Soziale Unterschiede vs Identitätspolitik

Lucas schreibt in einem Beitrag zur SPD

Wie konnte in wenigen Jahrzehnten so viel kaputtgehen? Ein möglicher Grund:

Was fehlt, ist ein Gegengewicht gegen die klassische kleinbürgerliche Haltung, sich nach oben zu orientieren und sich nach unten abzugrenzen, oder auch nach unten auszutreten. Linke Parteien interessieren sich schon lange nur noch pro forma für soziale Unterschiede, dafür umso intensiver für Identitätspolitik. Anstatt sich mit den Unterschieden zwischen oben und unten auseinanderzusetzen und mit der enormen Komplexität einer modernen Gesellschaft, hängen sie der seltsamen Idee nach, ausgerechnet die alten Klischee- und Ressentimentgeneratoren „Rasse“ und „Geschlecht“ wären die geeigneten Kategorien zur Analyse postmoderner Massengesellschaften.

Es ist aus meiner Sicht eine sehr interessante Frage, warum das Kriterium „Klasse“ heute quasi keine Rolle mehr in der intersektionalen Theorie spielt und durch Geschlecht, Rasse, sexuelle Identität, CIS vs Trans, Aussehen und Behinderung etc ersetzt worden ist.

Die „Klasse“ spielt in der Hinsicht quasi keine Rolle mehr,  ganz im Gegensatz zu ihrer früher alles beherrschenden Rolle in der Linken.

Meine Überlegung dazu ist ja:

Ist es vielleicht einfach einfacher und besser für das Virtue Signalling, wenn Klasse keine Rolle spielt? Alle anderen Merkmale führen letztendlich zu einer Benachteiligung aufgrund eines Umstandes, den man nicht ändern kann (mit Ausnahme von Fat vs Schlank, aber da führen sie ja auch eine rein soziale Konstruktion an). Klasse hingegen ist behebbar, ist etwas, was man weitaus eher ausgleichen kann, durch Schule und Erziehung. Es ist zudem viel zu breit gestreut: Weiße und Männer können „Unterschicht“ sein, was es weitaus schwieriger machen würde, ihnen Priviligierung vorzuwerfen. Ein weißer Mann mit Behinderung ist in den Theorien kein Problem. Die Behinderung ist greifbar, erkennbar, erfassbar und ein echter Nachteil. Ein armer weißer Man muss aber, damit das Feindbild bestehen bleibt, trotzdem Privilegien haben, er muss besser stehen als ein armer schwarzer Mann oder eine arme weiße Frau, sonst kann man kaum noch etwas vorwerfen und müsste viel zu viele privilegierte intersektional auch in anderen Kategorien als Nichtprivilegierte sehen.

Die Grünen waren ohnehin schon immer eine bürgerliche Partei, die nicht nur den Parlamenten ganz neue Impulse gegeben, sondern auch einiges zur Spaltung der Gesellschaft beigetragen hat. Was aber ist mit den Sozialdemokraten?

In der Tat haben die Grünen eigentlich eher das Potential intersektionalen Feminismus auszuleben. Sie sind eher eine Nischenpartei für die Reichen und die Ökos, sie werden als Extremer wahrgenommen, sie sind Lager aus den Fundis und den Realos gewohnt. Bei einer kleinen Partei hält das eher zusammen, weil sie sich zusammenraufen müssen. Interessant wird es, wenn die Grünen wachsen. Dann wird aus meiner Sicht auch das Spaltungspotential größer.

Während sich die Schärfe der sozialen Unterschiede in die Leben unserer Kinder einfrisst, verkaufen sozialdemokratische Politikerinnen es als wesentliches Gerechtigkeitsproblem unserer Gesellschaft, dass der Frauenanteil in den Parlamenten etwa so groß ist wie der Frauenanteil in den Parteien, und nicht größer – und sozialdemokratisch regierte Kommunen suchen intensiv nach Wegen, den Forderungen von Transsexuellenaktivisten in Sprachregelungen für die Verwaltungen gerecht zu werden, ohne Feministinnen dabei zu verprellen.

Bei der SPD ist das aus meiner Sicht problematischer. Zum einen hatte sie sich bereits einmal gespalten. Zum anderen will sie eben eine Volkspartei sein, damit kann sie weit weniger in die Extremen gehen. Insbesondere kann sie nicht mit den Grünen oder Linken mithalten, weil sie eben näher an der Mitte bleiben müsste. Geht sie zu weit in das Extreme, dann vergrault sie die „normalen Sozialdemokraten“, also die, die eher noch etwas mit Klasse und Arbeiterpartei anfangen können und die SPD als Vertreter des Arbeiters und des „kleinen Mannes“ sehen. Geht in die Mitte, dann ist sie den „Nicht gut genug-Aktivisten“ eben nicht radikal genug.

Das Problem ist, dass die „Jungen“ in der SPD eben dennoch genau auf dieser radikalen Linie sind, eben weil der intersektionale Feminismus die vorherrschende linke Strömung ist. Sie wollen Transrechte, Frauenrechte und weibliche Pornos auf Staatskosten, etwas was in dem Arbeiterbereich niemanden interessiert. Und die SPD bekommt sie nicht ausgebremst, weil sie eben den Rückhalt in der linken Szene haben.

Natürlich ist es völlig in Ordnung, dass solche Standpunkte vertreten werden – aber die Relationen stimmen nicht, auf absurde und grausame Weise nicht. So helfen diese Positionen dann weder Frauen noch Transsexuellen, sondern erfüllen lediglich die Funktion, andere, dringende Fragen aus dem Fokus zu drängen.

Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten. Oder genauer, Sozialdemokratinnen. Oder genauer, Sozialdemokratende. Hier wird die genderpolitisch korrekte Sprache dem Inhalt tatsächlich einmal besser gerecht als die herkömmliche Sprache, auch wenn sie dabei den Reim des alten Kommunistenspruchs bedauerlicherweise zerstört.

Mit radikalen ist eben in eine Volkspartei wenig zu holen. Einer Nischenpartei verzeiht man es eher, weil man sich dort einem Flügel eher zuordnet. Mal sehen wie lange die Grünen den Spagat noch hinbekommen – oder ob die SPD da wieder rauskommt.

Paradoxerweise wäre es für die SPD das beste radikal gegen intersektionalen Feminismus und seine Auswüchse vorzugehen. Aber das wird kaum zu machen sein.

 

Männlichkeit und die Umwertung aller Werte

Josef Joffe bespricht die Änderung der APA Richtlinien und die allgemeine Kritik an Männern:

Männer und Jungen kriegen keine gute Presse, hängt an ihnen doch der Fluch der „toxischen Maskulinität“. Nun kommt das Verdikt von höchster wissenschaftlicher Warte, den 120.000 Mitgliedern des Amerikanischen Psychologen-Verbandes APA. Die Jungs, so der Kern der 30-Seiten-Anleitung für Therapeuten, litten an einer giftigen Ideologie, der „traditionellen Männlichkeit“. Diese predige „Stoizismus, sich auf sich selbst zu verlassen und Konkurrenzdenken“. Überdies wollten Männer „keine Verletzlichkeit zeigen“. „Aggressiv“ und „homophob“ seien sie sowieso.

Ja, da hat die APA einiges abgeladen an negativen. Dabei sind die Vorteile eines Stoizismus, eines auf sich selbst verlassen und auch des Wettbewerbs ja ebenso leicht zu erkenne. Man kann vieles umformulieren: Aus Verletzlichkeit wird dann eben Hart im Nehmen und klingt gleich viel positiver.

Nietzsche, der wie kein anderer die Kulturumbrüche unserer Zeit vorausgesehen hat, sprach von der „Umwertung aller Werte“ und dem Ende der „verwegenen“ Männlichkeit. Doch Stoizismus (das Gegenteil von Hysterie) umschrieb stets die Tugend von Menschen, die ihre Affekte beherrschen und Leid gefasst tragen. Bewundernswert war früher die Eigenständigkeit, in der auch Selbstverantwortung steckt. Wer seine Verwundbarkeit hintanstellte, war ein Held, der „unerhörte Taten“ vollbrachte, sein Selbst dem Ganzen unterwarf. Er schützte die Schwachen und schlachtete die Drachen. Konkurrenzdenken ist auch Frauen nicht fremd, die in die Vorstände und Parteiämter streben. Aggressivität kann tödlich enden, aber ihr feinerer Bruder heißt Mut, während Feigheit in allen Kulturen verachtet wird.

Und das macht diese Umdichtungen eben so simpel: Man konzentriert sich auf die negativen Seiten und blendet aus, was da gleichzeitig alles großartiges dahinter stecken kann. Männlichkeit ist eben genauso etwas positives wie es negativ sein kann, weil alle Eigenschaften im Zuwenig oder Zuviel etwas negatives haben.

Es wird auch verkannt, dass man genau das gleiche Spiel mit Weiblichkeit spielen könnte: Zu passiv, zu weich, nicht genug im Wettbewerb, ohne Biss und viel zu zögerlich auf der einen Seite und vorsichtig, gefühlvoll, auf Ausgleich bedacht, friedfertig und wenig aufbrausend auf der anderen Seite.

Wer ist eigentlich „traditionell männlich“, also ein Kandidat für die Couch? Der junge Werther? Der Krieger Cyrano de Bergerac, der verzagt nach seiner Roxane schmachtet? Willy Brandt, der unaufhörlich „Friedenspolitik“ pries? Gary Cooper, der inZwölf Uhr mittags einsam drei Schurken niederkämpft, nachdem die Männer von Hadleyville ihm angstschlotternd die Hilfe versagt haben? Der Maler Max Beckmann meldete sich 1914 freiwillig zum Militär; dann – „auf Franzosen schieß ich nicht“ – mutierte er zum Pazifisten, der an der Front die Grauen des Krieges in Bilder goss. Heute hoch verehrt, gingen Hans Scholl und Alexander Schmorell 1942 in den Widerstand und endeten auf dem Schafott.

Schließlich die Figur des „Gentleman“, der Stärke mit Selbstzucht paart, entschieden, aber rücksichtsvoll handelt. Er ist das Gegenteil des Machos, der stets seine aggressive Männlichkeit beweisen will. Für den Gentleman gilt grace under pressure, Anstand unter Druck, auch wenn das Testosteron tobt oder ein Hahnenkampf ansteht

Auch das eine schöne Zusammenstellung ganz verschiedener Charaktere, die alle eine gewisse Männlichkeit verkörpern und dabei verschiedene Seiten in sich vereinen. Was auch deutlich macht, dass die einseitige Darstellung im Feminismus eben ein schlecht aufgebauter Strohmann ist, der nur negatives anführt, um es dann als das Böse entarnen zu können.

Es gibt keine „traditionelle“ Männlichkeit; das Spektrum reicht von Caligula, dem sexbesessenen Tyrannen, bis zu Albert Schweitzer und Nelson Mandela, vom Grapscher bis zum Bergretter, der sein Leben für andere riskiert. Richtig: Männer sind leichtsinniger und gewaltbereiter als Frauen; sie suchen den Kick und landen weitaus häufiger hinter Gittern. Aber Männer und Jungen zu pathologisieren, wie es die APA tut, ist Gutdenk, wonach Männlichkeit bloß ein verwerfliches „gesellschaftliches Konstrukt“ ist.

Schön und deutlich gesagt. Männlichkeit ist eben kein rein gesellschaftliches Konstrukt und in vielen Bereichen äußerst positiv.

Den Therapeuten muss man Glück wünschen, wenn sie ideologiebeschwingt Biologie und Evolution wegwischen. Das erinnert an einen befreundeten Harvard-Ökonomen, der seine zweijährigen Töchter genderneutral zu formen gedachte. Er schenkte ihnen einen großen und einen kleinen Spielzeug-Lkw. Fröhlich krähten die Zwillinge: „Mami-Truck und Baby-Truck!“ Die progressive Mutter war auch perplex.

Eine alte Anekdote, die aber passt: genau wie bei Aktionfiguren vs Puppe kann eben ein gleicher „Spielzeugtyp“ vorliegen, aber von beiden Geschlechtern anders genutzt werden.  Wer will, dass Mädchen eher mit Autos spielen muss sie nur in Charaktere mit Beziehungen zueinander verwandeln. Natürlich geht das eben mit darauf optimierten Spielzeug eher.

 

 

Orgasmusfragen

Ein Leser stellt folgende Fragen:

ich verfolge mit großem Interesse alle deine Artikel in deinem Blog.
Ganz großes Lob für deine Arbeit und die stundenlange Investition in Aufklärung.
Ich hätte eine kleine Frage, denn bei all den Artikeln ist bis jetzt, soweit ich weiß, nicht drauf eingegangen, ob tatsächlich der Orgasmus der Frau intensiver/stärker sein soll als der des Mannes…
Ist also der Peak des Orgasmus der Frau höher als der des Mannes ?
Welchen evolutionären oder biologischen Vorteil soll dadurch enstehen wenn Frauen intensiveren Orgasmus spüren ?
Grundsätzlich gibt es ja durchaus Unterschiede beim Empfinden von Gefühlen. So soll ja Schmerzempfinden bei Männer weniger ausgeprägt sein als bei Frauen, was evtl am Testosterongehalt liegen könnte. Wäre dies auch eine Erklärung für den weniger intensiveren Orgasmus des Mannes ?
Es gibt die Vermutung, dass die Klitoris durch mehr Innervierung,  den Orgasmus stärkt oder intensiviert (Andererseits ist das Glied einfach stärkeren Reibung ausgesetzt und daher muss die Innervierung weniger ausgeprägt sein-siehe Entwicklung der Geschlechter im Mutterleib).
Meine persönliche Meinung: Kein Pauschalurteil, da Gefühle geschlechtsunabhänig sind und eher „Kopfsache“ sind und daher halte ich alle diese Thesen für mehr oder weniger falsch, auch wenn vermeintlich beim Ausdruck Frauen mehr spüren. Schließlich stöhnen und zittern sie mehr.
Kleine Rückmeldung und ich wäre erfreut 😀
Orgasmusstärke zu vergleichen ist natürlich sehr schwierig. Ich kann mir vorstellen, dass Frauen intensivere Orgasmen erreichen können, schlicht weil die Ejakulation ja kein so nachhaltiger Schlusspunkt oder Unterbrecher sein muss. Dagegen wird man anführen können, dass es auch beim Mann verschiedenste Techniken wie Edging etc gibt oder eben trockene Orgasmen.
Andererseits ist wie in den meisten Bereichen wahrscheinlich der individuelle Unterschied größer als der zwischen den Geschlechtern. Viele Frauen werden froh sein, wenn sie überhaupt einen Orgasmus bekommen, bei anderen hingegen ist es so, dass sie sehr leicht kommen und man auch gut „stapeln“ bzw edgen (also sie bis kurz vor den Orgasmus bringen und dann wieder etwas nachlassen, sie wieder kurz davor bringen etc und so weiter)  kann.