Margarete Stokowski regt sich über Junggesellenabschiede und den Gedanken, dass Frauen in Beziehungen Macht haben könnten auf

Eine Feministin kann es natürlich nicht ertragen, wenn eine Frau irgendwo Macht haben soll und Männer nicht. Denn das passt nicht in ihr Weltbild, selbst mit einer Kanzlerin seit etlichen Jahren, denn Macht dürfen immer nur Männer haben. Sonst ist die Opferrolle dahin.

Dementsprechend stößt es Stokowski über auf, dass Männer auf Junggesellenabschieden so tun als würde da ein Mann in der Ehe nicht mehr der Unterdrücker sein:

Die klassische Form des Junggesellenabschieds besteht allerdings immer noch aus einer kleinen Gruppe Männer, die sich schlecht gekleidet schlecht benimmt

Wer nicht Teil dieses kleinen, für die Länge einer Nacht bestehenden Stammes ist, wendet sich meist instinktiv und zu Recht von dem Elend ab, aber man verpasst dann auch die Gelegenheit, alle Mythen zum Thema Ehe einmal vollständig durchperformt zu sehen: eine Veranstaltung, bei der so getan wird, als gehe für den Mann nun das wilde und schöne Leben zu Ende, bevor er sich – warum eigentlich? – in den Herrschaftsbereich einer Frau begibt, die ihn von nun an aus romantischen Gründen knechten wird.

Oder wie Jens Friebe in seinem Buch „52 Wochenenden“ mal schrieb: „Junggesellenabschied! Dieses grandiose Fest! Diese Zäsur im Leben eines Mannes, welche rituell die pagane Periode sorgloser Ausschweifung, die es nicht gegeben hat, von der Phase ernst und treu bewahrten Eheglücks trennt, die es nicht geben wird.“

Ich fand die Junggesellenabschiede auf denen ich bisher war eigentlich immer recht lustig. Man kommt ja häufig noch einmal mit alten Freunden und Bekannten zusammen, trinkt etwas, zieht durch eine Stadt, endet in einem Stripclub etc. Klar macht man ein paar Witze, dass jetzt die freie Zeit vorbei ist, „ein Ring sie zu knechten“ etc das gehört natürlich dazu, aber üblicherweise freut man sich ja für den meist schon lange vergebenen, gerade wenn er eine nette Freundin/bald Frau hat, wenn er in diese neue Phase kommt und es ist ein normales Aufziehen. Es passt natürlich aber auch zur evolutionären Theorie, wenn man die Rolle spielt, dass man ein ganz toller Hecht ist, der eigentlich jede Frau haben könnte und er nun „eingefangen“ wird und sich auf eine Bindung einlässt.

Nun ist es natürlich so, dass Frauen diesen Brauch auch betreiben und dabei nicht unbedingt sympathischer auftreten als Männer, was ihr gutes Recht ist. Meinen privaten Studien zufolge ist dabei der abergläubische Anteil zentraler als bei Männern. Es gibt zum Beispiel – als Alternative oder Zusatz zum Brautstraußwerfen – den Brauch, dass alle unverheirateten Frauen, die am Junggesellinnenabschied teilnehmen, im Hochzeitsschuh der Braut unterschreiben, und diejenige, deren Name nach der durchgetanzten Hochzeit noch am lesbarsten ist, wird die nächste sein, die heiratet.

ich kenne den Brauch nur beim Hochzeitsschuh und dort auch so, dass alle, die weggerubbelt sind, demnächst heiraten, aber Hochzeitsbräuche sind ja etwas sehr lokales.

So sagen die Weisen und die Beautyblogs. Ich kenne kein vergleichbares Ritual für Männer, was aber auch logisch ist, denn wenn man Hochzeit so versteht wie in dunklen Zeiten erdacht wurde, ist die Frau diejenige, die erstens ihrem Schicksal ergeben warten muss, bis irgendein Dödel sie fragt, und zweitens diejenige, die vom Heiraten als Frau so komplett erfüllt wird, dass ihr ganzes vorheriges Leben nur als vorfreudige Erwartungsphase dieser schönen Zeit gilt, die dann auf sie wartet.

Es sind ja in der Tat meist die Frauen die Warten, dass der Mann sie irgendwann fragt. Das ist ja keine Sache aus alter Zeit, dass ist schlicht die Realität in den meisten Beziehungen. Und es dürften auch weit eher Frauen sein, die bei einer Hochzeit ihre größte Fantasie erfüllen. Wer eine Hochzeit plant, der wird mehrfach hören, dass das wichtigste auf dem Fest die Braut ist, der Bräutigam ist weit weniger entscheidend. Es ist ein Tag, an dem sie in einem wunderschönen Kleid absolut im Mittelpunkt steht. Viele Männer könnten sich denke ich weit eher als die meisten Frauen damit anfreunden, dass man das alles etwas formloser macht, für das Kleid keine 1.000+ € ausgibt und das Geld dann für andere Sachen verplant, aber das ist etwas, was man bei den meisten Frauen nicht wirklich durchbekommt.

Warum ist es der Mann, der den Antrag macht? Weil er eben eher überzeugt werden muss, diese rechtliche Verpflichtung einzugehen.

Weil das Abendland so eine zivilisierte, ausdifferenzierte Gesellschaft ist, gibt es für Junggesellen- und Junggesellinnenabschiede spezielle Kleidungsstücke, wahlweise T-Shirts mit Aufdruck oder Peniskostüme. (Vulvakostüme für Junggesellinnen: bisher nicht gesichtet.) Auf den T-Shirts steht dann zum Beispiel: „Veni vidi vici, sie kam, sah und siegte“, dazu drei Bildchen: ein fröhlich feiernder alleinstehender Mann, dann ein Hochzeitspaar, dann eine Frau, die einen knienden Mann an einer Hundeleine hält.

Oder, im Star-Wars-Look: „Das wars. Ich heirate. Möge die Macht mit mir sein.“ Und: „Das wars: Heiraten du wirst, vorbei die schöne Zeit jetzt ist.“ Oder: „Das wars. Jetzt hat sie die Macht.“ Oder: „Heute: Ledig. Morgen: Erledigt.“ Oder: „JGA. Bräutigam. Meine letzten Stunden in Freiheit.“ Oder: „Junggesellenabschied. Game over“, dazu wieder ein kniender Mann vor einer Frau.

Klar, das evolutionäre Bild ist eben in der Hinsicht günstiger beim Mann für solche Bilder.

Und das eben für Männer und Frauen:

 

 

Man muss nicht unbedingt in Psychologie und Literaturwissenschaften promoviert haben, um die Message interpretieren zu können: Haha, die Ehe, dieses Quasimatriarchat, in dem Männer nichts zu sagen haben. Lustig. Also lustig, in einem Land, in dem nur sechs Prozent der Hochzeitspaare sich entscheiden, den Namen der Frau anzunehmen. In drei Vierteln der Fälle nimmt die Frau den Namen des Mannes an. Ein Zeichen ihrer geheimen Herrschaft?

Und da beginnt das Spiel mit selektiven Statistiken: Klar kann man annehmen, dass derjenige, der seinen Namen aufgibt weniger zu sagen hat. Das muss aber gar nicht so sein. Gerade auch in einer konservativen Rollenverteilung kann einiges an Macht für die Frau liegen. Die Namensübernahme sagt nichts darüber aus, wer in der Beziehung die Hosen anhat. Sie kann dennoch eher die sein, die sich in einem Streit durchsetzt, die eher Stress macht, wenn ihr etwas nicht gefällt und die eher Druckmittel hat wie aggressives Schweigen, Liebesentzug, Genervtheit, Motzen etc.

Sehr geheim allerdings, diese Frauenherrschaft. Nicht mal die Frauen merken etwas davon. Bis 1997 war Vergewaltigung in der Ehe erlaubt, und heute stirbt immer noch jeden zweiten bis dritten Tag eine Frau in Deutschland, weil ihr Partner oder Ex-Partner sie tötet. Bei Gewalt in Beziehungen sind Frauen mit Abstand die häufigsten Opfer: 98 Prozent bei Vergewaltigung und sexueller Nötigung, 80 Prozent bei Mord, 75 Prozent bei Verletzungen mit Todesfolge.

Auch hier wieder hoch selektiv: jeden zweiten oder dritten Tag sind 182 bzw 121 Frauen, bei 40.000.000 Frauen eine verschwindend geringe Zahl. Und auch hohe Anteile an den Opfergruppen sind vollkommen egal, wenn die Opfergruppe an sich sehr klein ist. Die Zahlen sagen schlicht nichts aus. Schon gar nicht wer die Macht in einer Beziehung hat. Selbst wenn extreme Männer einen Streit eher körperlich eskalieren lassen können Frauen die Macht haben, wenn sie den Streit eher „seelisch eskalieren“ lassen.

Diese Zahlen vom Bundeskriminalamt enthalten zwar alle Formen von Beziehungen, das heißt, sie gelten nicht nur für Ehen. Die Idee, dass Frauen besonders mächtig würden, sobald sie sich an einen Mann binden, stützen sie aber definitiv nicht. „Die größte Gefahr für eine Frau, im Erwachsenenalter getötet zu werden, gehe meist von ihrem Ehemann oder sonstigen Intimpartnern aus“, stand neulich im SPIEGEL.

Sie werden mächtig, weil es mit der Heirat meist ernst wird: Haus, Kinder etc, unter Berücksichtigung von Zugewinn, Versorgungsausgleich, Unterhalt und seinem hohen Risiko seine Kinder nach einer Trennung  nicht bei sich zu haben.

Männer hingegen profitieren von der Ehe laut vielen Studien in vielerlei Hinsicht. Verheiratete Menschen leben im Schnitt insgesamt länger. Verheiratete Männer benehmen sich sozialverträglicher und leiden besonders unter Scheidungen: Das Ende einer Ehe wirkt sich auf Männer gesundheitlich schlechter aus als für Frauen.

Oder gesunde Männer werden eher geheiratet, kranke eher verlassen. Die Kausalität kann hier auch genau umgekehrt verlaufen.

Das heißt nicht, dass es für Männer keine negativen Folgen der Ehe gibt. Ein gesundheitliches Risiko für verheiratete Männer, das sich in Studien finden lässt, ist, dass sie tendenziell mehr zu Übergewicht neigen.

Ja, und die sonstigen Risiken, die er nicht hätte, wie etwa Unterhalt und Zugewinnausgleich und Versorgungsausgleich etc blendet sie einfach mal aus.

Das einzig ehrliche Junggesellenabschieds-Shirt wäre demnach: Bald bin ich fett, aber immer noch mächtig. Stößchen!

Eine wirklich einfache Art zu denken.