Identitätstheorien und die Freude daran, seinen Ressentiments freien Lauf lassen zu können

In einem Artikel über die Wähler der AfD heißt es:

In Wirklichkeit macht die AfD ihren Wählern ein ganz anderes, kostenloses Geschenk: Wer AfD wählt, wählt das Versprechen, von moralischen Zwängen der sogenannten politischen Korrektheit befreit zu sein. Das ist ihre vorpolitische Energie, erst danach entsteht daraus ein Weltbild. Gruppenbezogene Vorurteile sind in der AfD grundsätzlich erlaubt, solange es um Muslime, Asylbewerber, Linke, Berufspolitiker und Journalisten geht. Einzige Ausnahme: Vorurteile über AfD-Anhänger. Da wird von Parteifunktionären eine übergenaue Betrachtung angemahnt.

Unsere Gesellschaft hat engmaschige Normen, Affektkontrolle ist für viele Menschen ein täglicher Kampf. Niemand sollte unterschätzen, welchen Rausch es bedeutet, seinen Ressentiments freien Lauf lassen zu dürfen. Entsprechend aussichtslos ist es, auf AfD-Wähler einzureden, sie sollten aus moralischen Gründen auf die Befreiung von ebensolchen Zwängen verzichten. Der Effekt ist gleich null. Wenn AfD-Politiker nun gezwungen sind, moralischen Zwang anzuwenden, um ihre Partei vor dem Extremismus zu bewahren, brechen sie ein zentrales Versprechen. Sie könnten deshalb versucht sein, nichts zu tun. Aber dann driftet die AfD eben weiter ab.

Das scheint mir ein Vorteil vieler weiterer Identitästheorien zu sein: Weil sie so simpel auf Gruppen ausgerichtet sind kann man unter dem Deckmantel, dass diese Gruppenvorurteile zutreffend sind, wunderbar über die anderen herziehen.

Man hat einen wunderbaren Sündenbock, man darf alles negative sagen, es befreit von dem Druck, dass man bestimmte Sachen nicht sagen darf.

In den recht einfachen rassistischen Theorien ist das noch weniger gut durchdacht, in etwas akademischeren Theorien gibt es eine Vielzahl von Versatzstücken, die einem erlauben den Vorwurf zu entkräften, dass man gerade schlicht über andere herzieht.

Im Feminismus beispielsweise dienen dazu Theorien, dass man die „privilegierten“ Gruppen gar nicht diskriminieren kann, dass man sich nicht beschweren kann, wenn Benachteiligte ihrem Ärger über die Benachteiligung Luft machen, dass es gar nichts im Vergleich ist zu dem, was andere erleiden.

Insofern ist Political Correctness auch nur die nach innen gerichtete Norm, die Befreiung von dieser tritt bei diesen Theorien ein, wenn man über Weiße, Männer, Heterosexuelle etc herziehen darf. Wenn man alle anderen für das Leid dieser Welt verantwortlich machen darf und eine Gruppe beschimpfen darf und sich dabei noch gut fühlt.