreibt in einem Kommentar etwas dazu, warum alle Männer verantwortlich sein müssen, damit die feministische Theorie klappt:

Die Idee, dass alle Männer verantwortlich sind für die Taten aller Männer und es demnach möglich wäre, diese umfassend zu kontrollieren, ist die notwendig bizarre andere Seite der feministischen Theorie, dass Männer – alle Männer – umfassend die Gesellschaft kontrollieren.

Größenwahn des Sozialingenieurs auf der Basis eines größenwahnsinnigen und sexistischen Feindbilds.

Dass er sich eingangs des Textes von „allen Männern“ ausnimmt – also behauptet rosa Einhorn zu sein – ist kein Zufall, sondern die umfassende Anklage ist notwendig, weil er dann scheitert, wenn es individuell und konkret wird.
Die abscheulichen Taten begehen individuelle Männer und das Kollektiv Mann, welches diese billigt oder begünstigt existiert nur in den paranoiden Vorstellungen feministischer Theorie.

Es ist halt immer wieder erstaunlich wie gerne man in Gruppenschuld denkt. Das ist denke ich einfach ein Teil unserer Art zu denken, einfach weil sich ganz häufig Gruppen gegenüber standen. Gerade in Gruppen, die untereinander ein starkes persönliches  Band haben, was bei steinzeitlichen relativ kleinen Gruppen sicherlich der Fall war es wahrscheinlich auch kaum möglich sich nur mit einem Einzelnen aus der Gruppe anzulegen oder nur ihn als feindselig anzusehen, weil klar war, dass der Einzelne von der Gruppe verteidigt wird oder mit ihr zusammen angreift. Klar wird es auch individuelle Feindseligkeiten geringerer Intensität gegeben haben, aber wenn es zu offenen Feindseligkeiten gekommen ist, dann wird es schnell die Gruppe/Sippe gegen die andere Gruppe/Sippe gewesen sein. Und gleichzeitig ist Entindividualisierung auch das beste Mittel um einen Hass auszubauen, der für eine Bekämpfung oft erforderlich ist: Entindividualisierung erlaubt es denn anderen nicht mehr als Menschen zu sehen, sondern die angenommenen negativen Merkmale der Gruppe auf ihn zu projizieren.

Insofern ist diese Denkweise wahrscheinlich in vielen Fällen einfach sehr verführerisch, auch weil sie so einfach und intuitiv ist. Aber das ist natürlich keine Rechtfertigung dafür sie anzuwenden. Weder für rechte noch für linke Identitätspolitik

In diesen Fällen einzeln zu betrachten, welche Umstände zur Tat geführt haben, wird aber m.E. eher auf männliche Ohnmacht und auf das individuelle Scheitern an gesellschaftlichen Vorstellungen von Männlichkeit hinauslaufen. Und ich unterstelle ihm erstens, das wenigstens zu ahnen.

Das Scheitern an gesellschaftlichen Vorstellungen von Männlichkeit ist natürlich auch fester Bestandteil der feministischen Theorie:
Die (hegemonialen) Männer errichten die Regeln, dass der Mann stark und beruflich erfolgreich sein muss und keine Schwäche oder Gefühle zeigen darf (toxische Männlichkeit) und die nichthegemonialen Männer zerbrechen daran, können es aber nicht zugeben und bringen daher eher ihre Kinder und ihre Frau um als zuzugeben, dass sie Schwächlinge sind. Der Ohnmacht des Mannes steht ja gerade das feministische Heilversprechen entgegen, dass er nur mit ihnen gegen das Patriarchat kämpfen muss und schon muss er diesen Vorstellungen von Männlichkeit nicht mehr genügen.
Das ist natürlich auch ein sehr simples Modell, welches den weiblichen Einfluss und die Biologie vollkommen ignoriert.

Zweitens, würde man von letzterer Betrachtungsweise ausgehen und diese Fälle einzeln analysieren, könnte man als Gesellschaft tatsächlich handlungsfähig werden.
Seine Pseudo-Radikalität hingegen befeuert nur das Ego der mental ohnehin geschädigten und produziert gesellschaftliche Ohnmacht.

In der Tat verstellen monokausale Erklärungsmodelle oft die Sicht auf einzelne Faktoren, bei denen man tatsächlich etwas verändern kann. Sie erlauben aber ein klares Feindbild und die Bekämpfung des „Feindes“ was Virtue Signalling wesentlich effektiver macht.

Das „yes all men!“ ist das Bekenntnis maximal bußfertiger und maximal nutzloser Religioten und wir sollten dazu übergehen, sie als die solche zu bezeichnen.

Leider ist es eben auch immer verbreiteter in vielen Bereichen und ein einfaches Beschimpfen wird nicht ausreichen.

9 Gedanken zu “Warum „Ja, alle Männer“ (Yes, all men) so wichtig für den Feminismus ist

  1. Moin!
    „Und gleichzeitig ist Entindividualisierung auch das beste Mittel um“

    Kriegst Du den Satz heute noch zuende? Könnte ja ein interessanter Inhalt drin stecken …

    „Insofern ist diese Denkweise wahrscheinlich in vielen Fällen einfach sehr verführerisch, auch weil sie so einfach und intuitiv ist. Aber das ist natürlich keine Rechtfertigung dafür sie anzuwenden. Weder für rechte noch für linke Identitätspolitik“

    Jain! Im Bezug auf Crumar’s Kommentar zum Allie-Artikel, also als Identifikationsmerkmal und „berechtigte“ Vorgehensweise für den Gegensatz „Femis+Allies vs. alle Männer“, stimmt das, ganz ohne Frage.
    Bezüglich einer demokratischen Kleingruppe ist es allerdings m.E. völlig falsch. Eine Gemeinschaft ist u.a. dafür da Schutz für ihre Mitglieder zu bieten, selbstverständlich in unverbindlicher Form ( Basisdemokratie ) und unter permanenter kritischer Beleuchtung bei vollem Stimm(erhebungs)recht.
    Da ist Gruppenidentität und ggf. auch -handlungsweise eine evolutionäre Notwendigkeit.

    Dieser Unterschied ist enorm wichtig und sollte niemals pauschal ausgeklammert, oder gar generell negiert werden!
    Kurz: Es gilt stets die Gruppengröße u. -struktur als konstituierenden Faktor im Überblick zu behalten, m.E. schon bei der Ausformulierung solcher Thesen. Generalisierungen solch äußerst spezieller dynamischer Faktoren sind extrem gefährlich.

    • Du hast gerade ein schönes Plädoyer für die seit „jeher“ bestehende Aufteilung von Gruppen, und ihre Zuordnung zu verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen gegeben.
      So beforscht die Sozialpsychologie die relevanten Dynamiken und dahinterstehende Mechanismen von psychologischen Kleingruppen, deren „Angehörige“ bestimmte strukturelle, und persönlich verbindende Gemeinsamkeiten aufweisen müssen (u.a. face-to-face-Kontakte, gemeinsame Zielsetzung, etc.).
      Die Soziologie hat sich demgegenüber schon immer mit Großgruppen befasst, die lediglich bestimmte kategoriale Merkmale aufweisen (z.B. Angehörige einer bestimmten Blutgruppe, Geschlechter-Aufteilung), von Menschen, die einander aber im Regelfall nicht persönlich kennen, und die auch außer dem jeweils betrachteten kategorialen Merkmal nicht zwangsläufig viel mehr miteinander verbinden muß, und die schon erst recht nicht alle zur jeweiligen Kategorie Zusammengefassten aufweisen.
      Deshalb ist die Eigenschafts-Attribuierung aller Angehörigen von Großgruppen auch so vollkommen unsinnig!

      • Achwas…. und das als bildungsferner Ex-Hilfsarbeiter 😉
        Tja, was soll ich dazu sagen?
        Nee, im Ernst, als Autodidakt aus Leidenschaft habe ich mir vor Jahren, weil ich mich gerade mit generationsübergreifender Bildung/ Folgen von Gruppendynamiken beschäftigt habe ( Kontext PAS/EKE ), mal ganz an den experimentellen Anfang begeben und mich zum Calhounschen „Rattenexperiment“ ++ ein wenig schlau gemacht. Mir dazu etwas Verhaltensmuster in familiärem Kontext ( plus dazugehörige Tierforschungen, ebenfalls generationenübergreifend, bspw. über Gruppen-Aggressionsauf- u. Abbau, Erziehungsprobleme u.s.w. ) angeeignet und zuletzt die evolutionären/genetischen Aspekte ( im speziellen Eltern-Kind-Kontext, z.B. nach Gehlmann und Gresser/Prinz ) zu verstehen versucht …. und zack, ergaben sich diverse ergänzende Zusammenhänge, bspw. über Basisdemokratie in Kleingruppen, Ghettobildung, Zentralismus etc.pp. quasi „wie von selbst“.

        Autodidaktik hat eben den großen Vorteil, daß man auch gezielte Abkürzungen nehmen kann, anstatt wie „dogmatisch-methodische“ Wissenschaftler alles in akribischer Kleinpuzzlelei „vollflächig“ abdecken zu müssen 🙂
        Selbst manche Unschärfe ist dann grundsätzlich verschmerzbar, wenn die Grundrichtung einigermaßen sicher stimmt.
        Größte Gefahr dabei ist, daß man die basalen Eckdaten aus den Augen verliert und in Quatsch abdriftet. Und damit sind wir wieder bei meinem obigen Kommentar, der eigentlich und vordergründig nix als eine reine Erbsenzählerei ist 🙂

        Fazit: Manchmal muß man die Youngsters einfach mal wieder an den Grundlagenkram erinnern, sonst verfransen sie sich im Detailgebüsch und verlieren sich, die Eckdaten und das ursprüngliche Ziel aus den Augen, wie z.B. auch Radfems o. Mutterkultler, bei denen das in ernsthaften Irrsinn ausarten kann ( siehe Butlerismus, dermaßen farout, daß ein resetting unmöglich ist – weil keine stabilen Eckpunkte mehr zu sehen sind, was dann in einem scheinbar eigendynamischen race-to-the-bottom in wirren Genderquatsch ausartet ) …..

        …..und Danke für die hübsche teilanalytische Bestätigung ( Schulterklopf ).

  2. @Christian

    „Es ist halt immer wieder erstaunlich wie gerne man in Gruppenschuld denkt.“
    Jein.
    Die allererste Frage sollte die nach der Konstruktion der Gruppe selbst sein.
    Gibt es die (sozial) homogene Gruppe „Mann“?
    Schaut man sich nur Einkommen, Beruf, Bildung an wird man feststellen, diese homogene „Gruppe Mann“ existiert nicht.

    Die feministische Konstruktion scheitert an der empirischen Wirklichkeit PUNKT

    „Das Scheitern an gesellschaftlichen Vorstellungen von Männlichkeit ist natürlich auch fester Bestandteil der feministischen Theorie:
    Die (hegemonialen) Männer errichten die Regeln“

    Mein erster Punkt ist die Anerkennung männlicher Ohnmacht>/i> vs. eines feministischen „trickle down patterns“ von Macht und Herrschaft.
    Die feministischen (moralischen) Appelle richten sich an uns allmächtige Männer, die herrschende Zustände ändern könnten,
    wollten sie dies bloß. Diese allmächtigen Männer existieren nicht.

    Der zweite Punkt betrifft die Leugnung, dass Frauen an gesellschaftlichen Vorstellungen von Männlichkeit mit beteiligt sind und durchaus daran interessiert, diese zu kontrollieren.
    Das weibliche beschämen von Männern a la „man up!“ bezieht sich auf ein Ideal von Männlichkeit, dem ein Mann gerecht werden sollte.
    Überraschung: Dieses weibliche Ideal von Männlichkeit ist genau das, welches ihnen nützt.

    Dass feminin-istische Beschämungs- und Manipulationstaktiken des bürgerlichen Feminismus – das „Mimimi!“ oder „I drink male tears!“ – völlig konträr zur Anklage der „toxischen Männlichkeit“ laufen, wonach ein Mann „keine Schwäche oder Gefühle zeigen darf“, ist demzufolge kein Zufall.

    Es sind männliche Gefühle, die ihnen nicht nützen und deshalb haben sie sich in das Korsett einer idealen Männlichkeit zurück zu ziehen – as defined by (hegemonic /Scherz) women.
    Die darüber hinaus weisende Botschaft ist, dass Frauen über „richtige“ und „falsche“ Gefühle von Männern entscheiden können – von der Partnerschaft bis hin zur Gesamtgesellschaft (auch und gerade wenn es politisch wird, Stichwort „hate speech“).

    MGTOW ist nicht der Schmerz im Hintern von feminisierenden Frauen und Männern, weil wir Frauenhasser sind, sondern weil es im Kern um männliche Autonomie geht.
    Autonomie per Definition: Selbstbestimmung, Unabhängigkeit, Entscheidungs- bzw. Handlungsfreiheit.

    • „Der zweite Punkt betrifft die Leugnung, dass Frauen an gesellschaftlichen Vorstellungen von Männlichkeit mit beteiligt sind und durchaus daran interessiert, diese zu kontrollieren.“

      Sie sind nicht nur beteiligt, sie sind über die gesamte Kulturgeschichte hinweg prägend gewesen.
      Der Mann von heute ist das, was die Frau aus ihn über die letzten 200.000 Jahre gemacht hat.

      „Die (hegemonialen) Männer errichten die Regeln, dass der Mann stark und beruflich erfolgreich sein muss und keine Schwäche oder Gefühle zeigen darf (toxische Männlichkeit) und die nichthegemonialen Männer zerbrechen daran, können es aber nicht zugeben und bringen daher eher ihre Kinder und ihre Frau um als zuzugeben, dass sie Schwächlinge sind.“

      Vielleicht lebe ich in nicht repräsentativen Verhältnissen, aber meine Erfahrung ist, dass Männer untereinander weit eher Schwäche zugeben können, als gegenüber Frauen.
      Hast Du Probleme im Job, dann schnack mit Deinem Kumpel, nicht mit Deiner Frau, sonst bringt die schon Mal das Tafelsilber in Sicherheit.

      • „Sie sind nicht nur beteiligt, sie sind über die gesamte Kulturgeschichte hinweg prägend gewesen.
        Der Mann von heute ist das, was die Frau aus ihn über die letzten 200.000 Jahre gemacht hat.“

        Das ist mir zu allgemein.
        Keine Frau hat uns zur Männerbewegung gebracht oder mich zum MGTOW gemacht – da haben die Domestizierungsversuche offensichtlich keine Früchte getragen. 😉

        Dass sich die Geschlechter wechselseitig beeinflusst haben und der weibliche Einfluss schon immer da war, scheint mir offensichtlich zu sein.
        Neu ist Ausmaß und Umfang des Versuchs, politische und ideologische Kontrolle über eine genehme und nützliche Männlichkeit zu gewinnen.
        Wobei ich selbstverständlich nicht glaube, dass Feminismus für „all women“ spricht.

        Schön ist, die Manipulationsversuche und -taktiken sind damit öffentlich (oh ja, das Private ist dermaßen politisch geworden! 😉 ) und Sichtbarkeit ist die halbe Miete.

  3. @ Chrissy:
    Danke für die Vervollständigug des Satzfragmentes!

    „Und gleichzeitig ist Entindividualisierung auch das beste Mittel um einen Hass auszubauen, der für eine Bekämpfung oft erforderlich ist: Entindividualisierung erlaubt es denn anderen nicht mehr als Menschen zu sehen, sondern die angenommenen negativen Merkmale der Gruppe auf ihn zu projizieren.“

    Warum Hass „oft erforderlich“ sein soll, erschließt sich mir allerdings nicht. Zur Rekrutierung Bekloppter vielleicht hilfreich, beim Kampf aber wohl eher hinderlich ( sagen jedenfalls die fernöstlichen Kampfkünster ).

  4. „Leider ist es eben auch immer verbreiteter in vielen Bereichen und ein einfaches Beschimpfen wird nicht ausreichen.“

    Was wird denn ausreichen?
    Argumente, Logik oder richtige, wiederholbare wissenschaftliche Ergebnisse bringen nicht viel, siehe Gender Pay Gap, häusliche Gewalt oder soziale Konstruktion.
    Kritik wird als Zeichen dafür gedeutet das man richtig liegt.
    Erhöhter Widerspruch von einer Großzahl von Leuten wird als Zeichen dafür gedeutet das man besonders richtig liegt.
    Wer als Mann etwas sagt, wird nur aufgrund seines Geschlechts schon notfalls disqualifiziert, egal wie richtig er liegt und Frauen kritisieren den Feminismus nicht wirklich nennenswert.
    Klar bringen Beschimpfungen auch nichts, da freuen sich Feministinnen doch noch eher, weil sie sich dann als Opfer von Frauenhass aufführen können, egal wie die Beschimpfung aussah.

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