Edeka: Danke Mama, dass du nicht Papa bist

Was hat sich Edeka dabei gedacht? Klar, vielleicht einfach nur, dass auch schlechte Werbung gute Werbung ist, wenn sei Viral geht (zur Zeit der Erstellung: 361.792 Aufrufe). Aber muss man dazu eine so nachhaltig negative Werbung machen, die Väter in dieser Weise abwertet? Und meint man, dass das bei Frauen gut ankommt?

Edeka dazu:

Das Unternehmen selbst fühlt sich bei dem Video vor allem falsch verstanden: „Mit unserem Online Film ,Wir sagen Danke‘ möchten wir Väter keinesfalls schlecht darstellen, sondern etwas überspitzt und auf humorvolle Art und Weise allen Müttern anlässlich des Muttertags Danke sagen.“ Die negativen Kommentare will man derzeit noch nicht als Shitstorm bewerten: „Wir freuen uns, dass das Video auf eine hohe Resonanz stößt. Für eine Bewertung ist es aber aktuell noch zu früh.

Mal wieder: Es ist Satire.

Alice Schwarzer vs Margarete Stokowski (Teil 1)

Der Tagesspiegel hat eine Diskussion zwischen Margarete Stokowski und Alice Schwarzer in einem Artikel. Ich werde versuchen, ihn nach und nach zu besprechen:

Frau Stokowski, Frau Schwarzer, treffen Sie sich heute zum ersten Mal?

Stokowski: Ja, zum ersten Mal in echt. Neulich waren wir gleichzeitig beim Festakt zu 100 Jahre Frauenwahlrecht.

Schwarzer: Ach, da warst Du auch? Ich darf doch das feministische Du verwenden?

Stokowski steht für den intersektionalen Feminismus, Schwarzer für einen Beauvoir-Feminismus, also die zweite Welle. Die Unterschiede habe ich hier dargelegt. 

Dabei steht Schwarzer für vieles, was intersektionale Feministinnen hassen: Sie finden sie rassistisch, sie glauben, dass sie die verschiedenen „Diskriminierungsebenen“ nicht hinreichend beachten, viele intersektionale Feministinnen würden Schwarzer wahrscheinlich bereits das Label „Feministin“ absprechen wollen und sie eher unter „Nazi“ und „rechts“ einordnen.

Aus Schwarzers Sicht wäre es inhaltlich so, dass der intersektionale Feminismus aus Angst, dass er rassistisch ist , keinen Mut mehr hat, die Frauenfeindliche Kultur insbesondere des Islams anzusprechen. Für sie ist Feminismus zuallererst Vertretung von Frauen und andere Aspekte haben dahinter zurückzutreten. Demnach dürfte sie die intersektionalen „Beißhemmungen“ gegen den Islam etc für albern und gefährlich halten. Und Schwarzer sieht sich sicherlich auch als „die große Dame des deutschen Feminismus“. Es wäre interessant, ob sie deswegen gleich das „feministische Du“ anführt, damit sie diejenige ist, die das macht.

Frau Stokowski, was ist Alice Schwarzer für Sie – Inspiration, Vorbild – oder der große historische Schatten, aus dem es für eine jüngere Feministin schwierig ist, hinauszutreten?

Stokowski: Ich habe sehr unterschiedliche Gefühle. Das eine ist sehr viel Respekt, Dankbarkeit, Mitgefühl. Das andere ist Unverständnis.

Unverständnis wofür?

Stokowski: Ich frage mich, wann es bei Alice Schwarzer diese Wende gab, hin zu einer Konzentration auf islamkritische oder -feindliche Positionen. Unsere größten Differenzen haben wir bei diesem Thema. Aber ich bin auch mit vielen Angriffen gegen Dich nicht einverstanden. Viel von dem Hass und der Häme, die Du abbekommst, sind Frauenhass oder Hass auf alles, wofür wir uns gemeinsam einsetzen.

Und da sind wir mitten im Thema. Aber ich finde es immer wieder erstaunlich, dass in diesen Diskussionen die eigentlichen Theorieunterschiede nie wirklich angesprochen werden. Man legt nicht die jeweilige Theorie dar und versucht diese mit Argumenten abzusichern, man nimmt weit eher Positionen ein.

Drehen wir die Frage um: Was ist Mararete Stokowski für Sie – Inspiration, Erbin oder Teil einer jungen Feministinnen-Generation, mit der Sie wenig anfangen können?

Schwarzer: Ich lebe ja, ich brauche noch keine Erbin. Und ich habe auch nicht die Frauenbewegung zu vererben. Die ist vielfältig. Margarete ist einfach eine andere Feministin. Wir haben in der Tat an zwei entscheidenden Punkten eine unterschiedliche Meinung – im Verhältnis zur Prostitution und zum politischen Islam.

Schwarzer ist immer gut für subtile Machtspiele bzw sie hat ein gutes Ego. Sie stellt erst einmal klar, dass sie noch aktiv ist und wo Stokowski darstellt, dass man Schwarzer etwas zu verdanken hat ist für Schwarzer Stokowski erst einmal eine Feministin. Sie bestätigt kurz die Differenz zu bestimmten Themen – Prostitution und politischer Islam. Aber zu den Gründen für diese Differenz kommt erst einmal noch nichts

Aber wir müssen zuvor über eines reden, Margarete.

Stokowski: Ja?

Schwarzer: Ihr Buch, Untenrum frei, fand ich intelligent und habe darüber positiv in Emma geschrieben, sonst habe ich Sie noch nie erwähnt. Vor unserem Gespräch habe ich aber nochmal recherchiert und entdeckt, dass Sie Dinge über mich geschrieben haben, dass selbst ich staune, obwohl ich einiges gewohnt bin. Nicht nur, dass Sie mich permanent als „Rassistin“ beschimpfen. Sie haben auch in der taz 2013 über mich geschrieben: „Und Oma erzählt von der heiligen Alice und wie sie ihre letzten Jahre im Krankenhaus verbringen musste, weil sie sich den Hintern auf Günther Jauchs Sesseln wundgesessen hatte. Vom fusseligen Mund ganz zu schweigen.“

Stokowski: Finden Sie das arg beleidigend?

Schwarzer: Ich nenne das den nackten Frauenhass und Menschenverachtung.

Bäm! Schwarzer geht direkt in den Angriff. Wahrscheinlich will sie Stokowski hier zu einer Entschuldigung bringen.  Oder wenn Stokowski sich nicht entschuldigt sie als die schlechtere darstellen. Aber Stokowski schreibt ja, was sie denkt und der intersektionale Feminismus ist auch nicht in der Lage sich für so etwas wirklich zu entschuldigen oder es inhaltlich zurückzunehmen. Für diese ist Schwarzer vielleicht noch schlimmer als andere Rassisten, weil sie eben als Feministin gilt.

Stokowski: Der Text war eine Satire darauf, wie man später auf die heutige Zeit zurückschauen könnte. Es ging auch darum, dass man in der Zukunft Eiscreme ausdrucken kann.

„Es war nur eine Satire“ ist das, was intersektionale  Feministinnen dann immer bringen. Das alte Spiel mit Feld und Festung: Nach innen gegenüber anderen Feministinnen muss man deutlich machen, dass man den Gegner zutiefst ablehnt und hasst. Wird man von außen darauf angesprochen, dass das zu hart ist, dann war es eben nur eine satirische Übertreibung. Und Satire darf eben alles.

Schwarzer: Und Ihre Phantasie ist, dass ich dann mit wundgescheuertem Hintern und fusseligem Mund im Krankenhaus bin?

Stokowski: Vielleicht war das nicht so nett. Allerdings habe ich über Ihre Rolle in der Frauenbewegung der 70er Jahre auch schon Positives geschrieben. Natürlich wünsche ich Ihnen nicht, dass Sie ins Krankenhaus kommen.

Schwarzer: Wie liebenswürdig. Aber in diesem Satz steckt auch Generationenhass. Ich aber halte den auch von Ihnen so propagierten Bruch zwischen den Generationen von Feministinnen für eines der größten Probleme. Solange Feministinnen nicht lernen, sich auf die Schultern ihrer Vorgängerinnen zu stellen, werden sie immer wieder bei Null anfangen. Da machen Sie ganz nett mit. Sie tun so, als hätten Sie das Rad neu erfunden und alles vorher müsse verachtet werden.

Das feministische Du ist schon wieder passé. Die beiden hassen sich, dass ist deutlich zu merken. Und Schwarzer legt gut nach, will Stokowski in eine Ecke drängen, in der sie sich entschuldigen muss, aber Stokowski hält sich soweit ganz gut, indem sie etwas beschwichtigt. Schwarzer legt nach mit „Generationenhass“ und das man von den alten Generationen lernen soll. Aber da ist sie im intersektionalen Feminismus natürlich an der falschen Adresse, denn der intersektionale Feminismus baut auf einer ganz anderen Richtung auf: Alles von Weißen möglichst über Board werfen, the master’s tools will never dismantle the master’s house. Dann die gleichen Ideen noch einmal von PoCs vortragen lassen, oder zumindest von queeren Personen, dann hat man aus dieser Sicht ein besseres Gebäude. Schwarzer fordert letztendlich Respekt ein, man solle eben deren Theorien bedenken, weil alles andere ein von Neuen anfangen wäre. Aber der intersektionale Feminismus ist eben sehr dogmatisch: Er meint schon die perfekte Lehre gefunden zu haben, und Schwarzers Rassismus kann da keinen Platz haben.

Stokowski: Nee, nee, nee. Ich habe immer wieder kritisiert, wenn sich jemand auf die Suche nach der nächsten Alpha-Feministin machte. Das soll Frauen isolieren und die Bewegung auseinanderbringen. Dann heißt es, die Alten sind fertig, jetzt kommt was Neues. Und es gibt nur einen Platz, der besetzt werden kann. Das sehe ich extrem kritisch, daran sollten wir uns nicht beteiligen.

Schwarzer versucht einen Kampf um personale Deutungshoheit, man soll ihre Vorarbeit akzeptieren. Stokowski lehnt einfach das Konzept an sich ab. Wobei natürlich jede Bewegung gewisse Hierarchien hat, Leute, die mehr Beachtung finden. Allerdings in der Tat schwieriger beim intersektionalen Feminismus, weil es da ja kaum ein „oben“ gibt. Denn „oben“ wären Privilegien, und jeder intersektionale Feminist ist in irgendeinem Bereich privilegiert. Wer oben ist, dem werden schnell Privilegien vorgehalten, etwa Stokowski, dass sie weiß ist. Bei der Spannweite potentieller Diskriminierungen beraubt sich insofern der intersektionale Feminismus im Gegensatz zu einem Feminismus nach Schwarzer auch schnell einer einfachen Organisationsmöglichkeit. Zumal sie beim Aushandeln ihrer Hierarchien auch eben schnell wieder auf Widerstand von Außen stoßen: Etwa bei Linda Sarsou, die den Frauenmarsch in den USA mit Antisemitismus verbunden hat, weil sie eben überzeugte radikale Muslimin ist.

Schwarzer: Dann tun Sie es doch einfach nicht! Mich hat eines sehr geprägt: Als wir Anfang der 70er aufbrachen, hielten auch wir uns für die ersten. Wir dachten, jetzt kommen wir, die schicken kühnen Feministinnen, und räumen auf. 1974 machte ich dann mit Freundinnen den Frauenkalender, wir recherchierten im Archiv des Akademikerinnenbundes. Eine Freundin zeigte mir ein Buch und sagte: Alice, hast Du die Frau schon einmal gesehen? Auf dem Titel war eine spektakulär schöne Frau, die ich nicht kannte. Hedwig Dohm, die berühmteste feministische Autorin um die Jahrhundertwende. Was ich sagen will: Eine deutsche Feministin kannte 1974 noch nicht einmal Hedwig Dohms Namen. In diesen Jahren haben wir langsam unsere eigene Vergangenheit entdeckt, die auch wegen der Nazis verschüttet war. Wir haben entdeckt, dass vieles von dem, was wir neu dachten und taten, schon einmal gedacht und getan worden war.

Das ist natürlich ein Problem der Vorinternetzeit. Heute sind alle Ideen verfügbar und abrufbar. Aber Schwarzers Appell ist in der Hinsicht auch wenig erfolgsversprechend. Der Intersektionale Feminismus hat zwar keinen Anführer, aber eine Theorie, die Hierarchien besitzt und einfache Denkmodelle zur Verfügung stellt, die den Aktivismus gerade interessant machen. Diese Dogmen müssen nicht begründet werden – das müssen Glaubensdogmen nie. Sie müssen erst recht nicht auf alte weiße Frauen zurückgeführt werden, damit verdient man keine Lorbeeren. Der intersektionale Feminismus ist Identitätstheorie durch und durch: Das man eine Begründung nicht kennt ist relativ egal, wenn man nur die Dogmen hochhält.

Stokowski: Bei mir war es genau anders herum. Ich hatte während meines Studiums das Gefühl, es gibt wahnsinnig viel an feministischer Literatur und ich habe keine Ahnung, ob ich das jemals überblicke. Ich wusste auch nicht, ob ich mich Feministin nennen soll. Ich hielt das für so etwas wie einen Parteieintritt, das wollte ich nicht. Aber dann habe ich gemerkt, dass die Inhalte genau das waren, was ich dachte, also habe ich mich Feministin genannt. Ich kenne dieses Phänomen übrigens von vielen in meinem Alter. Die sagen, irgendwie bin ich schon für Gleichberechtigung und Feminismus, aber ich kann mich nicht so nennen. Offenbar ist das immer noch ein großer Schritt. Manchmal sind es Vorurteile, manchmal aber auch Ehrfurcht.

Das ist interessant: Vielleicht meint sie, dass es weit eher um Positionen geht als um gründliche Einarbeitung in die Theorie. Vielleicht suchen viele einfach nur nach einer neuen Identität, nach einem Grund dafür, dass sie andere für etwas verantwortlich machen können. Das Gefühl, dass man für das Gute kämpft und einen Feind hat. Das man auf Leute Rücksicht nimmt und kein Rassist ist etc. Vielleicht wird in der Hinsicht das Gerüst interessanter als der Inhalt. Denn der intersektionale Feminismus hat ja kaum wirklich ausgearbeitet Theorien, er hat allgemeine Grundsätze und deren Anwendung.

Schwarzer: Das finde ich interessant. Natürlich hatten wir damals auch alle unsere Simone de Beauvoir gelesen, ‚Das andere Geschlecht’, ein Schlüsselwerk. Aber ansonsten haben wir uns ins Leben geworfen, auf der Straße getanzt statt zu marschieren. Wir haben uns am Anfang auch nicht Frauenbewegung genannt. Unsere Bewegung war eine Reaktion auf das alte Patriarchat und die machohafte Linke. Damals haben wir begriffen, dass die Kerle noch den letzten bolivianischen Bauern befreien wollten, aber die eigene Freundin sollte weiter Kaffee kochen und die Beine breit machen.

Der alte Feminismus ist eben ein Nullsummenspiel Männer gegen Frauen gewesen, der intersektionale Feminismus ist in der Hinsicht etwas komplizierter. Er könnte sich weitaus eher mit den Männern darauf einigen, dass man den bolivianischen Bauern nicht diskriminieren darf, wenn man es als Kampf Weiß vs PoC beschreiben kann. Auch könnte man sich darauf einigen, dass die Frau nicht die sein darf, die den Kaffee kocht. Bei dem „Beine breit machen“ würden wahrscheinlich einige intersektionale Feministen hingegen wohl schon wider protestieren: Will man Sexarbeit abwerten? Will man den Frauen ihre Sexualität absprechen? Oder redet sie dann über sexuelle Belästigung – dann wäre man wohl eher wieder auf dem gleichen Nenner

demnächst der zweite Teil