„Der feministische Einfluss auf die Bundeswehr ist groß“

Ein Interview mit der Präsidentin der Bundeswehruniversität bietet erstaunliche Einblicke:

WELT: Frau Niehuss, hat sich die Bundeswehr durch die Öffnung für Frauen seit dem Jahr 2001 verändert?

Merith Niehuss: Absolut. Vergessen Sie nicht, dass die Frauen sich die Zulassung zum Dienst erst erklagen mussten. Innerhalb der Bundeswehr kam seitdem eine große Lockerheit im Umgang miteinander. Die rein männliche Atmosphäre ist zu einer lockeren, zivilen Atmosphäre geworden. Ich kann es nur anhand der Universität beurteilen. Bei uns sind die Frauen in den Seminaren ein wichtiger Faktor für gelassene Kommunikation.

Das kann ich mir durchaus vorstellen, man wird lockerer wenn Frauen dabei sind. Allerdings dürfte Frauen eben bei den wenigsten Kampfeinheiten dabei sein, so dass man bezweifeln darf, dass sich die Lockerheit auch dahin überträgt.
Die andere Frage wäre, ob dort eine Lockerheit überhaupt immer erwünscht ist. Immerhin ist ja die Bundeswehr keine normale Gesellschaft, sie soll Leute ausbilden Aufträge zu erfüllen, bei denen es um das Töten von Menschen geht.

Niehuss: Die Atmosphäre war männlicher geprägt. Sie müssen sich die Offiziere so vorstellen: Sie sind nach dem Abitur in die Bundeswehr gekommen und leben dort schon in ihren Truppenverbänden zusammen. Sie kennen sich bereits von den Offiziersschulen. Sie kommen hier als Gruppen an. Manchmal studieren sie sogar das Gleiche. Diese Gruppenbildung rein männlicher Art ist durchbrochen worden durch die Frauen.

„Männlich geprägt“ sagt ja erst einmal wenig aus. Überhaupt kommt mir eine Leiterin einer Bundeswehrinstitution, die etwas gegen eine männlich geprägte Atmosphäre hat, merkwürdig vor. Der Großteil der Bundeswehr ist ja nun einmal männlich und der wichtigste Teil, die eigentliche kämpfende Truppe, ist noch weniger mit Frauen besetzt.

WELT: Gibt es weniger Härte im Umgang?

Niehuss: Die Bundeswehr ist hierarchisch geprägt. Das muss eine Armee sein, die Bundeswehr ist im Vergleich zu anderen Armeen aber weniger hierarchisch. Es gibt eine große Durchlässigkeit. Vor allem im Kommunikationsstil unterscheidet sich die Bundeswehr von anderen Armeen.

Wenn hier ein General über den Campus geht, kann er ganz normal einen Soldaten ansprechen, und der fällt nicht vor Schreck um. Das ist in anderen Armeen in Europa anders. Die Bundeswehr war noch nie so hierarchisch, dass man davor Angst haben musste. Die Frauen haben eben gefehlt.

Ich glaube da fehlt ihr vielleicht etwas die Erfahrung aus den Kasernen. Klar, an den Unis ist alles ziviler. Das war schon bei meinem Lehrgang für den Panzerführerschein so. Ein wesentlich zivilerer Umgangston. Alles wurde nicht so ernst genommen.

Hingegen war es einer der Totsünden eines Wachdienstes (Kontrolle der Zutrittsberechtigung zu der Kaserne) den General nicht zu erkennen oder ihn nach seinem Bundeswehrausweis zu fragen.

Etwas unverständlich finde ich den Absatz “ Die Bundeswehr war noch nie so hierarchisch, dass man davor Angst haben musste. Die Frauen haben eben gefehlt.“

Was soll das bedeuten? Sonst wäre es hierarchischer gewesen? Sonst macht es irgendwie keinen Sinn.

WELT: Welchen Einfluss hatten feministische Bewegungen auf die Öffnung der Bundeswehr ?

Niehuss: Der Einfluss ist groß. Die Bundeswehr folgt hier aber einem gesellschaftlichen Trend. Sie geht hier nicht voran. Vergessen Sie nicht, es gibt diverse Horte von Männlichkeit in dieser Gesellschaft. Denken Sie an Kirchen, denken Sie an Leistungssport, der nach Geschlechtern getrennt ist. Frauenfußball guckt man mal, Männerfußball ist aber der interessantere Sport.

Was sind denn das für Aussagen einer Präsidentin einer Bundeswehruni? Horte von Männlichkeit, unterrichtet die dort Gender Studies? ich habe es gleich mal nachgeschlagen:

Niehuss wurde als erstes von zwei Kindern eines Journalisten und einer Hausfrau in Bielefeld geboren. Sie verlebte die ersten Jahre in Westfalen bevor die Familie nach München zog. Dort besuchte sie ab 1964 das Luisengymnasium.

Nach dem Abitur studierte sie Geschichte (M.A.), Anglistik und Soziologie (Diplom) in Regensburg und München. 1982 wurde sie bei Gerhard A. Ritter an der LMU München mit der Dissertation Arbeiterschaft in Krieg und Inflation: soziale Schichtung und Lage der Arbeiter in Augsburg und Linz 1910 bis 1925 zum Dr. phil. promoviert. 1993 habilitierte sie sich dort. Ihre Habilitationsschrift hatte das Thema Familie, Frau und Gesellschaft. Studien zur Strukturgeschichte der Familie in Westdeutschland und war ein Projekt der VolkswagenStiftung. 1994 erhielt Niehuss ein Heisenberg-Stipendium und vertrat den Lehrstuhl für deutsche und europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Universität der Bundeswehr München. Zwei Jahre später folgte sie dem Ruf, den Lehrstuhl als Professorin zu übernehmen. Die Forschungsschwerpunkte von Niehuss liegen im Bereich der Sozialgeschichte und der Gender-Forschung. Sie ist Autorin, Mitautorin und Herausgeberin mehrerer Bücher.

Die Leiterin der Bundeswehruni forscht zu Gender. Irgendwie pervers.

Die Bundeswehr ist durch die Frauen aber zwei Schritte weiter gegangen: Nicht nur die Frauen und die Gleichstellungsfrage haben Eingang gefunden, sondern zugleich auch die Diversity-Frage. Damit ist die Bundeswehr dem Rest der Gesellschaft wieder voraus, wo diese Frage nicht diskutiert wird.

Diversity, etwa Homosexualität oder Transgender oder andere Konzessionen wie Behinderungen, wird in vielen Institutionen nicht diskutiert und verfolgt als Thema. Homosexualität ist im Leistungssport tabu, ein absolutes Tabu. In der Bundeswehr nicht mehr.

Es ging ja schon der Witz um, dass der Verteidigungsministerin die Aufrüstung der Panzerfilter auf solche, die auch Schwangeren das Kriegsführen gefahrlos erlaubt, die oberste Priorität war. Und das bei einer Bundeswehr, die ansonsten eher einen schlechten Zustand hat.

WELT: Stichwort gläserne Decke – wie sehen die Aufstiegschancen für Frauen in der Bundeswehr aus?

Niehuss: Da muss ich jetzt rechnen. Frauen, die seit 2001 in der Bundeswehr sind, die können noch nicht im Generalsrang sein. Das ist zeitlich gar nicht möglich. Die, die jetzt in der Generalsebene sind, sind früher schon reingekommen.

Deswegen findet man Frauen im Bereich der Medizin und Pharmazie, wo sie eben traditionell schon stark vertreten waren. In der Luftwaffe findet man wenige. Da sind sie vom Karrieremuster her noch nicht angekommen.

Der Aufstieg von Frauen wird völlig gleichrangig behandelt. Von einer Benachteiligung kann keinesfalls die Rede sein. Eher davon, dass man sich für eine Frau entscheidet bei gleicher Befähigung der Kandidaten.

Frauen sind im Sanitätsdienst sicherlich gut angekommen. Und sicherlich auch in der Verwaltung. Die anderen Ebenen dürften da weitaus schwieriger sein. Auch interessant: „Da sind sie vom Karrieremuster her noch nicht angekommen“. Was soll das heißen? Es passt natürlich gut dazu, dass Piloten etc üblicherweise ein gutes räumliches Denken haben müssen, welches im Schnitt bei Frauen schwächer ausgeprägt ist.

WELT: Wieso studieren Frauen bei Ihnen an der Universität eher Erziehungswissenschaften anstatt Physik oder Ingenieurwissenschaften?

Niehuss: Es sind immer noch die weiblich geprägten Berufe. Und es ist immer noch die Angst davor, in männliche Domänen vorzudringen. Das beginnt ganz früh. Die Kindergärten und die Schulen müssen mehr machen. Das ist das alte gesellschaftliche Problem, das wir haben.

Oder es passt eben besser zu den Vorlieben und Interessen der Geschlechter. Sie scheint die Gesellschaft umbauen zu wollen.

WELT: Sollten Kindergärten und Schulen ein anderes Frauenbild vermitteln, damit auch Frauen sich später Naturwissenschaften zutrauen?

Niehuss: So sehe ich das. Diese Berufe könnten diese eingefahrenen Frauen-Männer-Aufteilungen mal auflösen. Aber wenn Sie sich heute einmal eine Spielwarenabteilung angucken, dann haben Sie schon eine Abteilung in Rosa für Mädchen und in Hellblau für Jungs. Das ist ja furchtbar. Das fängt auch da schon an. Der Junge spielt mit dem Spielzeugsoldaten, das Mädchen mit der Puppe. Ist es andersherum, werden die Eltern alarmiert.

Ob jemand, der so gar nicht bereit ist, mal über den Tellerrand seines Fachs zu schauen und der so klassisch feministische Ansätze bezüglich der Geschlechterrollen hat, wirklich für eine Bundeswehruni geeignet ist? Sollte man da nicht zumindest eine etwas positivere Einstellung gegenüber einer Männergesellschaft haben?

Vielleicht macht sie ihren Job ja sehr gut. Aber eine Präsidentin mit einem so kritischen Verhältnis zu „Männerbündnissen“ scheint mir etwas als jemand, der nicht zu einer solchen Uni passt.

 

vgl auch