Nochmal zur „toxischen Männlichkeit“ und den „Jungsantworten“

Ich hatte hier etwas zu dem Text in der jetzt geschrieben, indem eine „Mädchenfrage“ sich damit beschäftigt, warum Jungs nichts von „toxischer Männlichkeit“ hören wollen. Die „Jungsantwort“ war dabei auch Thema in den Kommentaren

Billy Cohen führte aus:

Auweia! Die beiden „Jungsantworten“ sind ja darunter nur noch peinlich. Sie zeigen, dass man als Mann in derlei Postillen keine eigene Meinung mehr haben darf, die nicht zumindest in weiten Teilen von feministischem Propaganda-Bullshit durchzogen ist. Beide Antworten bemühen sich geradezu ritualisiert darum, darauf hinzuweisen, dass es den „Mädchen“ natürlich schon immer viel, viel schlimmer erging (wann soll das bitte schön gewesen sein?) und immer noch ergeht (wo soll das bitte schön der Fall sein?). Was sind das bloß für jämmerliche Pinsel???

Crumar ergänzt:

Hier versucht der ferngesteuert devote Autor das feministische Gewölle auf Abruf auszuspeien (Herv. von mir): „Denn „Toxic Masculinity“ heißt für uns, dass wir nicht der Mann sein können, der wir vielleicht sein wollen, weil eben das „giftige“ Bild von Männlichkeit in unseren Köpfen steckt: Wir müssen stark sein, unemotional und von allem einen Plan haben.“

Gesetzt werden muss, er wird im Pluralis Majestatis für „uns Männer“ sprechen, denn da der feministische Generalangriff auf die „vergiftet und vergiftende Männlichkeit“ alle Männer betrifft, wird der Autor sich kaum davon ausnehmen können.

Aber die intellektuelle Schlichtheit seiner Definition „vergiftet und vergiftende Männlichkeit“:
– stark sein,
– unemotional und
– von allem einen Plan haben, hat mehrere Haken.

Die Idee, dass gesellschaftliche Anforderungen an Männer dazu führen, sie könnten nicht ihre Emotionen zeigen, sondern wären angehalten diese zu unterdrücken ist bereits älter.
Diese Idee wurde in künstlerischer Form verarbeitet bspw. in dem populären Song der Gruppe The Cure, „Boys Don´t Cry“.
Das Lied stammt jedoch von 1980 und wurde „zum Hit einer Generation traurig blickender Jungs“ (Rolling Stone), die sich also von dem Lied so angesprochen fühlten, dass es einen Effekt auf ihr Verhalten hatte.

D.h. schon in diesem, fast 40 Jahren alten Pop-Song werden gesellschaftliche Anforderungen an Männer von Männern für Männer thematisiert und kritisiert. Noch populärer im deutschsprachigen Raum durch das Lied „Männer“ von Herbert Grönemeyer aus dem Jahr 1984, in Form einer radikalen Ansage von Ton Steine Scherben „Ich will nicht werden, was mein Alter Ist“ von 1971.

Die umfassende Leugnung dieser Vorgeschichte durch den Autoren ist jedoch notwendig:
– denn niemals zuvor (APA 2019) wurde entdeckt, dass unterdrückte Emotionen Männern schaden,
– diese Einsicht ist Männern selbst nicht zugänglich,
– sondern nur die allwissende Feministin mit ihrem female gaze kann diese gewinnen und
– als Anklage gegen vergiftete Männlichkeit richten, die ungebrochen und unreflektiert existiert, selbst beim Beweis des Gegenteils.

Es wird behauptet, diese Männlichkeit müsse sich ändern und gleichzeitig werden Veränderungen ignoriert, weil es in dieser Perspektive keine männliche Selbstbefreiung geben darf.

Erstens ist das hier ausgedrückte Maß an Selbstverleugnung des Autors, diese Männlichkeit sei in allen Männern – und demnach auch in ihm – vorhanden einfach Gold, denn dass er sich gegen die „traditionelle Männlichkeit“ abgrenzt ist offensichtlich.
Er muss also für sich behaupten, dass etwas unreflektiert in ihm existiert, was er reflektierend kritisiert.
Nimm das, mentaler Spagat! 😉

Die Impertinenz der feministischen Anklage der 30-jährigen Autorin – die peinlich genug für sich in Anspruch nimmt für „die Mädchen“ zu sprechen – gegenüber diesem „progressiven“ Würstchen ist also nur haltbar, wenn zweitens die Unterstellung der „toxischen Männlichkeit“ nicht die „soziale Konstruktion“ Mann, sondern den biologischen Mann meint.
Also schon wieder deterministischer Biologismus – langweilig.

Das Machtgefälle zwischen Fifi und Dominette ergibt sich daraus, dass dem alten Mädchen zugestanden wird, über das Verhalten der „progressiven“ Männer zu wachen und dies zu kontrollieren.
Die Unterstellung, es befänden sich noch biologische Residuen traditioneller Männlichkeit in diesen, die nur die Dominette sehen und hilfreiche Handhabung bei deren Ausmerzung leisten könne, weitet diese Überwachung und Kontrolle ad infinitum aus.

Die Aufforderung, sich dem female/feministischen gaze zu unterwerfen sind dermaßen plakativ und auffällig, dass ich mich nicht wundere, warum die Kolumne keine erwachsenen Männer adressiert.
Alle feministischen Beiträge dieses Kalibers sehen gar keine Wiederworte von Männern vor, sondern nur die in der Pubertät hängen gebliebene, in ihrer Männlichkeit verunsicherte Speichellecker, deren Funktion die permanente Bestätigung selbst der albernsten Thesen von selbsternannten „Mädchen“ ist.
Diese Mischung aus fragiler, feminisierender Weiblichkeit und narzisstischer grandiosity wird zusehends unappetitlicher…

Ich schließe daher mit: „Es kann die Befreiung der Männer nur das Werk von Männern sein!“ 🙂

Ich wette, dass irgendwann schon ein Steinzeitmann sich über die Auswirkungen der intrasexuellen Konkurrenz beschwert hat und ebenso eine Steinzeitfrau die Mühen der intrasexuellen Konkurrenz beschwerlich fand. In beiden Fällen wird auch schon mal jemand damals darüber geschimpft haben, dass daraus auch eine intersexuelle Selektion folgt.

Stark sein, eine gewisse stoische Ruhe ausstrahlen (um unemotional mal positiver zu formulieren) und von allem einen Plan haben, war bei Männern immer hoch im Kurs und ist keineswegs toxisch, es sind vielmehr klassische Merkmale eines Anführers. Und das diese für Männer interessant waren lag natürlich auch an sexueller Selektion auf statushohe Männer durch Frauen, also Anführer.

Stoische Ruhe wäre dann die positive Seite, abzugrenzen von überemotional, hysterisch, panisch, empfindlich im negativen. Was dann alles wieder Eigenschaften sind, die eher dem weiblichen zugeordnet werden. Dieses Gegensatzpaar wird aber nicht gebildet, sondern es wird das Bild des eigentlich emotionalen, gerade nicht stoischen Mannes gebildet, der die Emotionen nur nicht ausdruckt, nicht ausdrücken darf, sie also unterdrückt. Das wird unterstellt, anscheinend weil man sich im Feminismus keine stoische Ruhe vorstellen kann.

Die Unterstellung, dass da irgendwo bestimmte Emotionen unterdrückt sein müssen, die für alles schlechte verantwortlich sind und das der Feminismus mit seinen Abwertungen diese gerade nicht mehr unterdrückt hat dabei etwas absurdes. Gerade dann wenn gerade im Feminismus jedes Vorhalten von Benachteiligungen mit einem Mimimi abgetan wird. Männer sollen insofern nur schwach sein dürfen, wenn es gerade in die richtige Richtung geht. Aber eben nicht, wenn die Richtung nicht gefällt. Dann ist es vollkommen okay sie als Jammerlappen zu beschimpfen.

4 Gedanken zu “Nochmal zur „toxischen Männlichkeit“ und den „Jungsantworten“

  1. Tom Golden hat vor einer Weile ein Interview mit zwei Transmännern gemacht, die berichten, wie die Hormontherapie ihren Umgang mit Gefühlen verändert hat:

    Was doch nichts anderes bedeutet als: Das neue Gerede von „toxischer Männlichkeit“ ist nichts anderes als die alte feministische Hate Speech über „Testosteronvergiftung“ in neuen Schläuchen (und insofern vermutlich transphob!).

    B20

  2. Pingback: Stoisches Verhalten vs. Gefühle unterdrücken | Alles Evolution

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