Mindestanforderungen an die Sexismus-Verteidigung

Gerade tritt sie aus meiner Sicht wieder vermehrt auf:

Die Sexismus Verteidigung

Gemeint ist nicht, dass man Sexismus verteidigt, sondern das man Kritik damit abwehrt, dass diese Sexismus sei, weil derjenige, gegen den sie gerichtet ist, eine Frau ist.

Das hat man bei Nahles gesehen aber auch bei einer Reporterin, die über Habeck und die Grünen schrieb und der fehlende Distanz und das Schreiben eines Werbeartikels vorgeworfen wurde.

Man kann dabei die These der weiblichen Unterverantwortung und der männlichen Hyperverantwortung anführen, also das Frauen nie schuld sind, aber Männer immer, aber das wäre auch sehr pauschal.

Interessanter scheint es mir Anforderungen aufzustellen, die man an einen solchen Vorwurf stellen sollte, um zu überprüfen, ob er gerecht ist.

Dabei sollte man sich diese Überprüfung nicht zu einfach machen, weil man seinen Text und sein Verhalten mit diesem Ansatz vollständig aus der Kritik nehmen möchte und es immer schnell ein ad hominem ist: nicht mein Werk ist berechtigter Kritik ausgesetzt, meine Kritiker sind einfach nur Sexisten.

Der erste Schritt wäre aus meiner Sicht damit immer die Kritik inhaltlich zu kontrollieren. Ein vollständiger Rückzug darauf, dass der Kritiker ein schlechter Mensch ist, ist ein sehr einfacher Ausweg, zumal auch schlechte Menschen recht haben können.

Der zweite Punkt wäre ein Kausalitätsnachweis: dieser baut häufig so gesehen auf dem ersten auf, den ein erster Punkt jeder Kausalkette ist ja die Frage, ob man den Punkt hinwegdenken kann, ohne dass das Ergebnis wegfällt. Und dies müsste man Argument für Argument machen. Die Frage wäre also: hätte die Kritik Substanz, wenn nicht ich, sondern ein Autor anderen Geschlechts den Artikel geschrieben hätte.

Dazu wird man sich der Frage stellen müssen, inwieweit Männer oder Frauen in vergleichbaren Situationen unterschiedlich behandelt worden sind. Dies setzt allerdings voraus, dass man nicht lediglich nach Einzelfällen sucht, in denen beispielsweise das eigene Geschlecht auf diese Weise kritisiert worden ist oder nach Einzelfällen, bei denen das andere Geschlecht besser behandelt worden ist, sondern es erfordert, dass man eine größere Betrachtung vornimmt und ganz bewusst nach Fällen sucht, bei denen das andere Geschlecht ebenso schlecht behandelt worden ist bzw das eigene Geschlecht besser. Man wird sich einfach zunächst zumindestens vergleichbare Personen in vergleichbaren strittigen Situationen anschauen müssen. das hätte bei Nahles bereits eine Vielzahl von Personen männlichen Geschlechts zu Tage gebracht, die ebenfalls hart angegriffen worden sind.

Des weiteren wird man sich auch da hingehend hinterfragen müssen, ob man für die Geschlechter gleiche Maßstäbe bei der Bewertung der Situationen ansetzt. Dabei kann man nicht nur auf die Reaktion der Betroffenen schauen, etwa wie dieser eine bestimmte Kritiker mitnimmt oder wie diese darauf reagieren. Denn die persönliche oder auch geschlechterbezogene Empfindlichkeit ist gerade kein Maßstab dafür, ob jemand Hertha angegriffen wird.

Was wären aus eurer Sicht wichtige Kriterien?

16 Gedanken zu “Mindestanforderungen an die Sexismus-Verteidigung

  1. Des weiteren wird man sich auch da hingehend hinterfragen müssen, ob man für die Geschlechter gleiche Maßstäbe bei der Bewertung der Situationen ansetzt.

    Noch keinen Kaffee getrunken, vielleicht am Thema vorbei:

    Es heißt, dass man an die Geschlechter nicht dieselben Maßstäbe anlegen kann, da ein Geschlecht an der Macht ist, und es somit auch keine Diskriminierung gegen dieses Geschlechts geben kann. Sexismus gebe es nur gegen ein Geschlecht.

  2. Wieso eigentlich dieses Doppeldeutige „Sexismusverteidigung“?
    Abwehrsexismus wäre genauer, da es sich um nix als umgekehrte ( bspw. Vorwurf ist falsch/unzulässig, weil betrifft eine Frau ) Sexismen handelt.

  3. Ich finde wie Fiete, dass ein anderer Name passender wäre. Ich würde aber „Sexismus-Immunisierung“ vorschlagen. Die Verteidigung eines Arguments setzt sich immerhin noch mit der Kritik an einer Position auseinander, aber der Sexismus-Vorwurf erklärt diese Auseinandersetzung für unnötig, weil es der Kritik ohnehin nicht um die Sache ginge, sondern sie TATSÄCHLICH sexistische Motive habe.Er immunisiert eine Position und muss sie dann gar nicht mehr verteidigen.

    Das ist natürlich schon deshalb Quatsch, weil es ja sein kann, dass eine Kritik durch partikulare oder auch egoistische Interessen motiviert wird, diese Kritik aber trotzdem sachlich richtig ist. Person und Aussage nicht trennen zu können, ist einer der Haupt-Defekte der Identitätspolitik von rechts und links.

    Grundlegend wäre also schlicht die Frage, ob der Kritik an einer Position überhaupt ein sachlicher Wert beigemessen wird, oder ob sie – wie etwa Hensel das tut – pauschal und ohne Auseinandersetzung mit ihrem sachlichen Gehalt abgewehrt wird, indem ihr routiniert unedle Motive unterstellt werden.

    Etwas anders formuliert: Die Taktik der Sexismus-Immunisierung basiert darauf, dass beständig unterstellend zwischen den Zeilen gelesen wird, die Zeilen selbst aber ignoriert werden.

    • „Grundlegend wäre also schlicht die Frage, ob der Kritik an einer Position überhaupt ein sachlicher Wert beigemessen wird, oder ob sie […] pauschal und ohne Auseinandersetzung mit ihrem sachlichen Gehalt abgewehrt wird“

      Ich halte diesen Punkt in einer Debatte für außerordentlich wichtig, denn der Sexismus-Vorwurf ist nicht nur geeignet, sich gegen Kritik zu immunisieren, sondern auch die Debatte weg von dem Inhalt der geäußerten Kritik zu führen.

      Als Entgegnung würde ich daher betonen, dass [Sexismus-Vorwurf] nicht geeignet sei, [eigenes Argument] inhaltlich zu entkräften und ich daher von der Richtigkeit meiner inhaltlich unwidersprochenen (!) Kritik ausgehen werde.

      • Yep! Klassisches Derailing. Um beim aktuellen Beispiel Nahles zu bleiben: es ging von der ersten Äußerung an, der Umgang mit ihr begründe sich in Sexismus, nicht mehr darum, ob die Kritik an ihrer Person gerechtfertigt sei. Es ging gar nicht mehr um die Kritik, sondern nur noch um die Frage, ob der Vorwurf des Sexismus berechtigt sei. Dabei wäre die Thematisierung der Kritik an Nahles weit wichtiger gewesen, weil das, was man an ihr kritisierte, symptomatisch für die Führungsebene der SPD ist: hochnotpeinliches Gebaren in der Öffentlichkeit, selbstherrliche Inszenierung der eigenen Person und, natürlich nicht zu vergessen, eine Politik, bei der man sich wirklich fragt, wo da jetzt noch Sozialdemokratie drin zu finden sein soll. Ich meine wir reden hier von einer Person, die als „sozialdemokratische“ Arbeitsministerin federführend bei der Ausgestaltung eines Gesetzes war, welches kleinere Spartengewerkschaften in großen Betrieben / Branchen faktisch schwebend handlungsunfähig gemacht hat, weil das einzige, was zwischen ihnen und der Aufhebung ihrer Tariffähigkeit steht, lediglich ein so lautender Antrag eines entnervten Arbeitgebers beim nächsten Arbeitsgericht ist (ein bestehender Tarif einer größeren Gewerkschaft vorausgesetzt).

        Man kann sicherlich über das Für und Wider in Bezug auf dieses Gesetz streiten, aber dass nun, im Zuge dieser völligen Verklärung der Person Nahles als armes Opfer böser Sexisten, diejenige, die dieses Gesetz zu verantworten hat, vor allem von sich links verstehenden Journaillen als engagierte Sozialdemokratin mit Herz und mit Leib und Seele dargestellt wird, das spottet jeglicher Beschreibung.

        Nahles hat sich wahrlich genug geleistet, um sich nicht zuletzt bei den Mitgliedern der eigenen Partei durchaus nachvollziehbar zur persona non grata zu machen. Das Geschlechtsorgan in ihrem Höschen gehört allerdings mit Sicherheit nicht dazu.

    • Sehr gut!

      Ebenso ein Vorwurf wie „institutionalisierter Sexismus“, der prinzipiell dann erhoben wird, wenn der Zustand der „Repräsentation“ der Geschlechter nicht vorliegt.
      Womit per Propaganda normativ gesetzt wird, es existiere eine Kausalität und „institutionalisierter Sexismus“ sei die Ursache, mangelnde Repräsentation die Folge.
      Damit erspart die Propaganda den Nachweis, wo der Sexismus in den Institutionen konkret existiert und wie sich dieser zeigt, denn er wird als immer schon existierend vorausgesetzt.

    • „Die Taktik der Sexismus-Immunisierung basiert darauf, dass beständig unterstellend zwischen den Zeilen gelesen wird, die Zeilen selbst aber ignoriert werden“

      Wenn es keinen herrschaftsfreien Diskurs gibt, wenn alles nur Ausdruck von Macht ist, wenn Wahrheit eh rein subjektiv ist und Objektivität nicht bestehen kann, dann wäre das ja verständlich

  4. Mir fiel das zuerst bei dem Fußballer Özil auf: Da macht jemand Mist, wird dafür kritisiert und kontert die Kritik mit Rassismusvorwürfen. Er versteht die kritk nicht als eine an seinem Verhalten, sondern an sich selbst ganz massiv, an seiner Identität (in dem Fall als Moslem bzw. Kind von Migranten).

    Genau so auch hier; jede Kritik an Frauen ist keine an ihrem falschen Verhalten (hat bei Nahles eigentlich jemand ernsthaft bestritten, dass sie ziemlich ungeschickt agiert hat?), sondern an ihrer Identität als Frau.

    Jedes handeln ist Ausfluss der Identität, man ist kein Individuum mehr, dass für sein Handeln verantwortlich ist.

    • (in dem Fall als Moslem bzw. Kind von Migranten)

      Das ist übrigens die Moslem Taktik.
      Kritik an Muslimen mit Kritik an Ausländern zu vermischen.
      Klappt leider viel zu gut.

    • Mir fiel das zuerst bei dem Fußballer Özil auf: Da macht jemand Mist, wird dafür kritisiert und kontert die Kritik mit Rassismusvorwürfen.

      Der Fall „Özil“ ist interessant. Sein Vorwurf lautet: Ich wurde nie so akzeptiert, wie ein deutscher Fussballer ohne Migrationshintergrund. Sein Verhalten nach der WM zeigt aber, dass er sich nie als Bürger der BRD betrachtete, so wie das ein Thomas Müller oder ein Manuel Neuer ganz selbstverständlich tut. Das ist kein Verbrechen, wohlverstanden, aber es ist ebenso kein Verbrechen, wenn einige Leute schon immer wahrgenommen haben, dass er sich nicht mit der Nationalmannschaft identifiziert, sich nicht als Deutscher identifiziert. Gerade er als Türke sollte genau das doch sehr gut verstehen, ist dort doch der Nationalstolz um einiges ausgeprägter als in der BRD. Abschliessend darf festgestellt werden: Das Vorrundenaus an der WM geht ganz sicher nicht allein auf Özils Kappe und Özil ist sicher nicht die hellste Kerze auf der Torte.

      Was den Fall Nahles betrifft: Sie war vieles, aber sicher keine Alleinerziehende, was hier schon ausführlich dargelegt wurde. Sie hat ihre Politkarriere vorangetrieben und irgendwer kümmerte sich um die Erziehung des Kindes. Ihre blöden Sprüche von wegen „wenn es einfach wäre, könnte es auch ein Mann machen“ fallen ihr nun auf die Fre … aahm Füsse. Sich erst als Superpowerfrau, als besser als Männer anpreisen und dann nicht liefern – da ist der Spott eine logische Konsequenz. Sie selbst hat sich so positioniert.

  5. War das „Hertha“ am Ende Absicht? 😁

    Im Endeffekt ist das wirklich wieder so eine Derailing-Strategie. „Bist du etwa Sexist/Rassist/ABC-phob?!“ ist als Vorwurf enorm stark und lenkt sofort die Diskussion um und sorgt dafür, dass Kritiker eine Abwehrhaltung einnehmen (müssen).

  6. Entscheidend ist bei so einer Situation, auf den Sexismus Vorwurf gar nicht einzugehen. In der heutigen Zeit der angewandten Rabulistik hat man in dem Moment verloren, wo man darauf eingeht.

    „Die Handlungen, Taten und Äußerungen von Frau X stehen in der Kritik. Frau X hat y getan und z gesagt. Dies ist nicht vereinbar mit professionellen Maßstäben. Ihre Äußerung a entspricht nicht der freiheitlich demokratischen Grundordnung oder ist sogar illegal. Ihr Versuch, mit persönlichen Angriffen eine emotionale Ebene aufzubauen zeigt deutlich, dass Sie keine sachlichen Argumente aufbringen können.“

    Auf den Sexismus Vorwurf einzugehen, halte ich bereits für einen Fehler. Mit „persönliche Angriffe“ oder „Emotionen“ zu antworten, sorgt für ein klares Framing. Man selbst als der rationale, der die Argumente auf seiner Seite hat. Die anderen als die unprofessionellen Schreihälse.

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